Begegnungsreise nach Paris, 26. März bis 1. April 2023
Berichte aus der Reisegruppe
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Nach der langen Pandemiepause konnten die F+F Ende März das erste Mal seit 2019 wieder über Grenzen gehen: auf Internationale Begegnungsreise. Diese führte in diesem Jahr nach PARIS, Frankreich. Dort hat die Heinrich-Böll-Stiftung bereits seit 2016 ein Büro - derzeit geleitet von Marc Berthold. Vor dem Hintergrund der angespannten politischen Situation durch Macrons Rentenreform und den durch sie ausgelösten Protesten konnte sich die Gruppe bei diesem Besuch in Gesprächen mit politischen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen neben diesen tagespolitischen Fragen insbesondere mit Klimaschutz, Energie- und Verkehrswende und der sozial-ökologischen Transformation befassen. Dazu erkundete die Gruppe unter anderem Paris mit dem Rad und die ehemalige Bergbauregion im Norden der Hauptstadt. Vier Teilnehmende habe im Folgenden ihre Eindrücke aufgeschrieben. Es sind Mechthild Veil, Astrid Schütz, Imma Hillerich und Gerhard Timm. Vielen Dank dafür und Ihnen viel Freude beim Lesen:
Montag, 27. März: Ankommen, Stadtführung und Informationen zum Büro der hbs
Zum Auftakt der Reise haben wir das Team, die Gruppe und die Arbeit der Kolleg*innen in einem ersten Überblick kennengelernt. Gemeinsam sind wir vom Hotel zum hbs Büro Paris spaziert – durch das wunderbar belebte 10. Arrondissement, durch das sich der Canal Saint Martin zieht. Direkt am Canal liegt auch das Büro.
Am Nachmittag erkunden wir mit einer thematischen Stadtführung die Umgebung weiter, durchwandern das Viertel Belleville, und befassen uns mit seiner Street Art und Architektur. Belleville ist eines der typischen Einwandererviertel von Paris, u. a. leben hier größere Gruppen von Maghrebinern, Schwarzafrikanern, sephardischen Juden und Chinesen. Die herrschende multikulturelle Atmosphäre befruchtet das Schaffen der hiesigen großen Künstlerszene. Traditionell ist Belleville politisch linksgerichtet. Die Parti Socialiste, die Kommunistische Partei Frankreichs, die Grünen und La France Insoumise sind stark vertreten. Auf dem Hügel von Belleville (franz. Butte de Belleville) liegt der Parc de Belleville, von dessen Terrassen wir das Panorama von Paris genießen können. Ein wunderbarer Auftakt!
Dienstag, 28. März: Das politische und feministische Paris
Am Vormittag: Cité audacieuse (kühn, frech) der Fondation des Femmes Die Fondation des Femmes ist eine der größten feministischen Stiftungen in Frankreich, die mit Geld, Spenden und (ehrenamtlichem) Engagement für Frauenrechte und gegen sexuelle Gewalt, Prekarität und Armut von Frauen eintritt. 2014 hatte Anne-Cécile Mailfert mit über 30 Frauenaktivistinnen die Stiftung gegründet und ist heute ihre Präsidentin. Die Stiftung finanziert sich durch öffentliche und private Spenden, mit denen sie andere Frauenorganisationen - juristisch, finanziell und materiell – unterstützt, damit ihre Arbeit finanziell gesichert ist. Mit großem Erfolg. Inzwischen haben sie ein großes Netzwerk von Mäzenen aufgebaut.
Die Fondation des Femmes reagiert auf die frauenpolitische Misere in Paris. Denn trotz der hochgehaltenen republikanischen Werte von Freiheit und Gleichheit fehlt es an Geld und Räumen für Frauen, z.B. Unterkünfte für obdachlose Frauen, für Frauen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen, selbst Notfälle müssen häufig abgewiesen werden. Sitz der Stiftung ist die Cité Audacieuse, ein ehemaliges Schulgebäude im 6. Arrondissement, das die Stadt der Stiftung mietfrei für fünf Jahre überlassen hat. Anne-Cécile Mailfert führte uns durch das Jugendstilgebäude und erklärte, wie sie dort arbeiten. Die Cité ist ein offener Begegnungsort für alle Frauen mit öffentlichem Café (Ausstellungen, Pressekonferenzen) und Räumen für feministische Vereine (associations). Diese können sie für ihre Arbeit (coworking), für Schulungen (z.B. wie produziere ich einen Podcast), für chat-rooms etc. buchen. Die Nachfrage ist groß. Mit den Mieteinnahmen werden die Unkosten beglichen.
Besonders beeindruckt hat uns neben dem Hexengarten, in dem auf einer Veranda traditionelle Heilpflanzen auch für Abtreibungen angepflanzt werden, der jährlich stattfindende Redewettbewerb von Frauen. Acht von der Stiftung vorgeschlagene Frauen haben jeweils acht Minuten Zeit, vor einem öffentlichen Publikum im Odeon Theater eine Rede zu einem Thema zu halten, das sie selber bestimmen. Die beste Rede erhält den Gisèle-Halimi-Preis, benannt nach der in Tunesien geborenen feministischen Anwältin, die in Tunesien und in Frankreich Prozesse gegen Vergewaltigung und für Frauenrechte zu einem öffentlichen Tribunal machte. Die Idee, die die Fondation des Femmes mit den Redewettbewerben verfolgt, ist es, Frauen eine Stimme zu geben, sie zu empowern. Beim letzten Redewettbewerb kamen 800 Zuschauer ins Odeon. Die Heinrich-Böll-Stiftung fördert die Veranstaltungen.
Mittag im Senat
Gemeinsames Mittagessen im Senat mit der Senatorin Mélanie Vogel. Seit 2021 ist sie zuständig für Franzosen und Französinnen, die außerhalb Frankreichs leben. Vor ihrer Wahl in den Senat für die französischen Grünen (EELV) hatte sie viele Jahre im EU-Parlament als Mitarbeiterin in der Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament (Greens/EFA) gearbeitet. Mittlerweile ist sie auch Vorsitzende der Europäischen Grünen Partei. Ihr Arbeitsbereich sind Verfassungsfragen. Sie ist eine der wenigen Frauen im Senat und fällt aus dem Rahmen der überwiegend konservativen Senatoren.
Wir diskutierten mit ihr über aktuelle politische Fragen wie die Rentenreform und die politische Krise in Frankreich. Im Unterschied zur Mehrheit der Senatoren hatte sie gegen die Reform gestimmt, aus sozialen Gründen (die Reform sei eine auf Kosten von Geringverdienern und Frauen) und wegen des undemokratischen Prozedere. Zu der aktuellen Situation in Frankreich äußerte sie sich sehr kritisch. Sie sieht das Land in einer Verfassungskrise. Eigentlich sei eine neue Verfassung notwendig, nur fehle es an einer politischen Persönlichkeit, die in der Lage sei, die politischen Lager in der Mitte der Gesellschaft gegenüber rechten und linken Populisten zu einen. Macron sei das nicht. Anschließend zeigte uns Mélanie Vogel Sitzungsräume im Palais du Luxembourg, dem einstigen Witwensitz von Maria de‘ Medici.
Feministischer Stadtspaziergang
Zum Abschluss trafen wir uns im 6. Arrondissement zu einem feministischen Stadtspaziergang mit Führung, über Hexen und Hexenverfolgung.
Mittwoch, 29. März: Transformation der Kommunen, Energiewende
Wir laufen heute bereits kurz nach 7 Uhr los, um uns am Gare du Nord mit Jules Hebert von der Stiftung und Gabriele, unserer Dolmetscherin, zu treffen und dann mit dem Zug nach Lens und schließlich mit dem Bus weiter nach Loos-en-Gohelle, einem „ökologischen Vorzeigeprojekt“ (Spiegel vom 9.12.2015) zu fahren. Zwei Gruppenmitglieder können leider nicht mitfahren, weil ihr Tiramisu vom Vorabend anscheinend verdorben war. Zur Gruppe stößt in Lens Rebecca Wangler von Virage Energie, eine Partnerorganisation der hbs und ein Verein, der Gemeinden bei der Energiewende berät.
In Loos-en-Gohelle wurde von 1855 bis 1986 Steinkohle abgebaut, die riesigen Abraumhalden sind als riesige Pyramiden noch zu sehen. Nach Schließung der Zeche wurde die schwierige Situation für eine modellhafte Transformation genutzt. Die früheren Förderanlagen sind nun UNESCO-Weltkulturerbe. Dort werden ökologisch orientierte Führungen und Veranstaltungen angeboten. Ein Spaziergang führt uns auf die Pyramide, unsere Guide zeigt uns Maßnahmen, die sie für Begrünung und gegen Erosion ergriffen haben. Für das Mittagessen sind wir bei einer lokalen Initiative, die Gemüse nach Biostandards anbaut und als integrativer Arbeitgeber tätig ist.
Im Rathaus erhalten wir von einem Mitglied des Gemeinderates Informationen zur Transformation der Region. 1990 erfolgte eine gemeinsame Diagnose der Situation, auf deren Basis im Jahr 2000 eine Charta des Lebensraumes erstellt wurde. Der Bürgermeister, der als charismatisch beschrieben wird, verfolgt in der Region, in der die Front National ansonsten sehr stark ist, eine Strategie der intensiven Bürgerbeteiligung und legt einen Fokus auf Kultur, was die Unterstützung in der Bürgerschaft enorm stärkte. Auch liegt die Arbeitslosigkeit deutlich unter dem Durchschnitt der Region. Erstellt wurde u.a. ein Bodennutzungsplan und modellhafte Ökohäuser. Das defekte Schieferdach der Kirche wurde mit Solarpanelen gedeckt, was auch Einnahmen generiert. Errichtet wurde auch ein Zentrum für innovative Techniken. Die Gemeinde kaufte Land und gab Interessierten einen weiteren Hektar dazu, wenn diese auf Bioanbau umstellten. Inzwischen gibt es im Ort auch eine Außenstelle des Louvre neben dem ehemaligen Schacht 11/19 mit kostenlosen Ausstellungen, was auch von bislang wenig kunstaffinen Personen genutzt wird.
Einige Kommunen der Region orientieren sich nun auch am Modell des Ortes. Seit die ehemalige Zeche ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen worden ist, stieg auch der Tourismus der aktuell bei circa 150T Personen pro Jahr liegt. Die Abraumhalden sind nun Ort für Spaziergänge, Joggen, Mountainbiken, Paragliding.
Donnerstag, 30. März: Besuch in der Banlieue
Montreuil
Montreuil ist ein Vorort im Osten von Paris, dessen Rathaus wir mit der Metro-Linie 9 erreichten. Montreuil hat sich von einem Industriestandort mit HLMs (Habitations à loyer modéré, also Günstiger Wohnungsbau) in den 60er und 70er Jahren zur heutigen Mischung aus gut betuchter Bohème-Bourgeoisie und vielen überwiegend afrikanischen Migrant*innen entwickelt: Der Vorort, boomt nicht nur bei Airbnb. Das liegt vor allem daran, dass viele der aufgelassenen Fabriken und Werkstätten mittlerweile in Lofts verwandelt wurden. Gentrifizierung hier, sozialer Wohnungsbau und HLMS da: Diese Spannungen locken auch verstärkt Künstler und Kreative wieder nach Montreuil, das wegen der hohen Anzahl afrikanischer Migranten aus Mali auch gerne Bamako-sur-Seine genannt wird. Das Kreative hat hier Tradition. Hier entwickelte Émile Reynaud das Praxinokop als Vorläufer des Kinematographen, hatte später die Brüder Lumière und Georges Méliès ihre Werkstätten. Heute befindet sich mit Le Méliès das einzige unabhängige Multiplexkino Frankreichs hier.
Besichtigung von Mozinor
Bereits vor dem Rathaus von Montreuil haben wir Mireille Alphonse, stellvertretende Bürgermeisterin (Grüne), getroffen. Mit ihr haben wir Mozinor besucht, das Industriehotel, auf dessen Dach versucht wird, einen Garten anzulegen. Dafür muss noch ziemlich viel Beton beseitigt werden. Es war ziemlich kühl mit böigem Wind (zu kalt, um weitere Notizen für diesen Bericht zu machen). Der Blick vom Dach über Montreuil und zurück nach Paris war beeindruckend.
Gespräch mit Mireille Alphonse
Mireille Alphonse betonte zu Beginn die Wichtigkeit der deutsch-französischen Freundschaft, auch aus der Geschichte ihrer Familie: Ihre Großväter haben im 1. Weltkrieg auf der deutschen, im 2. Weltkrieg auf der französischen Seite gekämpft. In Montreuil war die Zentrale der Résistance, zwei frühere Bürgermeister sind deportiert worden. Ihre Wirkungsmöglichkeiten als Bürgermeisterin erstrecken sich auf den Unterhalt der Schulen, Bau und Instandhaltung von Straßen und Bürgersteigen, die Stadtpolizei – für all diese Aufgaben ist das Geld zu knapp.Städte und Gemeinden erhalten von der nationalen Regierung immer mehr Zuständigkeiten ohne die nötigen Finanzen, z.B. auch für den energiesparenden Umbau der Wohnungen. Der französische Staat ist stark verschuldet. Im Rahmen der ökologischen Transformation engagiert sie sich für Ernährungsdemokratie, d.h. für Erweiterung der Möglichkeiten von gesunder Ernährung sowie Hilfen für biologischen Anbau der Landwirte in der Umgebung von Montreuil. In Montreuil selbst ist wegen industrieller Altlasten kaum landwirtschaftlicher Anbau möglich. Als Beispiel für den Zusammenhang und die Probleme von sozial und ökologisch orientierter Politik gilt die noch nicht realisierte Fortsetzung der Metro-Linie 1 (von West nach Ost) bis Montreuil. Dafür müssten ein paar Bäume im Bois de Vincennes gefällt werden. Die dortigen Grünen sind dagegen und verhindern so den Ausbau der Metro-Linie 1 bis Montreuil.
Projekt Mundo M. und Restaurant
Im Restaurant des Mundo M. mit dem schönen Namen „Les Marmites volantes“ (die fliegenden Töpfe) erhielten wir ein günstiges Mittagessen aus lokalen und biologisch hergestellten Zutaten. Das Mundo M. ist eine ehemalige Fabrik für Lautsprecher, die von der Stadt übernommen und den NGOs der Gruppe „Etic“ überlassen wurde. Auf vier Etagen befinden sich Co-Working-Räume für insgesamt 180 Personen in zahlreichen Werkstätten und Büros für Umweltprojekte, ökologische Landwirtschaft, Theater …, auch das Restaurant gehört dazu. Es waren noch acht Co-Working-Plätze zu vergeben, neue Mieter müssen sozial orientiert arbeiten. Alle drei Monate tagt das Komitee der Résidents des Mundo M., um gemeinsame Fragen der Organisation, Technik und künftigen Planung zu beraten.
Präsentationen und Information von NGOs
Wir erhielten Präsentationen von zwei NGOs, die im Mundo M. arbeiten, der Association NégaWatt und dem Réseau Action Climat (RAC; Climate Action Network). NégaWatt ist ein 2001 gegründeter Thinktank, erstellt Szenarien für Energie und Klima und schlägt politische Maßnahmen für nachhaltige Energieversorgung (auch gegen Atomenergie) vor – alle drei bis vier Jahre entsteht eine Publikation über Energieszenarien, die letzte im Jahr 2021. Leitbegriffe sind „Sobriété“ (Genügsamkeit), „Efficacité“ (Wirksamkeit) und „renouvelable“ (erneuerbar). Es besteht eine Zusammenarbeit mit dem Öko-Institut, mit dem Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie und mit der Europa-Universität in Flensburg. Climate Action Network France wurde 1996 gegründet, ist ein Netzwerk aus inzwischen 27 Organisationen und zielt darauf, Regierungen und Bürger*innen zu Aktivitäten gegen den Klimawandel zu ermutigen. Anschließend bestand für ca. zwei Stunden Freizeit für diverse Stadtbummel.
Abends Besuch des Musée Quai Branly, Ausstellung „Senghor und die Künste“
Um 19 Uhr haben wir uns im Musée Quai Branly in der Nähe der Tour Eiffel getroffen, wo wir eine sehr interessante Führung durch die Ausstellung „Senghor und die Künste, Reimaging Universalism“ erhielten und uns mit dem großen Schriftsteller, Dichter und Staatsmann Léopold Sédar Senghor (1909-2001) und seiner Kulturpolitik nach der Unabhängigkeit Senegals auseinandersetzen konnten. Senghor gilt als ein Pionier der Négritude, einer politischen und literarischen Bewegung, die von Aimé Césaire, Léon-Gontran Damas, Suzanne Césaire, Jane und Paulette Nardal initiiert wurde. Senghor vertrat die Idee einer Zivilisation des Universellen, die von der "Begegnung von Geben und Nehmen" geprägt ist. Mit dieser Metapher des Austauschs und der "kulturellen Kreuzung" hoffte er, die Traditionen zu vereinen und den "Dialog der Kulturen" zu führen. Das wollten wir uns erklären lassen!
Seit Ende 2018 steht das Museum Quai Branly im Mittelpunkt der internationalen Debatte über die Restitution von afrikanischen Kulturgütern, die in der Zeit des Kolonialismus aus ehemaligen französischen Kolonien nach Frankreich verbracht wurden. Aufgrund seiner Bestände von ca. 70.000 Objekten aus Afrika südlich der Sahara steht das Musée du Quai Branly im Zentrum des Bénédicte Savoy/Felwine Sarr-Berichts. 26 der sogenannten Benin-Bronzen hat das Museum im Jahr 2021 bereits zurückgegeben.
Freitag, 31. März: Mobilitätswende, Erinnerungspolitik, Ukraine
In Begleitung von Benoît Chaumeret, Mitarbeiter des städtischen Fahrradamtes, unternehmen wir eine Fahrradtour durch die Stadt und entlang der Seine. Das Fahrradwegsystem ist gut ausgebaut und viele Menschen nutzen es. Auffällig ist die hohe Zahl an Rollern und E-Bikes, die gelegentlich zu gefährlichen Situationen führen (inzwischen hat die Pariser Stadtregierung nach einer Volksbefragung die Abschaffung von elektrischen Mietrollern beschlossen). Besonders hervorzuheben ist der Weg durch einen ehemaligen Autotunnel, der beidseitig mit Graffitis und Streetart bemalt ist.
Im anschließenden Gespräch erläutert uns Benoît den Fahrradplan für die Jahre 2021 - 2026, der derzeit umgesetzt wird. Als Erfolgsvoraussetzungen definiert er den politischen Willen und die erforderlichen finanziellen Ressourcen. Ziel sei es, dass 2026 mehr Fahrradkilometer als Autokilometer in Paris zurückgelegt werden. Die Umsetzung des ambitionierten Fahrradplanes sei insbesondere am Anfang schwierig gewesen und auf Widerstände gestoßen. Die Corona-Pandemie habe den Prozess jedoch beschleunigt. Als schwierig gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den Arrondissements und der Stadt Paris. Wichtig sei die klare Haltung der Bürgermeisterin. Inzwischen sei der Konsens aber sehr weitgehend, auch die Konservativen würden die Pläne mittragen, hätten allenfalls Einwände gegen die konkrete Umsetzung.
Nach Mittagessen und Abschlussrunde im „Le Blainville“ Rückkehr in die Räume der Stiftung. Dort treffen wir zunächst auf den Journalisten Stéphane Bou, der mit anderen das jüdische Online-Magazin „La Révue K“ „K-larevue.com“ herausgibt, der sich durch Zuwendungen verschiedener Stiftungen finanziert und ca. 12.000 Abonnenten hat. Er berichtet uns von der etwa 300.000 Personen umfassenden jüdischen Community in Paris. Eine nennenswerte Einwanderung aus den ehemaligen Sowjetrepubliken habe es nach 1990 nicht gegeben. Die Gemeinde habe sich durch Zuwanderung sephardischer Juden vergrößert. Seit wiederholten antisemitischen Anschlägen und Ausschreitungen in Frankreich und Paris gebe es aber eine Ausreisebewegung nach Israel, den USA und Kanada. Der zunehmende Antisemitismus würde inzwischen auch offiziell wahrgenommen und durch verschiedene Programme auch mit breiterer antirassistischer Ausrichtung bekämpft.
Den rechtsextremen jüdischen Politiker Eric Zemmour beschreibt er als „komplexe“ Figur. Zemmour habe jüngst auch die Kollaboration mit den Nazis im Vichy-Regime gerechtfertigt: Es sei die Absicht von Marschall Pétain gewesen, die französischen Juden zu beschützen.
Beim Rassemblement National spielt offener Antisemitismus keine zentrale Rolle mehr. Im Fokus steht vielmehr der Islam. Zum Teil werden Koalitionen mit Juden gegen Muslime gesucht.
Er betont die große verzerrende Rolle der Medien in Frankreich, insbesondere durch den Sender C-News, der eine ähnliche Rolle spielt wie Fox News in den USA.
Nach einer kurzen Pause klärt uns Mathilde Lanciaux, Mitarbeiterin der Stiftung vor Ort, über die Aktivitäten im Hinblick auf den russischen Aggressionskrieg in der Ukraine auf.
Für die Migrantinnen und Migranten aus der Ukraine lag Frankreich nicht im Fokus. In den Regionen Straßburg, Paris und Côte d’Azur haben sich insgesamt etwa 20.000 Ukrainerinnen niedergelassen. Die in 2022 zur Verfügung gestellten Sondermittel des Auswärtigen Amtes wurden primär eingesetzt, um Partnerinnen zu finden, die den Ukrainer:innen eine Stimme geben können. Mit Blick auf die jüdischen Ukrainerinnen entstand ein weiteres Projekt in der Kooperation mit der Revue K. Besonders wichtig für einen frauenpolitischen Anstoß war eine Konferenz in Paris mit Frauen aus der Ukraine, von der hbs organisiert und unterstützt.
Nach dem verspäteten Eintreffen von Jean-Pierre Pasternak berichtet dieser in längeren Ausführungen über die Geschichte und Aktivitäten seines Verbandes (Union des Ukrainiens de France) in Frankreich, den es bereits seit 1945 gibt und der ursprünglich Ukrainerinnen und Ukrainer aufgenommen hat, die in Arbeitslagern gewesen sind. Heute informiert er über die Ukraine und die ukrainische Kultur und hat nach dem Beginn des Angriffskrieges mehrere Demonstrationen pro Ukraine organisiert. Dabei sei es sogar gelungen, die sonst eher getrennt agierenden französischen Gewerkschaften zu einem gemeinsamen Auftritt zu bewegen. Daneben kümmert sich sein Verband um den Boykott russischer Waren in Frankreich.
Nach seinem Wissensstand sind etwa 120.000 Ukrainerinnen und Ukrainer nach Frankreich gekommen, wobei 90 % von ihnen Frauen und Kinder sind. Etwa 100.000 sind geblieben und gut aufgenommen worden. Er äußert sich lobend über die gute Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland im Hinblick auf die Ukraine. Auch die französische Regierung unternehme große Anstrengungen, der Ukraine zu helfen.
Teil der französischen Linken und insbesondere ihr Spitzenkandidat, Jean-Luc Mélenchon, seien prorussisch eingestellt. Nach seiner Kenntnis war auch die Gelbwestenbewegung in Frankreich von Russland finanziert und personell unterwandert.
Samstag, 1. April: Kulturzeit und Abschluss
Zum Abschluss der Reise haben wir das Thema Erinnerungspolitik weiter vertieft und um einen anderen Aspekt ergänzt: Gemeinsam mit allen, die noch nicht gleich nach dem Frühstück die Rückreise antreten mussten, haben wir das Musée de la Libération besucht. Hier hatten wir eindrucksvoll Gelegenheit, uns abschließend mit den während der Reise bereits angeklungenen Fragen der deutschen Besetzung, der Résistance und der französischen Kollaboration auseinanderzusetzen.