Im globalen Ernährungssystem gaben lange Zeit vor allem US-amerikanische sowie einige europäische Konzerne den Ton an. Mittlerweile sortiert sich der Weltmarkt neu – die Konkurrenz aus China gewinnt immer größeren Einfluss. Viele der chinesischen Konzerne sind in Staatsbesitz: Ihr Aufstieg spiegelt daher nicht nur marktwirtschaftliche Dynamiken wider, sondern folgt einer gezielten Strategie der Regierung.
In der chinesischen Geschichte haben leere Teller und leere Mägen oft zu vollen Straßen und vollen Plätzen geführt. Viele Male haben Hungersnöte und Ernährungskrisen Aufstände hervorgerufen und das Ende ganzer Dynastien eingeleitet – vor allem wenn sie mit militärischer Eskalation oder Korruptionsaffären einhergingen. Auf diese Weise zerbrach zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts die Qing-Dynastie, Chinas letzte Kaiserherrschaft. Zwischen 1810 und 1907 erlebte das Land eine Reihe schwerwiegender Hungersnöte; die verheerendste von ihnen kostete zwischen 1876 und 1879 mehr als 9,5 Millionen Menschen das Leben. In neuerer Zeit führte die Hungersnot von 1959 bis 1961 zum Tod von Dutzenden Millionen Menschen. Ausgelöst wurde sie durch die Politik Mao Zedongs, der mit seinem sogenannten Großen Sprung nach vorn eine rasche Industrialisierung und die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion erreichen wollte. Als Lektion der Geschichte begreift die heutige chinesische Zentralregierung Ernährungssicherheit als zentral, um ihre Macht zu sichern.
Seit einer bedeutenden politischen Neuausrichtung im Jahr 2013 setzt China bei der Lebensmittelversorgung auf eine Doppelstrategie: Einerseits möglichst autark werden und andererseits beschaffen, was fehlt. So soll im Inland das Nötigste selbst produziert werden, zum Beispiel Grundnahrungsmittel wie Reis, Weizen und Schweinefleisch. Dazu kommen große Investitionen in Agrartechnologie; autonome Systeme und künstliche Intelligenz sollen die eigene Landwirtschaft beflügeln. Was China nicht ausreichend selbst anbauen kann, kauft es auf dem Weltmarkt, zum Beispiel Sojabohnen. Seit Jahren diversifiziert China seine Bezugsquellen und stärkt die Beziehungen zu Afrika, Lateinamerika und Südostasien durch langfristige Lieferabkommen und Auslandsinvestitionen. In diesem Prozess agieren chinesische Staatskonzerne häufig als verlängerter Arm Pekings. Aber auch private Firmen bindet die Regierung gezielt in die eigene Strategie ein – durch zinsgünstige Kredite und diplomatische Unterstützung.
China muss sein Agrarbusiness im Ausland auch deshalb ausbauen, weil die Selbstversorgung bröckelt: Der Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln ist von 93,6 Prozent im Jahr 2000 auf 65,8 Prozent im Jahr 2020 gesunken. Schätzungen zufolge fehlten China Ende 2025 etwa 130 Millionen Tonnen Lebensmittel, darunter 25 Millionen Tonnen Getreide. Bis 2030 könnte die Selbstversorgungsquote sogar unter 59 Prozent fallen. Zahlreiche Faktoren erschweren es China, den Lebensmittelimport zu diversifizieren. Zum einen verschärfen sich die Spannungen mit den USA. Zum anderen sind die internationalen Märkte für Getreide und Dünger seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sehr instabil. Zudem setzen viele Länder in den gegenwärtigen Krisen auf Exportbeschränkungen. Dieser Protektionismus macht es für China noch schwieriger, verlässliche Handelspartner zu finden.
Ein Blick auf Schlüsselakteure zeigt, wie groß der Einfluss Chinas im weltweiten Agrarsektor mittlerweile ist. Allein die COFCO-Gruppe, ein staatlicher Getreide- und Logistikriese, handelte im Jahr 2024 mit über 108 Millionen Tonnen Getreide und anderen Agrarrohstoffen. Gemessen an den Umsätzen war COFCO im Jahr 2022 nach Cargill der zweitgrößte Agrarhändler weltweit. Im Jahr 2017 hat ChemChina den Schweizer Konzern Syngenta für 43 Milliarden US-Dollar gekauft. Damit sicherte sich China den Zugang zu Saatgut- und Pestizidtechnologie und stärkte damit die Kontrolle über globale Agrarinputs. Heute ist die Syngenta-Gruppe – samt der israelischen Tochter ADAMA – bei Pestiziden mit einem Anteil von 25 Prozent Weltmarktführer. Am Saatgutmarkt hielt der Konzern 2023 einen Anteil von 10 Prozent.
Chinas Agrarinvestitionen konzentrieren sich auf Regionen, die hohen strategischen und wirtschaftlichen Nutzen versprechen. In Afrika unterstützen chinesische Firmen die Verteilung von Saatgut und Dünger; diese Projekte basieren auf bilateralen Regierungsabkommen wie dem Forum für China-Afrika-Kooperation (FOCAC). Zwischen 2013 und 2023 errichtete China 24 landwirtschaftliche Technologie-Demonstrationszentren in Afrika, in denen chinesische Expert*innen gemeinsam mit lokalen Bäuer*innen über 300 moderne Agrartechnologien einführten. Diese Maßnahmen führten zu durchschnittlichen Ertragssteigerungen von 30 bis 60 Prozent und kamen über einer Million Bäuer*innen auf dem Kontinent zugute.
In Lateinamerika – insbesondere in Brasilien und Argentinien – sichert sich China den Import wichtiger Güter wie Sojabohnen und Rindfleisch und investiert zugleich in Infrastrukturprojekte wie Häfen, Wasserkraftwerke und Eisenbahnen. In Südostasien wiederum ermöglichen die geografische Nähe und steigende Nachfrage lukrative Geschäftsvorhaben wie COFCO Biochemical in Thailand.
Chinas Ambitionen in der globalen Ernährungspolitik werden zunehmend auch durch die wachsende Macht innerhalb der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sichtbar. Seit Qu Dongyu im Jahr 2019 als erster Chinese überhaupt das Amt des Generaldirektors übernommen hat, scheint China immer größeren Einfluss auf die Gestaltung internationaler agrarpolitischer Agenden zu nehmen. So profitierte etwa Syngenta von der Zulassung mehrerer hochgefährlicher Pestizide für den Einsatz in FAO-Entwicklungsprojekten. Zwar sind die Durchsetzungsbefugnisse der FAO begrenzt, dennoch bietet sie China eine wertvolle Plattform, um eigene landwirtschaftliche Standards und Entwicklungsvisionen weltweit zu fördern.