Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf Kleinbäuer*innen in Nigeria

Interview

Viele Kleinbäuer*innen mussten während des Lockdowns zusehen, wie ihre Ernte verottete. Die Unterstützung der Regierung komme auf dem Land nicht an und sei zu bürokratisch, kritisiert Mary Afan.

Nigeria ist weithin als größter Ölproduzent Afrikas bekannt, doch die Landwirtschaft bildet nach wie vor die Grundlage der nigerianischen Wirtschaft. Zwei Drittel der Nigerianer*innen sind in der Landwirtschaft tätig, die etwa ein Viertel des nationalen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Kleinbäuerinnen leisten einen wesentlichen Beitrag zur einheimischen Nahrungsmittelproduktion und stellen mehr als 60 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte.

Mary Afan, Präsidentin der Small-Scale Women Farmers Organisation in Nigeria (SWOFON), spricht im Interview mit der Heinrich-Böll-Stiftung über die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Nigeria, die Reaktionen der Regierung und wie Kleinbäuer*innen bei der Bewältigung der Krise unterstützt werden können.

Welche Auswirkungen haben die COVID-19 Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft?

Der Lockdown, der Ende März von den Behörden angeordnet wurde, war ein Schock für die nigerianischen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Die Bewegungsfreiheit wurde ausnahmslos eingeschränkt und landesweit von den Sicherheitskräften umgesetzt. Dadurch konnten viele Bäuerinnen und Bauern nicht mehr zu ihren Feldern gelangen. Auch ihr Zugang zu den Märkten wurde drastisch eingeschränkt. Da die meisten Kleinbäuerinnen und Kleinbauern keine Lagermöglichkeiten haben, mussten sie zusehen, wie ihr Obst und Gemüse verrottete, oder sie waren gezwungen, es für wenig Geld an skrupellose Zwischenhändler*innen zu verkaufen.

Selbst nachdem die Lockdown-Beschränkungen gelockert worden waren, berichteten uns zahlreiche Kleinbäuer*innen von Schikanen an Polizei- und Militärkontrollpunkten. Wenn sie sich weigerten, Bestechungsgelder zu bezahlen, wurden ihre Produkte beschlagnahmt oder vernichtet. Insbesondere Bäuerinnen waren hiervon betroffen. Diese Atmosphäre der Belästigung und Einschüchterung auf den Straßen hielt viele Lebensmittellieferant*innen davon ab, ihre Arbeit auszuüben. Die Lieferanten*innen, die sich auf die Zahlung von Bestechungsgeldern einließen, gaben die Kosten an die Bäuerinnen und Bauern weiter. 

Neben dem Einkommensverlust haben die Bäuerinnen und Bauern auch mit steigenden Preisen für landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Dünger, Unkrautvernichter und Saatgut zu kämpfen, weil sich der Lockdown auch auf den Import und Transport dieser Produkte ausgewirkt hat. So kostet zum Beispiel der Dünger, den ich für meinen Hof vor gerade einmal drei Monaten 7.500 NGN (ca. 16,50 Euro) pro Sack erworben habe, mittlerweile 17.000 NGN (ca. 37,- Euro).

Wie hat sich diese Situation auf die Nahrungsmittelpreise am Markt ausgewirkt?

Nahrungsmittel waren schon immer ein wesentlicher Inflationstreiber in Nigeria. Aber aufgrund der COVID-19 Pandemie sind die Preise für Nahrungsmittel besonders stark gestiegen. Das hätte vermieden werden können, wenn der Lockdown auf vernünftigere Art und Weise umgesetzt worden wäre. Unabhängig von den Auswirkungen von COVID-19 müssen wir darauf hinarbeiten, direktere Verbindungen zwischen den Bäuerinnen und Bauern und den Märkten herzustellen. Auch die Macht der Zwischenhändler*innen muss sowohl gegenüber den Produzent*innen wie auch den Konsument*innen eingeschränkt werden. Momentan ist die Lage jedoch so desolat, dass einige Kleinbäuer*innen gezwungen sind, ihre Nahrungsmittel selbst auf dem Markt zu kaufen.

Wie hat die Regierung auf die Herausforderungen in der Landwirtschaft reagiert?

Auch wenn die Regierung Hilfsmaßnahmen angekündigt hat, haben diese für die kleinbäuerliche Landwirtschaft meist nur sehr wenig gebracht. Ein Beispiel: Kurz nachdem Berichte über die negativen Auswirkungen der Einschränkungen auf die Landwirtschaft an die Öffentlichkeit gerieten, erklärte die Bundesregierung die Landwirtschaft zu einem systemkritischen Dienstleistungssektor, für den Bewegungsfreiheit gelten solle. Das Landwirtschaftsministerium und andere zuständige Behörden begannen daraufhin mit der Ausstellung von Passierscheinen, die jedoch nie bei den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ankamen. Regierungsmitarbeiter*innen, die diese Passierscheine hätten verteilen können, waren während des Lockdowns nirgendwo zu finden. Gleichzeitig gingen die Erpressungen seitens der Polizei und anderer Sicherheitskräfte auf den Straßen weiter.

Während die Regierung Unterstützungsprogramme für die Städte auflegte, kam davon in den armen, ländlichen Gebieten nichts an. Wir hatten gehofft, dass man den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern landwirtschaftliche Betriebsmittel als Unterstützung zur Verfügung stellen würde; das ist jedoch so gut wie gar nicht passiert.
Die finanziellen Hilfsprogramme für landwirtschaftliche Betriebe, die von der nigerianischen Zentralbank angeboten werden, sind für kleinbäuerliche Unternehmer*innen nur schwer zugänglich. Der Antragsprozess erfordert das Ausfüllen von Online-Formularen. Das ist schwierig in einem Land, wo viele ländliche Gemeinden nach wie vor keinen Zugang zum Internet, oder sogar zu Elektrizität haben. Viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern verfügen auch nicht über eine formale Schulbildung.

Und selbst wenn die Mehrheit der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern diese Hürden überwinden könnte, werden vor allem die Kleinbäuerinnen die Bedingungen, die zur Beantragung finanzieller Unterstützung notwendig sind, niemals erfüllen können. Tradition und Kultur erlauben es Frauen nicht, in ihrem eigenen Namen Land zu besitzen. In vielen Fällen muss ein Mann zugegen sein, wenn eine Frau ein Stück Land erwerben möchte. Kleinbäuerinnen können also keinen Grundbuchtitel als Kreditsicherheit angeben.

Was könnte die Regierung jetzt tun, um besser auf die Bedürfnisse der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern einzugehen?

Organisationen wie die Small Scale Women Farmers Organisation in Nigeria verfügen über effektive Strukturen, durch die sie zahlreiche kleinbäuerliche Organisationen und auch einzelne Bäuerinnen in entlegenen Dörfern erreichen. Die Regierung sollte mit unserer und anderen Organisationen zusammenarbeiten, um Informationen zu verbreiten und dringend benötigte Betriebsmittel zu verteilen.

Einige Bundesstaaten wie Kogi, Niger, Jigawa und Kaduna haben bereits positiv auf unsere Forderungen nach kostenlosen und subventionierten landwirtschaftlichen Betriebsmitteln reagiert. Die Bundesregierung und die anderen Bundesstaaten sollten ihrem Beispiel folgen. 

Die Zentralbank muss ihre Anforderungen an die Agrarkreditvergabe überarbeiten. Die derzeitigen Regelungen begünstigen landwirtschaftliche Großbetriebe, die von Männern geführt werden. Der Agrarsektor wird jedoch weitgehend von Kleinbäuerinnen dominiert – die Regelungen müssen dieser Realität gerecht werden.

Abgesehen von diesen unmittelbaren Maßnahmen müssen wir auch das Thema der Lagerung und Verarbeitung von Lebensmitteln auf Ebene der Bauernhöfe angehen. Derzeit sehen sich Kleinbäuerinnen und Kleinbauern häufig gezwungen, ihre Produkte kurzfristig und zu sehr niedrigen Preisen an Zwischenhändler*innen zu verkaufen.

Insbesondere aus Sicht der Kleinbäuerinnen ist und bleibt das Thema ‚Land‘ die größte Herausforderung. Sowohl die Regierung wie auch die traditionellen Autoritäten müssen sicherstellen, dass Frauen Zugang zu Land bekommen und dass sie es auch besitzen und erben dürfen. Zusammengenommen würden diese Maßnahmen viele Kleinbäuerinnen aus der Armut holen und zur Ernährungssicherheit im Land beitragen.


Die Small Scale Women Farmers Organization in Nigeria (SWOFON) ist ein landesweiter Zusammenschluss von Kleinbäuerinnenverbänden und -gruppen. Das Ziel des Netzwerkes ist es, eine frauenfreundliche Agrarpolitik sowie den Zugang von Frauen zu Land zu fördern. Zu diesem Zweck organisiert und stärkt SWOFON Kleinbäuerinnen dabei, Politiker*innen und andere Entwicklungsakteur*innen auf ihre Belange aufmerksam zu machen.