Gesundheit: In der Verantwortung

Gesundheit: In der Verantwortung

Agrar-Atlas

Was hat die Landwirtschaft der EU mit sicheren Nahrungsmitteln zu tun? Was mit gesunder Ernährung? Was mit sozialer Gerechtigkeit? Nicht alle solche Fragen lassen sich einfach beantworten.

Den meisten Europäerinnen und Europäern ist Gesundheit sehr wichtig. In einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage nannten sie körperliches Wohlbefinden und soziale Sicherheit als die zweitwichtigsten Themenfelder für die Politik – nur Arbeitslosigkeit erschien ihnen noch wichtiger. In einer weiteren Umfrage erklärten die Befragten, dass sichere, gesunde und qualitativ hochwertige Lebensmittel oberste Priorität in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU haben sollten.

Landwirtschaft und Gesundheit stehen in einem engen Zusammenhang. Der Agrarsektor produziert Lebensmittel und stillt damit ein Grundbedürfnis des Menschen, hat aber auch viele negative Auswirkungen. Dazu gehört der übermäßige Einsatz von Antibiotika. Jedes Jahr werden in der EU mehr als 7.700 Tonnen dieser Wirkstoffe zur Behandlung von Tieren eingesetzt, die am Ende auf unseren Tellern landen. Der anhaltend hohe Verbrauch dieser Medikamente in der Tierproduktion und auch die unsachgemäße Verwendung in der Humanmedizin sind die Hauptursachen für Antibiotika-Resistenzen. Bis 2050 könnten in der EU schätzungsweise 390.000 Menschen pro Jahr sterben, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Außerdem ist die Landwirtschaft wesentlich für die Verschmutzung der Luft verantwortlich. Der Europäischen Umweltagentur zufolge stammen über 90 Prozent der Ammoniakemissionen in Europa aus dem Sektor. Sie gefährden die Umwelt und befördern gesundheitsschädliche Partikel in die Atemluft. Zumeist stammen die Emissionen aus Gülle und Kunstdüngern. Obwohl die Ammoniakemissionen in der EU zwischen 1990 und 2016 um 23 Prozent gesunken sind, stellen sie nach wie vor eine schwere Belastung dar.

Auch der Zusammenhang von Landwirtschaft und sicheren Nahrungsmitteln wird heiß diskutiert. Normen und Grenzwerte sollen Pestizidrückstände, Bakterien oder Pilze in Lebensmitteln beschränken. Regelmäßige Tests der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit zeigen zwar, dass die Pestizidrückstände die Gesundheit der Verbraucherinnen und Verbraucher nur in geringem Maße unmittelbar gefährden. Doch zugleich nimmt die Besorgnis zu, dass sich eine Dauerbelastung selbst bei geringen Mengen negativ auf den Hormonhaushalt auswirkt. Gesundheitliche Belange, auch in Hinblick auf Pestizide, gehören zu den wichtigsten Gründen, warum sich die Verbraucherinnen und Verbraucher für den Kauf von Biolebensmitteln entscheiden.

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Viele Fachleute vermeiden noch, sich öffentlich über den Zusammenhang von Landwirtschaft und gesunder Ernährung zu äußern. Einige Erkrankungen lassen sich auf den Verzehr von Lebensmitteln zurückführen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind über die Hälfte aller Europäerinnen und Europäer übergewichtig und fast ein Viertel fettleibig. Der Fachverband World Obesity Federation warnt, dass ohne eine wirksame Gesundheitspolitik Übergewicht und Fettleibigkeit von Kindern in vielen EU-Ländern weiter zunehmen werden. Daraus resultiert nicht zuletzt eine erhebliche finanzielle Belastung.

Obwohl fast alle unsere Lebensmittel aus der Landwirtschaft stammen, herrscht in der wissenschaftlichen Literatur erstaunlich wenig Einigkeit darüber, wie sich die Agrarpolitik auf den Konsum auswirkt. Bekannt ist hingegen, welche wirtschaftlichen, politischen und soziokulturellen Faktoren beeinflussen, was wir essen und trinken. Von den kurzen Lieferketten abgesehen sind diese Warenströme stark von multinationalen Konzernen geprägt. Eine Studie aus dem Jahr 2018 in 19 europäischen Ländern zeigte, dass in Haushalten mit erhöhtem Verbrauch von hochverarbeiteten Lebensmitteln auch Fettleibigkeit häufiger vorkam. Solche Produkte sind typischerweise energie-, zucker- und fettreich sowie ballaststoffarm.

Die neue Gemeinsame Agrarpolitik, die 2021 in Kraft tritt, könnte erstmals auch Gesundheit als Ziel beinhalten – eine gewaltige Herausforderung 25 Jahre, nachdem die Mitgliedsländer sich verpflichteten, Gesundheit in allen EU-Politikbereichen als Querschnittsthema zu verankern und damit das Gesundheitsniveau der Bürgerinnen und Bürger deutlich zu verbessern. Damit EU-Programme das Wohlbefinden der Bevölkerung aber tatsächlich verbessern, müssten unbedingt Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens in die politische Gestaltung einbezogen werden. Das heißt: auch in die Gestaltung der EU-Agrarpolitik.

Agrar-Atlas 2019

Der Agrar-Atlas 2019

Unökologisch, ungerecht und nicht an den Wünschen der Bürgerinnen und Bürger orientiert - so präsentiert sich die gemeinsame Agrarpolitik der EU seit Jahrzehnten. Auch die alle sieben Jahre stattfinden Reformen ändern daran bislang nichts. Der neue Agrar-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt, wie Klima, Artenvielfalt und die bäuerliche Landwirtschaft unter der heutigen Agrarpolitik leiden.

Das muss nicht so sein, denn der Agrar-Atlas zeigt auch, dass es viele gute Strategien, politische Ideen und ausreichend Geld gibt, um Klima- und Naturschutz, eine bessere Tierhaltung und eine vielfältige bäuerlichen Landwirtschaft in Europa zu erhalten. Um das zu erreichen müssen die Menschen in Europa verstehen, dass Agrarpolitik nicht nur für Bäuerinnen und Bauern wichtig ist sondern für alle. 

Der Argar-Atlas 2019 kann hier bestellt oder heruntergeladen werden.

Die öffentliche Gesundheit steht zudem in einem engen Zusammenhang mit anderen Politikfeldern wie Umwelt, Tierschutz und sozialer Gerechtigkeit. So senkt ein besserer Tierschutz mit gesünderen Tieren den Bedarf an Antibiotika. Höhere Einkommen für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern verringern das Risiko der sozialen Ausgrenzung und verbessern die Strukturen in den ländlichen Gebieten. Durch mehr Obst- und Gemüseproduktion und weniger Tierhaltung lassen sich die Emissionen von Treibhausgasen und die Verschmutzung von Luft- und Wasser reduzieren und es lässt sich eine gesunde und nachhaltige Ernährung fördern. Hochwertige Lebensmittel ermöglichen den Erzeugerinnen und Erzeugern höhere Einkommen. Ein geringerer Pestizideinsatz mindert die damit verbundenen Gesundheitsrisiken und schont Insekten, die unter anderem als Bestäuber von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit unserer Ernährung sind.

Die Gemeinsame Agrarpolitik, die im nächsten Siebenjahreszeitraum von 2021 bis 2027 Beihilfen in Höhe von 365 Milliarden Euro auszahlen wird, kann solche Entwicklungen unterstützen. Eine zukunftsorientierte GAP sollte auf der Nachfrage- wie der Angebotsseite eine gesunde und nachhaltige Ernährung stimulieren, zum Beispiel durch Informationskampagnen und bessere Kennzeichnung. Aber die Umstellung auf ein gesundes und nachhaltiges Ernährungssystem hängt nicht allein von der Agrarpolitik ab. Nachhaltige Produktion wird nur durch nachhaltigen Konsum ermöglicht, der, um wirklich nachhaltig zu sein, gleichzeitig die Gesundheit fördern muss. Dies erfordert ein koordiniertes Vorgehen in allen Politikbereichen, die das Ernährungs- und Agrarsystem betreffen, geleitet von einer ganzheitlichen Ernährungspolitik für Europa.

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