Saatgut: Pflanzen mit Copyright

Atlas

Saatgut ist die Basis unserer Nahrung. Doch es gerät zunehmend unter die Kontrolle weniger multinationaler Konzerne. Beschleunigt wird diese Entwicklung durch neue Gentechnik. All das verringert biologische Vielfalt und treibt Bäuer*innen auf der ganzen Welt in noch größere Abhängigkeit.

Weltkarte zur Anbaufläche gentechnisch veränderter Pflanzen 2024. Die größten Flächen liegen in den USA und Brasilien, gefolgt von Argentinien. In Ländern wie Indien, Kanada und China ist der Anteil deutlich kleiner, gemessen an der gesamten Anbaufläche.
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Die weltweite Anbaufläche für genmanipulierte Pflanzen ist im letzten Jahrzehnt um 30 Millionen Hektar gestiegen. Auf der Hälfte davon wächst Soja

Saatgut ist der Ursprung jeder landwirtschaftlichen Pflanzenproduktion – und zugleich auch ihr Ergebnis. Ein Teil der geernteten Saatkörner, die auch gemahlen und zu Brot verbacken werden, kann für die nächste Aussaat dienen. Unzählige Generationen von Bäuer*innen und Züchter*innen haben durch stetige Auslese die Erträge und die Qualität der Pflanzen verbessert und eine an Klima und Böden angepasste Vielfalt geschaffen.

Theoretisch müsste also kein Landwirtschaftsbetrieb Saatgut kaufen, da es sich selbst reproduziert. Das stellt jene Konzerne vor erhebliche Herausforderungen, die die Entwicklung neuer Pflanzensorten kommerzialisieren wollen. Sie haben es durch gezieltes Lobbying jedoch geschafft, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, mit dem sie jedes Jahr Milliarden verdienen. Heute beherrschen drei Konzerne 56 Prozent des globalen Saatgutmarktes, Tendenz steigend. Bäuer*innen und kleine Züchter*innen geraten durch die Konzentration in eine wachsende Abhängigkeit von wenigen Konzernen, die über Patente kontrollieren, wer was anbauen darf – und zu welchen Bedingungen. Dadurch entsteht nicht nur weniger Vielfalt auf dem Teller, sondern die biologische Vielfalt nimmt allgemein stark ab.

Vier Kreisdiagramme zeigen den Anteil erteilter US-Patente für gentechnisch manipulierte Pflanzen von 1976 bis 2021. Bei Mais und Raps dominiert Corteva, bei Soja und Baumwolle Bayer. Syngenta und sonstige Anbieter halten deutlich kleinere Anteile.
Bayer und Corteva besitzen zusammen 80 Prozent der Patente auf genmanipulierte Pflanzen und dominieren damit den Markt für Saatgut – und für Pestizide

Zur Kontrolle nutzen die Konzerne zwei Mechanismen: eine biologische und eine rechtliche Nutzungssperre. Die biologische Nutzungssperre entstand durch die Entwicklung und Vermarktung von Hybridsaatgut seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Da Hybridsaatgut im Nachbau schnell seine positiven Eigenschaften verliert, muss dieses Saatgut regelmäßig bei den Konzernen nachgekauft werden. Der Nachbau wäre zwar biologisch möglich, aber für Bäuer*innen wirtschaftlich nicht sinnvoll. Durch den ständigen Nachkauf steigt die Marktmacht der Konzerne. Seit den 1970er-Jahren führte die Lockerung der Fusionskontrolle in den USA und später in anderen Ländern zu weiterer Konzen­tration auf den Märkten. In den 1990er-Jahren erhielt diese Entwicklung einen weiteren Schub: durch das Aufkommen der Gentechnik und einen verschärften Patentschutz zugunsten der Patentinhaber.

Die rechtliche Nutzungssperre erreichen die Konzerne durch Patente. Diese verleihen ihren Inhabern für einen bestimmten Zeitraum das exklusive Recht, über Nutzung und Verwertung einer Erfindung zu verfügen. Für Bäuer*innen bedeutet das: Wer patentierte Pflanzen anbauen will, braucht die Erlaubnis der Patentinhaber. Jedes Jahr muss das Saatgut neu gekauft oder eine Lizenzgebühr entrichtet werden.

Gentechnisch manipuliertes Saatgut wird standardmäßig patentiert – ein starker wirtschaftlicher Anreiz für Agrarkonzerne, verstärkt auf gentechnische Verfahren zu setzen. Weil der Konkurrenzdruck so hoch ist in einem Markt, der von immer weniger Akteuren dominiert wird, müssen alle Konzerne zu den üblichen Strategien greifen, um mithalten zu können: Sie steigern Effizienz durch technische Neuerung und senken die Produktionskosten durch Rationalisierung. Das erzeugt Zugzwang: Um in der Konkurrenz nicht unterzugehen, wollen größere Unternehmen meist nicht mehr auf technische Verfahren wie neue Gentechnik verzichten.

Inzwischen werden Patente auch für konventionell gezüchtete Pflanzen beantragt. Offiziell ist das verboten. Trotzdem hat das Europäische Patentamt inzwischen bereits Hunderte solcher Patente für konventionell gezüchtete Pflanzen erteilt. Sie betreffen mehr als 1.300 Sorten. Die Konzerne erlangen solche eigentlich nicht erlaubten Patente, indem sie rechtliche Schlupf­löcher nutzen: Anträge werden so formuliert, dass herkömmlich gezüchtete Pflanzen wie technische Erfindungen wirken. Ein bekanntes Beispiel ist der Brokkoli-Fall, bei dem ein Patent auf eine Brokkolisorte mit einem natürlich erhöhten Bitterstoffgehalt erteilt wurde, obwohl die Sorte aus einer herkömmlichen Kreuzung stammte.

Befeuert wird diese Entwicklung durch neue Gentechnik. Sie umfasst verschiedene molekulargenetische Verfahren, um genetische Veränderungen in einen Organismus gezielt an bestimmten Stellen einzufügen. Auch wenn die Methoden im Labor relativ kostengünstig sind, ist die Markteinführung neuer Pflanzen in der Regel zeit- und kapitalintensiv. Biotech-Start-ups verkaufen deshalb ihre zur Patentierung angemeldeten Pflanzen an Großkonzerne oder werden direkt aufgekauft. Da neue gentechnische Verfahren häufig ohne den Einbau von Fremd-DNA auskommen, nutzen Konzerne inzwischen ein neues Schlupfloch: Sie beantragen Patente auf Saatgut, das sich mithilfe neuer Gentechnik erzeugen ließe, selbst wenn die Eigenschaften auch durch klassische Züchtung entstehen.

Ein Beispiel dafür ist der Konzern KWS, dem das Patent auf Mais mit höherer Verdaulichkeit erteilt wurde, obwohl die entsprechenden Genvarianten in bestimmten Maispflanzen entdeckt und durch konventionelle Züchtung in KWS-Sorten eingezüchtet wurden. Das KWS-Patent gilt für den Pflanzentyp unabhängig davon, ob seine Eigenschaften gezielt durch Gentechnik entstanden sind oder zufällig in der Natur vorkommen, wodurch der Konzern auch Kontrolle über die konventionelle Züchtung erhält. Neben KWS haben sich andere marktbeherrschende Unternehmen wie Bayer, BASF, Corteva und die Syngenta Group ähnliche Nutzungslizenzen gesichert.

Setzt ein Betrieb Sorten ein, die von KWS oder anderen Konzernen patentiert wurden, benötigt er eine Lizenz, sonst drohen langwierige und teure Patentklagen. Für Bäuer*innen kann das oft existenzbedrohend werden. Solche Klagen sind auch möglich, wenn das patentierte Saatgut unwissentlich auf dem Feld gelandet ist, zum Beispiel durch Windverwehung von Nachbarfeldern.

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