Fehlernährung: Hunger und zu viel vom Falschen

Analyse

Fehlernährung nimmt weltweit zu. Zu wenig Nahrung führt zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen, zu viele leere Kalorien aus Zucker und Fetten können Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes auslösen.

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Die Gesundheitssysteme der meisten Länder weltweit werden durch eine oder mehrere Formen der Fehlernährung belastet.

Über ein Drittel der Menschheit leidet unter Fehlernährung. Die Betroffenen sind unterernährt und unzureichend mit Vitaminen oder Mineralstoffen versorgt, oder sie sind übergewichtig und fettleibig. Fettleibigkeit ist kein ästhetisches Problem, und sie macht auch nicht in jedem Fall krank. Aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Erkrankungen. Der Anteil der hungernden und unterernährten Menschen an der Weltbevölkerung hatte zwischen 2005 und 2014 abgenommen.

Seit 2017 steigt er wieder deutlich und lag 2020 weltweit bei 768 Millionen Menschen. Auch die Zahl der Übergewichtigen nimmt zu. 2018 waren weltweit 1,9 Milliarden Erwachsene übergewichtig oder fettleibig. In den Ländern des globalen Südens nehmen Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern schneller zu als in den Industrieländern. Für diese Länder bedeutet das eine doppelte Belastung durch Unter- als auch durch Überernährung.

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Gerade im globalen Süden ist eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung für viele Menschen unerschwinglich.

Hunger beeinträchtigt vor allem Kinder in ihrer Entwicklung. 45,4 Millionen Kinder unter fünf Jahren (6,7 Prozent) sind wegen chronischer Mangelernährung ausgezehrt, also zu leicht für ihre Körpergröße. 149,2 Millionen (22 Prozent) Mädchen und Jungen sind zu klein für ihr Alter. Etwa 45 Prozent der Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren gehen auf Unterernährung zurück.

Nicht nur im globalen Süden herrscht Nahrungsunsicherheit, sondern durchaus auch in den westlichen Industrieländern. Im Jahr 2019 lebten in den USA 35,2 Millionen Menschen in Haushalten, in denen zeitweilig nicht genug Geld für eine ausreichende Ernährung zur Verfügung stand.

Aber auch Übergewicht kann krank machen. Weltweit haben in den vergangenen 20 Jahren Krankheiten stark zugenommen, die nicht übertragbar sind und unter anderem durch falsche Ernährung ausgelöst werden. So starben im Jahr 2000 weltweit 900.000 Menschen an Diabetes, im Jahr 2019 waren es 1,4 Millionen. Herzerkrankungen und Schlaganfälle waren im Jahr 2019 weltweit die häufigsten Erkrankungen und verursachten 15 Millionen Todesfälle – im Jahr 2000 waren es noch 12 Millionen. Die Ursachen von Übergewicht und Fettleibigkeit sind vielschichtig. Sie liegen vor allem in veränderten Lebens- und Ernährungsgewohnheiten in Verbindung mit zu wenig Bewegung.

Einen strukturellen Grund für den zunehmenden Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln liefert die Ernährungskrise 2008. Frauen mussten zusätzliches Geld für den Lebensunterhalt ihrer Familien verdienen, während sie gleichzeitig weiter Care Arbeit für die Familie leisteten. So sind sie in vielen Ländern vorrangig für die Zubereitung des Essens verantwortlich. Weil dazu nun Zeit fehlte, wurden vermehrt hochverarbeitete Lebensmittel gekauft, die schnell und einfach gekocht werden können.

Armut macht Hunger

Cover: Armut macht Hunger

Der Artikel ist Teil des Factsheets Armut macht Hunger. Mit dieser Publikation möchten wir zu einer lebendigen gesellschaftlichen Debatte beitragen. Wir möchten die Gründe für Hunger und Fehlernährung darstellen und zeigen, dass es klarer politischer Regeln und Strategien bedarf, um diesen Entwicklungen zu begegnen. Die Publikation zum Download gibt es hier

Der Absatz solcher Lebensmittel stieg an, ebenso wie die Zahl der Menschen, die unterwegs Fastfood oder in Imbissen aßen. In der Folge nahm der Konsum verarbeiteter Nahrungsmittel mit einem hohem Zucker und Salzgehalt zu. Der Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel ist als eine Ursache für Fettleibigkeit ins Zentrum gerückt. Zu diesen zählen etwa zuckergesüßte Getränke, Snacks oder Tiefkühlgerichte.

Sie besitzen eine hohe Kaloriendichte und bestehen häufig aus billigen Rohstoffen wie Palmöl, Zucker und Stärke. Sie sind in allen Ländern der Welt Teil des Ernährungssystems. Im Vergleich zu anderen sind hochverarbeitete Lebensmittel haltbarer, fertig für den Verzehr und werden stark beworben.

Trotz der negativen Ernährungsbilanz werden – abhängig von der Region – zwischen 25 und 60 Prozent des Kalorienbedarfs durch hochverarbeitete Lebensmittel gedeckt. Marktdaten zeigen, dass der Umsatz mit ihnen am stärksten in Süd- und Südostasien sowie in Nordafrika und dem Mittleren Osten zugenommen hat, während der Umsatz mit hochverarbeiteten Getränken am stärksten in Süd- und Südostasien und Afrika gewachsen ist. Eine gesunde, also abwechslungs- und nährstoffreiche Ernährung, ist fünfmal teurer als eine Ernährung, die nur den Energiebedarf durch stärkehaltige Grundnahrungsmittel decken muss.

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Gemeinsam erzielten die großen fünf der Branche einen Umsatz von 308,4 Milliarden US-Dollar.

Weltweit können sich mehr als drei Milliarden Menschen keine gesunde Ernährung leisten. Im globalen Durchschnitt kostet es 0,79 US-Dollar, um eine Person für einen Tag mit ausreichend Kalorien zu versorgen. Der Preis für eine Ernährung, die außer Kalorien auch den Nährstoffbedarf berücksichtigt, liegt bei 2,33 US-Dollar.

Eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung, die verschiedene Lebensmittelarten kombiniert und neben Mangelerscheinungen auch langfristig ernährungsbezogenen Krankheiten vorbeugt, kostet pro Tag und Kopf mindestens 3,75 US-Dollar. Laut einem Bericht der UN ist eine gesunde Ernährung, die Mangelernährung vorbeugen würde, für fast die Hälfte aller Menschen weltweit unerschwinglich.