„Anfangs kam mir der Begriff ‹Exil› vor wie Spott"

Interview

Yassin al-Haj Saleh ist ein syrischer Schriftsteller und Dissident. Während seines Medizinstudiums wurde er 1980 wegen der Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Partei festgenommen. Er war 16 Jahre inhaftiert, davon das letzte Jahr im gefürchteten Gefängnis von Tadmur. Nach seiner Freilassung schloss er sein Studium ab, schrieb aber ab 2000 als politischer Autor für verschiedene arabische und internationale Zeitungen und Journale. Im Jahre 2011 ging Yassin al-Haj Saleh in den Untergrund und flüchtete schließlich aus Syrien in die Türkei, wo er seit 2013 lebt.  Am 9. Dezember 2013 wurde seine Ehefrau Samira Khalil zusammen mit Razan Zaitouneh, Wael Hamadeh und Nazem Hammadi in al-Ghouta, einem Vorort von Damaskus, entführt – sie bleiben bis heute verschwunden. Das Gespräch fand am 07. März 2017 in Istanbul statt.

Zerstörte Moschee in Azaz

Kirsten Maas-Albert: Yassin, sie mussten Syrien im Herbst 2013 verlassen und leben seitdem in der Türkei. Ist Istanbul für sie in der Zwischenzeit so etwas wie eine «Heimat» im Exil geworden?

Yassin al-Haj Saleh: Mit dem Wort «Exil» beschreibe ich meine Situation nicht so gerne. Ich wurde mit Gewalt aus meinem Land vertrieben und lebe nun in einem anderen Land. Ich bin Flüchtling – obgleich ich diesen Begriff in der Türkei nicht verwende. Dennoch bin ich ein Flüchtling. Von dem Begriff «Exil» halte ich nicht viel, auch weil ich denke, dass das Wort «Flüchtling» das, was uns widerfährt, zu eng fasst. Zumindest geht mir das so, aber ich glaube, anderen Menschen aus Syrien geht es ähnlich. Für mich bezieht sich der Begriff «Exil» auf Angehörige der Mittelschicht, auf Intellektuelle, die sich dafür entschieden haben, nach Paris, Berlin oder New York zu gehen, und die es sich auf die ein oder andere Art leisten können, dort zu leben. Das soll nicht verächtlich klingen, denn viele von ihnen wurden ebenfalls gewaltsam vertrieben, oder sie mussten aus ihrem Land fliehen.

Jedenfalls ist der Begriff in den letzten Jahrzehnten vor allem im Hinblick auf Intellektuelle, auf Angehörige der Mittelschicht benutzt worden. Die Art und Weise, in welcher der Begriff «Exil» oft verwendet wird, ästhetisiert jedenfalls die Erfahrung des Ortsverlusts und minimiert die tragische und traumatische Dimension eines solchen Erlebnisses. Anfangs, nachdem ich Syrien verlassen hatte, kam mir der Begriff «Exil» vor wie Spott gegen jene, die noch im Lande lebten – jene, die nicht das Glück hatten, exiliert zu sein. Heute verwende ich den Begriff gelegentlich, versuche aber immer, mir seiner brutalen Dimension bewusst zu sein. Für mich persönlich ist einer der Gründe, warum ich sehr zögere, den Begriff «Exil» zu verwenden, dass Samira, meine Frau, in Syrien entführt wurde – und seither verschwunden ist. Zur Hälfte bin ich also bei ihr in Syrien. Genau genommen ist Samira für mich ein Symbol – ein Symbol für Syrien, und gewissermaßen setze ich sie mit dem Land gleich. Ich bin keiner, der außer Landes lebt und versucht, sich dort ein neues Leben aufzubauen. Als ich in die Türkei kam, war ich schon 52 – nicht eben jung, und für mich war es das erste Mal, dass ich im Ausland lebte.

Briefe an Samira

Samira Khalil und Yassin al-Haj Saleh

Briefe an Samira

Am 9. Dezember 2013 wurde Samira Khalil in Douma, einem Vorort von Damaskus, entführt. Sie ist bis heute verschwunden. Ihr Ehemann Yassin al-Haj Saleh ist syrischer Schriftsteller und Dissident und verbrachte 16 Jahre in einem syrischen Gefängnis. In dieser Reihe von Briefen schreibt er seiner Frau, wie sich die Lage in Syrien seit ihrem Verschwinden entwickelt hat. mehr...

Nicht nur Samira wurde entführt, Freunden ging es ebenso, und auch mein Bruder Firas wurde vom «IS» entführt. Der Kampf in Syrien geht weiter. Immer noch werden Menschen getötet, hingemetzelt, gefoltert. Ich selber war ein politischer Gefangener, und ich bin nicht ins Exil gegangen, nachdem ich freigelassen wurde. Alles in allem ist es so, dass der Begriff «Exil» den vieldimensionalen Erfahrungen von Trennung, Abwesenheit, Verlust und Auslöschung nicht gerecht wird. Vielleicht aber liegt das nur daran, dass es uns noch nicht gelungen ist, eine Literatur hervorzubringen, welche die Vielfalt dieser Erfahrungen angemessen ausdrückt. Nach und nach mag sich das ändern. – Ich glaube, es ändert sich bereits heute.

Bald nach Beginn der Revolution in Syrien, im März 2011, sind sie untergetaucht – erst in Damaskus, dann in al-Ghouta, einem Gebiet, das von den Aufständischen kontrolliert und dann später belagert wurde. Sechs Monate haben sie sich an verschiedenen Orten aufgehalten und versucht, in den Nordosten, Richtung Rakka, zu gelangen. Warum mussten sie schließlich aus Syrien fliehen?

Rückblickend würde ich sagen, dass der Tag, an dem ich Damaskus verließ, der 3. April 2013, der Tag war, an dem ich das Land verließ. Das scheint mir der Moment gewesen zu sein, als die Würfel fielen. Ich bin aus Damaskus weggegangen, weil ich nach zwei Jahren im Untergrund dort nichts mehr ausrichten konnte und es auch immer gefährlicher wurde, dort zu bleiben. Mir schien, dass ich anderswo mehr würde ausrichten können, und ich hatte vor, letztlich in den Norden Syriens zu gehen. Ich komme ursprünglich aus Rakka und kannte dort die Leute. Also wollte ich dort helfen und von ihnen lernen.

Sie ließen sich nach al-Ghouta schmuggeln, einem Vorort von Damaskus, der damals befreit war.

Ja, ein Vorort, der nicht vom Regime kontrolliert wurde. Statt «befreit» nenne ich es lieber: «nicht vom Regime kontrolliert». Ich wurde nach al-Ghouta geschleust, das damals vom Regime belagert wurde. Dort bin ich fast einhundert Tage geblieben. Das Ganze hatte da schon etwas Schicksalhaftes, weshalb ich auch diese Wendung benutzte, «die Würfel waren gefallen». Denn als ich in al-Ghouta war, begann das Regime Samira zu verfolgen. Zwei Jahre war sie sicher gewesen – und nun wurde sie verfolgt.  Noch vor Samira kam unsere Freundin Razan nach al-Ghouta; das war drei Wochen, nachdem ich dort eingetroffen war.

Da Samira nun vom Regime verfolgt wurde und ich und Razan in al-Ghouta waren, entschied sie sich, uns dorthin zu folgen, weil sie glaubte, dort könne sie neue Erfahrungen machen und etwas bewegen. Nach dreieinhalb Monaten konnte ich weg von dort, und es ist mir nicht in den Sinn gekommen, dass Samira und Razan in Gefahr sein würden, dass es gefährlich für die beiden sei, zu bleiben. Wir glaubten damals, ich sei derjenige, der in einer gefährlichen Lage steckte. Ich wollte also nach Rakka, man schleuste mich heraus – die Reise war beschwerlich, und leicht hätte es gefährlich werden können. Obwohl letztlich nichts passierte. Nur einmal sahen wir ein Flugzeug, aber wahrscheinlich hat man uns nicht entdeckt. Ansonsten war unser Leben nicht in Gefahr.

Der Weg nach Rakka dauerte 19 Tage und war wirklich sehr beschwerlich. An dem Tag, als ich al-Ghouta verließ, wurde mein Bruder Ahmad vom «IS» entführt. Auch das war schicksalhaft: Am zwölften Tag der Reise, ich glaube das war am 22. oder am 23. Juli, konnte ich Ibrahim, einen angesehenen Aktivisten und Arzt, anrufen und mich bei ihm nach Ahmad erkundigen – und so habe ich erfahren, dass auch mein älterer Bruder Firas entführt worden war. Während ich also unterwegs war, verlor die Reise ihren Sinn. Ich war auf dem Weg in die Stadt, in der zwei meiner Brüder entführt worden waren. Aber ich konnte auch nirgendwohin zurück.

Am 29. Juli bin ich in Rakka angekommen. Vom Augenblick meiner Ankunft an bin ich dort wieder untergetaucht. Damals kontrollierte der «IS» noch nicht die gesamte Stadt, aber seine Kontrolle nahm von Tag zu Tag zu. Samira und Razan hörten, was in Rakka geschah, und Samira fürchtete, ich könnte dem «IS» in die Hände fallen. Ich hatte weniger Angst als sie, aber sie drängte darauf, dass ich die Stadt wieder verlasse. Anfangs hatte ich vorgehabt, nach Rakka zu gehen und zu verstehen, was dort geschah. Soweit der Plan. Ich war also unterwegs und traf Leute und Freunde und brachte das ein oder andere in Erfahrung. Ich fuhr mit dem Auto, was praktisch war. Man sah förmlich, wie die Stadt sich veränderte.

Nach zweieinhalb Monaten gab ich dem Drängen von Samira und meinem Bruder nach, und ich verließ das Land. Mein Bruder Ahmad war zehn Tage nach meiner Ankunft in Rakka freigelassen worden, aber sie waren weiterhin hinter ihm her, weshalb er mit seiner Familie in die Türkei flüchtete. Heute leben sie in Frankreich. Mein Bruder Firas – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Das ist also der Grund, warum ich weggegangen bin. Von Anfang an hatten wir das Heft nicht in der Hand. Manchmal denke ich, wäre ich doch besser in Damaskus geblieben.

In dem Augenblick, als ich aus Damaskus weggegangen bin, ist uns das Heft des Handelns entglitten, Samira und mir. Und gemeinsam weggehen konnten wir nicht, das war unmöglich. Nicht nur der Entbehrungen wegen. Ich habe versucht, eine Möglichkeit zu finden, mit ihr zusammen wegzugehen. Aber es war unmöglich. Ich hätte in al-Ghouta bei Samira bleiben sollen. Das ist der Grund, warum ich kein Exilant bin. Gewissermaßen bin ich gespalten. Ein Teil von mir ist vielleicht im Exil, aber die anderen Teile von mir sind es nicht.

Im Juli 2013 hatten Sie in einem Aufruf militärische Unterstützung für die Freie Syrische Armee gefordert, damit diese das Assad-Regime stürzen könne. Wenn das damals tatsächlich geschehen wäre, hätte sich ihr Schicksal dann anders entwickelt?

Natürlich wäre mein Schicksal dann ganz anders verlaufen! Selbst vor der Revolution und eigentlich immer schon war in Syrien ein grundlegender Wandel des politischen Lebens nötig – ein Wandel dahin, dass die Menschen sich selbst und entsprechend ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger leiden können, denn nur dann werden sie sich gemeinsam für ihr Land einsetzen. Unser Land ist vergiftet von Angst, von Verzweiflung, von Hass und von Schmach – und das seit sechs Jahren ... seit einem halben Jahrhundert ... fast mein ganzes Leben lang ist das schon so. Seit 40 Jahren bin ich politisch aktiv, und ich glaube, dass ich die politische Lage in meinem Land ganz gut kenne. All das hätte man verhindern können, dieses krebsartige Anwachsen des Islamismus, wenn es 2011 Unterstützung gegeben hätte oder 2012 oder selbst noch 2013. Heute ist es dafür zu spät. Der Krieg, das hat sich gezeigt, dient dazu, Baschar al-Assad an der Macht zu halten. Für mich bedeutet das, dass in unserem Land ein rassistisches Regime aufgebaut wird.

Ich denke, die Internationale Gemeinschaft trägt dazu bei, in Syrien ein Apartheidssystem aufzubauen, so wie es in Südafrika existiert hat und so wie es heute noch in Palästina existiert. Xenophobie hat damit viel zu tun, denn die Struktur des Regimes in Syrien entspricht genau der Struktur einer Welt, in der die Islamophobie Konjunktur hat. Das Regime begreift dies nur zu genau. Und spricht daher ganz bewusst viel von islamistischen Terroristen und von den Rechten der Minderheiten. Selbst Marine Le Pen kam nach Beirut und hielt dort einen Vortrag über die Rechte von Minderheiten. Das ist ausgesprochen dumm und beleidigend und arrogant, denn nur fünf Prozent aller Syrer gehören Minderheiten an.

Ein Wandel muss her. Ich denke, selbst wenn das Regime jetzt gestürzt werden sollte, würden wir noch Wege zur Aussöhnung finden, und das würde einem Prozess der Mäßigung und Versöhnung in Gang setzen, an dem alle gleichermaßen teilhaben können. So wie die Dinge verliefen, wurde nur ein Prozess der Radikalisierung in Gang gesetzt. Aber die Menschen damals waren keine Extremisten. Sie sind in eine radikale Richtung getrieben worden.

Sie hatten fest daran geglaubt, der Sturz der Regimes würde sich auf die «gesellschaftlichen Prozesse in Syrien mäßigend» auswirken, und dass die Menschen im Lande den Radikalen dann widerstehen könnten. Warum haben sie geglaubt, es werde zu einem derartigen Prozess kommen?

Gegen ihre Frage möchte ich zuerst einmal einige Einwände formulieren. Warum sollten wir Syrer der Welt gegenüber verbürgen müssen, dass sich alles in unserem Land zum Besten entwickelt? Warum? Wir können das nicht garantieren – und nach sechs Jahren Krieg erst recht nicht. So ist Geschichte – Garantien gibt es nicht. Ein transzendentes Auge im Himmel, welches dafür gesorgt hat, dass es im Westen nichts Anderes als Fortschritt, Rationalität und Demokratie gibt, das hat es nie gegeben. Der Westen gibt uns auch keine Garantien, vielmehr akzeptiert er ein Regime, das die Schuld trägt an den Verbrechen in unserem Land.

Niemand hat das Recht – nicht nach einer halben Million Toten und bevor es dazu kam – Garantien zu verlangen. Tut man dies dennoch, dann bedeutet dies, dass man sich den Wandel in unserem Land zu eigen machen will. Wandel in unserem Land muss unsere Sache sein. Mit Verlaub, weder Deutschland noch die USA dürfen von jenen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, Garantien einfordern. Und was die Bedeutung von Freiheit und Demokratie angeht – wir sind kein Abklatsch. Seien sie nicht so arrogant! Hören sie auf, die selbstzufriedenen Fanatiker zu geben!

Ich frage das deshalb, weil ich gerne wissen will, aufgrund welcher Erfahrungen sie glauben, dass es deutliche Anzeichen für eine Mäßigung gibt. Ich glaube das, weil ich mein Land kenne. Die Menschen haben nicht darauf gewartet, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Ich habe mein ganzes Leben in Syrien verbracht. Ich kenne Leute, die sich al-Nusra angeschlossen haben, und das waren ganz normale Leute, Leute so wie sie und ich. Sie hatten keine Messer oder Waffen gehortet. Viele von ihnen waren nicht einmal religiös. In al-Ghouta haben sie mir erzählt, dass sie hier und da Alkohol getrunken haben, und der ein oder andere hatte eine Freundin.

An einen Satz erinnere ich mich besonders. Ich fragte einen: «Warum betest du?», und er sagte: «Weil ich rein sein will, wenn ich vor meinen Schöpfer trete.» Er lebte in einem Viertel des Todes. Jeden Tag starben Menschen, mal waren es über 20, mal waren es nur zwei oder drei. Der Mann, er gehörte dem Syrischen Zivilschutz an (später «Weißhelme» genannt), lebte also Tür an Tür mit dem Tod und versuchte Menschen zu retten. «Ich will rein sein, wenn ich vor meinen Schöpfer trete.» So läuft das ab. Dieser Wunsch nach Reinheit kann die Form einer Ideologie annehmen, zum Beispiel des Salafismus, der sehr puritanisch ist, sehr rigoros, was Pflichten und Tabus betrifft. Heute, nach annähernd sieben Jahren, kann ich es nicht sagen. Es kann so oder so böse enden.

Unabdingbar aber bleibt, dass Baschar al-Assad zum Teufel gejagt wird. Es ist eine Schande für die Welt, dass de Mistura oder Bogdanow glauben, dies stelle ein Hindernis bei den Verhandlungen dar. Nichts kann sich in Syrien zum Besseren wenden, solange diese kriminelle Dynastie regiert. Sie sind illegitim. Und, ich wiederhole mich, man stützt und schafft ein rassistisches Regime in Syrien, und dieses Regime wird nach der Revolution noch faschistischer sein, denn nach gescheiterten Revolutionen nimmt der Faschismus immer zu.

Sie haben versucht, Schlagworte und Konstrukte, die der Westen verwendet, zu dekonstruieren, beispielsweise das von der «Komplexität des Konflikts» sowie Ängste über religiöse Konflikte und die Islamisten. Stattdessen betonen sie wieder und wieder, die Gewaltherrschaft Assads müsse beendet werden. Glauben sie, dass ihre Schriften und Positionen diese Konstrukte und die Menschen, die an sie glauben, in irgendeiner Art beeinflusst haben? Für wen schreiben sie?

Meine Wirkung ist sehr gering. Ich mag einen gewissen Einfluss haben auf jüngere Menschen in Syrien und auf arabische Leserinnen und Leser in Ägypten, dem Libanon und anderswo, aber international gesehen wird fast alles, was wir sagen, an den Rand gedrückt. Auf dieser globalen Bühne haben wir keine Wirkung, und dafür gibt es strukturelle Gründe. Die säkularen Demokraten in Syrien wurden durch eben den Prozess der Radikalisierung geschwächt. Dieser Prozess schwächt uns, und die Art und Weise, in der die Großmächte mit dem Kampf in Syrien umgehen, schwächt uns nur noch mehr.

Sie verkürzen unseren Kampf auf Formeln wie Assad gegen den «IS» oder Assad gegen die Salafisten und Dschihadisten. All das ist inhärent in der derzeitigen Weltordnung und, wie ich schon mehrmals aufzuzeigen versuchte, hat es auch damit zu tun, dass das Assad-Regime ein syrisches Äquivalent der Ersten Welt darstellen soll. Und in der Ersten Welt, stellen sich die Mächtigen auf seine Seite; während wir unsichtbar bleiben. Im Jahr 2016 kam Baschar al-Assad 22-mal im Fernsehen oder in Zeitungen zu Wort – überwiegend im Westen. Vor 2011 sah das ganz anders aus. Was bedeutet das? Man lässt ihn häufiger zu Wort kommen, nachdem er eine halbe Million Menschen ermordet hat.

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt: Es ist einfach nicht richtig zu sagen, der Westen fürchte sich vor konfessionellen Konflikten in Syrien. Die Eliten im Westen sind genauso sektiererisch wie das Assad-Regime, und historisch stand der Westen für Sektierertum und war die Macht, die hinter den Religionskriegen in unserer Region stand. Belege dafür gibt es zur Genüge, und einige Autoren haben das sehr schlüssig dargelegt. Islamophobe können sich zudem sowieso nicht anmaßen, irgendeine glaubwürdige Aussage übers Sektierertum zu machen. Heute schreibe ich eher über kulturelle Themen. Die einzige Art, glaube ich, wie wir unsere Verluste, unsere Märtyrer, unser zerstörtes Land würdigen können, ist eine Kulturrevolution. Politisch sind wir völlig am Boden.

Die Verhandlungen in Genf können nur damit enden, dass eine mittelmäßige Abordnung der Opposition kapituliert und Baschar al-Assad als Staatschef bestätigt. Auf kultureller Ebene hingegen gibt es große Chancen für einen Wandel – nicht nur in Syrien. Ich versuche mich mit Gleichgesinnten in aller Welt in Verbindung zu setzen. Mein Gedanke ist der, dass wenn man nur einen Feind hat und man kann ihn militärisch bekämpfen, dann hat man zwei Feinde – Assad und die Dschihadisten –, und dann mag Politik der richtige Ansatz sein. Hat man aber viele Feinde, nämlich Assad und seine Verbündeten (die Russen, Iraner usw.), die Islamisten («IS», al-Nusra usw.) sowie die neue Weltordnung, dann ist vielleicht Kultur der richtige Ansatz. Kultur ist etwas viel Grundlegenderes, hat mit Werten zu tun, mit Philosophie. Die Suche nach Sinn ist für mich ein Heilmittel. Wenn es mir gelingt, bestimmte Gedanken auszudrücken, dann hilft mir das.

Wie wichtig ist Gerechtigkeit? In der UN-Resolution vom 21. Dezember 2016 geht es darum, Werkzeuge zu schaffen, mit denen die schweren Verbrechen, die in Syrien verübt worden sind, untersucht werden können. Wie wichtig ist dies für sie? Ergibt es Sinn, nach Gerechtigkeit zu suchen?

Natürlich ergibt das Sinn. Wenn Gerechtigkeit nichts bedeutet, dann ergibt nichts einen Sinn. In Syrien bedeutet für mich Gerechtigkeit zweierlei: erstens, das Ende der Diskriminierung. Wir haben die gleichen Rechte, und wir müssen auch politisch gleichberechtigt sein. Und das Regime in Syrien ist ein – nun, es ist ein Regime –, und seine Herrschaft beruht auf Diskriminierung. Deswegen spreche ich auch von Rassismus. Es geht nicht um Sektierertum, es geht im Kern darum, dass bestimmte Gruppen diskriminiert werden – weshalb ich auch von Rassismus spreche. Die Niederschlagung der Revolution wird dazu führen, dass in Syrien ein Apartheids-Staat entsteht. Der zweite Punkt ist Rechenschaft. Jene, die gemordet haben, jene, die gefoltert haben, jene die Autobomben gebaut haben, sie alle und nicht nur das Regime müssen zur Verantwortung gezogen werden. Nimmt man aber den Staat hiervon aus, dann gibt man nichtstaatlichen Akteuren einen Freibrief, ebenso zu handeln.

Vor zwei Jahren las ich eine deutsche Studie, die zu dem Schluss kam, Baschar al-Assad sei ein Verbrecher – und dennoch empfahl, mit ihm zusammenzuarbeiten! So etwas ist, dass muss ich schon sagen, einfach kriminell! Es ist, als sage man, Baschar ist unser Verbrecher und also das «kleinere Übel», während die Islamisten, die für weniger als zehn Prozent der Opfer in Syrien verantwortlich sind, das «größere Übel» darstellen! So etwas ist Rassismus! Die einzige Art, in der man dem entgegentreten kann, ist, sich auf Werte zu besinnen wie Gerechtigkeit, Verantwortung, Gleichbehandlung und Anti-Rassismus. Islamophobie unterscheidet sich nicht von Antisemitismus oder von Rassismus gegen Schwarze. Im Kern geht es dabei um dasselbe.

Aus einem ihrer Artikel oder Interviews weiß ich, dass im Arabischen die Wörter für «Mäßigung» und «Gerechtigkeit» denselben Wortstamm haben.

Das stimmt: adil und i'tidal. Adil bedeutet Gerechtigkeit und i'tidal bedeutet Mäßigung.

Ist Mäßigung demnach die Voraussetzung für jene Prozesse, die sie beschreiben?

Genau. Danke, dass sie mich daran erinnert haben. Wird man diskriminiert, so macht das einen wütend, man ist frustriert – und vielleicht will man sich rächen. Das ist also ein gesellschaftlicher Umstand. Man soll nicht glauben, Syrer seien Extremisten, weil die Menschen ein verborgenes Extremismus-Gen in sich tragen. Die Deutschen hatten keine Nazi-Gene und die Amerikaner keine Ku-Klux-Klan-Gene. Ich habe kürzlich über die Gulags in der Sowjetunion gelesen, und es ist furchtbar, das zu wissen – gerade, weil ich ja selbst Kommunist war –, also zu wissen, dass der Kommunismus die Grundlage für solch schreckliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein konnte. Aber auch die Kommunisten hatten keine Völkermordgene. Es braucht keine Genealogie, um zu erklären, wie es zu Völkermord kommen kann. Wir können das mit ganz weltlicher Logik nachvollziehen, mit unseren eigenen menschlichen Verstandeswerkzeugen.

Alles ist dokumentiert, all die Verbrechen, die sich in Syrien ereignet haben, die Ermordung von, wie sie sagten, einer halben Million Menschen. Über fünf Millionen Menschen sind aus Syrien geflohen, und es gibt fast sieben Millionen Binnenflüchtlinge. Fotos von Tausenden Folteropfern wurden aus dem Land geschmuggelt und liegen uns vor. Die Welt kann also nicht behaupten, sie hätte von nichts gewusst. Was aber treibt sie persönlich an? Woher nehmen sie die Kraft, der Welt davon zu berichten, während die Welt sich abwendet?

Zuerst einmal: Ich muss das tun – ich bin Schriftsteller. Wir haben es mit einer großen Tragödie zu tun, und ich gehöre zu jenen, die versuchen, diese Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte aber muss erzählt werden, auch denen, die davor die Ohren verschließen. Zweitens bin ich frustriert. Ich versuche mich selbst davon zu überzeugen, dass ich nicht versuche, jene zu überzeugen, die gar nicht helfen wollen, die keine Solidarität zeigen, diejenigen, die nicht einmal versuchen, unser Leid zu begreifen. Mit denen versuche ich erst gar nicht zu reden. Mich bewegt es nicht dazu, der Macht die Wahrheit ins Gesicht zu sagen – wie Edward Said das einmal ausdrückte.

Lieber möchte ich den Menschen die Wahrheit über die Macht näherbringen. Ich spreche zu jenen Lesern, die vielleicht zufällig auf einen Artikel stoßen oder auf ein Buch, und das weckt dann ihr Interesse. Als ich jung war, habe ich Bücher gelesen, und Bücher hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich hoffe also, dass jemand, der noch nie von mir gehört hat, in meinen Schriften etwas findet, das ihm oder ihr dabei hilft, vielleicht nicht Syrien zu verstehen, aber immerhin ein besserer Mensch zu sein. Aber dennoch tue ich es: Ich spreche zur Welt. Teils, um zu begreifen was geschieht. Teils, um die heutige Welt zu begreifen.

Was in Syrien geschieht, geschieht in der Welt als ganzes – und ihr seid daran beteiligt. Alles was ein Mensch tut, wird von Menschen getan. Ich oder sie hätten so handeln können, wie Baschar al-Assad gehandelt hat. Wir sind alle Menschen, und jedes Verbrechen, das ein Mensch begeht, ist eine Schande für alle Menschen. Ich versuche, den Leuten das nahezubringen und mir gleichzeitig damit selbst zu helfen sowie meinen Mitbürgern und allen guten Menschen auf der Welt.

Worauf hoffen sie heute?

Vor allem hoffe ich, dass Samira und die anderen freigelassen werden und Firas und meine Freunde Paolo und Ismail und viele andere. Und ich hoffe, dass ich nicht die Hoffnung verliere. Ich glaube, die Verzweiflung muss tiefer werden, damit man stärker hoffen kann. Heute bin ich verzweifelter als früher, aber ich hoffe noch immer. Ich kämpfe nach wie vor. Am Morgen, wenn ich aufwache, ist es schwierig. Aber dann lese ich und schreibe. Ich denke, dass ist eine Folge der Hoffnung – der Versuch, aus ganz wenigem etwas Großes zu schaffen. Samira konnte das sehr viel besser als ich.