Kindertagesstätte (Kita): Infrastrukturen als ein Gewinn für alle

Infrastrukturatlas

Von guten Betreuungsangeboten profitieren Kinder, Eltern und die Wirtschaft. Die Zahl der Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren wird seit einiger Zeit ausgebaut. Unterschiede gibt es zwischen Ost- und Westdeutschland.

Infrastrukturatlas: Infografik zum Anteil von Kindern unter drei Jahren in Tagesbetreuung und Anteil aktiv erwerbstätiger Mütter von Kindern unter drei Jahren nach Ländern, in Prozent, 2006 und 2018.
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Seit Mitte der 2000er-Jahre haben die westdeutschen Länder beim Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren deutlich aufgeholt.

Kindertagesbetreuung ist ein sichtbarer und wichtiger Bestandteil der sozialen Infrastruktur. Bei hoher Qualität ist sie gut für die Berufschancen von Müttern, fördert die Entwicklung von Kindern, steigert die soziale Chancengleichheit, schafft Arbeitsplätze – und rechnet sich aus all diesen Gründen auch gesamtwirtschaftlich.

Im Frühjahr 2020 waren in Deutschland 92,5 Prozent der Kinder von drei bis unter sechs Jahren in einer Kindertagesbetreuung. Von den Kindern unter drei Jahren waren es 35,0 Prozent. Bei diesen sind die regionalen Unterschiede groß: In Ostdeutschland lag die Quote mehr als 20 Prozentpunkte über der in Westdeutschland.

Bis Mitte der 2000er-Jahre war diese Differenz noch ausgeprägter: In Westdeutschland besuchten weniger als 8 Prozent der Kinder unter drei Jahren eine Kindertagesbetreuung, während es in Ostdeutschland fast 40 Prozent waren. Dies entsprach dem in der Bundesrepublik viele Jahrzehnte vorherrschenden Familienmodell, in dem der Vater in Vollzeit der Erwerbsarbeit nachgeht und die Mutter sich vorrangig um Haushalt und Kinder kümmert. In der DDR war es hingegen üblich, dass auch Kleinkinder in staatlichen Einrichtungen betreut wurden, während beide Elternteile erwerbstätig waren. In der Folge liegt der Anteil von Kindern unter drei Jahren, die in Kindertageseinrichtungen (Kitas) betreut werden, in Ostdeutschland bis heute höher.

In den vergangenen 15 Jahren wurde die Notwendigkeit eines ausreichenden Kitaplatz-Angebots für Kinder aller Altersgruppen immer stärker von der Politik erkannt und angegangen. Der Ausbau öffentlich subventionierter Kitas wurde seither sukzessive forciert. Seit 2013 haben alle Kinder in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag, und zwar unabhängig von der Erwerbsbeteiligung der Eltern. Davor gab es seit 1996 einen Rechtsanspruch ab dem vierten Lebensjahr.

Infrastrukturatlas: Infografik zum monatlichen Elternbeitrag zur Tagesbetreuung im Vergleich in deutschen Städten.
Für 18 Monate alte Kinder liegen die Beträge fast überall höher – in Leipzig beispielsweise bei 164,22 Euro pro Monat, unabhängig vom Einkommen.

Treiber dieser Entwicklung sind unter anderem im Zuge des Wertewandels veränderte Rollen- und Geschlechterbilder, in Ostdeutschland sozialisierte Frauen, die eine gute Kita-Infrastruktur als selbstverständlich ansehen, sowie Forderungen der Wirtschaft, die auf gut ausgebildete Frauen als Arbeitskräfte angewiesen ist.

Denn ein gut ausgebautes Angebot an Kita-Plätzen hat positive Effekte auf die berufliche Karriere von Müttern – bei Vätern gibt es keine bedeutenden Auswirkungen. Empirische Studien zeigen, dass der Kita-Ausbau der vergangenen Jahre die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kindern im zweiten und dritten Lebensjahr signifikant erhöht hat; etwa die Hälfte dieses Anstieges ist auf den Ausbau zurückzuführen. Davon profitieren die Frauen unmittelbar, da sich kürzere Erwerbsunterbrechungen positiv auf das Lebenseinkommen und die Absicherung im Alter auswirken.

Auch aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive gehen von einer höheren Erwerbsbeteiligung der Mütter Wachstumsimpulse aus, gerade in Zeiten eines zunehmenden Fachkräftemangels. Zusätzlich fließt ein Teil der staatlichen Ausgaben für die Bereitstellung der Kindertagesbetreuung in Form von höheren Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträgen an die öffentliche Hand zurück.

In den vergangenen Jahren hat auch die Diskussion um die Qualität von Kitas zugenommen. Länder und Kommunen haben sich gemeinsam mit dem Bund auf Verbesserungen in diesem Bereich verständigt, denn eine qualitativ gute Kindertagesbetreuung ist auch für die Entwicklung von ­Kindern von großer Bedeutung. Dabei ist neben strukturellen Faktoren wie dem Betreuende-pro-Kind-Schlüssel oder der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte insbesondere die Interaktion der Betreuerinnen und Betreuer mit den Kindern von großer Bedeutung.

Bildungsökonomische Studien zeigen, dass insbesondere Kinder aus sozioökonomisch schlechtergestellten Familien von einer guten Kita-Qualität profitieren – allerdings sind in Deutschland in der Altersgruppe unter drei Jahren gerade diese Kinder in Kitas unterrepräsentiert. Sie können dabei etwa in Hinblick auf ihre Schullaufbahn und ihr späteres Erwerbseinkommen profitieren und könnten bei guter Kita-Qualität später auch seltener von sozialen Fürsorgeleistungen abhängig werden. 

Damit erzielt die Kita ökonomisch formuliert eine hohe Rendite. Diese ist vielfach höher als bei Investitionen in die Bildung von Kindern zu einem späteren Zeitpunkt. Volkswirtschaftlich betrachtet führt auch dies zu einem Gewinn, da dadurch langfristig die Einkommensteuereinnahmen steigen und die Ausgaben für die sozialen Fürsorgeleistungen sinken. Für einzelne Gruppen kann die Kita darüber hinaus einen hohen Nutzen haben, etwa bei der Sprachförderung von Kindern und der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und auch ihrer Eltern.

Infrastrukturatlas: Die Infografik bildet die formale Betreuung von Kindern unter drei Jahren in europäischen Ländern ab.
27,3 Prozent der Kinder unter drei Jahren waren 2012 EU-weit in formaler Kinderbetreuung. Seitdem ist dieser Wert jedes Jahr gestiegen und lag 2018 bei 35,1 Prozent.

Außerdem ist die Kita ein wichtiger Bereich der Sorge­arbeit, in dem zunehmend mehr Fachkräfte eine Beschäftigung finden können. Dabei ist es im Interesse der Beschäftigten als auch der gesamten Volkswirtschaft, diese Arbeitsplätze finanziell aufzuwerten. Insgesamt bringen gute Kitas auf vielen Ebenen Gewinne, die mittel- bis langfristig sogar deren Kosten übersteigen können. Hinzu kommen positive Effekte für die Gesellschaft, die sich nicht ­monetarisieren lassen.