"Südafrikanische Städte müssen kreativ auf die strukturelle Arbeitslosigkeit reagieren"

"Südafrikanische Städte müssen kreativ auf die strukturelle Arbeitslosigkeit reagieren"

Interview

Edgar Pieterse vom African Centre for Cities spricht im Interview über die Dynamik der Stadtentwicklung in Südafrika, über Wohnungspolitik und öffentliche Verkehrsmittel und die Maßnahmen, die getroffen werden müssen, um die Arbeitslosigkeit zu vermindern.

Bücherei in Alexandra, Johannesburg
Bücherei in Alexandra, Johannesburg — Bildnachweise

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers Südafrika: 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.

Etwa 60 Prozent der Südafrikaner/innen leben in urbanen Räumen. Während der Apartheid haben die Landverteilungs- und Siedlungspolitik die strukturellen Ungleichheiten zwischen schwarzen, coloured und weißen Menschen systematisch verstärkt. Hat sich durch die Demokratie in Südafrika in den letzten 25 Jahren etwas daran geändert? 

Die Antwort ist: ja und nein. Ja, weil die formelle rassistisch begründete Segregation nach dem Group Areas Act beendet wurde. Gleichzeitig wurde die Segregation im Bezug auf Wohnraum durch Kräfte des freien Marktes verstärkt. Diese Marktkräfte wirken schlimmer als je zuvor. Tatsächlich war der private Immobilienmarkt in Südafrika seit 1994 stärker als in vielen anderen Teilen der Welt und diejenigen, die in diesem Markt bereits Fuß gefasst hatten – vor allem die weiße Minderheit -  profitierten enorm.

Praktisch bedeutet dies, dass schwarze Südafrikaner/innen, die die Mittel und das Einkommen hatten, um sich in wohlhabenden Wohngegenden Eigentum zu kaufen, genau dies taten – und das hat nachhaltig eine größere Durchmischung in Ober- und Mittelschichtsvororten mit sich gebracht. Dies hat auch marktwirtschaftliche Gründe, die Weißen machen nur 9 Prozent der Bevölkerung in Südafrika und die meisten verfügen über Hausbesitz.

Edgar Pieterse

Edgar Pieterse ist Gründungsdirektor des African Centre for Cities (ACC) an der Universität Kapstadt und dort auch Professor an der School of Architecture and Planning. Seine Forschung und Lehre konzentriert sich auf Stadtentwicklungspolitik, Alltagskultur, radikale soziale Ökonomien, reaktionsfähiges Design und anpassungsfähige Governance-Systeme.

Er ist in der African Urban Research Initiative, einem Forschungsnetzwerk von 16 Ländern aktiv und er ist in verschiedenen Beiräten führender städtischer Forschungszentren auf der ganzen Welt tätig, unter anderem in LSE Cities (London) und in der Shaping the Future of Urban Development and Services Initiative des World Economic Forum.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage ist aber auch nein, weil die Bereitstellung von Wohnraum für arme Menschen durch die öffentliche Hand weit über die Bereitstellung des Marktes an verfügbaren Wohngelegenheiten für die Mittelschicht hinaus geht. Neuer Wohnraum, der durch öffentliche Wohnungspolitik bereitgestellt wird, ist bisher fast ausschließlich an schwarze und coloured Familien gegangen, da diese unter die Einkommensschwelle fallen, welche eine Person, berechtigt, eine öffentlich finanzierte Wohnung zu beziehen. Schätzungsweise 3,5 Millionen dieser Wohngelegenheiten wurden seit 1994 zur Verfügung gestellt, ausschließlich für schwarze und coloured Familien, aber häufig an der Peripherie von Städten, weit weg von Wirtschaftszentren.

Es ist allerdings beachtlich, dass in Städten wie Kapstadt, in denen eine beträchtliche Anzahl an coloured Personen lebt, die öffentlichen Wohnungen sowohl von schwarzen als auch von coloured Familien bewohnt werden – Gruppen, die während der Apartheid getrennt waren. Leider verstehen wir wenig über die Natur und Dynamik des Alltagslebens in diesen neuen Communities, welche, so könnte an argumentieren, wirklich post-Apartheid-Communities sind.

Was müsste getan werden, um die strukturellen Ungleichheiten in Südafrika zu verringern?

Ein wichtiger Ausgangspunkt ist Arbeit. Südafrika ist geplagt von einer Epidemie von umfassender Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung. Dies betrifft nur arme Schwarze und coloured Familien und drückt sich in einer Arbeitslosenquote von fast 50 Prozent unter den 15-24-jährigen aus. Es ist schwer vorstellbar, wie sich dieser Trend umkehren soll, angesichts eines öffentlichen Bildungssystems, welches in einer Krise steckt und auf absehbare Zeit die soziale Mobilität von schwarzen Kindern aus der Arbeiterschicht verhindern wird.

Darüber hinaus hat die formelle Wirtschaft bereits ihren Übergang in eine vollwertige Dienstleistungswirtschaft vollzogen. Das heißt, neue Jobs, die entstehen, erfordern hohe Qualifizierungen und sind für Menschen, die im Schulsystem hängen gelassen wurden, nicht erreichbar. Als kurz- bis mittelfristige Notlösung sollte das Land ein großangelegtes öffentliches Arbeitsprogramm auflegen, welches explizit auf junge Menschen abzielt und gleichzeitig bewusst eine Vielzahl an Aktivitäten fördert, die den öffentlichen und semi-öffentlichen Raum betreffen. So könnten z.B. die Vielzahl von inoffiziellen Kinderkrippen in amen Stadtvierteln mit nachhaltigen Materialien und Technik modernisiert und auch die Wartung dauerhaft übernommen werden. Sie sollten mit weiteren Orten der Aktivität und mit Grünflächen verbunden werden.

Die Planung, Implementierung, Unterhaltung und Verstärkung solcher öffentlichen Infrastruktur könnte eine große Anzahl junger Menschen mobilisieren. Darüber hinaus könnten noch mehr junge Menschen eingebunden werden, wenn die Ökosysteme, grünen Orte, Wasser- und Abflusssysteme sowie kulturellen Strukturen durch partizipative Entwicklung und Umsetzung neu gedacht würden. Ich bin mir sicher, wenn es uns gelingt, diese Systeme, die von Kreislaufwirtschaft inspiriert sind, so zu gestalten, dass sie Wert produzieren und die Menschen stolz machen, dann wird das die Wahrnehmung der Investoren vom Potential und vom Marktwert von Townships komplett verändern. Dies wäre dann ein Stimulator für neue Geschäftsideen und formelle Arbeitsplätze.

Eine weitere dringende und praktische Antwort wäre es, leere Grundstücke in Mittelschichtsvororten zu identifizieren und zu bebauen, sodass bezahlbarer aber angemessener Wohnraum entstehen kann. In einem typischen südafrikanischen Vorort beschäftigen Familien Hausangestellte, unter anderem für Kinderbetreuung, Reinigung und als Sicherheitspersonal. Diese schlecht bezahlten und oft ausgebeuteten Arbeiter/innen müssen einen Großteil ihres Einkommens für Fahrtkosten zur Arbeit und zurück verwenden. Zugang zu bezahlbaren Wohnungen in den Stadtviertel, in denen Hausangestellte arbeiten, würde die Lebensqualität der Arbeiter/innen verbessern und die sozio-kulturelle Zusammensetzung der Viertel enorm verändern. In den meisten südafrikanischen Städten ist das lange überfällig.

Was braucht es noch, um die Situation derjenigen Menschen zu verbessern, die heute einen Großteil ihres Einkommens für Fahrtkosten ausgeben?

Strukturelle Ungleichheiten können nicht dadurch gelöst werden, dass wir einfach auf die Bewohnbarkeit und dynamischen Kräfte der Townships schauen. Es braucht auch Maßnahmen um bezahlbare und sichere Mobilität zu gewährleisten, damit Arbeitssuchende Jobangebote wahrnehmen können und Menschen, die bereits Jobs haben, effizienter sein können. Der größte Unterschied kann dann gemacht werden, wenn südafrikanische Städte die richtigen Reformen beim öffentlichen Transport und im Investitionssektor anschieben.

Die oberste Priorität sollte haben, die massiven Investitionen in den Transit-Schnellbus-Verkehr (BRT) zu überdenken und stattdessen die Minibus-Industrie zu unterstützen und zu modernisieren, sowie den schlecht verwalteten Schienenverkehr zu sanieren. Im Moment stehen staatliche Subventionen nur dem nationalen Schienenunternehmen zur Verfügung, welcher auch innerstädtische Strecken abdeckt, sowie einigen Busunternehmen, die durch Provinzregierungen zugelassen sind.  

Die Minibustaxi-Industrie erhält keine öffentlichen Subventionen, obwohl diese sowohl dem Schienen- als auch Busverkehr in den meisten südafrikanischen Städten bei weitem überlegen ist. Um genau zu sein: Minibustaxi-Unternehmen erhalten eine Subvention in Form einer Einmalzahlung, um Fahrzeuge auszutauschen, welche für den Straßenverkehr nicht mehr zugelassen sind und minimalen Sicherheitsstandards nicht entsprechen. Problematisch ist, dass die Minibustaxi-Industrie von den Barzahlungen der Kund/innen für einzelne Fahrten lebt, deswegen hochgradig kompetitiv ist und Rasen, rücksichtsloses Fahren, interne Konflikte über Routen und die Ausbeutung von Fahrern durch die Taxibesitzer mit sich bringt.

Von Vorteil ist, dass diese Form des (öffentlichen) Transports sehr passend ist für die weitläufigen und dünn besiedelten urbanen Räume, die für südafrikanische Städte so typisch sind. Minibusse können jede Ecke und jede Nische der Stadt erreichen, wodurch sie zu einer sehr brauchbaren Dienstleistung für die Kund/innen werden. Wenn wir voranblicken, dann sehen wir einen dringenden Bedarf daran, diese Taxis zu modernen und sicheren Fahrzeugen umzurüsten, die durch digitale Technologien bargeldlose (und Bargeld basierte) Zahlungen ermöglichen, in denen per Handy und Smartphone gezahlt werden kann, die Geschwindigkeitskontrollen, Passagiersicherheit und -komfort sicherstellen. Dafür wird ein Umdenken bezüglich der nicht finanzierbaren BRT-Investitionen nötig sein, eine Erhöhung und Umverteilung von öffentlichen Subventionen und, vor allem, ein integriertes System, welches das Umsteigen zwischen verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln möglich macht.

In den letzten Lokalwahlen haben Oppositionsparteien, allen voran die Democratic Alliance, dem regierenden ANC einige urbane Zentren streitig gemacht. Hat die Zunahme an politischem Wettbewerb diesen Städten gutgetan? 

Es ist schwer, eine deutliche Bewertung der Auswirkungen von Koalitionsregierungen in einigen Stadträten abzugeben. Es scheint, als habe dies zu enormen Instabilitäten und Vorsicht in der Verwaltung geführt, da die beteiligten politischen Parteien noch nicht zu wissen scheinen, wie sie am besten mit diesen neuen politischen Arrangements umgehen sollten. In Johannesburg, wo die Koalitionsregierung stabiler scheint, hat sie widersprüchliche Politiken hervorgebracht.

Was sind die drängendsten Fragen, denen sich Südafrika in den kommenden 25 Jahren stellen muss?

Um auf meine Überlegung vom Anfang zurückzukommen: Das drängendste Thema für die kommenden 25 Jahre wird die Wirtschaft sein. Wenn südafrikanische Städte nicht in der Lage sind, mit kreativen Strategien auf die Krise der strukturellen Arbeitslosigkeit zu reagieren, wird es schwierig werden, damit verbundene Probleme wie Ungleichheit, Unsicherheit und sozialen Unfrieden anzugehen. Eine weitere Priorität muss darauf liegen, Stadtplanung und Investitionsprozesse so zu gestalten, dass Townships zu wirtschaftlich pulsierenden, sichereren und attraktiven neuen Zentren in den sich kontinuierlich verändernden Ballungsgebieten werden. Die dritte und ebenso wichtige Herausforderung ist es, demokratisch verhandelte Wachstumspfade und Ressourcenmanagement zu etablieren, die unsere städtischen Regionen zu einem nachhaltigen System werden lassen.

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers Südafrika: 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.

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