Nütz- und Schädlinge: Fressen und gefressen werden

Insektenatlas

Um den Schaden gering zu halten, den Insekten an Kulturpflanzen anrichten, sind deren natürliche Feinde gefragt – meist andere Insekten. Diese biologische Schädlingsbekämpfung gelingt umso besser, je größer die Vielfalt ist.

Grafik: Maniok-Anbauflächen in Afrika, in denen Schmierläuse die Ernte bedrohten, 1981–1993
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Wespe gegen Schmierlaus – für den Erfolg seines Projektes in Afrika erhielt der Schweizer Insektenforscher Hans Rudolf Herren 2013 den Alternativen Nobelpreis.

Ob Kartoffel, Getreide oder Tomate – alle Kulturpflanzen, Gemüse und Zierpflanzen in Feld und Garten können von Insekten befallen werden. Sie fressen Pflanzenteile, übertragen Krankheiten oder saugen Pflanzensäfte aus. Dies kann zu großen Ausfällen bei der Ernte führen. Für die drei wichtigsten Getreidesorten Mais, Reis und Weizen werden die durch Insekten verursachten Verluste derzeit je nach Region und Kulturpflanze auf etwa 5 bis 20 Prozent weltweit geschätzt. Die Schäden in Europa und Nordamerika sind meist geringer, vor allem wärmere Regionen wie Teile Afrikas und Asiens sind stärker betroffen. Weizen ist zudem weniger anfällig als Mais oder Reis. Beim Mais kommt es zum Beispiel in Nigeria zu Verlusten von bis zu 19 Prozent, in den USA lediglich zu etwa 6 Prozent. Diese Zahlen könnten in Zukunft steigen. Die Erderwärmung kann vor allem in gemäßigten Klimazonen dazu führen, dass sich die Schadinsekten schneller vermehren. Außerdem sind hitzegestresste Pflanzen anfälliger für Schädlinge und Krankheiten.

Während manche Schadinsekten – zum Beispiel Blattläuse, die Weiße Fliege oder Thripse, auch Gewitterfliegen genannt – viele Pflanzenarten befallen, bevorzugen andere ganz bestimmte Gewächse. Diese geben dann den Schädlingen ihre Namen, etwa Rapsglanzkäfer, Kartoffelkäfer, Maiszünsler. Sie alle können große Schäden verursachen, manchmal gehen ganze Ernten verloren. Immer wieder gibt es auch Heuschreckenschwärme, die riesige Flächen abfressen, zuletzt im Juni 2019 auf der italienischen Insel Sardinien, 2017 in Bolivien oder 2016 in Russland.

Insektenatlas 2020

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Insektenatlas 2020

Auf jeden Menschen dieser Erde kommen rund 1,4 Milliarden Insekten. Trotzdem sind sie massiv bedroht. Es mag an dieser unerschöpflich scheinenden Masse liegen, dass das Ausmaß der Gefahr viel zu lange kaum Beachtung fand.  Dabei ist ein großer Teil der Pflanzenwelt auf die fleißige Bestäubung der Insekten angewiesen. Der Insektenatlas 2020 präsentiert in 20 Kapiteln Vorschläge und Lösungen für Insektenschutz.

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Um die Menge der Insekten zu reduzieren und den Schaden an den Kulturpflanzen gering zu halten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der Integrierte Pflanzenschutz (IPS), der auf Empfehlungen der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO aus den 1960er-Jahren zurückgeht, sieht eine Kombination aus Vorsorge und Bekämpfung vor. So sollen natürliche Mechanismen einbezogen werden, indem zum Beispiel Fressfeinde unterstützt werden. Erst wenn der Befall bestimmte Dimensionen erreicht hat, sollen die Insekten mit Pestiziden bekämpft werden. Aber auch dann muss der Einsatz von Chemikalien auf das nötige Maß begrenzt bleiben. Der IPS ist weltweit das Leitbild für den Pflanzenschutz und wurde 2009 auch im EU-Pflanzenschutzrecht verankert.

Um die angebauten Pflanzen ohne Pestizide zu schützen, verwenden Landwirtinnen und Landwirte an die klimatischen und Bodenverhältnisse angepasste Sorten, bauen diese zum richtigen Zeitpunkt und mit verschiedenen Methoden an und bekämpfen die Schädlinge biologisch. Dazu fördern sie ganz im Sinne des IPS die natürlichen Gegenspieler, also Feinde der Schadinsekten. Jede Schadinsektenart hat etwa 10 bis 15 natürliche Feinde. Sie fressen die schädlichen Insekten, saugen sie aus oder „parasitieren“ sie, indem sie ihre Eier in oder an den Schädlingen ablegen, was diese früher oder später umbringt. Manche sind auf einige oder wenige Arten spezialisiert, andere wiederum fressen viele verschiedene Arten.

Karte des Wanderheuschrecken-Frühwarnsystems „Locust watch“ der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, Beispiel vom Monat September 2019 und langfristige Entwicklungen
Botenstoffe wie Insektenpheromone oder das Öl des Niembaums helfen gegen Wanderheuschrecken. Gegen ganze Schwärme sind noch immer Insektizide nötig.

Zu den wohl bekanntesten Nützlingen im Einsatz gegen Schadinsekten zählen die Marienkäfer. Sie und ihre Larven sind räuberisch: Sie fressen Blattläuse, Getreidehähnchen, Rapsglanzkäfer, Weiße Fliegen, Kartoffelkäfer und viele andere. Ein einzelner Marienkäfer kann circa 50 Blattläuse am Tag und bis zu 40.000 Blattläuse in seinem Leben vertilgen. Im Jahr 1888 wurde der australische Marienkäfer Rodolia cardinalis in Kalifornien eingeführt, um die Wollschildläuse zu bekämpfen. Der Anbau von Zitrusfrüchten in den USA konnte so gerettet werden.

Neben räuberischen Käfern verzehren auch verschiedene Wanzen oder Fliegenarten eine große Menge Schadinsekten. Eine Florfliegenlarve etwa frisst in ihrem zwei- bis dreiwöchigen Leben bis zu 500 Blattläuse. Darum werden sie gezielt in Gewächshäusern eingesetzt. Auch viele Arten von Schlupfwespen sind sehr wertvolle Nützlinge zur Schädlingsbekämpfung. Sie parasitieren Eier, Larven und ausgewachsene Insekten.

Grafik: Getreideblattläuse an Weizenhalmen mit und ohne Marienkäfer ( Coccinella septempunctata ), Anzahl Blattläuse pro Halm
Schädlingsbekämpfung mit Insekten kann Ernten schützen und Gefahren durch Agrarchemikalien verhindern – zum Beispiel die Herausbildung von Resistenzen.

Nützlinge entlang der Äcker auszubringen würde allein nicht ausreichen. Als Ausgangsbasis einer biologischen Bekämpfung von Schädlingen sind Feldraine, Blühstreifen, Hecken und weitere naturnahe Rückzugsräume unentbehrlich. Um eine möglichst große Vielfalt an Gegenspielern zu fördern, ist eine Mischung aus neu angelegten und schon seit Jahren vorhandenen Strukturen in der Landschaft nötig. Hilfreich sind außerdem wechselnde Fruchtfolgen und eine Bewirtschaftung, die den Lebenszyklus der Nützlinge berücksichtigt. Dazu gehört, Teilflächen als Rückzugsort nicht umzubrechen sowie den Boden schonend zu bearbeiten, da viele der Insekten im Boden überwintern. Um Nützlinge ausreichend zu fördern, empfehlen Ökologinnen und Ökologen, in allen Landschaften mindestens 20 Prozent naturnahe Lebensräume zu schaffen und zu vernetzen.

Aufgabe der Politik ist es, wirtschaftliche Anreize für eine naturfreundlichere Bewirtschaftung zu schaffen, regional übergreifende Agrarumwelt- und Klimaprogramme zu beschließen und mehr Fördermittel bereitzustellen. Auch im privaten Rahmen können Nützlinge gefördert und Schadinsekten reduziert werden, buchstäblich vor der eigenen Haustür: mit mehr Vielfalt im eigenen Garten und Nisthilfen für nützliche Insekten, Vögel und Fledermäuse.