Die Europäische Union (EU) will mit der Hilfe privater Investoren nachhaltiger werden – und liefert die Natur deshalb Spekulanten aus. Doch um Ökosysteme und Artenvielfalt wirksam zu schützen, dürfen sie nicht länger wirtschaftlichen Interessen multinationaler Großkonzerne geopfert werden.
In den vergangenen Jahren hat die EU bei ihrer Umweltpolitik die Priorität darauf gesetzt, private Finanzströme in nachhaltige Aktivitäten zu lenken. Dieses Prinzip prägt den Green Deal und das Konzept der Nature Credits. Diese handelbaren Zertifikate sollen Beiträge zum Biodiversitätsschutz messbar machen, die etwa durch Renaturierung von Feuchtgebieten oder Aufforstung entstehen. Konzerne können Nature Credits erwerben, um Umweltschäden auszugleichen, die sie an anderer Stelle verursacht haben.
Befürworter argumentieren: Solche marktorientierten Lösungen schaffen finanzielle Anreize für Konzerne, Verantwortung für Natur- und Klimaschutz zu übernehmen. Doch der Ansatz ist trügerisch. Nature Credits können die Lage sogar verschlimmern und Ökosysteme weiter gefährden, anstatt sie zu schützen. Denn wenn Natur als Finanzprodukt behandelt wird, verleugnet das ihre Einzigartigkeit. Nature Credits reduzieren unersetzbare Ökosysteme auf messbare Funktionen wie Kohlenstoffspeicherung, Wasserregulierung oder Schutz vor Extremwetter. Dieser Fokus blendet ihre Komplexität aus. Zivilgesellschaftliche Organisationen warnen: Durch den Kauf von Nature Credits können Konzerne ihr Image durch Greenwashing verbessern, ohne umweltschädliche Geschäftsmodelle aufgeben zu müssen.
Großbritannien und Frankreich haben das International Advisory Panel on Biodiversity Credits (IAPB) initiiert, das dafür sorgen soll, Nature Credits weltweit in Gesetze zu integrieren. In ihren Stellungnahmen schließt die IAPB den Handel auf dem Sekundärmarkt nicht aus. Das würde es Konzernen erlauben, Nature Credits mehrfach weiterzuverkaufen – und aus Preisschwankungen Profit zu schlagen. Es ist davon auszugehen, dass diese Empfehlung auch in den zukünftigen EU-Rahmen für Nature Credits eingeht. Das erleichtert Spekulation mit der Natur und erhöht die Nachfrage nach landwirtschaftlichen oder natürlichen Flächen. Landpreise würden so weiter nach oben getrieben. Im Globalen Süden zum Beispiel führen Nature-Credit-Projekte dazu, dass Kleinbäuer*innen, Indigene oder lokale Gemeinschaften den Zugang zu Land oder natürlichen Ressourcen verlieren, weil Konzerne die Flächen für finanziell lukrative Naturschutz- oder Kompensationsmaßnahmen aufkaufen.
Nature Credits stützen ein Narrativ, das unzureichenden Biodiversitätsschutz allein auf mangelnde Finanzierung zurückführt und die Ursachen von Umweltzerstörung verschweigt. Unabhängig davon, wie viel privates oder öffentliches Geld für Renaturierung ausgegeben wird: Das Artensterben lässt sich nicht aufhalten, solange wir nicht unser Wirtschaftssystem ändern. Eine zentrale Triebkraft des Artensterbens ist die Agrarindustrie. Sie müsste daher dringend ihren Pestizideinsatz verringern, die Vielfalt auf dem Acker erhöhen, Bäume und Hecken stärker in landwirtschaftliche Flächen integrieren. Die Politik kann mit Gesetzen Schadstoffemissionen reduzieren, hochgefährliche Pestizide aus dem Verkehr ziehen und die Zerschneidung von Lebensräumen stoppen. Außerdem kann sie verhindern, dass natürliche, landwirtschaftliche oder forstwirtschaftliche Flächen infrastrukturellen oder städtebaulichen Projekten weichen müssen.
Ökosysteme müssen wieder stärker als Gemeingut verstanden werden. Sie dürfen nicht Marktkräften ausgeliefert werden, durch die kurzfristige Gewinne stets über langfristige ökologische Integrität gestellt bleiben. Die EU könnte ihre Ausgaben für den Schutz von Natur, Klima und Biodiversität finanzieren, indem sie gezielte Umweltsteuern und Abgaben für umweltschädliche Industrien wie die Agrarchemie erhebt. Auch könnte sie Subventionen in Renaturierungsprojekte umlenken, die bislang in umweltschädliche Geschäftsmodelle fließen. Umweltsteuern würden Konzerne nicht stärker belasten, als es Nature Credits tun – die Entscheidungsgewalt über unsere Umwelt bliebe jedoch in öffentlicher Hand.
Bis die EU neue Mittel für Wiederherstellung bereitstellt, sollte sie Konzerne zunächst stärker verpflichten, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern. Das würde helfen, die Zerstörung von Lebensräumen zu verhindern, denn was gar nicht erst zerstört wird, muss auch nicht teuer und aufwendig restauriert werden. Neben klassischen Finanzinstrumenten kann die Politik innovative Modelle wie Bürger*innenversammlungen etablieren. Dort kann die interessierte Öffentlichkeit mit Fachleuten über Prioritäten und Finanzierungsquellen für Renaturierungsprojekte beraten und dadurch sicherstellen, dass im öffentlichen Interesse gehandelt wird. Denn Artenvielfalt und ihr Schutz ist kein Finanzprodukt, sondern eine gesellschaftliche Verpflichtung: Die Natur gehört uns allen und nicht großen Konzernen.