Politische Begegnungsreise Mexiko, 14. bis 28. März 2015
Text: Yolanda M. Koller-Tejeiro
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Tagebucheintrag zum Besuch bei Audi (PDF)
Die Begegnungsreise der Freundinnen und Freunde der Heinrich-Böll-Stiftung führte in diesem Jahr nach Mexiko. Sie wurde vom Büro der Stiftung in Mexiko-Stadt hervorragend vorbereitet und begleitet. Die Leiterin des Büros Mexiko, Zentralamerika und Karibik, Annette von Schönfeld, war eine kenntnisreiche, charmante Reisebegleiterin, die auch durch ihre schnellen Übersetzungen vom und ins Spanische beeindruckte. Die zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekte, die von der Stiftung gefördert werden und die wir treffen konnten, haben uns ein eindrucksvolles Bild von der Arbeit der Stiftung in Mexiko vermittelt.
Wir lernten ein buntes, friedliches, modernes Mexiko kennen, mit freundlichen Menschen, eindrucksvollen Zeugen der präkolumbianischen Vergangenheit und schönen „spanischen“ Städten (Oaxaca, Puebla). Andererseits vermittelten uns die Begegnungen ein anderes Bild: Krasse soziale Ungleichheit und Armut; alltäglich vielfältige Menschenrechtsverletzungen; Drogenmafia und von Korruption durchsetzte staatliche Institutionen; Gewalt und Willkür von Polizei und Militär, des gesamten Justizapparats. Vielfältig wiederholt: Über 90% aller Straftaten bleiben ungeahndet und bei den restlichen werden häufig Unschuldige verurteilt. Die Liste der Verschwundenen und Ermordeten ist lang, wie wir immer wieder auch in den Medien hierzulande lesen können. Sehr präsent und besonders erinnert, da gerade 6 Monate zurückliegend (26.09.14): die Tragödie der 43 verschleppten und wahrscheinlich ermordeten Studenten von der Universität (Escuela Normal Rural) Ayotzinapa nahe der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero. Über den Widerspruch einer formalen Demokratie, eines ökonomisch aufstrebenden Schwellenlandes und den gewalttätigen – gegen die eigene Bevölkerung gerichteten – politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen hat uns beim Vorbereitungstreffen am 11.02.15 in Berlin schon Ingrid Spiller informiert - aktuell Ressortleiterin der Stiftung für Lateinamerika und bis vor zwei Jahren sechs Jahre Büroleiterin Mexiko. Einige von uns hatten auch den von ihr empfohlenen (da auf Tatsachen beruhenden) Krimi gelesen: „Tage der Toten“ des US-Amerikaners Don Winslow. Erschreckend.
Nun also unsere Reisestationen und Erfahrungen.
Samstag, 14.03: Abflug Frankfurt
Die 18-köpfige Reisegruppe mit der Leiterin Ulrike Cichon traf sich am Frankfurter Flughafen, die überwiegende Zahl war aus Berlin angereist. Nach über 12 Std. Flug über die Nordroute (faszinierender Blick auf die weiße Wüste Labradors) kamen wir noch am 14.03. gegen 19 Uhr Ortszeit in Mexiko-Stadt an (7 Std. Zeitunterschied). Geduldiges Warten bei den Einreiseformalitäten mit sehr vielen anderen Touristen, dann Willkommen durch Annette mit ihrem strahlenden Lächeln. Nochmal warten, bis alle Geld umgetauscht hatten, dann mit Großraumtaxis zum Hotel Four Points in der Colonia (Stadtviertel) Roma, einem „in-Viertel“ mit vielen angesagten kleinen Restaurants und Kneipen. Noch kurzes Zusammensein mit Annette in einer Kneipe gegenüber dem Hotel, Kennenlernen des mexikanischen Biers: Modelo, León, Corona etc. Erste Erfahrung, eine sehr befahrene Straße zu überqueren, bei ungewohnter Ampelschaltung und nicht einzuschätzenden Autofahrern. Später erfuhren wir, dass man keine Fahrprüfung ablegen muss, den Führerschein einfach kaufen kann.
Sonntag, 15.3.: Erstes Kennenlernen der Stadt Mexiko
In Begleitung von Annette und Caroline, einer jungen deutschen Mitarbeiterin des BöllBüros, mit dem Bus Fahrt zur Schutzheiligen der Stadt: la Virgen de Guadelupe. Da es regnete, fiel der vorgesehene Besuch des „typisch mexikanischen Sonntagsvergnügens“ - Radfahren, Yoga, Tanz etc. - auf dem Paseo de la Reforma aus. Ein Teil dieser Hauptverkehrsader, die die Stadt über 15 km von Nordosten (bei Tlatelolco) bis Südwesten durchläuft, ist am Sonntagmorgen bis 14 Uhr für körperliche Betätigungen und Flanieren gesperrt. Die sehr breite Straße führt über zahlreiche Rondells mit herausragenden Skulpturen zur Stadtgeschichte: u.a. Plaza de las Tres Culturas, Glorieta Simón Bólivar, Denkmal von Kolumbus, des Cuauhtémoc (letzter Aztekenherrscher) sowie die bekannteste Skultpur der Reforma, der Unabhängigkeitsobelisk mit dem goldenen Engel - „El Angel“ - auf der Spitze. Die Sperrung dieser sonst enorm frequentierten Avenida ist angesichts der autovernarrten Mexikaner erstaunlich, genauso wie die Einführung von Leihfahrrädern durch die Stadtregierung im Februar 2010: EcoBici, mit vielen Standorten über die Stadt verteilt. Kurios, dass sich die Farbe der Taxis mit jedem neuen Bürgermeister verändert: gerade rosa-weiß.
Die riesige Basilica der Virgen de Guadalupe, der Schutzheiligen von Mexiko-Stadt, nordwestlich des Zentrums, wurde 1976 eingeweiht und bietet 12.000 Personen Platz. 1531 wurde an diesem Ort eine Kapelle für den Umhang des Indios Juan Diego errichtet, auf dem sich die ihm erschienene Madonna abgebildet hatte. Wir fuhren wie alle am Anfang des Besuchs auf Laufbändern an dem Stoffbild hinter Glas vorbei, bescheiden angesichts des spektakulären Drumherum. Gerade wurde die Sonntagsmesse in dem großen Rundbau mit vielen Priestern gefeiert, andächtig Betende, daneben ein Kommen und Gehen. Sehr großer Platz vor der Basilika, weitere Kirchen daneben, eine Kapelle auf einem Hügel. Dramatische Christusstatuen mit viel Blut und Wunden und wie die Madonnen mit echtem langem Haar. Viele mexikanische Familien, eine lange Schlange mit auch größeren Kindern, die zur Gemeinschaftstaufe anstanden. Erste Eindrücke des bunten mexikanischen Lebens. Die Mexikaner lassen sich den öffentlichen Raum auch durch widrige Ereignisse nicht nehmen, wie uns Annette erklärte.
Mit dem Bus zum Museo Nacional de Antropología, das beeindruckende Museum zur faszinierenden Geschichte Mexikos: sehr schön exponierte archäologische Funde und Zeugnisse der noch lebenden indigenen Kulturen. Da Sonntag für Mexikaner gratis ist, waren viele Familien mit ihren Kindern im Museum, stolz auf die Zeugnisse ihrer Vorfahren. Erstaunlich nur, dass die Indigenas heute in der Gesellschaft eher wenig Anerkennung finden, diskriminiert werden und zu den Ärmsten gehören. Im Eingangsbereich des Museums: 43 leere Stühle und Fotos der entführten Studenten.
Mittagessen im Restaurant Limosneros - Café de Tacuba, im Centro Histórico - nach dem Reiseführer (ADAC 2014) eine „kulinarische Institution...ein Belle-Epoque-Café von 1912“. Köstliche Gerichte, darunter exotische wie Heuschrecken - „chapulines“ - die wir später auf dem Markt in Oaxaca in großen Haufen und verschiedenen Sorten sehen sollten -, mit unterschiedlichen Zutaten (Knoblauch, Limonen, Salz etc.) gegrillt, schmecken köstlich!
Annette nutzte das Essen, um uns einen ersten Überblick über die Vielfalt des Landes - landschaftlich und in Bezug auf Besiedelung und Bewirtschaftung - sowie die politischen, ökonomischen und sozialen Probleme zu geben: u.a. Energiereform, Drogenkrieg, korrupter Staat, Menschenrechtsproblematik, organisierte Kriminalität, Entführungen, Erpressungen, Morde, Landraub.
Danach kurzer Spaziergang im historischen Zentrum, vorbei am imposanten Postpalast (Anfang 20. Jh.), an der „Casa de los Azulejos“, Palast aus dem 16. Jh., und dem „Palacio de Bellas Artes“, Jugendstilbau aus weißem Carraramarmor (Anfang 20. Jh.) Leider konnten wir den Zócalo nur vom Bus aus sehen, keine Zeit für Wandmalereien von Diego Rivera (außerdem Palacio Nacional geschlossen) und auch nicht für den Plaza Garibaldi mit den Mariachis. Einige von uns haben sich dann am Ende der Reise noch auf eigene Faust dahin aufgemacht.
Am Abend Einladung beim Schwager eines Mitreisenden, Thorsten Englert, der seit 6 Jahren als Architekt in Mexiko und Dozent an der Universität arbeitet. Er berichtete von seinen Erfahrungen und einer seiner Studenten von den Studentenprotesten wegen der 43 Verschwundenen.
Montag, 16.3.: Büro der Stiftung, Menschen- und Frauenrechte
9 Uhr Spaziergang zum nahen Büro der Stiftung und Treffen mit dem Team, Vorstellung der Arbeitsschwerpunkte: interessanter Einblick, sehr engagiertes Team, schönes kleines Haus.
Danach Diskussion mit den Leitern des IMDHD (Instituto Mexicano de Derechos Humanos y Democracia), Rocio Culebro, und Edgar Cortez. Bericht über die schwierige Lage, die widersprüchliche Regierungspolitik und die Nichtumsetzung von Gesetzen, die allgemeine Unsicherheit, Entführungen, Morde (ca. 100.000 Tote und ca 26.000, Verschwundene in den letzten 9 Jahren, keine genauen Zahlen), die alle staatlichen Institutionen durchdringende Korruption, besonders Militär und Polizei (unübersichtlich: kommunal, bundesstaatlich, föderal), die Straflosigkeit (impunidad).
Hinweis auf die beschränkte Pressefreiheit: beim am meisten verbreiteten Medium, dem Fernsehen, werden 90% der Konzessionen von 2 Unternehmen gehalten: Televisa und TV Azteca. Information über einen aktuellen Skandal: der mexikanische Medienkonzern MVS hatte am Tag vorher, 15.03.15, die bekannte kritische Journalistin Carmen Aristegui entlassen, die einem Korruptionsskandal der Frau des Präsidenten auf der Spur war.
Mittagessen mit dem Team der Stiftung im benachbarten Stadtteil Condesa. Danach Spaziergang durch den In-Stadtteil - viele junge Leuten, viele Hunde, schöne kleine Häuser, Parks - zum Treffen mit Imelda Marrufo (Anne Klein Preis 2014) und Diana Itzel González, von der Vereinigung „Mesa de Mujeres en Ciudad Juárez“, die uns von ihrer schwierigen und gefährlichen Arbeit berichteten. Zwischen 2008-2010 gab es eine Gewaltwelle mit über 3.000 Toten, wofür v.a. die Politik des Staates: das Militär und die Bundespolizei verantwortlich gemacht werden. Seit 1993 werden Frauenmorde dokumentiert; 2003 veröffentliche Amnesty International: México – Muertas Intolerables, sexuelle Gewalt, Morde und Verschwinden von Frauen in Ciudad Juárez und Chihuahua. Abends frei.
Dienstag, 17.3.: Gespräche mit dem offiziellen Mexiko und Partnerorganisationen zum Thema Mobilität und Energie
Fahrt zur nationalen Kommission für effiziente Energienutzung (Conuee) des Energieministeriums; Gespräch mit dem Generaldirektor, Odón de Buen, über Energiepolitik und Energiewende. Er erläuterte die Verfassungsreform - Energiereform von 2013, auch genannt „Reforma Pemex“. Bisher werden 33% der staatlichen Einnahmen durch Erdöl generiert. Weiter ging er auf die Entwicklung der Windenergie und auf die Probleme damit auf dem Isthmus von Tehuantepec im Bundesstaat Oaxaca ein. (Erläuterung von Annette: Da die Bevölkerung nicht richtig informiert wird, die Bewohner der indigenen Gemeinden auch gegeneinander ausgespielt werden und große multinationale Konzerne - u.a. spanische, chinesische - auch Landraub begehen, gibt es eher Widerstand als Akzeptanz gegenüber erneuerbarer Energien). Für Solarenergie gebe es keine Anreize
2. Termin des Vormittags beim Ministerium für ländliche und städtische Entwicklung (SEDATU). Leider war die Leiterin verhindert; eine junge Mitarbeiterin und ein junger Mitarbeiter informierten über Reformen und Projekte im Bereich Mobilität in Mexiko Stadt und México D.F. Der Individualverkehr macht 25% aus, 25% gehen zu Fuß (wenige fahren Fahrrad), 50% ÖPNV.
Am Nachmittag Termin im Mexikanischen Zentrum für Umweltrecht – CEMDA (punktuelle Partnerorganisation): Andrea Cerami, Rechtsanwalt, informierte über die Energiereform, Menschenrechte und (nicht stattfindende) Bürgerbeteiligung, Landraub, Umweltschäden. Bettina Cruz, indigene Aktivistin aus der Region Oaxaca, sprach über den Widerstand der indigenen Gemeinden im Isthmus von Tehuantepec gegen Windenergie. Zwischen 2007-2014 seien 24 Windparks entstanden, ohne Nutzen für die Bevölkerung – keine Arbeitsplätze, keine Elektrizität.
Abends frei. Ich bin der Einladung zur Podiumsdiskussion der Stiftung: Wem gehört das Wasser? (Jour fixe: El agua: De todos y todas?) gefolgt, mit kritischen Experten über die einige Tage zuvor vorgelegte Gesetzesinitiative zur Wasserbewirtschaftung. Diese Vorlage öffnet die Möglichkeit zur Privatisierung des Wassers mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Es wurde die Rechtslage dargelegt sowie der bisherige Kampf gegen Privatisierung und die Möglichkeiten zum Widerstand diskutiert. Der Saal im sehr schönen Centro Cultural Casa Lamm im Stadtviertel Roma war vollbesetzt. Die Stiftung nutzt immer wieder diesen Ort zu Informations- und Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen, brisanten Themen und kann so viele interessierte BürgerInnen der Stadt erreichen – über die eh engagierten Menschen hinaus.
Mittwoch, 18.03: Treffen mit Partnerorganisationen: Ernährung, Mobilität, Umwelt
Besuch der Organisation „El Poder del Consumidor“ (die Macht des Konsumenten) im südlichen Stadtbezirk Coyoacán. Die Partnerorganisation der hbs arbeitet im Bereich Mobilität, Luftverschmutzung, gesunde Ernährung, das Recht der Kinder auf Trinkwasser in den Schulen. Sie wurde v.a. durch ihre Kampagnen gegen Softdrinks und deren Beitrag zur Ausbreitung von Diabetes bekannt. Fettleibigkeit und Diabetes haben in Mexiko so dramatische Ausmaße angenommen, dass sie bald das öffentliche Gesundheitssystem sprengen werden. Im Jahr 2014 konnte ein Erfolg verbucht werden: Es wurde eine sog. „Soda-Steuer“ gegen heftigen Widerstand von Coca-Cola & Co. eingeführt, die schon zu einem leichten Rückgang des Verbrauchs geführt haben soll.
Im Anschluss erzählte uns die passionierte Radfahrerin Areli Carrión von Bicitekas von den schwierigen Anfängen, den Kampagnen und der allmählichen Verbreitung des Fahrradfahrens in der Stadt.
Danach wieder etwas Sightseeing: Besuch des Museums Dolores Olmedo im südlich von Coyoacán gelegenen Stadtteil Xochimilco. Das Museum in einem sehr schönen Park mit zahlreichen Pfauen beherbergt Werke von Frida Kahlo und Diego Rivera (ein alter Freund von Dolores Olmedo, die seine Mäzenin war), eine Insel der Ruhe in dieser lauten Stadt.
Nach dem Essen gingen einige auf den Markt von Coyoacán, andere ins nahe Museum Leo Trotzky und andere flanierten auf der Plaza Hidalgo, besichtigten die Kirche daneben und schauten einfach dem Treiben auf dem Platz zu.
Nach dieser Entspannung Besuch bei FUNDAR – Centro de Análisis e Investigación - einem punktuellen Partner der hbs. Fundar ist ein Forschungszentrum und Think Tank mit Schwerpunkt Menschenrechte und Umwelt (insbes. Extraktivismus und Fracking), Transparenz und Korruption. Die Organisation wird v.a. von US-Stiftungen finanziert, ist u.a. Mitglied der amerikanischen Allianz gegen Fracking, hat 43 Mitarbeiter, fast alle Vollzeit beschäftigt – ein junges internationales Team. Zwei Rechtsanwälte informierten über die Justizreform, den Rechtsbeistand für Kommunen, die Unterstützung von Menschrechtsorganisationen. Wir haben damit aus unterschiedlichen Perspektiven ein Bild über die sehr problematische Situation in Mexiko erhalten.
Danach frei; die Hälfte unserer Gruppe folgte der Einladung meines Neffen Fabian, der seit 6 Jahren in Mexiko lebt und für OXFAM arbeitet. Er wohnt in einer WG in einem kleinen Häuschen in Coyoacán, direkt neben dem „blauen Haus“, dem Museum Frida Kahlo. Bei Mais mit Limonen und Mayonnaise sowie Bier erzählte er von seiner Arbeit und dem Leben in Mexiko. Zum Abschluss gab es noch eine kleine Mezcal-Probe von einem von Fabian u.a. unterstützten kleinen Produzenten aus Oaxaca. Danach wagten wir es, mit der U-Bahn zum Hotel zurückzufahren, allerdings kundig begleitet von Thorsten Englert.
Donnerstag, 19.3.: Deutsche Botschaft, Fahrt nach Oaxaca und Puebla
Vormittag: vor unserer Reise noch Termin bei der Deutschen Botschaft im reichen Stadtviertel Polanco (Botschaften, Luxusgeschäfte). Gespräch mit dem Gesandten Werner Schaich, Martina Klump, Wirtschaftsabteilung, und Aron Mir Haschemi, politische Abteilung. Frau Klump informierte eher formal über Wirtschaft, Energie, deutsche Firmen in Mexiko. Danach musste sie uns wegen Termingründen verlassen, Informationen und Diskussion wurden differenzierter, kritischer. Werner Schaich schätzt die Realität zu Menschenrechten düster ein. Er und insbesondere Aron Mir Haschemi sprachen über die großen Unterschiede der Bundesstaaten, Landschaft, Bevölkerung: u.a. Großgrundbesitz im Norden, hoher Anteil indigener Bevölkerung im Süden. Sie informierten über Korruption quer durch alle Gesellschaftsschichten, die Parteienstruktur, Kriminalität und Straflosigkeit, den Mangel an Sicherheit, die oligarchische Struktur der Medien (nur 2 TV-Kanäle), die extreme Ungleichheit, den Mangel an Zugang zu Bildung, die schwache Zivilgesellschaft, die saturierte Mittelschicht, die nicht an politischen Veränderungen interessiert sei und den damit zusammenhängenden Mangel an Veränderungspotential. Ein sehr pessimistisches Bild zur demokratischen Situation und Entwicklung des Landes. Viele Themen hatten wir schon gehört, waren aber doch erstaunt über die deutliche Einschätzung, was v.a. der kenntnisreichen und klaren Sprache von Aron Mir Haschemi zu verdanken war, einem ehemaligen Böll-Stipendiaten (!!!).
Am Nachmittag los zur „großen Fahrt“ nach Oaxaca und Puebla, in Begleitung von Annette, Caroline und Dolores im „eigenen“ Bus. Caroline hat immer wieder Annette bei den anstrengenden Übersetzungen abgelöst, Fotos gemacht, uns über vieles auf dem Weg informiert, sich um alles gekümmert, immer sehr freundlich und kommunikativ. Sie kennt Puebla gut, da sie als Schülerin ein Jahr zum Austausch in einer Familie da gelebt hat. Dolores ist in der Stiftung zuständig für „Natürliche Ressourcen, Nachhaltigkeit und Klimawandel“ (eje verde), ihre Familie stammt aus Oaxaca und sie ist die Kontaktperson für die Partnerorganisationen dort.
Lange Fahrt mit abwechslungsreicher Landschaft; besonders beeindruckend die mit langen, dünnen, wie Stangen in den Himmel ragenden Kakteen bewachsenen Hügel. Spätes Ankommen in einem schönen kleinen Hotel im spanischen Kolonialstil, mit Patio und Blumen, Essterrasse und Blick über die Stadt mit ihren Kirchen und kleinen Häuschen (mit Patio), ein lebendiges Zeugnis der spanischen Kolonialarchitektur. Abendessen und erstes Treffen mit Irene und Oscar von UNITIERRA, langjähriger Kontakt der Stiftung.
Freitag, 20.3.: Unitierra und Oaxaca-Stadt
Treffen mit Irene, Edgardo und Oscar bei Unitierra, einem alternativen Bildungsprojekt, das auf dem Wissen der Menschen aufbaut und indigene Gemeinden bei der Bewahrung und Herstellung sozialer Netze unterstützt. Ein Anthropologe erläuterte das indigene Rechtswesen, denn in den Gegenden mit indigener Bevölkerung können sich die Gemeinden entscheiden, ob nationales oder indigenes Recht angewandt werden soll.
Mechtild Jansen hatte Geburtstag und bekam mexikanische und deutsche Geburtstagsständchen und eine mit Rosen verzierte Torte, die auch noch gut schmeckte.
Am Nachmittag Besuch in San Bartolo Coyotepec, einem von Unitierra unterstützten Dorfprojekt ca.1 Std von Oaxaca entfernt, mit besonderem sozialem und Umwelt-Engagement. Der Bürgermeister beeindruckte mit einem Diavortrag über die Einführung von Mülltrennung und Trockenklos, ökologische Öfen, die wir dann in seinem Haus besichtigen konnten. Sehr interessant war danach auch die Vorführung zur Herstellung der für Oaxaca berühmten schwarzen Keramik (Tontreten durch einen Mann und Gegenstände formen von Frauen). Einige von uns haben dann auch Figuren, Schalen etc. gekauft.
Samstag, 21.3.: Das prähispanische Oaxaca
Den Feiertag - Geburtstag des ehem. Präsidenten Benito Juarez (geb.1806 in San Pablo Gelatao im Bundesstaat Oaxaca, Präsident von 1861 bis zu seinem Tod 1872), der als einer der größten Reformer Mexikos gilt - nutzten wir zur Besichtigung von Monte Albán – weißer Berg -, Zeremonialzentrum der Zapoteken (und vorher Olmeken) auf einem Hochplateau, ca 40 Min. von Oaxaca entfernt. Eine kundige Führerin von Unitierra erläuterte uns den Ballspielplatz, den Palacio de los Danzantes, die Gran Plaza etc.
Dann ging es weiter nach Mitla – Ort des Begräbnisses -, das besonders durch seine Fassadendekorationen beeindruckte.
Da sich die Mehrheit für eine Weberkooperative von Frauen ausgesprochen hatte, verpassten wir den Besuch einer Mezcal-Produktionsstätte (wohl zum Leidwesen einiger).
In Teotitlán del Valle, Zentrum der Webkunst, erzählten Pastora, Dalia und Violeta von der von Unitierra unterstützten Kooperative Vida Nueva (12 Frauen, v.a. Witwen und Alleinererziehende) die Geschichte der vor 18 Jahren gegründeten Kooperative und wie sich damit im Laufe der Zeit die Stellung der Frauen in der Gemeinde verbessert habe. Sie sprachen über die Projekte: neben Weben von Teppichen und Tüchern u.a. Herstellung von ökologischen Öfen (estufas ecológicas), Mülltrennung, Bäume pflanzen (sembrando vida). Sehr anschaulich demonstriert wurde die Farbgewinnung aus Naturmaterialien. Begeistert von den schönen bunten Teppichen und Tüchern ließen sich einige zum Kaufen hinreißen.
Danach erlebten wir noch auf dem Dorfplatz die Blaskapelle mit der Nationalhymne zu Ehren des Geburtstages von Benito Juarez, die bei den Umstehenden die feierliche Haltung mit waagrecht abgewinkeltem rechten Arm und rechter Hand auf dem Herzen provozierte. Auch Dolores vom Böll-Büro sagte, dass sie gar nicht anders könne, weil dies zur Schulsozialisation gehöre.
Sonntag, 22.3.: Sonntagsvergnügen in Oaxaca und Abfahrt nach Puebla
Vormittags Bummeln durch das sonntäglich belebte Oaxaca, Besuch des zentralen Marktes mit Dolores - faszinierend die roten Heuschreckenhaufen, die Berge gelber Hühnerleiber, die Schweinsköpfe, neben buntem geflochtenes Kunsthandwerk. Schlendern über den daneben liegenden Zócalo und Besichtigung der wuchtigen Catedrale Alameda de León. Viele kleine Zelte auf dem Zócalo neben den Verkaufs- und Essenständen - eine seit langem streikende Lehrergewerkschaft besetzt einen Teil des Platzes. Kuriose Information von Annette dazu: die Position eines Lehrers kann vererbt werden, ohne entsprechende Qualifikation. Besuch der Kirche Santo Domingo, goldene Barokpracht, und des sehr schönen „Museo de las Culturas de Oaxaca“ im dazu gehörenden ehemaligen Kloster: kostbare Ausgrabungsfunde. Nachmittags Fahrt nach Puebla.
Montag, 23.3.: Puebla
Am Vormittag geführte Besichtigung des Zentrums von Puebla (auch Stadt der Kacheln wg der zahlreichen Hausfassaden mit Talavera-Kacheln, seit 1987 UNESCO -Weltkulturerbe); kurze Besichtigung der wuchtigen, im Inneren eher hässlichen Kathedrale am Zócalo und der Kirche Santo Domingo mit überwältigender Golddekoration des Innenraums. Puebla gilt als traditionsreich und konservativ, ist bei uns v.a. bekannt durch das VW-Werk in der Nähe.
Am Nachmittag mit dem Bus in das ca. 60 km entfernte neu errichtete Audi-Werk, das demnächst eröffnet werden soll. Auf dem Weg dorthin Fahrt durch das benachbarte, sehr ärmliche Dorf. Freundlicher Empfang durch Alejandro Pliego Mora, politischer Beauftragter, mit sehr guten Deutschkenntnissen. PP-Vortrag auf Deutsch des Leiters Umweltschutz und Werkssicherheit, Raúl Rodríguez, (vorher 31 Jahre bei VW Mexiko). Er erläuterte die „ökologische“ Lösung des Wasserproblems, Mülltrennung und -entsorgung, die Entwicklungsmöglichkeiten für die umliegenden Dörfer – u.a. würde die Bevölkerung einbezogen -, die Schaffung von Arbeitsplätzen. Auf die Frage: Warum gerade hier?: Das Gelände wurde vom Staat günstig zur Verfügung gestellt, die günstige geografische Lage – an einer Eisenbahnlinie zwischen dem Hafen Vera Cruz und Mexiko-Stadt -, die Nähe zu VW. Wenn man den Worten glauben will, nur positive Auswirkungen.
Dienstag, 24.3.: Fahrt in die Sierra Norte de Puebla
Fahrt nach Zaútla, eine Gemeinde, die sich erfolgreich gegen ein Bergbauprojekt gewehrt hat. Treffen mit Gemeindemitgliedern, gemeinsames Mittagessen in CESDER (Centro de Estudios para el Desarrollo Rural). Das Ausbildungszentrum wurde vor 30 Jahren gegründet, bietet Bachelor- und Masterabschluss für ländliche Entwicklung an. Die Studenten studieren eine Woche im Zentrum, wo sie auch wohnen, und arbeiten 4 Wochen in einer/ihrer Gemeinde. Kritik später unter uns: sehr kurze Zeit des Studiums im Zentrum und lange Abwesenheit; außerdem unterscheidet sich das Zentrum kaum von der ärmlichen Umgebung – kein gutes Vorbild für ländliche Entwicklung.
Beeindruckende Schilderung Betroffener der Probleme durch die Bergbauprojekte – u.a. Fracking -, Enteignung und Vertreibung und den Widerstand der lokalen Bevölkerung.
Weiterfahrt nach Cuetzalan, Übernachtung im Ökohotel Tosepan Kali einer indigenen Kooperative. Etwas schwieriges Ankommen, da Regen, Nebel, glitschiger Aufgang mit Gepäck, klamme Betten, aber großzügige Räume mit vielen Ritzen, da Bambuskonstruktion. Abendessen im Ort, gespenstisch-märchenhaft in Nebel und Dunkelheit der kleine Park mit Turm und breiten Treppenstufen am Hang.
Mittwoch, 25.3.: Cuetzalan, Rückfahrt nach Mexiko-Stadt, Treffen mit deutschen Journalisten
Cuetzalan zählt seit 2002 zu den sog. Pueblos Mágicos (Tourismuslabel) und ist bei Mexikanern aus Puebla und Mexiko-Stadt als Erholungsgebiet sehr beliebt. Vormittag mit Sonnenschein, Führung durch die Kooperative Tosepan Kali durch den Leiter, der uns schon das Frühstück serviert hatte: ökologische Wasserreinigung, Kaffeeanbau. Darstellung der Geschichte: gegr. 1977, Zusammenschluss von aktuell 8 Kooperativen aus 22 Gemeinden der Region, mit insgesamt. 28.000 Mitgliedern. Jede Einzelkooperative ist spezialisiert: Bambus, Kaffee, Pfeffer, Honig. Es gibt eine lokale Radiostation in der indigenen Sprache (Nahuatl). Gemeinsam liegt der Fokus auf Gesundheit, nachhaltiges Wohnen, Erziehung und Bildung (Kindergarten, Grundschule), ökologisches Wirtschaften und Verteidigung des Landes gegen Staudamm- und Bergbauprojekte sowie gegenseitiger technischer Unterstützung.
Danach kurzes Kennenlernen des Städtchens, jetzt bei Sonnenschein, pittoreske Kirche, breite Treppenstufen des Hauptplatzes zu kolonialen Häusern, enge Gassen.
Rückreise nach Mexiko-Stadt und gemeinsames Abendessen mit 3 deutschen Journalisten: Klaus Ehringfeld, Spiegel Online u.a.; Martin Polansky, ARD-Hörfunk; Gerold Schmidt, Mitarbeiter der ila, Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika und Mitarbeiter bei der NGO Mexikanische Agrarpolitik. Gerold Schmidt lebt seit 20 Jahren in Mexiko und meinte, dass sich die Situation in den letzten Jahren sehr verschlechtert habe: Drogenkriminalität, Gewalt, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit. Er wies auf den Film: „La Dictadura Perfecta“, von Luis Estrada, Mexiko hin, der die Situation Mexikos gut darstelle. Klaus Ehringfeld, der seit 2001 in Lateinamerika arbeitet, sprach von einer Allianz zwischen Staat und organisiertem Verbrechen. Man frage sich, ob Politiker Kriminelle seien oder ob Kriminelle Politiker würden. Der Staat werde von der Bevölkerung als feindlich angesehen. Die Angriffe auf kritische mexikanische Journalisten häuften sich. Ehringfeld und Schmidt sehen die Zukunft düster, die Zivilgesellschaft sei zu schwach. Martin Polansky hatte im Vergleich zu beiden eine weniger negative Einschätzung: Es gebe Pressefreiheit, Mexiko sei keine Diktatur. In den letzten Jahren habe es eine spürbare wirtschaftliche Entwicklung gegeben. Alle drei stimmten überein, dass internationaler Druck wichtig sei. Das geplante Sicherheitsabkommen zwischen Deutschland und Mexiko sollte nicht unterschrieben werden.
Donnerstag, 26.3: Mexiko-Stadt, Thema Gender, Abschlussdiskussion
Vormittags in Coyoacán: Besuch bei der Partnerorganisation Equidad de Género (Geschlechtergerechtigkeit). Die Leiterin, Maria Eugenia Romero Contreras, berichtete über die Arbeit der seit 1996 bestehenden NGO, u.a. die Kampagnen zu Sexualität und Recht auf Reproduktion (mittlerweile ist Schwangerschaftsabbruch in den ersten 12 Wochen im Distrito Federal legal), zur politischen Partizipation und wirtschaftlichem Empowerment von Frauen, zur Gendersensibilität im öffentlichen Etat. Sie wies darauf hin, dass sie Mitglied der mexikanischen Delegation bei internationalen Konferenzen sei.
Danach weiter in Coyoacán: Besuch des Museums Frida Kahlo, schönes Haus, in dem sie mit Diego Rivera gelebt und in dem zeitweise auch Trotzki gewohnt hatte.
Am Nachmittag dann die letzten Gespräche im Büro der hbs: zunächst informierte ein Vertreter der LGBT- Jugendlichen - ein beeindruckender junger Mann, der einige Jahre auf der Straße gelebt hat und zum mutigen und überzeugenden Aktivisten wurde - über die schwierigen, z.T. gefährlichen Lebensbedingungen.
Danach erläuterte eine Journalistin von der feministischen Presseagentur CIMAC (älteste Projektpartnerin der hbs) die prekäre ökonomische und auch gefährliche Situation von kritischen Journalisten, insbesondere von Frauen.
Abschlussdiskussion: sehr positive Rückmeldung an Annette von Schönfeld und ihr Team für das interessante Programm, die spannenden Begegnungen und die kulinarischen Entdeckungen. Diesen Aspekt habe ich in dem Bericht vernachlässigt, aber Uli Cichon ist die absolute Kennerin aller Köstlichkeiten der mexikanischen Küche. Als Dank kleine Geschenke für Annette, Caroline, Dolores und Laura vom Team, die uns begleitet haben. Für Annette gab es noch ein böllgrünes Tuch aus der Weberinnenkooperative, sodass sie beim Abschlussfoto mit Uli fast mit dem Grün der Wand verschmolz.
Freitag, 27.3.: Teotihuacán, Mittagessen mit hbs-Team und Abreise
Frühe Abfahrt nach Teotihuacán, „eine der bedeutendsten prähistorischen Ruinenstädte Amerikas“. Mittagessen mit dem hbs-Team, Abschied und Fahrt zum Flughafen. Ende einer wunderbaren Reise (trotz alledem).
An Annette und ihr Team große Anerkennung für die tolle Arbeit und nochmals herzlichen Dank! Auch an Ulrike Cichon vielen Dank, die für uns eine kompetente, fröhliche und gelassene Reiseleiterin war!