Langfristigkeit: Infrastrukturen prägen über Jahrzehnte

Infrastrukturatlas

Infrastrukturen überdauern Staaten und Regierungen. In modernen Gesellschaften sind alle auf sie angewiesen – und die globalisierte Welt wäre ohne sie undenkbar.

Infrastrukturatlas: Infografik zeigt die Dimensionen von Infrastrukturen
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Infrastruktur umfasst nicht nur die Netze, die uns mit Energie, Wasser und Informationen versorgen – sondern auch die Räume, in denen die Gesellschaft interagiert.

In den Medien ist das Wort „Infrastruktur“ allgegenwärtig. Meist werden damit Einrichtungen umschrieben, auf denen das tägliche Funktionieren des Verkehrs, des Warentransports und der Kommunikation beruht. Es sind aber auch Systeme der Ver- und Entsorgung, etwa mit Wasser und Energie oder von Müll, damit gemeint. In einem erweiterten Sinne können zudem soziale Räume wie Schwimmbäder oder Bibliotheken, Bildungs-, Kultur- und Betreuungseinrichtungen als Infrastrukturen bezeichnet werden.

Funktionierende Infrastrukturen werden oft mit guter Regierung gleichgesetzt. Viele Menschen finden, dass sich die Verwaltung, Expertinnen und Experten oder „die Politik“ um ihre Bereitstellung kümmern sollen. Umso verärgerter sind sie dann, wenn es zu wenig Kitaplätze gibt, die Eisenbahn unpünktlich ist, Schwimmbäder schließen oder das Handy auf dem Land keinen Empfang hat.

Politisch sind Infrastrukturen ein bedeutsames Thema: In der Forderung nach ihrer ständigen Verbesserung sind sich alle weitgehend einig. Wird dann ein neuer Straßenabschnitt oder ein Internet-Knoten eröffnet, gilt dies als Beweis dafür, dass eine Gesellschaft an ihre Zukunft glaubt. Und tatsächlich werden oft hohe Beträge investiert und weitreichende Entscheidungen getroffen. Je nach Technologie oder Bauwerk kann schon die Planung und Bereitstellung von Infrastruktur Jahrzehnte umfassen, ihr Betrieb noch weit länger – so profitieren viele europäische Städte bis heute vom Bau moderner Kanalisation im 19. Jahrhundert. Während ihrer Lebensdauer müssen Infrastrukturen dabei fortlaufend gepflegt, repariert und modernisiert werden.

Bevor der Begriff Infrastruktur in den 1960er-Jahren ­populär wurde, sprach man von „öffentlichen Arbeiten“ oder Einrichtungen, die dem „Gemeinwohl“ oder der „Daseinsvorsorge“ dienen. Manche Historikerinnen und Historiker sehen diese schon in der Antike: So hatten die Römer gewaltige Straßennetze und Wasserleitungen errichtet. Einige ihrer öffentlichen Bäder und Brückenbauten stehen noch immer. Und zahlreiche heutige Straßenverläufe, Hafenan­lagen oder Städte gehen auf Entscheidungen aus dem Mittelalter oder der Antike zurück. Seitdem wurden sie von neuen Infrastrukturen überlagert.

So beeindruckend die römische Infrastruktur war, so stand sie doch nur einem Teil der damaligen Bevölkerung zur Verfügung. In modern verwalteten Nationalstaaten stellen Einrichtungen des Verkehrs und der Kommunikation hingegen Angebote für alle Bürgerinnen und Bürger dar. Heute sollen Infrastrukturen Räume verbinden und die Mitglieder einer Gesellschaft umfassend miteinander in Beziehung setzen. Sie tragen zu einem Austausch von Menschen, Gütern und Ideen bei. Erst durch solche Netzwerke kann Arbeit differenziert verteilt werden und können Märkte entstehen, in denen sich Bedürfnisse und angebotene Waren eng aufeinander beziehen. Infrastrukturen schaffen einheitliche Räume der Kommunikation, in denen moderne Politik und demokratische Prozesse erst möglich werden.

Auch lassen uns Infrastrukturen teilhaben und entlasten unseren Alltag. Wenn sie funktionieren, beanspruchen sie kaum unsere Aufmerksamkeit. In Deutschland verlassen wir uns darauf, von A nach B reisen zu können und fast überall Zugang zu sauberem Wasser, Elektrizität oder Informationen zu haben. Viele der vernetzten Einrichtungen sind lokal entstanden und haben sich erst später zu großen Systemen fortentwickelt. Dies gelingt aber nur, wenn sie von ihren Nutzerinnen und Nutzern auch angenommen werden. Beispiele wie Fernrohrpostanlagen oder Pferdeeisenbahnen zeigen, dass sie auch wieder verschwinden können.

Hatte man im 19. Jahrhundert noch voller Stolz ein­drucksvolle Bahnhofsgebäude errichtet und Wassertürme mit Ornamenten versehen, sind heutige Infrastrukturen in den meisten Fällen nüchtern, in der Erde vergraben oder ­digital. Sie sind materielle Bindeglieder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Gesellschaft. Und sie bestehen über politische Zäsuren hinweg.

Infrastrukturatlas: Zeitleiste, die die Entwicklung der Infrastrukturen von 1839 bis 2010 in Deutschland abbildet.
Viele der Infrastrukturen, die wir heute noch nutzen, sind im Zuge der Industrialisierung und Verstädterung im 19. Jahrhundert entstanden.

Da sie einen Impuls zu stetigem Wachstum in sich ­tragen, enden Infrastrukturnetze selten an den Grenzen ­einer Stadt oder eines Staates. Vielmehr ist die Globalisierung ohne die weltweiten Infrastrukturen der Post, des Schiffsverkehrs oder des Internets nicht denkbar. Die Vorstellung einer Einheit der Welt beruht auf Medien, mit denen sie für immer mehr Menschen erfahrbar wird. Die Verlegung von Eisenbahnschienen und ­transkontinentalen ­Telegraphenlinien wurde im 19. Jahrhundert als heroische Tat gefeiert, denn sie schienen die Menschen einander näher zu bringen.

Aus dem gleichen Grund gibt es stets auch mahnende Stimmen: Fachleute für Sicherheit und Gesundheit sind alarmiert, wenn Verkehr oder Kommunikation scheinbar „unkontrolliert“ fließt und daher auch missbraucht werden kann. Im Fall von Krisen werden Infrastrukturen sehr schnell zu verwundbaren Lebensadern einer Gesellschaft.

Infrastrukturen sind nicht immer sichtbar. Oft entziehen sie sich im Alltag unserer Aufmerksamkeit. Dennoch haben sie eine gewaltige Bedeutung für unser Leben. Für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft, für Wohlstand und Lebensqualität sind sie unerlässlich. Aber sie sind auch ein langlebiges Erbe früherer Generationen. Deshalb ist die gegenwärtige und zukünftige Gestaltung von Infrastrukturen weit mehr als nur der Bau technischer Anlagen. Sie strukturiert und definiert unser Zusammenleben.