Genossenschaften gelten als demokratisch organisiert. Mittlerweile agieren viele Genossenschaften in der Landwirtschaft jedoch wie multinationale Großkonzerne, die sich am Kapitalmarkt statt am Gemeinwohl orientieren.
In Deutschland haben sich die ersten Warengenossenschaften im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlicher Not heraus gegründet. Die Idee der Zusammenschlüsse: Sie sollen Bäuer*innen Kosten durch den gemeinsamen Einkauf von Betriebsmitteln und Maschinen mindern, neue und bessere Verarbeitungs- und Vermarktungswege ermöglichen und ihnen eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Geschäftspartnern verschaffen. Die Lage vieler Bäuer*innen hat sich in der Geschichte dadurch verbessert. Über die Zeit hat bei vielen Genossenschaften jedoch ein Konzentrationsprozess eingesetzt, der den Einfluss der Mitglieder immer stärker verringert.
Ein prominentes Beispiel dafür ist der Milchsektor. Im Sommer 2025 haben Europas größte Molkereigenossenschaft Arla Foods und Deutschlands größte Molkereigenossenschaft Deutsches Milchkontor (DMK) ihre Fusionspläne öffentlich gemacht. Nicht die 12.000 betroffenen Milchbäuer*innen stimmten der Fusion zu, sondern nur wenige Hundert Vertreter*innen. Die lukrativen Geschäftsbereiche der Vermarktung und Preisgestaltung sind in Tochterunternehmen ausgegliedert, die oft auf Exportprodukte setzen anstatt auf eine höhere Wertschöpfung durch Qualitätsproduktion – diese Gewinnmaximierung durch Kostenführerschaft auf dem Weltmarkt geht zulasten der Erzeuger*innen. DMK hat bereits vor der Fusion weniger als andere Molkereien an Bäuer*innen gezahlt. Diese können ihre Kosten immer seltener decken.
In vielen Bereichen der Landwirtschaft lässt sich Ähnliches beobachten: Genossenschaften versuchen, mit dem Größenwachstum der Handelspartner mitzuhalten. Dadurch verringert sich die Möglichkeit der Genoss*innen, an Entscheidungsprozessen mitzuwirken.
Wohin solche Entwicklungen führen, zeigt die ehemalige Genossenschaft BayWa AG. Sie wurde 1923 gegründet, um als Genossenschaft Landwirt*innen mit Dünger, Futtermitteln und Landmaschinen zu versorgen. Aus dem regional verankerten Zusammenschluss wurde im Laufe der Jahrzehnte ein global agierender Konzern, in dessen Aufsichtsrat auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands sitzt. In Zeiten niedriger Zinsen expandierte die BayWa – als die Zinsen in den vergangenen Jahren stiegen, häufte der Konzern mehr als 5 Milliarden Euro Schulden an.
Dass moderne Warengenossenschaften nicht immer im Sinne ihrer Mitglieder handeln, verdeutlicht auch der Fall der Agravis Raiffeisen AG, gegen die seit 2025 eine Sammelklage von rund 3.200 Landwirt*innen läuft. Gestützt auf Erkenntnisse des Bundeskartellamts, das gegen den genossenschaftlichen Agrarhandelskonzern bereits im Jahr 2020 knapp 44 Millionen Euro Bußgeld verhängt hatte, werfen sie dem Konzern vor, mit anderen Großhändlern illegal Preise abgesprochen und so die Kosten für Pestizide in die Höhe getrieben zu haben.
Obwohl also viele Genossenschaften mittlerweile wie gewöhnliche Konzerne agieren und ihr operatives Geschäft aus der Genossenschaft in Konzernstrukturen wie GmbHs oder AGs ausgelagert haben, profitieren sie weiterhin von ihrer Entstehungsgeschichte. Erstens genießen Genossenschaften in der Bevölkerung einen guten Ruf – viele Menschen bringen sie mit Solidarität, Demokratie und Gemeinschaft in Verbindung. Und zweitens gewährt der Staat Genossenschaften auch dann besonderen Marktschutz, wenn sie ihrem ursprünglichen Anspruch gar nicht mehr nachkommen. Diese Privilegien reichen von gesetzlichen Ausnahmeregelungen bis hin zur Andienungspflicht. Bei Molkereigenossenschaften bedeutet Andienungspflicht, dass Landwirt*innen ihre Milch ausschließlich an eine bestimmte Molkerei liefern dürfen, anstatt frei entscheiden zu können, an wen sie verkaufen.
Es gibt jedoch auch Positivbeispiele wie die Molkereien Berchtesgadener Land oder die Milchwerke Ammerland Oldenburg. In solchen nach wie vor funktionierenden Genossenschaften ist die genossenschaftliche Selbstverwaltung intakt: Eine Generalversammlung entscheidet über den Kurs des Unternehmens mit und aktive Landwirt*innen sitzen im Vorstand und Aufsichtsrat. Sie kontrollieren die Geschäftsführung und haben auch die letzte Entscheidungsgewalt.
Doch gerade solche kleinen bis mittelgroßen Genossenschaften, die regional aufgestellt sind und fairer bezahlen wollen, stehen unter besonderem wirtschaftlichen Druck. Sie müssen mit immer größeren Unternehmen konkurrieren, die europa- und weltweit agieren – und wie im Fall von Arla Foods sogar dieselben rechtlichen Vorteile wie sie genießen. Die Politik muss daher dringend kleinere Genossenschaften stärken und die Marktkonzentration beschränken. Zum Beispiel mit Obergrenzen für Genossenschaftsprivilegien oder durch die Verschärfung und konsequente Anwendung der Fusionskontrolle des Bundeskartellamts, um wettbewerbsschädliche Zusammenschlüsse zu untersagen.