Lula, der Unversöhnliche

Lula, der Unversöhnliche

Lula da Silva propagierte stets die Illusion einer Versöhnung der brasilianischen Gesellschaft: Eine Verringerung der Armut ohne die Privilegien der Reichen anzutasten. Diese Illusion lässt sich nicht weiter aufrechthalten.

Ex-Präsident Lula da Silva umringt von Mikrofonen und Reporter/innnEx-Präsident Lula da Silva (2013) – Urheber/in: Cultura de Red. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Ich erinnere mich an zwei Szenen der Versöhnung, die Lula in Brasilien im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts propagierte. Für die erste, die sich während des Präsidentschaftswahlkampfes 2002 abspielte, gibt es nur drei Zeug/innen und eine dieser Zeuginnen bin ich. Es ist eine kleine Szene, die für mich jedoch immer von großer Bedeutung war, denn ich glaube zwar weder an Gott noch an den Teufel, wohl aber daran, dass sich beide im Detail zeigen.

Ich interviewte damals eine Frau aus der Elite São Paulos, die mit einem der wichtigsten dortigen Unternehmer liiert war. Gemeinsam hatten die beiden entscheidenden Einfluss darauf, dass Lula mit dem Teil dieser Elite, der dazu bereit war, Gespräche führte. So gewann er –  nach drei Niederlagen in Folge – wesentliche Unterstützung für den Sieg der Arbeiterpartei PT im Jahr 2002. Diese Unterstützung fand ihren Widerhall in seinem „Brief an das brasilianische Volk“ („Carta Ao Povo Brasileiro“), in dem Lula sich nicht dem Volk sondern den Märkten gegenüber verpflichtete, an den grundlegenden Linien der Wirtschaftspolitik festzuhalten.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass Lula bei dieser Wahl Anzüge von Ricardo Almeida trug und in den Salons der Elite São Paulos ein oft gesehener Gast war – eine goldene Tür, die ihm Marta Suplicy, heute Mitglied (der Partei) der Brasilianischen Demokratischen Bewegung, (P)MDB, öffnete. Und er war dort nicht nur ein häufiger Gast sondern auch einer, der zu gefallen wusste. Lula wurde eine Art Popstar für Millionäre, die sich für aufgeklärt, unternehmerisch, modern und kosmopolitisch hielten. Da war etwas Verführerisches an diesem Arbeiter und Gewerkschaftsführer, der ihnen so zugeneigt war.

Lulas Ausstrahlung löste Widersprüche für einen Moment auf

Und es gab in Brasilien einen zunehmenden sozialen Druck. Nach der durch die Rückkehr zur Demokratie hervorgerufenen Euphorie, erlebte das Land die Amtsenthebung Fernando Collors mit den Demonstranten, den sogenannten „Carapintadas“ („Bemalte Gesichter“), auf den Straßen sowie das Ende der zweiten, ziemlich schwierigen Amtszeit von Fernando Henrique Cardoso von der Partei der Brasilianischen Sozialdemokratie (PSDB). Cidade de Deus[1], der Film von Fernando Meirelles und Katia Lund, spiegelt das Brasilien des Jahres 2002 wider.

Ein Teil der brasilianischen Wirtschaftselite erkannte wie heikel die Lage war und schmiedete Allianzen; sie schleusten Lula durch die Salons um den Gleichgesinnten zu beweisen, dass er genauso schmackhaft wie ihr Kaviar war. Und Lula, intelligent wie er ist, spielte seine Rolle mit Bravour.

Ich war in einer der Villen in Jardim Europa[2], wo nur die Reichen und zwar die wirklich Reichen wohnen, und diese Reichsten der Reichen von São Paulo gehören an jedem beliebigen Ort der Welt zu den Superreichen. Ich interviewte dort eine der wichtigsten Gastgeberinnen Lulas. Sie erzählte mir, wie faszinierend Lula sei und wie sehr Brasilien sich ändern müsse. Plötzlich jedoch unterbrach sie ihre Rede und rief jemanden in einem freundlichen aber bestimmten Ton. Die Hausangestellte befand sich im oberen Stockwerk des Hauses und wurde herunterbeordert um die Gardinen in dem Zimmer, in dem wir beide uns aufhielten, zu schließen. Ich begriff, dass es der Dame des Hauses nicht in den Sinn kam, selbst vom Sofa aufzustehen und einige Schritte zu gehen. So war ihr Leben und so war es immer gewesen. Ein anderes könnte es gar nicht geben.

Und hier war sie, die Magie von Lula. Diese Frau konnte mit dem Kandidaten der brasilianischen Arbeiterpartei, gekleidet in Designeranzüge, durch die Salons wandeln und gleichzeitig die Hausangestellte rufen, damit diese die Gardinen schließt. Durch die alchemistische Ausstrahlung Lulas lösten sich die Widersprüche für einen Moment auf.

Er wollte das Land versöhnen - ohne Privilegien anzutasten

Sprung in das Jahr 2006. Der Rapper und Mitbegründer der Central Única das Favelas (CUFA)[3] MV Bill besucht die Villa Daslu, damals auch „Tempel des Luxus“ oder „Mekka der Modedesigner “ genannt. Ein 20.000 m² großer Komplex mit neoklassizistischen Säulen an der Stadtautobahn Marginal Pinheiros, dessen Angebot von internationaler Designermode bis zu Helikoptern reichte. Gegen die Besitzerin Eliane Tranchesi wurde zu diesem Zeitpunkt bereits wegen Steuerhinterziehung ermittelt, aber sie pokerte hoch und setzte auf Aussöhnung mit denen auf der anderen Seite der Mauern.

Wenn 2002 der Film Cidade de Deus das kulturelle Spiegelbild Brasiliens war, so war dies 2006 der von MV Bill und Celso Athayde produzierte Dokumentarfilm "Falcão- Meninos do Tráfico" (zu deutsch: „Falke – Kinder des Drogenhandels“). Der Film war drei Wochen zuvor zur besten Sendezeit am Sonntag im Programm Fantástico des Senders TV Globo ausgestrahlt worden. Falcão, der das Leben – und den Tod – der „Soldaten“ des Drogenhandels in den brasilianischen Armenvierteln zeigt, rief große Betroffenheit bei Menschen hervor, die sich in der Regel nicht vom Genozid der schwarzen armen Jungs in den Elendsvierteln betroffen zeigen: von den 17 sehr jungen Interviewpartner/innen war nur noch einer am Leben, der an jenem Sonntagabend den Film sehen konnte.

Lula war fast vier Jahre an der Macht, er stand zur Wiederwahl und die Arbeiterpartei PT sah sich zu diesem Zeitpunkt mit ersten Vorwürfen konfrontiert, Abgeordnetenstimmen mit einer monatlichen Zahlung, dem sogenannten mensalão, zu kaufen, was Lula stets dementierte. Die „Versöhnung“ war noch geltendes Postulat eines Präsidenten, der sich nicht nur strikt an die Vereinbarungen aus seinem „Brief an das brasilianische Volk“ hielt und die Gestaltung der Wirtschaft unangetastet ließ, sondern der trotz der ersten Korruptionsvorwürfe gegen die regierende PT noch viel von seiner Mystik bewahrt hatte.

Für die Premiere seines Buches "Falcão- Meninos do Tráfico" in der Villa Daslu, stieg MV Bill mit 30 Favelabewohnern in die vierte Etage hinauf. Mit seltener Deutlichkeit brachte die platinblonde Eliana Tranchesi den Ton der Versöhnung in Brasilien unter der Präsidentschaft Lulas auf den Punkt.

“Wir sind nicht hier, um die Schuldigen für die Tragödie dieser Kinder zu finden. Wir sind hier, um alle zu vereinen, Reiche und Arme, um die Kräfte aller zu bündeln.“

Das war Magie. Der schwarze Rapper aus der Cidade de Deus in Rio und die blonde Unternehmerin aus São Paulo, die Steuern hinterzog, zelebrierten die Möglichkeit der Versöhnung zweier getrennter Welten. Brasilien, eines der Länder der Welt mit der größten sozialen Ungleichheit, sollte sich versöhnen, ohne die Ursachen dieser Ungleichheit zu betrachten. Oder, und das war der sensibelste Punkt, ohne an den Einkünften der Reichen zu rühren oder strukturelle Veränderungen vorzunehmen, die deren Privilegien betreffen würden.

Wir waren, wie Eliana Tranchesi es formulierte, „alle vereint, Reiche und Arme“. Jeder an seinem Platz. In der Villa Daslu waren die Schwarzen uniformierte Angestellte und die Favelabewohner, die an jenem Tag hier eintraten, kehrten anschließend in ihre Behausungen ohne fließend Wasser zurück und würden niemals auch nur einen Knopf in diesem „Tempel des Luxus“ kaufen können. Wenn Sie jedoch für einen Augenblick ihren angestammten Platz verließen – nur um diesen letztlich zu bestätigen – waren sie willkommen und gern gesehen. Das so erzeugte Bild wurde verkauft als würde es sich dabei um die Realität handeln. Es war eine machtvolle Szene und es ist gut möglich, dass ihr viele Glauben schenkten. Brasilien erlebte einen ganz besonderen Moment.

Die Versöhnung war ein Mythos

Angesichts dieser Mystifizierung erhob sich eine Stimme aus dem Publikum: „Das Konsumdenken ist einer der Gründe für diese Tragödie. Und wir sind hier im Tempel des Konsums. Das hier ist verantwortlich. Wenn ich an das Land und an die Ungleichheit, in der wir leben, denke, dann ist dieser Ort hier ein Verbrechen.“

Unbehagen machte sich breit. Die Idylle war zerbrochen. „Um sich den Traum vom Kauf von einem Paar Turnschuhen zu erfüllen, muss jemand aus der Favela auch mal einen umbringen. Aber um Turnschuhe hier im Daslu zu kaufen – dafür muss er schon ein paar mehr Leute umbringen“, ergänzte jemand anderes. Wortfetzen flogen umher und aus dem weißen Publikum kam ein Zeichen das Mikrofon auszuschalten.

Dann erhob sich eine Vertreterin der Favela Coliseu, eine arbeitslose Schwarze, um die Gastgeberin zu verteidigen: „Sie ist reich, weil sie hart für ihren Reichtum gearbeitet hat.“ Apotheose. Rufe und Beifall. Die Versöhnung in Lulas Brasilien war gerettet. Später wurde Eliana Tranchesi wegen Steuerhinterziehung und anderer Straftaten verhaftet und zu 94 Jahren Gefängnis verurteilt und die Villa Daslu gab es nicht mehr. Andere, ebenso luxuriöse, aber diskretere „Konsumtempel“ wurden in São Paulo errichtet. Auch an dem Ort, an dem sich zuvor die prächtige Villa Daslu befunden hatte.

Der Mythos der Versöhnung sollte noch einige Zeit weiterleben.

Auf Lage der Armen verbesserte sich, den Preis zahlt die Natur

Unter Lulas Präsidentschaft wurde der Mindestlohn angehoben, die Armut verringerte sich signifikant, mehr Menschen bekamen Zugang zu einem Hochschulstudium, das staatliche Gesundheitssystem erfuhr bedeutende Verbesserungen, das Statut zur Rassengleichheit  wurde verabschiedet, die Ärmsten bekamen Kreditgarantien. Das alles ist nicht wenig und macht im Leben eines Menschen, der nicht immer genug zu essen hatte, einen großen Unterschied aus.

Zum größten Teil wurde diese verbesserte Einkommenssituation der Armen durch den Export von Rohstoffen nach China, das Jahre eines rasanten Wachstums erlebte, möglich, und die Einkünfte der Reichen wurden dabei nicht angetastet. Aber diese Art von Entwicklung kam dem Amazonasgebiet teuer zu stehen, es nahm dafür einen nicht wieder gut zu machenden Schaden – und das zu einem Zeitpunkt, in dem unser Planet einen vom Menschen verursachten Klimawandel erlebt. Es ist der Preis, den die Natur zahlt und den einige Autoren als die „unentgeltliche Arbeit der Natur“ bezeichnen.

Aus diesem Grund traten die Widersprüche zuerst im Amazonasgebiet zutage, beim Bau der großen Wasserkraftwerke und vor allem beim Größten von allen: Belo Monte. In Altamira und am Rio Xingu zeichnete sich das Unglück schon vor vielen Jahren ab, aber es war noch angenehm weit entfernt. Lula und anschließend Dilma konnten ebenso wie die PMDB (Partei der Brasilianischen Demokratischen Bewegung) immer auf die fehlende Verbindung zwischen dem urbanen Zentrum und Süden Brasiliens und dem Amazonasregenwald setzen. Und auch dieses Mal enttäuschten das Zentrum und der Süden nicht. Genauso wie der mit der PT verbandelte Teil der Linken, die zeigte, wie selektiv sie in ihrer Sorge um Menschenrechte ist und wie ignorant in Bezug auf Klimawandel und Umweltschutz. Ein Teil der PT und der Linken steckt im 20. Jahrhundert fest und hat dabei noch nicht einmal den Mai 1968 erreicht.

Soziale Gerechtigkeit braucht strukturelle Veränderungen

Im Amazonasgebiet, das  von den großen Bauvorhaben des Programms zur Wachstumsbeschleunigung (Programa de Aceleração de Crescimento; PAC) besonders betroffen war, wurden die indigenen Völker für etwas vermeintlich Höheres, die Entwicklung, geopfert. Die Versöhnung forderte Blut, Schweiß und Tränen, aber dies weit weg von den Hauptstädten.

Die Brasilianer, die sich abgesehen von gelegentlichem übertriebenem Patriotismus tatsächlich um das Amazonasgebiet Sorgen machen, sind in der Minderheit. Und eine noch kleinere Minderheit ist in der Lage die Verbindung zwischen den täglichen Problemen in den Städten und der Zerstörung des Waldes und anderer Ökosysteme zu erkennen. Die Brasilianer, genau wie die Mehrzahl der Bewohner unseres Planeten, erleben die Umweltkatastrophe, doch nennen sie sie nicht beim Namen.

Wenn das Wasser nicht sauber ist oder es kein Wasser gibt, glauben sie, dass eine Lohnerhöhung, um Wasser im Supermarkt kaufen zu können, das Problem löst oder ein Bauvorhaben der aktuellen Regierung erforderlich ist, damit das Wasser wieder aus den Hähnen fließt. Sie haben noch nicht verstanden, dass Wasser die größte Sorge ihrer Kinder und Enkel sein wird.

Auch aus diesem Grund waren Belo Monte und andere Megaprojekte möglich und werden Lula und Dilma nur selten zum Nachteil ausgelegt, selbst von deren größten Feinden. Außer wenn sie in Verbindung zu dem durch die Operação Lava Jato[4] entlarvten Bestechungssystem gebracht werden. Das Korruptionsthema hat sich die Rechte einverleibt – und die mit der PT verbandelte Linke zog es vor, angesichts der Menschenrechtsverletzungen bei den Megaprojekten des Programms zur Wachstumsbeschleunigung, wie Belo Monte, und auch bei der Fußball-WM 2014 zu schweigen.

Die Versöhnung durch Lula konnte nur vorübergehend sein. In einem so ungleichen Land wie Brasilien kann soziale Gerechtigkeit nicht ohne strukturelle Veränderungen herbeigeführt werden – oder ohne zumindest am Einkommen der Reichen zu rühren und den existierenden Reichtum umzuverteilen.

Lula steht für den Verlust einer Illusion

Eine ständig wiederkehrende Frage, die nach der Inhaftierung Lulas noch lauter wurde, ist die, warum Lula so gehasst wird. Es ist eine legitime Frage. Und sie wird häufig mit den Vorurteilen der Eliten gegenüber all dem, was Lula repräsentiert, beantwortet: der Mann aus dem Nordosten, der einfache Arbeiter, der Arme. Dem ist sicher so. Aber ich glaube, es steckt noch mehr dahinter. Ich glaube das aus mehreren Gründen. Denn wenn dies die ganze Erklärung wäre, hätte Lula nicht seine zweite Amtszeit – acht Jahre an der Macht und der Mensalão-Skandal im Gange – mit fast 90 Prozent Zustimmung beendet.

Ich habe den Verdacht, dass selbst die Reichsten wegen des Elends besorgt sind. Wenn man kein Psychopath ist, ist es schwer auszuhalten verelendete Menschen auf den Straßen zu sehen. Oder, zynischer ausgedrückt, das Bild des Elends kann störend sein, denn es verunstaltet die Kulisse unseres Alltags, an den Ampeln und auf den Bürgersteigen. Und das Elend kann auch störend sein, weil es ihm gelingt die Mauern zu überwinden und den bewaffneten Frieden Brasiliens zu bedrohen – so viele Wachleute an der Tür auch Dienst tun und so stark das Panzerglas der Autos auch sein möge.

Wenn es auch den Brasilianer/innen, und nicht nur den Reichsten unter ihnen, gelungen ist, sich erstaunlich gut vom mühevollen Leben der Ärmsten, vor allem dem der Schwarzen, abzukapseln, so glaube ich doch nicht, dass es irgendjemanden in Brasilien gibt, dem so viel Elend und Hoffnungslosigkeit gefällt. Und ich denke, dass selbst die Reichen die weltweite Beliebtheit Brasiliens unter Lula genossen haben. Brasilien wurde als ein Land wahrgenommen, das die Vergangenheit überwunden hatte und sich in ein Machtzentrum der Gegenwart verwandelte. Ohne dabei zu vergessen, dass die Reichsten in genau diesem Brasilien noch reicher wurden.

Dass die von Lula verkaufte Versöhnung provisorischer Natur war, wurde erst unter der Regierung von Dilma Rousseff deutlich. Vielleicht ist es dieser Verlust einer Illusion, den die Reichen und Teile der Mittelschicht Lula nicht verzeihen und der durch die in diesem Augenblick schon nicht mehr für möglich gehaltene neuerliche Verschlechterung der Wirtschaftslage verschärft wurde. Die 2013 aufgeflammten Proteste hatten viele Gründe und viele davon sind widersprüchlicher Natur. Einer der Gründe – und tatsächlich nur einer – kann der einer verlorenen Illusion sein, der auf der Straße vielstimmig zum Ausdruck gebracht wurde und wobei nur eines deutlich wurde –  eine wütende und konfuse allgemeine Unzufriedenheit.

Die im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts herrschende und von der größten Leitfigur der jüngeren brasilianischen Geschichte propagierte Illusion, dass eine Verringerung der Armut ohne den Verlust von Privilegien möglich ist, ist sehr, sehr verführerisch. Bei der Analyse dieses historischen Augenblicks muss das subjektive Gewicht dieser Idee der Versöhnung in jenen magischen Jahren, in denen etwas Unmögliches als gegenwärtig möglich dargestellt wurde, berücksichtigt werden. Und es muss auch analysiert werden, wie stark sich diese Subjektivität auf die objektiven Tatsachen, die aus Brasilien ein krisengebeuteltes Land machten, auswirkten.

Eine Begebenheit, die sich 2010, dem letzten Jahr der zweiten Amtszeit von Lula zutrug, steht sinnbildlich für diesen Augenblick. Der damalige Milliardär Eike Batista, ein Symbol der Stärke Brasiliens im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, kaufte den Anzug, den Lula bei seiner Amtseinführung 2003 trug und legte dafür eine halbe Million Real auf den Tisch. Das Geld kam einem Alphabetisierungsprojekt in der Favela Paraisópolis zugute und der Milliardär spendete den Anzug für Lulas Sammlung.

Die Versteigerung im Daslu wurde von Wanderley Nunes, dem Friseur der damaligen First Lady Marisa Letícia, veranstaltet. Sie und Eike saßen am selben Tisch. Auch das sind Bilder der achtjährigen Präsidentschaft Lulas genauso wie die des Präsidenten mit der Bevölkerung des semiariden brasilianischen Nordostens. Ein Teil ist ohne den anderen unvollständig.

Der starke Einfluss dieser provisorischen Versöhnung auf die Subjektivität des brasilianischen Lebens darf nicht unterschätzt werden. Die Subjektivität wird bei der Analyse des historischen Kontextes wiederholt vergessen, aber sie ist genauso bedeutend oder sogar bedeutender als die objektiven Geschehnisse – und sie bestimmt diese.

Die Stärkung der schwarzen Bevölkerung rührte am strukturellen Rassismus

Möglicherweise rührt ein Teil des Hasses auf Lula seitens der Eliten, die 2015 auf der Avenida Paulista im Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft gemeinsam mit Hunderttausenden Brasilianern protestieren, aus dem Verlust dieser Illusion her. Letztlich ist eine Versöhnung nicht ohne die Einbuße von Privilegien möglich. Und Privilegien, von  denen eine Hausangestellte zum Schließen der Gardinen das Offensichtlichste ist, ist die wirtschaftliche, politische und intellektuelle Elite Brasiliens nicht bereit aufzugeben. So war die Korruption die perfekte Rechtfertigung, da sie den Kritiker moralisch erhöhte und ihn vor Fragen bewahrte, deren Beantwortung ihn in einem weniger positiven Licht erschienen ließe.

In den letzten Jahren der Präsidentschaft Lulas und den ersten von Dilma Rousseff begannen einige der sozialen Maßnahmen Wirkung zu zeigen. Der bessere Zugang Schwarzer zu den Universitäten war vielleicht der Moment, in dem die Privilegien infrage gestellt wurden. Hier wurde an etwas Strukturellem in Brasilien gerührt – am Rassismus. Und in diesem Moment wurde die Spannung deutlich und Risse am Versöhnungsprojekt wurden sichtbar.

Ihre Gewinnspannen waren hervorragend, als Teile der Elite das Statut zur Rassengleichheit noch in dessen Ausarbeitungsphase wütend bekämpften. Die Schwarzen, die in den Sphären der Macht immer präsenter wurden, drangen auf symbolische Plätze vor, die auch für einen Teil der Mittelschicht sehr teuer waren. Man konnte nur verlieren – objektiv Plätze für Weiße an den Universitäten und bei öffentlichen Stellenausschreibungen, subjektiv sehr viel mehr. Die Reaktionen folgten auf dem Fuß.

In den letzten Jahren zeigt die Stärkung der schwarzen Bevölkerung wie das Antasten subjektiver Privilegien, wie dem, mit einer eigenen Stimme in den Sphären der Macht sprechen zu können, zu einem explosiven Thema in Brasilien geworden ist. Selbst Menschen, die sich für links halten, reagieren negativ, vor allem dann, wenn es das Privileg ein cooler Weißer zu sein ist, das auf dem Spiel steht.

Der Ausbau der Förderprogramme gegen Rassismus, wie das Sozialhilfeprogramm Bolsa Família, bei dem Frauen die Leistungsberechtigten sind, hat in Brasilien etwas sehr Mächtiges in Bewegung gebracht, etwas, das über den Augenblick hinaus seine Wirkung entfalten wird. Dies ist das Vermächtnis der Regierungszeiten der Arbeiterpartei PT. Wenn Lula einerseits dafür Sorge trug, dass die Taschen der Oligarch/innen und Renditehaie gut gefüllt blieben, so rüttelte er doch andererseits an Grundpfeilern.

Für eine tatsächliche Versöhnung muss ein Teil der Bevölkerung seine Privilegien verlieren

Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass seine Partei sich verkauft hat. Korruption ist keine Kleinigkeit, wenn sie Entwicklungsprojekte bestimmt. Und um Bestechungsgelder und schwarze Kassen zu generieren gibt es nichts Besseres als Bauvorhaben; vor allem, wenn diese sehr groß sind – wie Belo Monte.

Die Sozial- und Förderprogramme der PT-Regierungen setzten letztlich die von Lula propagierte Versöhnung aufs Spiel. Dieser Riss unter vielen anderen brachte das Offensichtliche zum Vorschein. Es gab keine Magie. Die grundlegende Frage Brasiliens war nach wie vor dieselbe – um eine tatsächliche Versöhnung herbeizuführen, muss ein Teil der Bevölkerung seine Privilegien verlieren. Und das war und ist weiterhin für die Eliten aber auch für Teile der Mittelschicht nicht hinnehmbar.

Ich spreche hier nicht von irgendeinem Privileg. Das, was nicht wehtut zu verlieren, ist kein Privileg. Ein Privileg zu verlieren tut jedoch weh. Und wer selbst wenig hat, klammert sich daran, was ein bisschen den Hass selbst unter armen Stadtbewohnern erklärt. Es gibt immer etwas zu verlieren und sei es ein kleines Gefühl der Überlegenheit gegenüber dem Nachbarn.

So hat Lula nicht ganz Unrecht, wenn er sagt, dass sie ihn verfolgen, weil er „Schwarze in die Universität“ gebracht hat. Aber er muss auch sagen, dass das die Versöhnung ist, die er Brasilien verkaufte und mit der er sich viele Jahre schmückte. Es war die Versöhnung, für die er gewählt und selbst nach dem Mensalão-Skandal wiedergewählt wurde, eine Versöhnung, die ihren Ausdruck in der während seiner zweiten Regierungszeit errichteten politischen und Finanzarchitektur fand, das was die PT „Regierbarkeit“ nannte. Das war der „Frieden“, von dem er sich möglicherweise selbst verführen ließ. Und der uns bis an den heutigen Punkt gebracht hat.

Der Magier muss wissen, dass seine Magie nur Tricks sind und nichts mit der Realität zu tun haben. Wir können nicht wissen, welche Größe die Figur Lula, der ins Gefängnis gegangen ist, tatsächlich hat. Die Erinnerung findet später statt, die Erinnerung wird sowohl von der Zukunft als auch der Vergangenheit bestimmt. Wir leben im Jetzt. Und das ist voller Wut.

Um das Vermächtnis Lulas, des Versöhners, zu verstehen, muss man dem Unversöhnlichen an Lula die Stirn bieten.

 

[1] Cidade de Deus (dt. Stadt Gottes) ist der Name einer Favela in Rio de Janeiro.

[2] Vornehmes Stadtviertel in São Paulo

[3] Brasilianische NGO, die sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Favelas einsetzt

[4] Name für die Ermittlungen im größten Korruptionsfall in der brasilianischen Geschichte, die ihren Anfang in Ermittlungen zur Geldwäsche an einer Autowaschanlage (lava jato) nahm

 

Dieser Beitrag erschien zuerst am 11.04.in El País.

Übersetzung: Petra Dietrich
Lektorat: Simone Pereira Gonçalves

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