Der lange Winter der Apathie

Der lange Winter der Apathie

Reportage

Organisiert vom Trafó House of Contemporary Art, vereint das Dunapart-Festival die interessantesten Produktionen der Freien Theater- und Tanzszene Ungarns. Harald Wolff, Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft, war vor Ort in Budapest – und hat ein Land in Apathie vorgefunden.

Das Dunapart-Festival vereint die interessantesten Produktionen der Freien Theater- und Tanzszene UngarnsSzene aus "Imitation of Life" auf dem Dunapart-Festival. Urheber/in: Marcell RÉV/ Proton. All rights reserved.

Gleichgültig, mit wem man redet, ob mit Theaterschaffenden oder Busfahrern – irgendwann im Laufe des Gesprächs fällt das Wort Hoffnungslosigkeit. Es ist das eine Narrativ, auf das sich alle einigen können, die gesellschaftliche Erzählung, die die Folie für alles Weitere bildet. Die Stimmung in Budapest? Am Boden.

„Hier herrscht Apathie“, sagt Csaba Polgár. Seit der ungarische Schauspieler und Regisseur zum Fast-Forward-Festival nach Braunschweig und an das Münchner Volkstheater eingeladen wurde, ist er auch in Deutschland bekannt. Gerade hat er am Staatstheater  Karlsruhe „Hamlet“ inszeniert. In seiner Ursachenanalyse klingen Parallelen zu Entwicklungen in Teilen Deutschlands an: „Die Menschen hier sind einfach müde geworden. 1989 waren sie voller Hoffnung, aber nachdem sich dann zehn Jahre lang nichts wirklich geändert hat, ist das vorbei. So ist das bis heute. Gegen die Schließung der Central European University (unterstützt von George Soros) haben vor kurzem  80.000 Menschen demonstriert. Bewirkt hat das: Gar nichts.“

Kein Wunder, dass der Mut auch in der Theaterszene nachgelassen hat: Schon vor Jahren wurden wichtige Leitungspositionen an regierungsnahe Theatermacher*innen vergeben, heute werden Theaterpreise an sie verliehen. Gleichzeitig wurde die Freie Szene unter Orbán auf perfide Weise ausgehungert: Fördergelder wurden zwar zugesagt, aber nie ausgezahlt, so dass innerhalb von zwei Jahren fast die gesamte Szene eingegangen ist. Strategisch handelt die Regierung perfide: Sie tut das Gegenteil von dem, was sie sagt, und verweigert so die Verantwortungsübernahme, ihre  Politik wird ungreifbar. „Dies ist ein zynisches Land“, meint Polgár.

Warum ist Orbán dann dennoch so erfolgreich? „Im Sozialismus gab es immer jemanden, der einem sagte, was man tun sollte. Viele haben nie gelernt, selbst Verantwortung zu übernehmen und sehnen sich nach einer starken Vaterfigur. Gleichzeitig brauchen sie auch jemanden, vor dem sie Angst haben können – Orbán liefert ihnen das Feindbild, mit den Migranten, aber auch mit der EU“, meint Polgár.

Ein zynisches Land

Die Künstler*innen versuchen sich über Wasser zu halten, so gut es geht. Die Freie Szene hat  den größten Anteil ihrer Fördermittel verloren. „Wir versuchen das auszugleichen, indem wir jetzt 240 Aufführungen im Jahr zeigen statt 160, so bekommen die Freien Gruppe etwas mehr Geld – aber das kann man nicht ewig durchhalten“, berichtet György Szabó, Künstlerischer Geschäftsführer des Trafó. Schlimmer als die Kürzungen findet  er den Mentalitätswandel. „Einige prominente kritische Stimmen haben in den letzten Jahren den Zugang zu Fördermitteln verloren oder weigern sich, noch in Ungarn zu arbeiten.“

Aber wie mit den prekären Bedingungen umgehen, wenn man vor Ort bleiben will? Schauspieler und Regisseur Tamás Ördög stellt sich mit seiner Gruppe dollardaddy´s darauf ein und verzichtet ganz auf ein Bühnenbild. In einer leeren Arena konzentriert er sich auf die Schauspieler*innenpersönlichkeiten einer prominenten Besetzung aus der Freien Szene und den öffentlich geförderten Stadttheatern. Sein großartig gespieltes Tschechow-MashUp, in dem Charaktere aus Kirschgarten, Möwe, Drei Schwestern, Ivanow und Onkel Wanja aufeinander treffen, zeigt eine Gesellschaft im Zerfall: Alte Gewissheiten lösen sich auf, ein Kirschgarten geht verloren, neue Besitzer*innen teilen das Land unter sich auf und machen damit, was ihnen beliebt – allen anderen bleibt nichts als die nackte Existenz: dollardaddy´s unternimmt den Versuch, möglichst direkt und ungekünstelt zu agieren, die Schauspieler*innen sollen so privat wie nur möglich wirken, sie sitzen direkt neben uns, und sind nie mehr als zwei, drei Meter von uns entfernt. In Ungarn wird die Produktion gefeiert für die Abwesenheit von klassischem Schau-Spiel auf der Bühne, stattdessen sei dort „nacktes Da-Sein auf der Bühne“.

Während es hier aber die intensiven persönlichen Auseinandersetzungen sind, die den Tschechow-Remix zu einem vibrierenden Theaterabend machen, findet bei der GroundFloorGroup fast gar nichts mehr statt. Blicke, Berührungen, endlose Ja/Nein-Antworten auf nicht gestellte Fragen – in Parental Ctrl flüchten sich die Performerinnen in kindliche Regressionsspiele und probieren aus, was passiert, wenn man sich ausgiebig auf die Schulterblätter tappt oder für zehn Minuten in einen Schlafsack einhüllt: Nicht viel, halt. Als künstlerischer Ausdruck für eine Gesellschaft im Stillstand ist das zu wenig, und subversiv ist es nur insofern, als die Erdgeschoss-Habitanten die postsozialistische Gleichmacherei als Generationen-Frage thematisieren: „Why do you want to stick out all the time?”.

Theater als Orte der liberalen Zivilgesellschaft?

Können Theater unter solchen Umständen Orte des Widerstandes, Orte der liberalen Zivilgesellschaft sein? „Wie ich sie erlebe, muss Kunst  diese Art des Widerstandes leisten“,  meint György Szabó, „Aber wir brauchen einen neuen Weg in die Zukunft, doch: Für uns ist es zu spät. An uns kann man nur noch lernen, was wir verloren haben."

Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade jetzt verstärkt emanzipatorische Themen in den Bühnen-Fokus gelangen. Das Self-Theatre bringt acht Romnija auf die Bühne – in einer kurzen Ansprache vor Stückbeginn vom gastgebenden Haus sprachlich ungeniert als „Cigány“, „Zigeuner“, angekündigt  –, die von dem nicht endenden Kreislauf von Demütigungen und Entrechtungen durch das Gesundheitswesen und Sozialsystem des Landes erzählen. Gemeinsam mit den acht Laiendarstellerinnen steht eine professionelle Schauspielerin auf der Bühne, Lilla Sárosdi vom Theater Krétakör , die ihrerseits gerade im Mediensturm einer von ihr angestoßenen #MeToo-Debatte steht. Sárosdi hatte im Oktober den einflussreichen (und seit Jahrzehnten international bekannten) Regisseur László Marton in einem Facebook-Post beschuldigt, sie vor 20 Jahren sexuell belästigt zu haben. In der Folge meldeten sich weitere Frauen, Marton verlor seine Stellung als Intendant des Vígszínház-Theaters und seine Professur an der Theater-, Film- und Fernseh-Universität Budapest. Dass Sárosdi seine Entschuldigung akzeptierte, half nichts mehr.

Widerstand im postsozialistischen Plauderton

Doch Sárosdi bleibt eine Ausnahme. Der Verlust an politischer Liberalität führt sonst meist dazu, dass Verantwortlichkeiten gerade nicht mehr öffentlich benannt werden: Kritik wird nur noch sehr indirekt geäußert.

Sie ist aber da. Lächelnd tritt die Tänzerin und Choreographin Zsuzsa Rózsavölgyi auf, unprätentiös, gewinnend und unterhaltsam präsentiert sie ihre Performance 1 Komma 7, benannt nach der europäischen Geburtenrate. Scheinbar im Plauderton jubelt sie uns auf amüsante Weise Einsichten aus Gendertheorie und Rollenerwartungs-Erfahrungen unter. Aber hinter ihrer einnehmenden Freundlichkeit liegt eine gewaltige Wut, die gerade deshalb besondere  Wucht entfaltet, weil sie so beiläufig daherkommt. „Alles ändert sich so rasend schnell - aber die Dinge, die sich wirklich verändern müssten, tun das nicht“, sagt sie über ihre Performance, in der sie Abtreibung als einen Akt der Selbstermächtigung gegen eine ungarische Gesellschaft feiert, die seit ein paar Jahren massive Kampagnen fährt, um die Geburtenrate zu erhöhen.

Durch erschütternde persönliche Geschichten wird Theater bei Rószavölgyi dann doch zum Ort des Widerstandes gegen den nationalistischen turn back. Die Performance benennt das Gefühl einer  zivilgesellschaftlichen Gefährdung: „Ich werde gebären, wenn ich mich sicher fühle“, lautet der letzte Satz – und es wird ziemlich deutlich, dass Zsuzsa Rózsavölgyi davon weit, weit entfernt ist.

Die Rückkehr des Sozialismus im Geiste des Autoritarismus

Mit einem Augenzwinkern präsentieren sich  Kristóf Kelemen und Bence György Pálinkás. Sie spießen in Hungarian Acacia die Geschichte der „Falschen Akazie“ auf, die als ungarischer National-Baum gilt – keiner ist weiter verbreitet. Nur leider, hat Pálinkás ausgegraben, handelt es sich bei dem Nationalheiligtum um einen Migranten, vor 300 Jahren von einem Aristokraten zur Verschönerung seines Gartens aus Nordamerika nach Ungarn eingeschleppt. Darauf aufbauend, haben Kelemen und Pálinkás eine Bewegung gegründet, die die Falsche Akazie zu einem Symbol einer offenen Gesellschaft umdeutet. „Jeder, der in ungarischem Boden Wurzeln schlägt, kann Ungar werden“, ist ihr Schlachtruf. Verschmitzt deuten sie einfach einen nationalen Mythos um, denn wenn ein Baum einwandern kann,  sollte das doch auch Menschen möglich sein. „Auf dieser Ebene kann man eine Botschaft transportieren und den Menschen Gedanken nahebringen , die bei ihnen sonst viel mehr Widerstand auslösen würden“, erklärt Bence György Pálinkás eine Strategie, die wir schon kennen – aus Zeiten des Sozialismus´. Mit den Nationalmythen sei das ohnehin so eine Sache, meint Pálinkás: Deren Quellen seien im Wesentlichen Kunstschöpfungen der Romantik.

So leicht kann man die Luft aus den aufgeblasenen rechten Märschen quer durch Europa lassen.

Freedom´s just another word for nothing left to lose

Einen gibt es aber doch, der trotz allem vor Tatendrang und Optimismus sprüht: Márton Guylás. „Sie können mir nichts mehr nehmen“, erklärt der frühere geschäftsführende Leiter der international gefeierten Theatergruppe Krétakör seine Unabhängigkeit.

Und wie Polgár greift er auf die Erzählung von der Notwendigkeit eines Feindbildes zurück, das die Regierung brauche: So erklärt er den unfassbaren Vorgang, dass mit ihm und Árpád Schilling im EU-Mitgliedsland Ungarn gerade zwei Theatermacher von einem Parlamentsausschuss zu Staatsfeinden erklärt worden sind: „Das ist eine PR-Aktion. Ich diene nur als Projektionsfläche. Die Regierung braucht  jemanden, der von ihrem Versagen in der Bildungs- und Gesundheitspolitik ablenkt. Sie macht das, um ihre Wähler zu mobilisieren.“

Niemand, der sich mit Ungarn auskennt, scheint den Vorgang besonders ernst zu nehmen – am wenigsten Gulyás selbst, der sich postwendend selbst bei der Polizei angezeigt hat, um ein ordentliches Verfahren in Gang zu bringen. Nur: Was ist das für ein Staat, der Künstler zu Staatsfeinden erklärt? Und: Was folgt daraus?

„Sie haben gemerkt, dass sie zu weit gegangen sind. Sie haben einen Fehler gemacht, der ihnen eher schadet – denn es gab massive öffentliche Reaktionen, viele Zeitungsberichte, Aufsehen im Ausland. Deswegen werden sie das nicht weiter verfolgen: Sie wollen keinen Mythos um mich kreieren.“

Hieße: Die Zivilgesellschaft funktioniert doch noch, und sie hat offenbar noch Macht. Irgendwie beruhigend. Sind Theater dann also doch noch Orte der Zivilgesellschaft? Leider nein, meint Gulyás: „Die Theater trauen sich nicht mehr, heikle Themen anzufassen. Ich bin  im Theatermilieu ein Außenseiter geworden. Die Zivilgesellschaft  äußert sich vor allem im Internet.“

Im Moment scheinen es vor allem die nationalen  Wahlen im nächsten Frühjahr zu sein, die für Guylás als Aktivisten einen gewissen Schutz darstellen. „Die Regierung  will vor der Wahl keinen Fehler machen.“

Aber was kommt nach der Wahl? „60% der Ungarn wollen eine andere Politik", glaubt Guylás. Vielleicht kommt sein erstaunlicher Optimismus daher, dass er konkret handelt: Er hat eine parteiübergreifende Bewegung gegründet, um das auf die Regierungspartei zugeschnittene Wahlsystem zu ändern, und ruft zu zivilem Ungehorsam auf. Ob das  Aussicht auf Erfolg hat? Er meint: „Was nach der Wahl passiert, ist völlig offen.“

Wachsende Paranoia

Auch György Szabó vom Trafó bestätigt dieses Klima  wachsender Paranoia, und auch er befürchtet, dass dies nach der Wahl noch schlimmer werden kann. Wie geht man damit um als Theatermacher/in? Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie Márton Guylás, der inzwischen eher Aktivist als Theatermacher ist, aber selbst ein Festivalmacher wie Szabó fordert für die Zukunft mehr als bloße Bühnenkunst: „Wenn Kunst im öffentlichen Diskurs um die Zukunft des Landes eine Rolle spielen will, muss sie ihre Kathedralen verlassen – sie muss raus auf öffentliche Plätze.“

Csaba Polgár immerhin trägt schon mal die Verantwortung für die zukünftige Entwicklung des Gemeinwesens in den Zuschauerraum zurück. Er ist bei Dunapart mit einer partizipativen Arbeit vertreten: Erzählt wird die Geschichte von Peer Gynt – bis zum Tod von Aase. Dann öffnet Polgár den Fortgang der Geschichte ins Publikum, indem er es auffordert, eine bessere Zukunft für den Protagonisten zu entwerfen. „Wie kann man in dieser Gesellschaft leben und arbeiten“, das sei die Frage. „Man muss arbeiten und daran glauben, dass das einen Sinn hat.“

Shifting Baselines

Es gibt aber auch (noch?) den Optimismus der nachwachsenden Generation. „Ich kenne keine anderen Bedingungen“, sagt etwa der Choreograph László Fülöp mit einem Lachen, „und ich kann ja gut arbeiten.“ Und doch bildet auch seine Company Timothy and the Things den gesellschaftlich ungewissen Schwebezustand schon in der Themenwahl ab, Waiting for Schrödinger heißt ihr aktuelles Programm; humorvoll versprechen sie zwar, dass darin weder Schrödinger noch eine Katze auftauchen – doch im Bewegungsvokabular selbst, in dem immer wieder Menschen wie von plötzlichen untergründigen tektonischen Verschiebungen aus der Balance geworfen werden, schreiben sich die gesellschaftlichen shifting baselines als Erschütterungen in die Körper ein.

Hungarian Gentrification

Das nachhaltigste Bild für eine Gesellschaft, deren Bezugsrahmen vollständig auf den Kopf gestellt werden und in der dann alles durcheinanderfliegt, findet indes Kornél Mundruczó, dessen bereits ein Jahr altes Imitation of Life das Festival programmatisch eröffnet. Er dreht seine hyperrealistisch eingerichteten Bühnen-Wohnung buchstäblich auf den Kopf – ein 360 ̊-Vorgang von so massiver wie hypnotischer Gewalt, der zudem minutenlang dauert. Dabei fliegen vom Kinderspielzeug bis zur Waschmaschine alle persönlichen Gegenstände krachend durch den Raum, bis nur mehr ein Trümmerhaufen bleibt.

Dabei ist diese wohl eindrucksvollste Bühnenbildverdrehung der letzten Jahre weit mehr als nur ein Effekt: Sie ist die Kernaussage in einem Stück, das davon erzählt, wie Minderheiten nicht mehr einfach nur an den Rand gedrängt werden – sondern ganz aus der Gesellschaft fliegen. Denn die Romni, deren Zwangsräumung verhandelt wird, erleidet einen Herzanfall. Dass in solchen Fällen ungarische Notärzte gezielt zu spät anrücken, ist bittere rassistische Realität.

Hungarian Gentrification: In der zweiten Hälfte der Inszenierung wird die Wohnung zwar neu vergeben, doch nach der Zerstörungsorgie bleiben Agonie und die Geister der Vergangenheit zurück. Wie anschlussfähig das weit über die ungarische Gesellschaft hinaus ist, zeigt sich an dem durchschlagenden europaweiten Erfolg der Produktion der freien ungarischen Gruppe, Proton Theater, die in Deutschland für den Faust-Preis nominiert war und bei zahlreichen renommierten Festivals in Österreich, den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und Russland gefeiert wurde.

Vielleicht hat György Szabó recht: Von Ungarn können wir lernen, was uns droht.

Dem neuen globalen Kulturkampf zwischen offenen, freiheitlichen Gesellschaften und weltweiten autoritären Tendenzen widmet sich die Dramaturgische Gesellschaft auf ihrer kommenden Jahreskonferenz „Dramaturgien des Widerstands. Internationale künstlerische Positionen zu Freiheit und Unfreiheit“ vom 25. bis 28. Januar 2018 am Theater Vorpommern in Greifswald. Mit vielen Gästen u.a. aus Polen, Ungarn, der Türkei und Russland wird sie dabei explizit jenen internationalen künstlerischen Positionen einen Raum geben, die widerständig sind – und gerade deshalb zugleich aufregende künstlerische Formen und Strategien entwickeln.

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