Pestizide: Schwere Folgen für die Gesundheit

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385 Millionen Menschen erkranken jährlich an Pestizidvergiftungen. Ein internationaler Verhaltenskodex der Weltgesundheits­organisation soll den weltweiten Umgang mit Pestiziden verbessern und Vergiftungen vermeiden. Doch weil gesetzliche Regelungen fehlen, passiert wenig.

Pestizidatlas Infografik: Pestizidvergiftungen pro Jahr, Studie aus 2020
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Betroffen von Vergiftungen sind 44 Prozent aller Beschäftigten der Landwirtschaft weltweit – in ärmeren Ländern wie Burkina Faso sogar 83 Prozent

Nervensysteme und Organe betroffen

Menschen kommen in unterschiedlichen Situationen mit Pestiziden in Berührung: auf dem Feld und im Forst, durch Lebensmittel oder Trinkwasser. Treten Krankheitssymptome kurz nach Kontakt auf, spricht man medizinisch von einer akuten Pestizidvergiftung. Deren Opfer können sich schlapp, müde und abgeschlagen fühlen und wie bei einer Grippe an Kopf- und Gliederschmerzen leiden. Darüber hinaus wird häufig der Magen-Darm-Trakt angegriffen – die Folgen sind Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall. Folgen zeigen sich auch im menschlichen Nervensystem. Bei schweren Verläufen versagen schließlich die Organe: Herz, Lunge oder die Nieren setzen bei einer solchen Pestizidvergiftung aus. Etwa 11.000 Menschen sterben unbeabsichtigt daran, Jahr um Jahr.

Infobox Pestizidatlas 2022

Cover des Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas zeigt in 19 Kapiteln Daten und Fakten rund um die bisherigen und aktuellsten Entwicklungen, Zusammenhänge und Folgen des weltweiten Pestizidhandels und Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft.

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Weil Pestizide nur schwer zu kontrollieren sind und sie leicht Gegenstände und Lebensmittel kontaminieren, sind auch Menschen außerhalb des Agrarsektors gefährdet. Wegen unzureichender oder nicht eingehaltener Sicherheitsvorkehrungen können schnell auch Unfälle passieren. Zwei Beispiele: Weil ihr Mittagessen mit einem Speiseöl zubereitet wurde, das durch das Pestizid Monocrotophos verunreinigt war, starben 2013 im indischen Bihar 23 Schulkinder. Im gleichen Jahr erlitten im brasilianischen Rio Verde über 90 Kinder und Erwachsene eine Vergiftung, weil der Pilot eines Agrarflugzeugs versehentlich den falschen Knopf drückte – und über einer Schule, die in der Nähe von Mais- und Sojafeldern liegt, ein Insektizid versprühte.

Schwere gesundheitliche Folgen durch Glyphosat

Viele der Betroffenen leiden an langanhaltenden Folgen. Pestizide verursachen nämlich nicht nur akute Vergiftungen, sondern können auch chronische Krankheiten auslösen. Wissenschaftliche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson sowie Leukämie im Kinderalter. Außerdem werden Pestizide mit einem erhöhten Risiko für Leber- und Brustkrebs, für Typ-II-Diabetes und Asthma, für Allergien, Adipositas und Störungen der Hormondrüsen in Verbindung gebracht. Auch Fehlbildungen, Frühgeburten und Wachstumsstörungen lassen sich auf Kontakt mit Pestiziden zurückführen. In den letzten Jahren wurde die wohl bekannteste Pestiziddebatte um den Wirkstoff Glyphosat geführt. Zahlreiche Menschen, die mit dem Herbizid in Kontakt gekommen und an Krebs erkrankt sind, haben den Pestizidhersteller Bayer auf Schadensersatz verklagt: Rund 30.000 dieser Klagen sind noch offen, während der Konzern in den letzten Jahren bereits Vergleiche mit rund 96.000 Klägern erreichte – und verschiedene Gerichtsprozesse verlor. Die Kosten für die Vergleiche werden bislang auf 11,6 Milliarden Euro geschätzt. Im März 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) – eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Eine wissenschaftliche Metastudie der Universität Washington aus dem Jahr 2019 ermittelte für Menschen, die dem Pestizid ausgesetzt sind, einen deutlichen Anstieg des relativen Risikos um 41 Prozent, am Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken.

Pestizidatlas Infografik: Folgekosten in Milliarden Euro im Gesundheitssystem in der EU durch hormonschädliche Chemikalien, Studie aus 2015
Bereits bei geringer Konzentration gefährden hormonschädliche Chemikalien, sogenannte Endocrine Disrupting Chemicals (EDC), die Gesundheit. Enthalten sind sie zum Beispiel in Kosmetik oder Pestiziden

WHO-Empfehlungen werden mißachtet

Studien zeigen, dass berufliche Pestizidvergiftungen seit Jahren stark ansteigen. So schätzte man 1990 etwa eine Million Pestizidvergiftungen mit schwerwiegenden Folgen pro Jahr, darunter 20.000 Todesfälle. Rechnet man hier noch die Fälle mit milderem Verlauf hinzu, kommt man auf eine Zahl von 25 Millionen Vergiftungen im Beruf. Ein Grund für den Anstieg auf mittlerweile 385 Millionen dürfte sein, dass auf der ganzen Welt immer mehr Pestizide zum Einsatz kommen. 2017 wurden etwa 80 Prozent mehr Pestizide angewendet als noch 1990. In manchen Weltregionen fällt der Anstieg sogar noch deutlicher aus. In Südamerika zum Beispiel beträgt er im gleichen Zeitraum fast 500 Prozent, während in Europa ein Rückgang von 3 Prozent zu verzeichnen ist.

Gehäuft lassen sich Pestizidvergiftungen vor allem in den Ländern des globalen Südens beobachten: In Südasien, gefolgt von Südostasien und Ostafrika. Es gibt mehrere Gründe, warum hier die Menschen besonders betroffen sind. So ist in den Regionen der Anteil hochgefährlicher Pestizide oft besonders groß. Zudem sind die Menschen schlechter geschützt. Erstens weil Schutzkleidung oft nicht vorhanden oder vor Ort unbezahlbar ist oder weil sie wegen der klimatischen Bedingungen nicht getragen wird. Zweitens werden diejenigen, die die Pestizide anwenden, oft nicht ausreichend über die Gefahren von Pestiziden informiert und zu selten in der Handhabung von Chemikalien und Sprühgeräten geschult. Drittens fehlt häufig die Möglichkeit, benutzte Geräte und Arbeitskleidung getrennt von den Wohnbereichen aufzubewahren.

Um die hohe Zahl an Pestizidvergiftungen zu senken, hat die WHO zusammen mit der Welternährungsorganisation (FAO) einen Verhaltenskodex für den Umgang mit Pestiziden verabschiedet. Er besagt unter anderem, dass auf Pestizide verzichtet werden sollte, deren Anwendung persönliche Schutzausrüstung erfordert, die unbequem oder teuer ist. Zudem empfiehlt die WHO den Einsatz von agrarökologischen Alternativen und ein Verbot von besonders giftigen Pestiziden. Diese Empfehlungen wurden jedoch bislang kaum umgesetzt und nicht auf eine verbindliche Rechtsgrundlage gestellt.