Senegal: Die Brotpreise explodieren

Interview

El Hadji Faye von der Senegalesischen NGO Enda Pronat erklärt, warum die Landwirtschaft im Senegal krisenresistent und unabhängig von internationalen Märkten werden muss.

Senegal: Landwirtin in ihrem Reisfeld

Elisabeth Massute: Putins Krieg gegen die Ukraine hat die Lebensmittelpreise in vielen Teilen der Welt rasant steigen lassen. Welche Auswirkungen beobachten Sie im Senegal?

El Hadji Faye: Die Preise für verschiedene Getreidesorten, landwirtschaftliche Betriebsmittel und Treibstoff steigen, die Auswirkungen treffen also sowohl Verbraucher*innen als auch Erzeuger*innen. Und wie immer in Krisenzeiten machen die Menschen ihrem Unmut Luft. Die Menschen gehen wieder auf die Straße, weil die Lebenshaltungskosten steigen und nutzen manchmal politische oder soziale Proteste, um der Regierung zu zeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Schon während der Lebensmittelkrise 2008/2009 und der Corona-Pandemie gab es viele Demonstrationen.

Der Senegal produziert zwar beispielsweise Hirse selbst, ist aber bei anderen Getreidesorten völlig von Importen abhängig. Wir importieren zum Beispiel fast 700 Millionen Tonnen Weizen, obwohl Brot zu unserem Standardfrühstück gehört. Mehr als die Hälfte der Weizenimporte kommen dabei aus Russland. Reis gehört zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln und kommt meist zwei Mal täglich auf den Tisch. Die Hälfte des Bedarfs wird im Senegal selbst produziert, aber die andere Hälfte wird importiert. Wenn die internationalen Märkte durch die Auswirkungen der Klimakrise, durch Pandemien wie COVID-19 oder jetzt durch den Krieg in der Ukraine gestört werden, führt diese hohe Abhängigkeit vom internationalen Getreidemarkt jedes Mal zu nationalen Krisen.

Welche Folgen hat das für die Bäuerinnen und Bauern, mit denen Sie arbeiten?

Die Bäuerinnen und Bauern haben natürlich mit den Folgen zu kämpfen, viele produzieren jetzt Erdnüsse auf Kosten des Anbaus anderer Nahrungsmittel, weil sie auf dem internationalen Markt verkauft werden können.

Wir engagieren uns für eine diversifizierte landwirtschaftliche Produktion, weil sie widerstandsfähiger ist und den Grad der Selbstversorgung erhöht. In diesem Bereich ist viel passiert, aber die Abhängigkeit vom internationalen Getreidemarkt, vor allem bei Reis und Weizen, besteht weiterhin.

Welche Unterschiede sehen Sie in Ihrer Arbeit zwischen dem herkömmlichen Ansatz der Landwirtschaft und der Agrarökologie?

Unserer Meinung nach muss ein klarer Fokus auf die Agrarökologie gelegt werden, insbesondere bei der Produktion für den lokalen Verbrauch. Die wichtigsten Grundnahrungsmittel der Bevölkerung müssen vor Ort mit agrarökologischen Methoden angebaut werden, der Überschuss kann dann auf den internationalen Märkten verkauft werden. Das stärkt die Widerstandsfähigkeit und Unabhängigkeit der Erzeuger*innen. Im Gegensatz zu großindustriellen Monokulturen erhöht eine diversifizierte Produktion in Krisenzeiten die Resilienz, da Erzeuger*innen Kulturen anbauen können, die besser an die regionalen Bedingungen angepasst sind.

Die agrarökologisch erzeugten Produkte müssen jedoch auch auf einem lokalen Markt verkauft werden können, der für die Menschen zugänglich ist. Dafür muss eine Entkolonialisierung und in gewissem Maße auch eine Entglobalisierung des Lebensmittelmarktes stattfinden. Lebensmittel und damit die Ernährungssicherheit sollten nicht an der Börse gehandelt werden. Die Spekulation mit Lebensmittelpreisen und -beständen ist zu einem großen Problem geworden – selbst wenn bestimmte Produkte verfügbar sind, werden die Preise durch die zunehmende Spekulation in die Höhe getrieben, so dass die Menschen sie sich nicht mehr leisten können.

Um diese Probleme zu vermeiden und autonomer zu werden, müssen wir die Dinge aus einer lokalen Perspektive betrachten und versuchen, die Wege von Erzeuger*innen zu Verbraucher*innen zu verkürzen. Der Aufbau lokaler Märkte und Verbrauch muss unserer Ansicht nach gefördert werden.

Was sollte aus Ihrer Sicht kurz- und langfristig getan werden, um der Krise zu begegnen?

Der senegalesische Präsident Macky Sall ist beispielsweise sofort nach Russland geflogen, um über die Freigabe von Vorräten zu verhandeln und Putin zu bitten, die Blockade der ukrainischen Häfen zu beenden, die den Weizenexport und die Lieferung von landwirtschaftlichen Düngemitteln im Moment behindert. Das könnte eine kurzfristige Option sein.

Ich verstehe diesen Verhandlungsansatz zur Bewältigung der aktuellen Krise, aber wir müssen uns auch auf eine belastbare, schnellere lokale Produktion konzentrieren und sie für die kommende Saison stärken.

Denn darauf zu warten, dass die ukrainischen Häfen von der Seeblockade befreit werden und die Ware über den Seeweg transportiert wird, könnte genauso lange dauern wie eine Stärkung der lokalen Produktion durch lokale Fachexpertise, die zu einem ähnlichen Ergebnis führen könnte. Dieser Ansatz würde sich langfristig auch positiver auf die Ernährungssicherheit im Senegal auswirken. Wir sollten mit den Erzeuger*innen vor Ort und mit Wissenschaftler*innen zusammenarbeiten, um kurz- und langfristige Lösungen zu finden.

Wie war die Situation der Ernährungssicherheit vor dem Ausbruch des Krieges?

Schon vor dem Ausbruch des Krieges gab es Probleme mit der Ernährungssicherheit und steigenden Lebensmittelpreisen. Der Krieg in der Ukraine hat die Situation noch verschärft. Wir hatten wie gesagt bereits 2008/2009 eine Lebensmittelkrise. Der damalige Präsident startete ein großes Programm für die landwirtschaftliche Produktion, aber bei der Umsetzung gab es immer wieder Probleme. Die Bevölkerung wurde dazu angeregt, in Landwirtschaft zu investieren und Flächen wurden bereitgestellt – auch für einige private Investoren oder Politiker*innen, was die Situation des Landraubes für die lokale Bevölkerung verschlimmerte. Einige haben diese Flächen auch tatsächlich für landwirtschaftliche Produktion genutzt, aber es waren nicht genug, viele Flächen lagen brach. Andere haben die Flächen für Spekulation genutzt. Hier ist das Beispiel der Gemeinde Mbane zu nennen. Die grundlegenden Fragen wie „Wer produziert wie?“ oder „Was sind die besten Optionen für eine nachhaltige Produktion und Kommerzialisierung?“ wurden nie diskutiert. Bäuerinnen und Bauern wurden nicht ausreichend in das Programm zur Selbstversorgung einbezogen, obwohl sie die Produktionskette gestalten und direkt von den politischen Entscheidungen betroffen sind. Dabei könnten sie gemeinsam mit Wissenschaftler*innen nachhaltige Lösungen für eine bessere Ernährungssicherheit entwickeln.

Wie hat Enda Pronat mit der senegalesischen Regierung zusammengearbeitet, um diesen Krisen zu begegnen?

Schon lange vor den aktuellen Krisen hat Enda Pronat mit Produzent*innen, Universitäten und zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammengearbeitet, um agrarökologische Methoden zu fördern. Wir setzen auf basisorientierte Ansätze und sind durch den Senegal gereist, um direkt mit den Erzeuger*innen auszutauschen und mit Gemeinden zusammenzuarbeiten. Die meisten verstanden nicht, warum die Regierung jedes Jahr verschiedene Programme auflegte, die nie langfristige Auswirkungen hatten.

Wir pflegen einen politischen Dialog mit dem Staat, bringen aber immer die Anliegen der Basis zur Sprache. Wir sind Mitglieder eines Bündnisses namens „Dynamics for an Agroecological Transition in Senegal“, das NGOs, Bauernorganisationen, Verbraucherverbände und lokal gewählte Politiker*innen, sowie Forscher und sogar private Akteure zusammenbringt. Diese Gruppe organisiert öffentliche Veranstaltungen und Konsultationen im ganzen Senegal, um Gemeinden zu treffen und mit ihnen die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung und mögliche Lösungen zu diskutieren. Diese Vorschläge und Empfehlungen der Gemeinschaft werden festgehalten und im Rahmen des Dialogs und Austauschs mit der Regierung geteilt, beispielsweise während der vom Bündnis organisierten Tage der Agrarökologie. Unsere Anstrengungen erzeugen manchmal ein positives Echo von Regierungen, die Maßnahmen zugunsten der Agrarökologie ergreift. Es muss gesagt werden, dass die Regierung Senegals seit 2019 den agrarökologischen Wandel in ihr Fünfjahresprogramm aufgenommen hat, und dies ist ein wichtiger Schritt nach vorne, der begrüßt werden muss.

Obwohl die Zusammenarbeit nicht immer einfach ist, hatten wir in dieser Hinsicht Glück, dass die Regierung eine gewisse Offenheit für unsere Arbeit und unseren Ansatz gezeigt hat. Das ist im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern ein Vorteil, aber dieser politische Wille muss jetzt durch konkrete Maßnahmen umgesetzt werden. Unser Bündnis arbeitet daran und liefert konkrete inhaltliche Vorschläge und Maßnahmen zur Unterstützung des agrarökologischen Übergangs.

Glauben Sie, dass diese Krise, so schlimm sie auch sein mag, ein Anlass sein könnte, um andere Ansätze für die Ernährungssicherheit zu fördern?

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, wie die Menschen mehr Eigenverantwortung für die Ernährungssicherheit übernehmen können. Allerdings entmutigt mich, dass wir gerade so viele Krisen gleichzeitig erleben. Auf die Krisen in der Vergangenheit wurde immer nur kurzfristig und nie mit langfristigen und nachhaltigen Lösungsansätzen reagiert. Kurzfristige Lösungen können ein Teil der Antwort sein, aber das Gesamtbild muss berücksichtigt werden. Die Chance besteht darin, dass in Krisenzeiten das politische Bewusstsein für dieses Thema geschärft wird und auch auf Regierungsebene über Ernährungssouveränität gesprochen wird. Diese Dynamik und dieses Bewusstsein muss jedoch genutzt werden, um wirklich mit den lokalen Akteuren des Sektors zusammenzuarbeiten und Lösungen zu finden, die unsere Abhängigkeit von internationalen Märkten verringern.

Auf der anderen Seite müssen wir uns auch der Stimmen bewusst sein, die genau das Gegenteil befürworten. Große Agrarunternehmen propagieren jetzt, dass die Produktion weiter intensiviert gehört, mehr Düngemittel eingesetzt werden müssen und wir uns ganz auf den internationalen Markt verlassen sollen. Sie stellen das System, das nicht funktioniert, nicht in Frage. Das ist gefährlich, denn wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass diese Argumente erfolgreich waren. Während der letzten Lebensmittelkrise drängten große Agrarunternehmen in den senegalesischen Landwirtschaftssektor. Viele multinationale Unternehmen haben Millionen Hektar Land für Monokulturen gekauft, angeblich um mehr Lebensmittel für die Welternährung zu produzieren. Das ist nicht aufgegangen, sie haben die Lebensmittelkrise nur als Vorwand genutzt. Deshalb müssen wir sehr darauf achten, dass die gleichen Fehler nicht noch einmal gemacht werden. Wir brauchen eine echte, nachhaltige Veränderung des derzeitigen, kaputten Systems.


El Hadji Faye ist Programmkoordinator bei der Senegalesischen NGO Enda Pronat. Enda Pronat ist eine Organisation, die seit 1982 mit Gemeinden zusammenarbeitet, um agrarökologische Praktiken zu fördern und verschiedene agrarökologische Methoden zu entwickeln, Landwirt*innen ausbildet, Ressourcenschutz in den Dörfern verankert, bäuerliche Interessenvertretung aufzubauen, Advocacy zu betreiben und einen politischen Dialog von der lokalen bis zur nationalen Ebene zu etablieren.