Fridays for Future Protest - angeführt von jungen Frauen. Warum das nicht (nicht) wichtig ist

Kommentar

Seit Monaten gehen weltweit Freitag für Freitag junge Menschen nicht in die Schule, sondern auf die Straße. Bei den Fridays for Future sind es vor allem junge Frauen, die lautstark nach Veränderung rufen.

Fridays for Future Proteste in Berlin. Frauen und Mädchen halten Plakate und Banner
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Fridays for Future Proteste in Berlin: junge Frauen sind in der ersten Reihe der Demonstrationen

Zuerst erschienen beim Gunda-Werner-Institut. 

Seit Monaten gehen weltweit Freitag für Freitag junge Menschen nicht in die Schule, sondern auf die Straße. Dort demonstrieren sie für ihre Zukunft – das heißt gegen die katastrophale Klimapolitik ihrer Regierungen und die daraus folgende Klimakrise. Bis zu 300.000 Menschen haben sich an den „fridays for future“ allein in Deutschland zum Protest zusammengefunden. In der Öffentlichkeit findet die Bewegung großen Wiederhall – kaum ein Medium, dass sich nicht um eine Analyse und Bewertung der Proteste oder ein Porträt einer Protestierenden bemüht. Nicht erwähnt bleibt dabei meist einer der spannendsten Charakteristika des Protests:  Die Mehrheit der Demonstrierenden ist weiblich und an der Spitze der Bewegung stehen vor allem junge Frauen*.

Diese Geschlechterdimension wird meist verschwiegen, als sei sie nicht erwähnenswert, verdiene keine eigene Betrachtung.

Wohlwollend und optimistisch könnte frau sagen: dass Frauen* und Mädchen* an der Spitze politischer Bewegungen stehen, ist mittlerweile selbstverständlich, nicht der Rede wert. In allen großen Parteien bekleiden Frauen* wichtige Positionen (wenngleich von Parität noch lange keine Rede sein kann) und auch viele soziale Bewegungen sind von Frauen* geprägt.

Weniger optimistisch betrachtet wirkt das weitgehende Ausblenden der Geschlechterverhältnisse in der Bewegung wie eine bewusste De-Thematisierung: Solange der Protest nicht als ein Protest der Frauen* zum Thema wird und damit unsichtbar bleibt, wird das Bild des Mannes als Macher nicht hinterfragt, bleibt unangetastet. 

Eine Absage an Autoritäten

Vermutlich ist an beiden Perspektiven etwas dran. Sie helfen zu verstehen, warum die starke Präsenz von Frauen* und Mädchen* nur in den wenigsten Berichten und Gesprächen explizit erwähnt wird.  Doch auch und gerade dort, wo die explizite Erwähnung ausbleibt, spielt Geschlecht eine Rolle: ein Teil der Überraschung über die Proteste und Abwehrreaktionen, die ihnen folgte, lässt sich nur verstehen, wenn man jenseits der ausdrücklichen Botschaften der Demonstrationen: „Wir lassen es uns nicht länger gefallen, dass ihr mit eurer Klimapolitik unsere Zukunft zerstört!“ auch auf den Subtext hört:  An den „fridays for future“ gehen jede Woche Frauen*, Kinder und Jugendliche auf die Straße und signalisieren: „Wir treten offensiv ein für unsere Rechte und beugen uns nicht länger eurer Autorität!“

Dass Mädchen* die besseren Schülerinnen sind, dazu gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Studien. Und solange sie ihre Klugheit und Diszipliniertheit im Rahmen des durch Autoritätspersonen angeleiteten Unterrichts nutzen, haben auch nur die wenigsten etwas dagegen einzuwenden.

Aber dass Frauen* und Mädchen* ihren Intellekt auch couragiert einsetzen, um für politische Anliegen auf die Straße zu gehen und Politiker*innen für deren Umsetzung in die Pflicht zu nehmen, das scheint nicht vorgesehen. Dass die Jugendlichen die Proteste nicht in ihrer Freizeit stattfinden lassen, sondern als gezielten Regelbruch in ihrer Rolle als Schüler*innen, ist einerseits Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt eine so große Aufmerksamkeit bekommen – und es markiert zugleich den Bruch mit dem Bild gehorsamer Unterwürfigkeit.

Dürfen die das?

Die Frage, die derzeit regelmäßig gestellt wird, ob die Schüler*innen das überhaupt dürfen, was sie da machen, und die darauf oft folgende absurde Diskussion – als ob man jemand verbieten könne, das eigene Überleben, die eigene Existenzgrundlage zu retten – kann folglich auch als eine Reaktion auf den genannten Subtext verstanden werden. „Dürfen die das?“ meint dann gar nicht so sehr oder nicht nur das Fernbleiben von der Schule an einem Tag in der Woche, es richtet sich an die frechen Frauen*, die frechen Mädchen*, die frechen Kinder, die da so offensichtlich die bisher immer noch für selbstverständlich gehaltenen Regeln der männlichen, erwachsenen, weißen, mit Macht ausgestatteten Autorität in Frage stellen. Und sie tun das mit einer Genauigkeit, einer Unbestechlichkeit und Verve, die die ihnen gegenüberstehenden Vertreter und Verteidiger des status quo kurzsichtiger Politik buchstäblich alt aussehen lässt. Die Frauen* sind die Stimme der Vernunft in dieser Debatte, auch wenn das Vorhandensein einer solchen ihnen über Jahrhunderte abgesprochen wurde. 

„All we have to do is to wake up and change“– Greta Thunberg

Überall sind es heute junge Frauen*, Schüler*innen, die die elementaren Fragen zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit holen und es schaffen, dass Menschen an die Möglichkeit von Veränderung und die Wirksamkeit des eigenen Handelns glauben. Ein unmittelbares Gefühl der Dringlichkeit, verbunden mit dem Wissen um die besseren Argumente – das haben die „fridays for future“ mit dem „march for our lives“ gemeinsam. Auch diese Bewegung wurde von Schüler*innen in den USA initiiert, die angesichts einer – hier noch viel unmittelbareren – Bedrohung ihres Lebens die heuchlerische Politik, die diese sehenden Auges in Kauf nimmt, nicht länger hinnehmen wollen.

Dass Frauen* die neue Bewegung gegen die Politik der Verdrängung angesichts einer drohenden  Klimakrise anführen, ist indes auch einem genuinen Zusammenhang geschuldet: Studien belegen, dass Frauen* von den Folgen des Klimawandels besonders hart getroffen werden. Zivilgesellschaftliche Organisationen arbeiten seit Jahren daran, ein Bewusstsein für diesen Zusammenhang zu schaffen und zu zeigen, wie eng verflochten Geschlechter- und Klimagerechtigkeit sind. In einem Facebookpost am Internationalen Frauenkampftag bezieht die Protagonistin der Proteste Greta Thunberg zu dieser Verflechtung radikal Position, wenn sie schreibt: „We can not live in a sustainable world unless all genders and people are being treated equally. Period.“

Doch nicht nur Feminismus und Klimagerechtigkeit gehören zusammen: Es geht dabei auch um Gerechtigkeit zwischen dem wohlhabenden Teil der Welt und der jeweiligen Länder auf der einen Seite und denen die weniger haben auf der anderen. Überall trifft der Klimawandel zuerst diejenigen, die am ärmsten sind, während diejenigen, die über die Ressourcen verfügen, ihn weiter anfachen. Deshalb darf auch nicht unkommentiert bleiben, dass die Demonstrierenden, zumindest in Deutschland, ganz überwiegend Teil der weißen Mittelschicht sind, also zu einem privilegierten Bevölkerungsteil gehören. Die Zukunft, für die die „fridays for future“ stehen, darf jedoch nicht nur einer Elite vorbehalten sein.

Laut und nachdrücklich für Veränderung

Aus feministischer Perspektive bleibt der Eindruck, dass die weitgehende Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass „fridays for future“ vor allem von Frauen* getragen wird, einerseits bitter ist - zugleich aber halb so schlimm: Dass es diese Proteste gibt und dass sie überhaupt eine solche Aufmerksamkeit bekommen, ist an sich schon absolut notwendig für die wohl existenziellste Herausforderung unserer Zeit: den Erhalt unseres Planeten. Und auch wenn sich die alten Platzhirsche weigern, darüber zu sprechen, dass die Demonstrierenden vor allem Frauen* sind, sind sie trotzdem da, jeden Freitag. Sie warten nicht auf eine Erlaubnis von den Christian Lindners dieser Welt, die die großen Zusammenhänge lieber den „Profis“ überlassen wollen, die den Karren dann weiter fröhlich in den Dreck fahren – sie autorisieren sich selbst. Sie nehmen ihr Schicksal in die Hand und pochen auf Veränderung, laut, nachdrücklich und unverschämt.

Zuerst erschienen beim Gunda-Werner-Institut.