Pestizide bedrohen die Biodiversität in Deutschland: Bedrohte Vielfalt

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Seit Jahren warnen Fachleute: Auf Acker, Feld und Wiese geht in Deutschland die biologische Vielfalt verloren. Eine der Ursachen ist der Einsatz von Pestiziden.

Pestizidatlas Infografik: Auswirkungen verschiedener Mittel auf das Wohl wirbelloser Bodentiere wie Insekten und Regenwürmer, in Prozent
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Bei 70,6 Prozent der Experimente mit 2800 Parametern schädigten Pestizide vor allem Organismen, die für die Erhaltung gesunder Böden von entscheidender Bedeutung sind

Glyphosat vernichtet Biodiversität

In der deutschen Agrarlandschaft wird seit vielen Jahren ein erheblicher Rückgang der Biodiversität festgestellt, deren Grund unter anderem in der Struktur liegt: Die Größe der Felder, fehlende Landschaftselemente wie Hecken oder Tümpel, aber auch der Einsatz von Chemikalien wie Kunstdünger und synthetische Pestizide spielen eine Rolle. Darüber, dass die Pestizide einen bedeutenden Anteil am Verlust der Biodiversität haben, herrscht Konsens – sie schaden der Biodiversität direkt und indirekt. So führt zum Beispiel die Vernichtung der Ackerbegleitflora durch Breitbandherbizide wie Glyphosat zu einer Dezimierung des Blütenangebots und so zu einer Verknappung der Nahrung für blütenbesuchende sowie auf Wildkräuter spezialisierte Insekten. In Deutschland wird Glyphosat laut dem Umweltbundesamt auf fast 40 Prozent der Felder eingesetzt.

Infobox Pestizidatlas 2022

Cover des Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas zeigt in 19 Kapiteln Daten und Fakten rund um die bisherigen und aktuellsten Entwicklungen, Zusammenhänge und Folgen des weltweiten Pestizidhandels und Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft.

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Wildpflanzen und Insekten verschwinden

Studienergebnisse des Julius Kühn-Instituts (JKI) von 2021 zeigen den Einfluss der Pestizidanwendungen auf die biologische Vielfalt. Das Institut hat langjährig konventionell bewirtschaftete Äcker mit langjährig ökologisch bewirtschafteten Äckern hinsichtlich der auftretenden Wildpflanzenarten verglichen. Auch Flächen, auf denen noch nie chemische Pestizide eingesetzt wurden, fanden Eingang in die Studie. Die Unterschiede waren enorm: Bei der floristischen Biodiversität (Artenvielfalt, Deckungsgrad, blühenden Arten und Blühintensität) ergab sich ein Verhältnis von 100 zu 53 zu 3 – von nie behandelten, zu ökologischen zu konventionellen Flächen. Da vielfältig blühende Wildpflanzenarten auf Äckern wichtige Nektar- und Pollenquellen für Insekten darstellen, ist davon auszugehen, dass ihr Rückgang in Folge intensiver Bewirtschaftung mit chemischen Pestiziden, insbesondere mit Herbiziden, sich auch erheblich auf die Diversität und Häufigkeit von Insekten in der durch Ackerbau dominierten Agrarlandschaft auswirkt.

Pestizidatlas Infografik: Ökologische Folgen durch Pestizideinsatz
Über ein Drittel der deutschen Landfläche sind Äcker. Wie sie bewirtschaftet werden, hat großen Einfluss auf die floristische Biodiversität: Auf langjährigen Öko-Flächen ist sie 17-mal höher als dort, wo Pestizide landeten

Nicht nur Menge, sondern auch toxische Intensität entscheidend

Der starke Rückgang von Insekten in der Agrarlandschaft ist mittlerweile durch viele Studien belegt. In 16 europäischen Ländern hat sich der Bestand von Schmetterlingen des Grünlands zwischen 1990 und 2015 um etwa ein Drittel verringert. In Deutschland, wo durch ein Tagfalter-Monitoring erst seit 2005 bundesweite Daten vorliegen, ist dieser negative Trend selbst über kürzere Zeiträume sichtbar. Auch die Roten Listen des Bundesamtes für Naturschutz zeigen einen deutlichen Rückgang von Insekten wie Bienen, Schmetterlingen oder Zikaden. Zu diesem Rückgang tragen die direkte Wirkung von Pestiziden und ihre indirekten Folgen bei. Neonikotinoide, die zu den Insektiziden gehören, weisen gegenüber bestäubenden Insekten wie zum Beispiel Bienen eine sehr hohe Toxizität auf. In der EU sind vier von fünf Wirkstoffen nur noch mit Ausnahmegenehmigung erlaubt. Bienen und andere bestäubende Insekten können den Wirkstoffen über verschiedene Pfade ausgesetzt sein – zum Beispiel können Pollen und Nektar der behandelten Pflanzen Pestizidrückstände enthalten. Diese finden sich oft auch im Honig wieder. So haben Stichproben des BUND ergeben, dass alle sechs getesteten Produkte deutscher Herkunft mit Thiacloprid belastet waren, ein Honig enthielt zusätzlich auch das Neonikotinoid Acetamiprid. Eine Studie aus den USA zeigt: Die Kombination verschiedener Pflanzenschutzmittel ist um ein Vielfaches schädlicher für die Bienen als die Pestizide für sich genommen. Auch das JKI bestätigt, dass mehrere Insektizide, die für sich genommen bienenungefährlich sind, im Zusammenspiel sehr bienentoxisch wirken und sich beispielsweise die Bienentoxizität für bestimmte Pyrethroide in Kombination mit Fungiziden erhöht.

Untersuchungen der Universität Landau zeigen, dass es für den Schutz der Biodiversität nicht ausreicht, die Menge an eingesetzten Pestiziden zu reduzieren. Ausschlaggebend ist viel mehr, wie giftig die Mittel für bestimmte Tiere und Pflanzen sind. Diese sogenannte Toxizität hat ein Team der Universität untersucht und festgestellt, dass Pestizide schon in sehr kleinen Mengen extrem biodiversitätsschädigend sein können.

Pestizidatlas Infografik: Anzahl eingesetzter Pestizidwirkstoffe mit hoher Risikoeinstufung
Der „Risc Score“ für Pestizide gibt zum Beispiel an, mit welcher Wahrscheinlichkeit Menschen, die bestimmten Substanzen ausgesetzt sind, an Krebs erkranken könnten

Verbot besonders toxischer Pestizide dringend nötig

Die Universität Landau hat auch den Einsatz von Insektiziden in den USA untersucht. Die Gesamtmenge der eingesetzten Insektenbekämpfungsmittel wurde in den USA zwischen 1992 und 2016 um 40 Prozent reduziert. Davon profitierten zum Beispiel Fische, Säugetiere und Vögel, da diese Abnahme vor allem auf bestimmte Insektizidklassen wie Organophosphate und Carbamate zurückging, die für diese Gruppen problematisch sind. Jedoch zeigt sich für wirbellose Tiere – wie zum Beispiel Krebstiere oder Insekten und besonders für Bestäuber, wie zum Beispiel Bienen – ein anderes Bild: Trotz der rückläufigen Insektizidmenge hat sich die ausgebrachte Toxizität für diese Gruppen zwischen 2005 und 2015 mehr als verdoppelt. Vergleichbare Daten liegen für Deutschland nicht vor.

Entscheidend, ob Pestizide den Naturhaushalt schädigen, ist – neben der ausgebrachten Menge und ihrem Verbleib in der Umwelt – die Wirkungsintensität. So können moderne hochwirksame Pestizide aus ökotoxikologischer Sicht trotz geringerer Dosierung das gleiche Gefährdungspotenzial wie ältere Mittel in hoher Dosierung aufweisen. Daher fordern Umweltverbände seit langem nicht nur eine Reduktion der eingesetzten Menge, sondern auch das Verbot von besonders schädlichen Pestiziden.