Historisch-politische Bildung erfindet sich neu – digital und in herausfordernden Zeiten: Die Konferenz "International Civic Education Summit" zeigte innovative Projekte aus aller Welt. Wo liegen Chancen und Grenzen für den deutschen Kontext?
Historisch-politische Bildung steht unter Druck. Nicht nur Budgetkürzungen, sondern auch die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, die verschärften politischen Debatten und der Erfolg autoritärer politischer Kräfte weltweit erschweren zivilgesellschaftliche Bildungsarbeit. Dabei sind es gerade bildungspolitische Initiativen, die Orientierung in einer komplexen Welt bieten und Raum für echten Dialog schaffen. Sie haben die Aufgabe, durch Bildung autoritären Entwicklungen entgegenzuwirken.
Denn Civic Education (engl. für politische Bildung) soll Bürger*innen befähigen, am demokratischen Prozess teilzunehmen, und freie und plurale Gesellschaften stärken. Durch vielfältige Methoden kann sie helfen, Ungerechtigkeit und Gewalt sichtbar zu machen und mehrere Generationen in den lebendigen Austausch zu bringen, damit durch Empathie und Wissen Unrecht verhindert werden kann. Zu ihrer Arbeit gehört nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern auch die ehrliche Reflexion der politische Bildner*innen über Möglichkeiten und Grenzen der Civic Education, um dann selbstbewusst Einfluss auf gesellschaftliches Geschehen nehmen zu können. Um sich dazu tiefergehend auszutauschen, luden die Heinrich-Böll-Stiftung, die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Arolsen Archives zum ersten International Civic Education Summit nach Berlin ein.
Der International Civic Education Summit in Berlin im November 2025
Auf der Konferenz standen neue Ansätze, die historische Themen inklusiver, beteiligungsorientierter und zeitgemäß digital aufbereiten, im Mittelpunkt. Teilnehmende aus Projekten lokaler Erinnerungskultur und weitere internationale Partner tauschten Erfahrungen aus, knüpften Kontakte und unterstrichen die Bedeutung von historischer Bildung für die Demokratie. Die Vielzahl der Initiativen und die Einblicke in ihre Bildungs- und Erinnerungspraktiken regten zu inspirierenden Gesprächen an. Sie präsentierten kreative Zugänge zu lokaler Geschichte und warfen dadurch die Frage auf, ob diese auf andere Kontexte übertragen werden können. Die folgende Auswahl an Projekten gibt einen Einblick in die thematische Breite der Konferenz.
Internationale Projekte zeigen innovative Ansätze
Das Bophana Center Kambodscha entwickelte die Bildungs-APP Khmer Rouge History, die validierte Quellen zur Gewaltherrschaft der Roten Khmer digital zur Verfügung stellt. Sie schafft insbesondere für Studierende und Jugendliche Zugang zu kollektiver wie individueller Geschichte und ermöglicht selbstständiges Erforschen der Quellen. Besonders innovativ sind Zeitzeugenaussagen, die im Rahmen von Workshops aufgenommen und dem Archiv hinzugefügt werden. Sie sind ein Beispiel dafür, Geschichte durch „doing history“ partizipativ erfahrbar zu machen.
Ebenfalls digital präsentiert sich die App Stolpersteine NRW. In der App findet sich eine digitalisierte und kartografierte Sammlung der Stolpersteine in Köln und Umgebung. Die Informationen über die Personen, an deren Schicksale die Steine erinnern sollen, sind gebündelt und niedrigschwellig zugänglich. In Schulprojekten trugen Teilnehmende weitere Ergebnisse von Recherchen über die Biographien dieser Personen ein und ergänzten die Sammlung. Angesichts der großen Anzahl der Erinnerungssteine ist das Projekt ambitioniert und hat großes Potential für die Zukunft, wenn es weitere Städte und sogar Länder integriert.
Das Projekt Shoah Stories schafft Orientierung bei der Vielzahl von Informationen zum Holocaust im Netz und schützt vor Falschinformationen.
Das Projekt Shoah Stories versteht sich als Vernetzungsplattform für seriöse TikTok-Videos. Ausgewählte Partnerorganisationen der historisch-politischen Bildung laden ihre Videos hoch und garantieren dadurch einen hohen Qualitätsstandard. Sie schaffen somit Orientierung bei der Vielzahl von Informationen zum Holocaust im Netz und schützen vor Falschinformationen. Die Plattform ist ansprechend, denn durch Scrollen und Swipen ist sie dem Nutzungsverhalten junger Menschen nachempfunden. Mit Erfolg: viele User*innen verbringen mehr als eine Stunde auf der Plattform. Partnerorganisationen können von Jugendlichen selbst erstellte Videos hochladen und pluralisieren damit die Erinnerungsdebatte.
Besonders beeindruckt das Projekt Syria Prisons Museum, deren Initiator*innen die Gefängnisse des Assad-Regimes betreten und nachkonstruiert haben. Das von Journalist*innen ins Leben gerufene Projekt beschäftigte sich anfangs mit Repräsentation der Gefängnisse des sogenannten Islamischen Staats. Mit dem Syria Prisons Museum ist ein daraufhin ein virtueller Raum entstanden, der die Realität des Assad-Terrors sichtbar macht. Schwer erträglich ist der Rundgang durch die ehemaligen Folterkammern, die durch Informationen und Zeitzeugenberichte ergänzt wurden. Für viele Betroffene ist von unschätzbarem Wert, ihrem Leid einen für alle zugänglichen Ort zu geben und ihre Erfahrungen greifbarer zu machen. Außerdem bewahren die Initiator*innen Dokumente, Erzählungen und Orte als Beweismittel für Prozesse auf und nutzen damit die Möglichkeiten der vernetzten Welt, denn die Beweise sind auf verteilten Servern abgelegt und können nicht mehr vernichtet werden. Schonungslos wird in diesem Projekt Entmenschlichung, Erniedrigung und Folter unserer Zeit ein digitales Denkmal gesetzt, dessen langfristige Auswirkungen noch kaum abschätzbar sind.
Chancen und Grenzen digitaler Bildungsprojekte
Die vorgestellten Projekten haben gemeinsam, dass sie exzellentes, leicht zugängliches, biografisches Quellenmaterial zusammentragen, das sich hervorragend zur selbstständigen Recherche eignet und niedrigschwellig Zugang zu historischen Quellen ermöglicht. Der innovative Charakter und die Zusammenarbeit der Initiativen mit einem Netzwerk aus Wissenschaft und non-formaler Bildung machen diese Angebote auch für die Bildungsarbeit in Deutschland interessant, denn obwohl die Projekte in unterschiedlichen Regionen der Welt konzipiert worden sind, können politische Bildner*innen hier von ihnen lernen. Sie geben erste Antworten auf die Fragen einer zeitgemäßen historisch-politischen Bildungsarbeit, da ihr Material digital zugänglich, multiperspektivisch und vielfältig ist, und sie können dadurch insbesondere den klassischen Geschichts- und Politikunterricht in Schule ergänzen. Damit dieses Potenzial insbesondere bei jungen Menschen seine Wirkung entfalten kann, müssen Angebote sichtbar und zugänglich sein. Wie erreicht man also junge Erwachsene, die auf diesen Plattformen selbstständig lernen können? Wie gelingt es, dass Apps und Lernangebote tatsächlich auch außerhalb der Schule genutzt werden?
Voraussetzung für die mediale Verbreitung ist Wissen über die Funktionsweisen von Algorithmen und Content-Distribution, um Reichweite zu erzielen. Also müssen politische Bildner*innen der Verbreitung auf Social Media gegenüber aufgeschlossen sein. Das heißt auch, dass Überschneidungen von historisch-politischer Arbeit und Vermarktungsmethoden bedeutsamer werden und verschiedene Professionelle stärker miteinander zusammenarbeiten werden müssen. Es wird spannend, zu verfolgen, wie diese neuen Kooperationen sich entwickeln und womöglich zu neuen Fragestellungen in der Bildungsarbeit kommen.
Die Verbreitung dieser Inhalte im Netz bietet zusätzlich die große Chance, Gruppen von jungen Erwachsenen wie beispielsweise Jugendliche in der Ausbildung, die bisher in derartigen Bildungsformaten wenig beachtet werden, zu erreichen. Da häufig nur der Rahmen Schule für den Einsatz der historisch-politischen Bildung genutzt wird, fallen jene Jugendliche heraus, denen diese formale Struktur fehlt. Frei zugängliche Apps, die neugierig machen und gelungen beworben sind, können mehr junge Erwachsene erreichen.
Historisch-politische Bildungsarbeit sollte abseits von Schule auch die Räume prüfen, in denen sich Heranwachsende aufhalten.
Dabei stellt sich auch die Frage, wie man diese Erfahrung mit digitalen Angeboten begleitet. Denn: Anschauen und Informieren allein schaffen noch keine Auseinandersetzung mit der Thematik. Es ist also herausfordernd, die Fragen und den Diskussionsbedarf in der digitalen Welt aufzufangen, denn gerade Inhalte zum Thema Gewalt, Verfolgung und Vernichtung können Angst und Ablehnung auslösen. Politische Bildner*innen müssen also trotz der Freiheiten, die die Projekte in der digitalen Umgebung entfalten, diese auch weiterhin pädagogisch begleiten. Projekte der historisch-politischen Bildung sollten bereits in der Konzeption diesen Ansprüchen Rechnung tragen und die anschließende Begleitung in die Projektplanung einbeziehen. Das erfordert mehr Geld und mehr Personal, bedenkt man, dass Projekte normalerweise mit ihrer Veröffentlichung bereits ihren Abschluss gefunden haben. Aber die professionelle Nachbereitung und Betreuung eröffnet einen qualifizierten Dialog. Hier können moderierte Kommentarspalten, Chats und Online-Seminare helfen, die Aneignungsprozesse der jungen Nutzer*innen zu unterstützen.
Leider sind Schulen, die oft als Workshop-Ort gewählt werden, immer weniger bereit, Zeit für historisch-politische Bildung einzuräumen. Hier müssen dann die außerschulischen Angebote passgenau auf die Lebensrealitäten junger Menschen zugeschnitten werden. Klassische Workshop-Formate an Wochenenden und in der Freizeit erreichen die interessierten Jugendlichen, aber wie gewinnt man diejenigen, die zwar Bedarf, aber noch keine eingeübten Fähigkeiten zur selbstständigen Recherche haben? Historisch-politische Bildungsarbeit sollte hier abseits von Schule auch die Räume prüfen, in denen sich Heranwachsende aufhalten, das können neben Social Media auch Ausbildungsstätten, lokale Netzwerke wie Nachbarschaftsinitiativen, Gemeinden, Vereine, Stadtteilzentren, Treffpunkte, Gedenkorte, Kulturräume und Museen sein.
Finanzierung und neue Lernorte bleiben Herausforderungen
Die Projekte des ersten International Civic Education Summit zeigen, welche Chancen digitale Formate für die historisch-politische Bildung bieten. Sie erleichtern den Zugang zu vielfältigen Quellen auch außerhalb von klassischen Lernorten und ermöglichen eigenständige Recherche. Digitale Angebote brauchen aber weiterhin fachliche Begleitung, um Einordnung und Austausch zu ermöglichen.
Damit bleiben einige Fragen bestehen, die für die Weiterentwicklung wichtig sind: Wie kann eine qualifizierte Begleitung im Internet dauerhaft finanziert und verankert werden? Welche zusätzlichen Kompetenzen benötigen politische Bildner*innen, und wie können Institutionen sie darin unterstützen? Und schließlich: Wie lassen sich jene Jugendlichen noch besser erreichen, die weder über Schule noch über klassische Beteiligungsformate Zugang finden?
Das Potenzial digitaler Bildungsprojekte für die historisch-politische Bildungs- und Erinnerungsarbeit ist groß und entwickelt sich besonders dann, wenn technische Innovation und pädagogische Praxis miteinander verzahnt werden.