Perlen der Energiewende: Vom Glück des nachhaltigen Lebens

Interview

Sie leben schon heute die klimafreundliche Zukunft vor: Simone Britsch aus dem sachsen-anhaltinischen Ökodorf Sieben Linden und Werner Wiartalla aus der Berliner Ufafabrik treiben die Energiewende in ihrem Alltag voran. Ein Gespräch über große Visionen und gesunden Pragmatismus.

Energiewende -  Ein Strohballenhaus in Siebenlinden
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Ein Modell für die Zukunft? Das Strohballenhaus in Sieben Linden

Frau Britsch, Herr Wiartalla, sehen Sie sich selbst als Energiewende-Pioniere?

Britsch: Der Pioniercharakter von Sieben Linden liegt für mich darin, dass wir uns als Individuen und als ganzes Dorf radikal die Frage stellen: Wie viel materieller Wohlstand ist denn wirklich nötig, um sich satt und wohlig im Leben zu fühlen? Natürlich ist es nicht so, dass bei uns schon alles fertig ist, alles perfekt und nachhaltig läuft. Aber wir probieren immer wieder Neues aus! Manchmal wundere ich mich selbst, dass der kollektive Geist des Experimentierens offenbar nicht altersmüde wird.

Wiartalla: Ich hätte die Formulierung von alleine nicht gewählt, aber wahrscheinlich ist die ufafabrik schon ein ökologisches Pionierprojekt, auch wenn es am Anfang noch viel mehr um das gemeinschaftliche Zusammenleben ging. Direkt im Winter 1979 nach der friedlichen Besetzung des ehemaligen Filmkopierwerks in Berlin-Tempelhof hat die Kommune schon mit einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage geheizt.

Energiewende Strohballenhaus

Susanne Schwarz (links) ist Redakteurin bei Klimareporter° (klimareporter.de).

Simone Britsch (Bildmitte) lebt seit 15 Jahren im Ökodorf Sieben Linden, das Ende der Neunzigerjahre in der sachsen-anhaltinischen Altmark gegründet wurde. Die Mutter von vier Kindern arbeitet dort als Bildungsreferentin und Yoga-Lehrerin. In Sieben Linden wohnen zurzeit etwa 110 Erwachsene und 40 Kinder (www.siebenlinden.org).

Werner Wiartalla (rechts) lebt seit den Achtzigerjahren zusammen mit rund 35 anderen in der Berliner ufafabrik. Der Physiker betreibt unter anderem das Ökobüro des selbstverwalteten Kultur- und Lebensprojekts und ist damit der Kopf hinter der Vielzahl an Nachhaltigkeitsinitiativen (https://www.ufafabrik.de).

Die war noch aus einem alten Lkw zusammengebaut.

Wiartalla: Genau, sie nutzte aber schon Rauchgaswäsche zur Abgasminderung! Und unsere Dachbegrünung gibt es schon seit 1980, die ist also länger da als ich. Ich bin „erst“ vor 32 Jahren dazu gekommen.

In den Neunzigerjahren ging es dann richtig damit los, dass wir hier alle möglichen Technologien ausprobiert haben, um uns das Leben schöner, günstiger und nachhaltiger zu gestalten. Regenwassernutzung, Klimatisierung mit Pflanzen, ein kleines Windrad. Unsere Solaranlage war Ende der Neunziger mit 500 Quadratmetern die größte in Berlin, da lacht man heute drüber.

Wissen Sie eigentlich, wie groß Ihr CO2-Fußabdruck ist?

Wiartalla: Zu groß, davon ist auszugehen. Ich hab zum Beispiel noch ein altes Auto. Das wird zwar auch mit Biosprit getankt und ich teile es mit mehreren Leuten, aber es ist eben noch da. Und ich mache ab und an im Ausland Projekte, zu denen ich dann fliege. Das macht den Fußabdruck allein schon kaputt.

Britsch: Wir haben das für Sieben Linden tatsächlich schon zweimal berechnen lassen. Wir sind pro Bewohner*in bei einem durchschnittlichen Fußabdruck von 2,4 Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Hinzu kommen Emissionen, die zwangsläufig durch die öffentliche Infrastruktur in Deutschland entstehen, die wir durch unseren Lebensstil also nicht beeinflussen können.

Der deutsche Durchschnitt pro Kopf liegt zurzeit bei insgesamt rund neun Tonnen im Jahr. Wenn man die Menge Kohlendioxid, die bis zur Mitte des Jahrhunderts allerhöchstens noch in die Atmosphäre entweichen darf, gerecht aufteilt, dürften Erdbewohner*innen jährlich nur noch ein bis zwei Tonnen verursachen.

Britsch: Ja, auch wir können uns auf unseren Erfolgen nicht ausruhen, obwohl wir deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Wir sind ziemlich gut bei der Ernährung, die größtenteils vegan oder vegetarisch ist. Und wir nutzen erneuerbaren Strom, etwa zwei Drittel davon produzieren wir mit eigenen Solaranlagen rechnerisch selbst. Unsere hochgedämmten Häuser bauen wir mit der Strohbauweise.

Wiartalla: So wie ihr baut, mit Strohballen, Holz und Lehm, das ist schon ein Modell für die Zukunft. Was den CO2-Ausstoß angeht, kann man rechnerisch 37 eurer Häuser bauen für ein vergleichbares konventionell gebautes Haus.

Herr Wiartalla, gibt es in der ufafabrik eine technische Errungenschaft, die es Ihnen besonders angetan hat?

Wiartalla: Ich fand eigentlich immer unsere Dachbegrünung wahnsinnig toll, denn die dient auch der Klimatisierung der Gebäude. Pro Quadratmeter sieben Kilowattstunden Kühlung, das ist schon eine tolle Sache.

Jetzt ganz aktuell beeindruckt mich aber auch ein kleines Forschungsprojekt, das wir mit der Firma Solaga betreiben. Da stellen wir Biogas her, aber nicht in dem herkömmlichen Sinne, wo Pflanzen verarbeitet werden. Wir nutzen Algen und deren Fähigkeit zur Photosynthese, um Methangas herzustellen. Dabei werden die Algen nicht verbraucht! Das kann hoffentlich ein Stück nachhaltige Zukunft bedeuten.

Wie sind Sie beide eigentlich darauf gekommen, anders zu leben als die meisten Menschen in Deutschland?

Wiartalla: Ich wollte mich entfalten! In der üblichen Gesellschaft Mitte der Achtzigerjahre war die Möglichkeit nicht gegeben. Deshalb bin ich in die ufafabrik gezogen. Nachhaltigkeit war da übrigens gar nicht mal meine erste Priorität. Aber mir wurde irgendwann klar, dass wir unser Zusammenleben möglichst im Einklang mit der Natur gestalten müssen, damit unsere Kinder und deren Kinder auch noch gut auf diesem Planeten leben können.

Britsch: Bei mir war auf jeden Fall zuerst der Öko-Impuls da. Das Potential für meine eigene Entfaltung, das im Gemeinschaftsleben steckt, habe ich erst vor Ort entdeckt. Ich hatte Ökologie und Umweltbildung studiert und dachte: Wir wissen alles, was es braucht. Auch vor 20 Jahren wusste man schon von der drohenden Klimakrise und ihren grundlegenden Ursachen. Deswegen wollte ich unbedingt in Aktion treten.

Ich hab dann zwei Wege gesehen. Der eine war die Arbeit in der Umweltbildung oder Umweltpolitik. Ich hab mich dann für den anderen entschieden, nämlich dafür, mein Leben experimentell zu gestalten. Und das ist ja der Ansatz von Sieben Linden, wo ich 2003 mit meiner Familie hingezogen bin. Wir probieren Lebensstile aus, die nachhaltig sind und viel Freude, Gemeinschaftlichkeit und damit Lebensqualität mit sich bringen. Dann tragen wir unsere Erfahrungen nach außen. Dazu lassen wir zum Beispiel Besucher*innen an unserem Alltag teilhaben und geben Seminare, organisieren uns gemeinsam mit anderen Ökodörfern in Deutschland und weltweit, tauschen uns mit traditionellen Dörfern aus.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass es Ihnen zu viel wird, Ihren Alltag immer wieder zu hinterfragen – wünschen Sie sich manchmal eine Pause von dem Anspruch, nachhaltig zu leben?

Wiartalla: Man kann das Leben eben nicht auf Pause schalten. Wir sind alle nur Menschen und nicht perfekt. Wissen Sie, das Leben muss Spaß machen, das muss sexy sein. Dogmenhaft gehe ich deshalb nicht ran. Und wenn ich ab und an eine Einkaufstüte kaufe, weil ich den Stoffbeutel zu Hause vergessen habe, ist das zwar nicht wirklich nachhaltig, aber auch kein Weltuntergang.

Britsch: Ich sehe das ähnlich. Ich habe solche inneren Konflikte selten, denn meine allerschönsten Erlebnisse sind von vornherein nachhaltig: Bewegung, Natur, menschliche Kontakte. Wo ich aber zum Beispiel recht nachgiebig bin, sind unsere vier Kinder. Die sollen an der Gesellschaft teilhaben können und dazu gehören eben nicht nur die Sieben Lindener*innen, sondern zum Beispiel auch Klassenkamerad*innen. Wenn es darum geht, was meine Kinder dürfen oder bekommen sollen, bin ich insofern kompromissbereit. Das heißt natürlich nicht, dass ich da alle meine Werte und Überzeugungen aufgebe. Aber ich will nicht, dass durch das Öko-Image eine Art soziales Leiden einsetzt.

Und auch als Dorfgemeinschaft erlauben wir uns gewisse Schwachstellen. Durch unsere abgelegene Lage auf dem Land fahren wir schon recht viel Auto, denn nicht immer gibt es eine öffentliche Verkehrsverbindung. Außerdem kochen wir mit Erdgas. Das liegt auch an unserem Grundsatz, keine Wärme mit Strom zu erzeugen, weil das ineffizient und kein Modell für die Zukunft ist. Kochen ist übrigens insgesamt ein gutes Beispiel dafür, wie wir Nachhaltigkeit verstehen.

Wie meinen Sie das?

Britsch: Wir senken unseren ökologischen Fußabdruck stark dadurch, dass wir viel teilen. Der Großteil unserer Versorgung findet in einer Gemeinschaftsküche statt. Da laufen also nicht jeden Tag mehrmals 60 einzelne Herde. Unser Gasbedarf ist dadurch pro Kopf recht gering, auch wenn eine erneuerbare Lösung natürlich noch besser wäre. Das finde ich fast bemerkenswerter als unsere Strohballenhäuser, die Solaranlagen und die Trockentrenntoiletten: dass wir durch unsere Gemeinschaft und unser Zusammenleben klimafreundlicher werden.

Wie wichtig ist ein nachhaltiger Alltag in der ufafabrik, Herr Wiartalla?

Wiartalla: Dass und wie wir hier privat wohnen, steht bei uns nicht so sehr im Vordergrund wie in Sieben Linden. Die Wohnungen liegen auch recht versteckt im ersten Stock – viele der Besucher*innen wissen wahrscheinlich gar nicht, dass es sie gibt. Früher war das anders, da gab es eine gemeinsame Kasse und die „ufas“ saßen zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot zusammen. Jetzt essen wir noch dreimal in der Woche gemeinsam Mittag. Und wir sind gut, wenn wir einmal im Monat einen Termin für ein Plenum finden.

Und warum?

Wiartalla: Es ist eine Zeitfrage. Unsere Projekte haben sich über die Jahre einfach verändert, sind größer und vielfältiger geworden. Die ufafabrik wird nächstes Jahr am 9. Juni immerhin vierzig! Alle der rund 35 Bewohner*innen haben hier mittlerweile zwei Jobs. Dazu haben wir 220 Angestellte von außen. Und Menschen aus der Gegend kommen mal schnell vorbei, auf ein Getränk im Café, zum Einkaufen im Naturkostladen, zu einer Veranstaltung, zu Workshops oder Sportkursen oder zum Kinderbauernhof. Es gibt eine freie Schule mit 53 Kids und immer wieder neue Forschungsprojekte zu Themen wie Biogas, der Klimatisierung mit Pflanzen, dem ökologischen Bauen. Das ist ein Riesengewusel, und zwar von drei Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts. Wenn das Tagesprogramm über die Bühne ist, ist man froh, auch mal allein zu sein und Ruhe zu haben.

Britsch: Ihr schafft dafür eine grüne Oase für Gemeinschaft in diesem Stadtteil. Es ist, glaube ich, schon ein Ort, an dem Großstadtmenschen zur Ruhe kommen.

Wiartalla: Und wir haben eben irgendwann festgestellt, dass Nachhaltigkeit als Botschaft auch übermittelt werden muss. Unser Nachhaltigkeitsmodell steht deshalb auf vier Säulen: Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kultur.

Sie sprechen durch die vielen Kultur- und Freizeitangebote auch ein Publikum an, dass sich nicht von vornherein für Klima- und Umweltschutz interessiert, aber dann nebenbei vor Ort doch etwas davon mitbekommt.

Wiartalla: Ja. da sind wir wieder beim Thema: Das Leben sollte Spaß machen. Und Kultur kann die Nachhaltigkeit zu etwas werden lassen, das Spaß macht.