Eine grüne Ideengeschichte der Ökologie

Eine grüne Ideengeschichte der Ökologie

Die ökologische Frage gehört zu den ideologischen Grundkonflikten unserer Zeit. Zustimmung und Ablehnung sortieren sich keineswegs entlang von Sachargumenten, sondern folgen antagonistischen Gruppenidentitäten. Diese Polarisierung und Tribalisierung der Ökologie findet statt, während sich das Zeitfenster schließt, in dem wir die Klimaerwärmung noch verlangsamen können. Das ist die dramatische Herausforderung, vor der eine ökologische Politik heute steht, argumentiert die Umwelthistorikerin Ella Müller.

Bild der aufgehenden Erde mit der Mondoberfläche im Vordergrund
Das wohl wichtigste Foto der Umweltfotografie: Earthrise — Bildnachweise

Am 24. Dezember 1968, während sich ein Teil der Weltbevölkerung auf das Weihnachtsfest einstimmte, bereitete sich viele tausend Kilometer entfernt die Apollo 8 auf ihre vierte Mondumkreisung vor. Ziel war es, für eine spätere Mondlandung präzise Aufnahmen von der Oberfläche zu erhalten. Doch anders als bei den vorherigen Umkreisungen, entschied der Kommandant Frank Borman, das Raumschiff nicht mit der Spitze zum Mond auszurichten, sondern es längsseits zu drehen. Und plötzlich war sie da: Die Erde. Der Astronaut William Anders zückte seine Kamera, und es entstand die wohl wichtigste Umweltfotografie der Geschichte: Earthrise. Der blaue Planet scheinbar im Aufgang begriffen, weit weg am Horizont – und in Farbe.[1] Die Astronauten an Bord und ihre Zeitgenossen in der Ferne waren überwältigt von diesem Anblick und der atemberaubenden Schönheit ihrer Heimat. Gleichzeitig hinterließen die Aufnahmen ein Gefühl der Beklemmung: Zum ersten Mal wirkte die Wiege der Menschheit nicht groß und weit, sondern klein und schutzlos. Dieser Eindruck ließ sich aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr löschen. Er war zugleich der Beginn einer Fortschrittserzählung, die es heute zu problematisieren gilt.

Eine klassische Ideengeschichte der Ökologie beginnt im 19. Jahrhundert an den wissenschaftlichen Rändern der Biologie, wo die Ökologie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein Schattendasein führte. Doch es waren die Bilder der Apollo 8, die in den westlichen Gesellschaften einen Bewusstseinswandel einleiteten oder jedenfalls forcierten und so den Siegeszug des ökologischen Denkens vorbereiteten. In dieser Phase verdichteten sich Ereignisse, die den Blick vieler Menschen auf ihre natürliche Umwelt nachhaltig veränderten und die negativen Folgen der modernen Industriegesellschaft als politisches Problem ins breite Bewusstsein rückten. Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hatte die Biologin Rachel Carson vor den ökologischen Folgen des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft gewarnt und die apokalyptische Vision eines „silent spring“ heraufbeschworen. Ihr Bestseller löste eine heftige Debatte über den Einsatz von DDT aus, in deren Folge wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, dass sich das Insektizid über die Nahrungskette unkontrollierbar verbreitete und bis in den Menschen gelangte. Das reichte der amerikanischen Umweltbehörde, um den Gebrauch von DDT 1972 als erstes Land weitestgehend zu verbieten. Im gleichen Jahr warnte der Club of Rome vor den „Grenzen des Wachstums“ und rechnete der Öffentlichkeit vor, in welcher kurzen Zeitspanne die wichtigsten Ressourcen verbraucht sein würden, sollte sich der Lebenswandel der Menschen nicht schleunigst ändern. Ein Jahr später konfrontierte die Ölkrise die Zeitgenossen mit der unangenehmen Tatsache, dass weit entfernte Ereignisse wie der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und der arabischen Welt ganz unmittelbare Folge auf ihren Lebensalltag haben konnten. Alles schien mit allem zusammenzuhängen. In dieser Phase zugespitzter, globaler Interdependenzwahrnehmung erschienen die Grundgedanken der Ökologie, dass alle Lebewesen in einer engen, untrennbaren Wechselbeziehung mit ihrer Umwelt und allen anderen Lebewesen stehen, besonders plausibel.

Welche Kräfte dieser Bewusstseinswandel entfesselte, zeigte der Erfolg des ersten Earth Day am 22. April 1970. Allein in den USA beteiligten sich 20 Millionen Menschen an Aktionen und protestierten gegen Umweltverschmutzung. Schon zuvor hatte es Naturschutzvereine gegeben, neue Protestgruppen waren nun an die Seite eines professionellen und dichten Netzwerks von Naturschützern getreten. Doch in den 1970er Jahren pflanzten sich die Grundgedanken der Ökologie tiefer in die politischen und gesellschaftlichen Denkstrukturen der westlichen Gesellschaften ein und leiteten damit die „environmental revolution“ ein.[2] Von hier an entwickelte sich die Geschichte der Ökologie scheinbar linear und expansiv auf allen Ebenen:

  • global, mit der Gründung von Umweltschutzbehörden und -ministerien in zahlreichen Ländern der Welt; in den USA wurde die EPA 1970 gegründet, ein Jahr später folgte die BRD mit dem ersten Bundesumweltprogramm;
  • international, als die Vereinten Nationen sich des Themas annahmen und im Sommer 1972 die erste UN-Umweltkonferenz einberiefen und mit dem United Nations Environmental Programme eine Art Weltumweltorganisation gründeten;
  • programmatisch, indem die Grundgedanken der Ökologie mit diversen anderen sozialen und gesellschaftlichen Problemen, wie etwa Armut, Rassismus oder Kolonialismus verknüpft wurden;
  • technisch, als Felder wie Energie, Verkehr oder Landwirtschaft aus ökologischer Perspektive neu konfiguriert wurden;
  • organisatorisch, indem aus Bürgerinitiativen professionelle und erfolgreiche Nichtregierungsorganisationen oder Parteien wurden;
  • schließlich sprachlich: „ökologisch“ steht heute synonym für umweltschonendes Verhalten und wurde im Laufe der letzten vier Jahrzehnte durch weitere Orientierungsbegriffe wie „Nachhaltigkeit“ oder „Lebensqualität“ ergänzt.
  • Vor allem aber schien sich ein Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins zu vollziehen: in Deutschland, Skandinavien, in Großbritannien oder auch in den USA – überall deuten Umfragen darauf hin, dass das Umweltbewusstsein der Bevölkerung in den letzten vier Jahrzehnten stetig gewachsen zu sein scheint.

Trotz aller bestehenden Probleme und Herausforderungen wirkt die Geschichte der Ökologie wie eine Erfolgsgeschichte. Aber diese Wahrnehmung ist trügerisch und deutet auf ein strukturelles Problem des Faches hin, das sich am intensivsten mit dieser Entwicklung befasst hat: der Umweltgeschichte. Seit ihrer Gründung in den 1970er Jahren hat sich die Subdisziplin Umweltgeschichte als fester Bestandteil der Geschichtswissenschaft etabliert und in zahlreichen Untersuchungen ist es ihr gelungen, den Faktor Natur als elementaren Faktor unserer Existenz auch in die Deutungen unserer Vergangenheit miteinzubeziehen. Ihre enorme Produktivität sowie ihre bemerkenswerte Dynamik sowohl hier in Deutschland, ganz besonders aber im anglo-amerikanischen Raum verdankt die Umweltgeschichte u.a. einer auffälligen Besonderheit: dem Glauben der Trägerinnen und Träger dieses Faches an die unerschütterliche Plausibilität des ökologischen Denkens. Diese politisch nachvollziehbare Haltung hat einen intellektuellen und analytischen Preis: Teilweise explizit, noch viel häufiger aber implizit wird die Geschichte des Ökologischen von der Annahme aus geschrieben, Umweltschutz hätte sich als Konzept und politisches Feld durchgesetzt, weil der Problemdruck besonders hoch und die Zeit somit „reif“ gewesen sei. Dadurch hat sich ein Fortschrittsnarrativ etabliert, das einer Art säkularen Aufstiegsgeschichte gleicht und unser Verständnis von der Geschichte der Ökologie bis heute prägt.[3] Dies gilt in besonderem Maße für das Selbstverständnis wichtiger Trägergruppen der ökologischen Ideen, etwa bei den Grünen. Doch so gut die Vorstellung, nichts sei so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist, zur politischen Mobilisierung taugt, so unzureichend bleibt sie als historische Deutung.

Was bedeutet das?

Die Narrative der bestehenden grünen Erzählung, die auch die Grünen in ihrer Selbstwahrnehmung bis heute bestimmen, verführen uns dazu, die Geschichte der Ökologie teleologisch zu denken und sie dadurch ihrer Ergebnisoffenheit zu berauben. Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Zum einen drohen unsere Erklärungen für die Ursachen grüner Erfolge zu oberflächlich zu werden: Faktoren wie Missverständnisse oder Fehleinschätzungen auf Seiten der Gegner, zufällige Interessenskongruenzen, Unkenntnis oder fehlende Aufmerksamkeit – historische Kontingenz in all ihren Facetten – berücksichtigen wir zu wenig, wenn wir ökologische Fortschritte allein auf gelungene Aufklärung und Überzeugungsarbeit zurückführen. Das ist trügerisch, weil es uns die Fragilität gesellschaftlicher Errungenschaften vergessen lässt.

Ganz ähnlich verhält es sich beim Blick auf die Gegnerinnen und Gegner ökologischer Politik. Wir geben uns oft nicht genug Mühe, die Motive und Argumentationskontexte der Anti-Ökologen zu sezieren und die dahinterstehenden Logiken offenzulegen. Wir müssen darüber hinaus anerkennen, dass „grüne Erfolge“ Verlierer produzieren und einen Preis haben. Eine Ideengeschichte der Ökologie muss das berücksichtigen. Nur so schulen wir unser Nachdenken über die ökologische Debatte dahingehend, dass wir entscheidende qualitative und quantitative gesellschaftliche Verschiebungen rechtzeitig erkennen. Eindrückliches Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung mit Klimawandel-Leugnern in den USA: Dieser Konflikt lässt sich schon lange nicht mehr mit Unkenntnis, Missverständnissen oder echtem wissenschaftlichen Dissens in der Sache erklären und führt unsere Hoffnung, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich die hohe Plausibilität ökologischen Denkens allen erschließe, ad absurdum. Doch auch der Versuch, die Heftigkeit dieser Debatte mit dem Einfluss von finanzstarken Industrie-Netzwerken zu erklären, stößt an Grenzen. Ganz ähnlich wie der tendenziell paternalistische Gedanke, es handle sich bei Klimawandel-Skeptikern mehrheitlich um sozial schwache Modernisierungsverlierer, deren Abstiegsängste man erst einmal ernst nehmen müsse, um sie dann in Sachen Klimaschutz eines Besseren belehren zu können.

Wie erklärt man also die heftigen Widerstände gegen ökologisches Denken? Wie kann man gegen ein gesundes Klima, gegen plastikfreie Meere oder gegen saubere Luft sein? Die Klimawandel-Debatte in den USA zeigt deutlich, dass es bei ökologischen Fragen nicht mehr nur um Umwelt- bzw. Naturschutz geht. Die Anti-Ökologen und climate change sceptics sind gegen die Umweltbewegung, weil sie deren Anhängerinnen und Anhänger als Vertreter eines Lagers sehen, das in einer polarisierten Debatte die Interessen „der anderen“ vertritt und damit automatisch nicht die eigenen. Sie sind die selbst ernannten Verlierer der Erfolgsgeschichte Ökologie – nicht, weil ihnen Umweltschutz schadet, sondern weil Environmentalism Teil einer wahrgenommenen progressiven Machtverschiebung in Politik, Gesellschaft und Kultur ist, gegen die sich der Widerstand richtet. Aus dieser Selbstwahrnehmung wächst die Motivation zum Engagement, die Legitimation politischen Handelns und hieraus gewinnt die Radikalisierung in Umweltdebatten ihre Dynamik.

Diese Entwicklung zeigt uns, wie wichtig es ist, dass wir unseren Blick auf die Geschichte der Ökologie freimachen von Sympathien und Hoffnungen und sie stattdessen in die großen historischen Auseinandersetzungen unserer Zeit integrieren. Nicht um eine Schein-Objektivität zu konstruieren oder eine trügerische Gleichwertigkeit sich widersprechender Positionen herzustellen, sondern um der Komplexität gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse auch im Ökologischen gerecht zu werden.

Das hat auch Konsequenzen für grüne Politik – oder genauer gesagt: für das grüne Politikverständnis und die Art und Weise, wie die Grünen politische Auseinandersetzungen führen. Es gilt anzuerkennen, dass die ökologische Frage zu den ideologischen Grundkonflikten unserer Zeit gehört. Zustimmung und Ablehnung zu grünen Positionen sortieren sich entlang von antagonistischen Gruppenidentitäten, und politische Auseinandersetzungen werden zunehmend als Nullsummenspiel wahrgenommen: Setzen die Grünen sich in (umwelt-) politischen Fragen durch, wird das von antiliberalen, rechten Gruppen automatisch als Niederlage verstanden, zunächst einmal vollkommen unabhängig von sachlichen Fragen und lebensweltlichen Konsequenzen wie etwa der Umweltpolitik im engeren Sinne. Dass diese Polarisierung und Tribalisierung der Ökologie zu einem Zeitpunkt stattfindet, zu dem sich das Fenster, in dem wir die Klimaerwärmung noch verlangsamen können, zu schließen droht, ist dramatisch.

Wir klammern uns, verständlicherweise, weiterhin an die Vorstellung, politische Konflikte könnten letztlich doch inhaltlich, sachlich, argumentativ ausgetragen und durch stetige Überzeugungsarbeit auch gelöst werden. Schon bei der Gründung der Grünen vor bald 40 Jahren war einer der Glaubenssätze der Umweltbewegung, dass sie über die besseren Argumente verfüge und im Grunde alternativlose Antworten auf die drängenden Herausforderungen der Gegenwart liefere. Damals wie heute gilt für die Protagonistinnen und Protagonisten einer grünen Ideengeschichte der Ökologie, dass sie den Stellenwert von Sachargumenten und Sachorientierung bei der Suche nach den besten Lösungen für die politischen Konflikte unserer Zeit überschätzten. Was dies für die Zukunft der Ökologie bedeutet, müssen wir jetzt diskutieren.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers zur "grünen Erzählung 2018"

 

[1] Vgl. die original Video- und Tonaufnahmen, die die NASA zum 45. Jubiläum der Mission veröffentlicht hat: https://www.youtube.com/watch?v=dE-vOscpiNc  

[2] Vgl. Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011, S. 14-37.

[3] Vgl. hierzu auch Frank Uekötter: Deutschland in Grün. Eine zwiespältige Erfolgsgeschichte, Göttingen 2015, S. 12ff.

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