Kriege und Spekulation treiben die Preise für Agrarrohstoffe und Lebensmittel in die Höhe. Öffentliche Nahrungsmittelspeicher können gegen Preisschocks helfen.
Entwicklungs- und Schwellenländer spüren teurer gewordene Rohstoffe am stärksten: Lebensmittelpreise steigen, die allgemeine Inflation zieht an und Ernährungsunsicherheit wächst. In Ländern, die stark von Lebensmittelimporten abhängig sind, verstärken Preisschocks auf globalen Märkten zudem bestehende Schuldenprobleme. Beispiele dafür sind Angola, Mosambik oder Ruanda, die fast 100 Prozent ihres verbrauchten Weizens aus dem Ausland beziehen. Aber auch in Ländern des Globalen Nordens haben steigende Weltmarktpreise für Agrarrohstoffe drastische Folgen. Zuletzt während der Corona-Pandemie und nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine haben sie in den USA und Europa die allgemeine Inflation angetrieben und besonders einkommensschwache Haushalte stark belastet. Studien belegen, dass die explodierenden Preise den Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte begünstigen.
Krisenzeiten machen Agrarmärkte noch anfälliger für Spekulation, was die Preise zusätzlich in die Höhe treibt. Direkt nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine floss innerhalb einer Woche so viel Geld in spekulative Agrarfonds wie sonst in einem ganzen Monat. Was also tun? Bei ihren Gipfeln in Brasilien und Südafrika haben die G20-Staaten zum Beispiel über die Möglichkeit diskutiert, mit öffentlichen Nahrungsmittelspeichern Preise zu stabilisieren. Das Prinzip: Staatliche Stellen kaufen Agrarprodukte, wenn sie preiswert sind, und bringen sie dann in Zeiten hoher Preise wieder auf den Markt.
Schon nach dem Zweiten Weltkrieg spielten öffentliche Rohstoffspeicher auf nationaler und internationaler Ebene eine bedeutende Rolle. Im Rahmen von Sparprogrammen wurden viele Speicher jedoch geschlossen. Zunächst führten Wirtschaftskrisen in Südamerika und Afrika in den 1980er-Jahren zu einem nachhaltigen Kollaps vieler Rohstoffpreise. Als viele Staaten dann im Zuge neoliberaler Politik begannen, ihre Märkte zu deregulieren, mussten nationale Speicher weichen. In manchen Ländern blieben sie allerdings weiterhin bedeutsam. Bevölkerungsreiche Länder wie China, Indien, Indonesien stabilisieren weiterhin Nahrungsmittelpreise wichtiger Güter durch große öffentliche Speicher, oft kombiniert mit Handelsrestriktionen. Und in Ländern wie Usbekistan, Kenia, Bangladesch, aber auch in der Schweiz, Japan, Südkorea und Norwegen werden kleinere Speicher dafür verwendet, um Engpässe nach Ernteausfällen oder Handelskrisen abzumildern.
Auch private Akteure wie Agrarhändler betreiben Lagerhaltung – jedoch nicht im Sinne einer Stabilisierung. Agrarbetriebe und Handelsunternehmen preisen bei ihrer Gewinnkalkulation nicht die Folgen starker Preisschwankungen wie Hunger, Schulden oder Inflation ein. Es wird daher oft weniger eingelagert, als aus gesamtgesellschaftlicher Sicht sinnvoll wäre. In Krisenzeiten neigen Agrarmärkte zudem zu spekulativen Blasen und Panikkäufen. Erschwerend kommt hinzu, dass große Agrarhandelskonzerne keine Informationen über ihre Lagerbestände veröffentlichen.
Öffentliche Nahrungsmittelspeicher hingegen können in Krisensituationen das Marktgeschehen beruhigen. Werden sie gut und transparent verwaltet, leisten sie sogar mehr als nur Preisstabilisierung: Sie stärken lokale Märkte und können landwirtschaftliche Betriebe auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen. Ein Beispiel dafür ist Brasilien mit seinem staatlichen Versorgungsunternehmen CONAB. Wenn die Marktpreise für Agrargüter unter eine Grenze fallen, die zuvor auf Basis der Produktionskosten festgelegt wurde, kauft es entweder direkt von den Erzeuger*innen oder zahlt ihnen die Differenz zwischen Markt- und Mindestpreis. Die angekauften Produkte werden eingelagert oder zum Beispiel an Schulkantinen geliefert. So entsteht auch ein Markt für nachhaltige Produkte: CONAB kauft Agrarprodukte gezielt von kleinbäuerlichen Familienbetrieben und beliefert damit Gemeinschaftsküchen, Schulen und Essensausgabestellen für einkommensschwache Haushalte. Möglich ist das, weil das brasilianische Schulspeisungsprogramm vorschreibt, dass mindestens 30 Prozent der Verpflegung von bäuerlichen Familienbetrieben stammen müssen – nach Möglichkeit aus ökologischer und lokaler Produktion.
Damit öffentliche Nahrungsmittelspeicher wirken, müssen mehrere Maßnahmen ineinandergreifen. Wichtig ist, dass Preise und Produktionsmengen laufend überwacht werden. Im Jahr 2024 hat die Europäische Union dafür eine Expert*innenkommission ins Leben gerufen. Des Weiteren sollten unabhängige, demokratisch legitimierte Behörden die Speicher verwalten. Um die Landwirtschaft zu unterstützen, können staatliche Lebensmittelhilfen, Krankenhäuser oder Kantinen in öffentlichen Einrichtungen die eingelagerten Produkte abnehmen und mit ökologischen Standards gezielt Anreize für eine umweltfreundliche Erzeugung setzen. Wenn der regionale Markt gesättigt ist, sollten Mindestpreise abgesenkt werden oder durch Quoten an Produktionsobergrenzen gekoppelt werden, um Überproduktion zu vermeiden.