"Wir brauchen eine zivilgesellschaftliche und feministische Bewegung im Land"

Interview

Die schwarze lesbische Menschenrechtlerin und Aktivistin Funeka Soldaat spricht über die Situation der LGBTIQ-Community in Südafrika 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers Südafrika: 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.

25 Jahre nach dem Ende der Apartheid – was hat sich für LGBTIQ-Personen in Südafrika geändert?

Nach dem Ende der Apartheid begann die LGBTIQ-Community sich offen zu organisieren und diskriminierende Gesetze und Politiken anzufechten. LGBTIQ-Aktivist_innen gründeten Community Organisationen in Townships und in ländlichen Provinzen. Die Nationale Koalition für Schwule und Lesben (National Coalition for Gays and Lesbians) wurde gegründet, um Verhandlungen über die Verankerung eines Paragraphen zur sexuellen Orientierung in der Verfassung zu führen.

Aktivist_innen lobbyierten beim regierenden ANC für die Unterstützung von Kampagnen der LGBTIQ-Community. 1996 wurde schließlich die Verfassung mitsamt dem Passus zur sexuellen Orientierung verabschiedet. Ungerechte Gesetze, die noch aus der Apartheidzeit stammten, wurden angefochten und geändert. Der legale Status von LGBTIQ-Individuen hat sich verändert.

Funeka Soldaat

Funeka Soldaat

Funeka Soldaat ist eine schwarze lesbische Menschenrechtlerin und Aktivistin, die sich für eine sichere Zukunft und gegen sogenannte Hassverbrechen gegen Lesben und Schwule engagiert.

Sie hat in ihrem Township Khayelitsha die Organisation Free Gender gegründet und ein Buch über ihr Leben  „uHambo“ veröffentlicht.

LGBTIQ wurden auch im öffentlichen Dienst angestellt, vor allem schwule Männer in der Armee. LGBTIQ-Personen durften heiraten. Schwulenfreundliche Gesundheits- und auch religiöse Institutionen wurden gegründet. In verschiedenen Städten des Landes wurden auch Trans*Personen sichtbarer.

Trotz relativ progressiven Gesetzen ist die Umsetzung von Rechten für Schwule und Lesben extrem ungleich. Schwarze Lesben aus Townships sind nicht nur dem größten Risiko für offene Gewalt ausgesetzt, sondern erfahren auch strukturelle Diskriminierung durch Gerichte, Behörden und Arbeitgeber/innen. Gibt es einen politischen Willen, an dieser Situation etwas zu ändern? Was müsste getan werden, damit jede queere Person ihre Rechte genießen kann?

Die LGBTIQ-Community in Afrika bezeichnet Südafrika als das beste und sicherste Land der Welt. In Wirklichkeit sind südafrikanische Townships sehr gefährliche Orte für LGBTIQ-Personen.

Die größte Herausforderung in unserem Land ist, dass es keine starken Gesetze gegen Hassverbrechen und Hate Speech gibt, die die verfassungsmäßigen Rechte stärken würden, die nach der Apartheit erreicht wurden. Wo es Gesetze gibt, die LGBTIQ-Personen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützen, werden diese schlecht oder gar nicht umgesetzt.

Von Regierungsseite aus gibt es keine nachhaltigen Kampagnen gegen Homo- und Transphobie in unserem Land. Es gibt keinen breiten politischen Willen, diese Situation zu ändern. Wir brauchen eine starke und nachhaltige Menschenrechtsbewegung, damit queere Personen ihre Rechte ausüben können. LGBTIQ-Personen müssen vermehrt in machtvolle Positionen im politischen Raum kommen, da sich nur queere Personen selbst für diese Veränderung einsetzen. 

Ist der politische (Un)-Wille, ALLE queeren Menschen vor Gewalt zu schützen und sie darin zu stärken, ihre Rechte wahrzunehmen, unterschiedlich in den verschiedenen politischen Partien?

Wir brauchen eine zivilgesellschaftliche und feministische Bewegung im Land, die das Patriarchat und damit zusammenhängende Ungerechtigkeiten bekämpft. Die drei größten politischen Parteien in Südafrika unterstützen in ihren Parteiprogrammen LGBTIQ-Personen und versprechen, diese vor Gewalt zu schützen und sie zu unterstützen, ihre Rechte wahrzunehmen. 

Was sind die Prioritäten und Strategien von schwarzen lesbischen Aktivistinnen und wie haben sich diese seit 1994 entwickelt?         

Die Prioritäten sind die Herstellung von Sicherheit für schwarze Lesben in Townships, der Kampf gegen Homophobie in öffentlichen Institutionen und zu Hause sowie der Zugang zu Rechtsstaatlichkeit und Gesundheit.

Die Strategien sind die Herstellung von sicheren Räumen (safe spaces) für schwarze Lesben, in denen sie sich entfalten können; die Teilnahme an durch die Regierung eingesetzten Arbeitsgruppen zum Umgang mit Gewalt gegen LGBTIQ-Personen; die Gründung von lokalen Plattformen der Polizei zum Umgang mit Hassverbrechen – und der Austausch mit Communities und zivilgesellschaftlichen Organisationen zum Umgang mit Homophobie.

1994 war der Fokus von LGBTIQ-Personen viel stärker auf der Verankerung von Rechten von LGBTIQ-Personen in der Verfassung, vor allem durch die Aufnahme von sexueller Orientierung in die Kategorie von Hintergründen, aufgrund derer kein Mensch diskriminiert werden darf. Außerdem stand die Anfechtung von allen homophoben Gesetzen im Mittelpunkt.  

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Südafrika in den kommenden 25 Jahren?

Die größten Herausforderungen sind Ungleichheit, geschlechterbasierte Gewalt, Hassverbrechen, Korruption und Armut.

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers Südafrika: 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.