Strom im Berg: Warum Norwegen auf Energie aus dem Wasser setzt

Strom im Berg: Warum Norwegen auf Energie aus dem Wasser setzt

Norwegen baut immer mehr Wasserkraftwerke aus, denn Stromexport ist ein profitables Geschäft. Im derzeit größten Projekt wird dazu ein Fluss mitten durch den Berg geleitet. Henrike Wiemker hat die Großbaustelle besucht.

Aufnahme eines Wasserkraftwerks aus der Vogelperspektive
Ein Wasserkraftwerk in der Alta Kommune in Norwegen — Bildnachweise

Die Räder des Pickups rollen knirschend über den Schotter. Kleine Steinchen springen nach rechts und links und es ruckelt, als wir über den unebenen Weg den Hang hinauffahren. Wir überqueren den Sattelpunkt, der Weg senkt sich ein wenig, und vor uns in der Felswand öffnet sich kreisrund ein Tunnel.

„90 Quadratmeter“, sagt John, der am Steuer neben mir sitzt. Er ist Bautechniker, grauhaarig, seit Jahrzehnten im Beruf. Etwa fünfeinhalb Meter Tunneldurchmesser, überschlage ich im Kopf. Hinter einem Laster mit Ladefläche fahren wir in den Tunnel hinein, lassen das helle Sonnenlicht hinter uns und tauchen ein in ein staubiges Dämmerlicht. Es geht leicht bergab, mehrmals verzweigt sich der Gang.

Verborgen im Tunnel

Das Tunnelsystem, in dem wir uns befinden, liegt in einem Berg entlang des unteren Teils des Flusses Otta im südöstlichen Norwegen. Hier entsteht das Wasserkraftwerk „Nedre Otta“ – mit etwa 85 Megawatt installierter Leistung ist es zurzeit das größte Wasserkraft-Ausbauprojekt in Norwegen. An einen Damm, von dem aus bereits ein kleines Kraftwerk rechts der Otta gespeist wird, baut man hier links der Otta eine neue Schleuse zur Wasserentnahme.

Von dort soll das Wasser in einen Tunnel geleitet werden, der auf einer Strecke von rund neun Kilometern parallel zum Fluss durch den Berg verläuft. An seinem Ausgang fließt das Wasser zurück ins Flussbett. Etwa in der Mitte der Tunnelstrecke entsteht – verborgen im Berg – das Kraftwerk: zwei Turbinen, zwei Generatoren und drei Transformatoren, die den produzierten Strom unterirdisch ins Netz einspeisen.

Wir fahren weiter durch den dämmrigen Tunnel. Der Lastwagen vor uns nimmt eine andere Abzweigung, und nach einigen weiteren Metern neigt sich unser stets abfallender Gang auf einmal leicht aufwärts, um kurz darauf in eine riesige Halle zu münden.

Wir steigen aus, und ich muss aufpassen, dass ich mit meinen geliehenen, etwas zu großen Stahlkappen-Gummistiefeln auf dem unebenen Boden nicht stolpere. Die Halle ist hell beleuchtet und groß wie eine Kathedrale. Kurz muss ich an die Minen der Zwerge im „Herr der Ringe“ denken.

„Das wird die Turbinenhalle“, sagt John. „Gerade sind hier an den Seiten Schienen angebracht worden, auf denen später ein fahrbarer Kran stehen wird“, fügt er hinzu und deutet auf zwei Betonvorsprünge an beiden Längsseiten des unterirdischen Saals.

Obenauf liegen die Schienen. Projektleiter Pål Røssum erklärt mir später: „Der jetzige Boden der Halle ist noch nicht das Grundniveau. Sobald die Schienen komplett verlegt sind, sprengen wir weiter nach unten. Dann erst wird der Kran auf die Schienen gesetzt.“ Unterhalb des Krans werden schließlich die Generatoren auf einer eigenen Etage stehen, darunter werden die Turbinen installiert: Kaplanturbinen mit je 43 Megawatt Leistung. Insgesamt ist der Platz, den das Kraftwerk im Berg einnimmt, 18 Meter breit, 60 Meter lang und 40 Meter hoch.

Dröhnen am Ende des Tunnels

John und ich steigen wieder ein in den Pickup und verlassen den Schotterhügel. Wir fahren eine Weile geradeaus, bis wir weit vor uns eine gelb angestrahlte Wand erkennen, das bisherige Ende des Tunnels. Das Dröhnen, das durch die geschlossenen Türen ins Innere des Wagens dringt, wird immer lauter. Vor der Wand steht eine orangefarbene Baumaschine mit mehreren Greifarmen. An der Größe des Führerhauses erkenne ich, wie gewaltig das Gefährt ist – und doch wirkt es winzig vor der massiven Felswand.

Wir fahren bis kurz hinter die Maschine, parken am Tunnelrand und steigen aus. Der Lärm ist ohrenbetäubend, der Boden voller Pfützen. Die Greifarme des Gefährts bohren sich wasserspritzend in die Wand. Es ist ein symbolisches Bild: Der kleine, schwache Mensch, verborgen in der Maschine, die er sich gebaut hat, vor dem mächtigen Fels. Stück für Stück bohrt er sich hinein und macht sich die Natur untertan.

Doch Bjørn, der Mensch im Führerhäuschen, sieht aus der Nähe betrachtet keineswegs schwach aus. Auf einem blauen Monitor bekommt er schematisch die Wand vor sich angezeigt. Darauf sind die Stellen markiert, an denen er bohren soll: 130 Bohrungen von einem Meter Tiefe, in die später Sprengstoff gesteckt wird, den Techniker aus der Ferne zünden werden.

Etwa fünf Meter Tunnel schafft man mit einer solchen Sprengung. Vom Bohren des ersten Lochs bis zur letzten Fuhre Abraum, die hinaustransportiert wird, vergehen ungefähr sechseinhalb Stunden. Im September waren von den insgesamt neun Kilometer Tunnel bereits vier Kilometer gesprengt. Baubeginn war im Oktober 2016, ans Netz gehen soll das Kraftwerk im Juli 2020.

Bis zu 315 Gigawattstunden Strom werden dann in Nedre Otta jährlich produziert. 96 Prozent seines Strombedarfs deckt das Land mit Wasserkraft. Dass an der Otta trotzdem so eine große Erweiterung vorgenommen wird, ist die Folge staatlicher Förderungspolitik mithilfe eines Zertifikatsystems, das Norwegen und Schweden 2012 gemeinsam eingeführt haben, um ihre Klimaziele zu erreichen. Projektleiter Pål Røssum sagt: „Ohne die Zertifikate wäre dieses Kraftwerk nicht gebaut worden. Es hätte sich wirtschaftlich nicht gelohnt.“

Steigende Strompreise

Grund dafür ist der niedrige Strompreis in Norwegen: 95 Øre, umgerechnet etwa 10 Cent, zahlten Stromkunden im zweiten Quartal 2017 durchschnittlich pro Kilowattstunde Strom, inklusive Netzgebühren und anderer Abgaben. Die Kosten für den Kraftwerkbau an der Otta betragen 1,2 Milliarden Norwegische Kronen, beim aktuellen Kurs sind das rund 128 Millionen Euro.

Neben den zusätzlichen Einnahmen durch staatliche Zertifikate wird voraussichtlich auch der zunehmende Handel mit anderen europäischen Ländern die Strompreise in Norwegen anheben und Kraftwerksbetreibern so einen höheren Umsatz einbringen. Aktuell baut Norwegen ein Verbindungskabel nach Deutschland, „Nordlink“ (siehe Beitrag „Nabelschnur nach Norden“ ab Seite 50), sowie ein anderes nach Großbritannien, „North Sea Link“. Ein weiteres Kabel zu den Britischen Inseln ist in Planung.

John und ich stapfen durch die Pfützen zurück zum Auto, wo der Bohrlärm nur noch gedämpft zu uns dringt. Noch einmal geht es durch das Tunnelsystem in die zweite Halle des künftigen Kraftwerks. Sie ist deutlich kleiner als die erste. „Größer wird sie nicht“, sagt John, „aber wir bauen noch Tunnel, die die beiden Hallen miteinander verbinden werden.“

Gedacht ist diese Halle als Raum für die Transformatoren. „Insgesamt werden hier drei Trafos stehen: zwei für das Kraftwerk und einer für das Netz“, sagt John. Zusammen mit dem Kraftwerk wird hier eine Umspannstation in den Berg hineingebaut. „Eine 66-Kilovolt-Freileitung kommt hier an, doch wir wollen mit 132 Kilovolt hinaus“, erklärt Projektleiter Pål Røssum später.

„Die Umspannstation hätten wir also ohnehin bauen müssen. Aus Umweltgründen bauen wir sie jetzt mit in den Berg hinein“, sagt er. „Da wir sowieso schon bohren, ist das schonender, als oberirdisch noch einmal eine große Fläche dafür zu nutzen.“

Eine staubige Wüstenlandschaft

Wie groß die Auswirkungen des Kraftwerks auf die Umwelt dennoch sind, wird mir klar, als John und ich aus dem Tunnel wieder hinausfahren, zurück über den Schotterhügel. Hier draußen am Berghang wird der ganze Abraum der Bohrungen deponiert, insgesamt 1,7 Millionen Kubikmeter.

Der vormals bewaldete Hang sieht aus wie eine staubige Wüstenlandschaft. „Den Mutterboden haben wir aufbewahrt. Den wollen wir später nutzen, um die Deponie wieder zu bepflanzen“, sagt John, als wir an einigen Erdhügeln vorbeifahren, auf denen Gras und Unkräuter wachsen.

Die Umweltfolgen durch das neue Kraftwerk haben im Vorfeld des Baus zu Protesten bei der Bevölkerung geführt. Lisbeth Giverhaug zum Beispiel ist im Tal aufgewachsen und hat jahrelang gegen den Kraftwerksbau gekämpft, gemeinsam mit Naturschützern und der lokalen Tourismusbranche.

Es geht auch um Arbeitsplätze und die Lebensgrundlage in ländlichen Regionen, denn die Otta ist ein beliebtes Ziel zum Rafting – Wildwasserfahrten im Schlauchboot –, gerade weil zuverlässig etwa gleich viel Wasser durch den Damm gelassen wird. Rund 250 bis 320 Kubikmeter pro Sekunde sind es während der Sommermonate.

Das neue Kraftwerk bietet Platz für 180 Kubikmeter pro Sekunde und wird die Wassermenge in dem Fluss deshalb deutlich reduzieren. Als Mindestmenge im Fluss sind 30 Kubikmeter im Sommer und 10 Kubikmeter im Winter vereinbart. „Das wäre nur noch ein kleiner Bach!“, sagt Giverhaug empört – die Kehrseite der grünen Energie.

Projektleiter Røssum dagegen betont: „Wir sind den Gegnern entgegengekommen. Im Sommer wird es sechs Wochen lang an mindestens drei Tagen pro Woche 150 Kubikmeter und mehr Wasser pro Sekunde geben – genug fürs Rafting.“ „Wie soll man damit ein Tourismusunternehmen aufrechterhalten?“, erwidert Giverhaug. Letztlich lässt sich der Interessenkonflikt nicht lösen. Die grüne Energie hat ihren Preis.

Energiegeladenes Schmelzwasser

John und ich verlassen im Pickup das Tunnelsystem und biegen nach einigen Metern auf dem Schotterweg ab auf die Landstraße, die durch das schmale Tal der Otta führt. Rechts neben uns erhebt sich der Hang, links geht es sanft abwärts. Ab und an passieren wir ein Haus, dahinter schlängelt sich die grünblaue Otta durchs Tal. Weil das Wasser von der Schneeschmelze aus den Bergen stammt, leuchtet es tief türkisblau.

Nach einigen Kilometern erreichen wir den Damm, hinter dem die Otta zu einem kleinen See aufgestaut ist. Auf der anderen Seite der Mauer schießt donnernd das Wasser durch die Schleusen hinunter ins Flussbett. John, der Bautechniker, steht neben mir und schaut in die Fluten: „So viel ungenutztes Potenzial“, murmelt er.

Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Journalismus-Stipendiums Europäische Energiepolitik von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt. Er erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe von bild der wissenschaft 12/17.

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