Jugendumfrage zu Umweltschutz & Pestizideinsatz: Veränderung gewollt

Atlas

Junge Menschen sind besorgt über den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und fordern die Politik zum Handeln auf. Sie wollen mehr Ökologie auf dem Acker und plädieren für eine stärkere Unterstützung von landwirtschaftlichen Betrieben.
 

Pestizidatlas Infografik: Umfrage im Jahr 2021 unter 16- bis 29-Jährigen über Biodiversität, Pestizideinsatz und Umweltschutz, Ergebnisse in Prozent
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Die Jugendumfrage zeigt keine signifikanten Unterschiede zwischen Stadt, Land und Bildungsabschlüssen: Jungen Leuten ist Nachhaltigkeit annähernd gleich wichtig

VerbraucherInnen machen Druck auf die Politik

Pestizide sind ein Dauerbrenner der Umweltdebatte: Seit Jahren geben viele Konsumentinnen und Konsumenten sie in EU-weiten Erhebungen als eins der größten Lebensmittelrisiken an. Auch als Kaufmotiv für Biolebensmittel ist der Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz gut untersucht. Initiativen für eine Reduktion des Pestizideinsatzes wie etwa in der Schweiz oder in Frankreich zeigen ein beachtliches Unterstützungspotenzial in der Bevölkerung. Und auch das wachsende Problembewusstsein beim Thema Insektenschutz spricht dafür, dass Umweltrisiken stärker in den Fokus rücken.

Infobox Pestizidatlas 2022

Cover des Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas zeigt in 19 Kapiteln Daten und Fakten rund um die bisherigen und aktuellsten Entwicklungen, Zusammenhänge und Folgen des weltweiten Pestizidhandels und Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft.

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Junge Menschen besonders besorgt

Aktuelle Jugendstudien und die Fridays-for-Future-Bewegung zeigen ein hohes Klimaschutzbewusstsein von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wie stark aber für diese Altersgruppe Pestizide noch ein Problem darstellen, war bislang mangels Studien weitgehend unklar. Wie sieht die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland die Landwirtschaft und deren Auswirkungen auf Umwelt- und Artenschutz? Ist der Einsatz von Pestiziden überhaupt ein Thema für die Generation der unter 30-Jährigen? Um darauf Antworten zu finden, wurden im Oktober 2021 speziell für den Pestizidatlas 1.131 junge Erwachsene befragt. Die Onlineumfrage für die Altersgruppe der 16-bis 29-Jährigen ist hinsichtlich des Geschlechts, der Bildung und der regionalen Verteilung der Befragten repräsentativ.

Pestizidatlas Infografik: Umfrage im Jahr 2021 unter 16- bis 29-Jährigen über Biodiversität, Pestizideinsatz und Umweltschutz, Ergebnisse in Prozent
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Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Generation, die sich der planetaren Grenzen bewusst ist und mehr Engagement von der Politik fordert, damit die Landwirtschaft Lebensmittel umweltverträglich erzeugen kann. Wie produziert wird, stößt auf breites Interesse – nur sehr wenige der jungen Befragten (7,2 Prozent) haben angegeben, das Thema sei ihnen egal. Das Bewusstsein für Risiken des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft ist hoch. Gut zwei Drittel sind darüber besorgt und halten den Einsatz für gefährlich. Überraschend ist, dass sich die Hauptsorgen auf den Gewässer- und Grundwasserschutz richten. Danach folgen die Auswirkungen auf Luft und Boden. Erst an dritter Stelle steht die Sorge um die eigene Gesundheit. Auch die nachteiligen Effekte auf Biodiversität sind für eine deutlichen Mehrheit Anlass zu Sorge. Dabei ist der Rückgang an bestäubenden Insekten und Vogelarten etwas stärker im Fokus als der Verlust von Wildkräutern und -gräsern. Die durch Pestizide verursachten Probleme werden als zahlreich angesehen – deutliche Befürwortung findet der biologische Pflanzenschutz, zum Beispiel der Einsatz von Nützlingen als biologisch nachhaltige Schädlingsbekämpfer. Erstaunlich skeptisch gesehen werden dagegen neue Techniken wie der Einsatz von selbstfahrenden Robotern zum präzisen Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln oder zum Unkrautjäten.

Skepsis gegenüber Chemie-Industrie, Wertschätzung für Bio-Landwirtschaft

Das Image des chemischen Pflanzenschutzes und der Pflanzenschutzmittelindustrie ist eher schlecht. Bio-Landwirtschaft gilt dagegen als zukunftsfähig und modern: Ihr trauen viele der Befragten einen besonders respektvollen Umgang mit der Natur und Vorteile beim Insektenschutz zu. Insgesamt wird Bio mit deutlichen Vorteilen für Umwelt und Artenschutz verbunden. Knapp 60 Prozent haben angegeben, aus diesen Gründen Biolebensmittel zu kaufen. Beim Blick auf die Situation der Landwirtinnen und Landwirte sehen junge Erwachsene große Herausforderungen: 70 Prozent gehen davon aus, dass es schwierig ist, unter den heutigen Bedingungen zu wirtschaften. Die Leistung der Menschen in der Landwirtschaft wird wertgeschätzt – das zeigt die hohe Relevanz, die dem Thema faire Entlohnung zugesprochen wird. Das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Branche ist allerdings gering. Aus Sicht der Befragten ist die Landwirtschaft in vielen Sachzwängen gefangen. Weniger als ein Viertel der Befragten glaubt an einen verantwortungsbewussten Umgang mit Pestiziden. Knapp drei Viertel fordern von der Politik, für einen verringerten Pestizideinsatz zu sorgen. Die abgefragten Politikinstrumente finden durchgängig hohe Unterstützung.

Am Ende des Fragebogens wurde die Frage nach der Zukunft des chemischen Pflanzenschutzes gestellt: Sollen Pestizide in Zukunft weiterhin eingesetzt werden? Vor die Auswahl gestellt, sich zwischen uneingeschränktem Einsatz, sparsamem Einsatz, Einsatz nur in Ausnahmefällen und einem Verbot zu entscheiden, legen sich 48 Prozent der Befragten auf einen „Einsatz als letztes Mittel im Ausnahmefall“ fest. Weitere 32 Prozent plädieren für einen sparsamen Einsatz. 20 Prozent empfehlen ein Verbot. Den uneingeschränkten Einsatz befürworten nur knapp 1 Prozent. Damit werden anspruchsvolle Reduktionsziele gesetzt, die weit über das hinausgehen, was die Politik bislang anstrebt. 80 Prozent der Befragten äußern ihre Bereitschaft, eine Unterschriftenkampagne zu unterstützen, die den schrittweisen Verzicht auf Pestizide und Hilfe bei der Umstellung für die Landwirtschaft fordert.

Fazit: Junge Menschen zwischen 16 und 29 Jahren befürworten eine Landwirtschaft, die entweder auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz verzichtet oder zumindest den Einsatz erheblich reduziert. Debatten um Glyphosat und Biodiversitätsrisiken sind in dieser Altersgruppe angekommen. Landwirtinnen und Landwirte werden als Getriebene eines Agrarsystems gesehen, das sie unfairen Rahmenbedingungen aussetzt.