Als Ernährungskultur wird in Brasilien ein komplexes Konzept bezeichnet, das sichtbar macht, wie Gesellschaften ihre Nahrung anbauen, verarbeiten und zubereiten. Das Konzept der Ernährungskultur - Cultura Alimentar - entsprang dem Amazonasgebiet und durchlief einen langen Prozess, bis es auch international Anerkennung fand. Es verknüpft das Recht auf Nahrung untrennbar mit dem Schutz traditionellen Wissens und der Selbstbestimmung der Gemeinschaften.
Ernährungsunsicherheit und der Verlust kultureller Ernährungspraxen
Im Jahr 2021 veröffentlichte das brasilianische Observatorium für Ernährungskultur und dem Menschenrecht auf angemessene Nahrung der Universität Pará (Observatório de Cultura Alimentar e Direito Humano à Alimentação e Nutrição Adequadas, OCADHANA - UFPA) die erste Umfrage zur Ernährungssicherheit unter Indigenen in brasilianischen Städten. Vorläufige Ergebnisse zeigten, dass 70 % der indigenen Bevölkerung in Belém, der Hauptstadt des Bundesstaates Pará, Hunger litten und dass mindestens 40 % der indigenen Kinder nicht mehr als zwei Mahlzeiten pro Tag zu sich nahmen. Diese prekäre Lage offenbart tiefgreifende Probleme, da mit der Ernährungsunsicherheit auch die kulturell verankerten Ernährungspraktiken dieser Gemeinschaften verloren gehen.
In der nördlichen Region Brasiliens (welche sieben Bundesstaaten umfasst: Acre, Amapá, Amazonas, Pará, Rondônia, Roraima und Tocatins) liegt die Ernährungsunsicherheit über dem nationalen Durchschnitt. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Pará mit insgesamt 2,6 Millionen Menschen die an Hunger leiden.
Bis 2013 fehlte der Ernährungskultur in Brasilien die offizielle Anerkennung als kultureller Ausdruck. Investitionen in Lebensmittel als Kulturgut blieben aus - weder öffentliche Mittel noch andere Förderprogramme berücksichtigten diesen Bereich. Dies änderte sich erst 2013 auf der III. Nationalen Kulturkonferenz, als ein Antrag den Begriff „Ernährungskultur” offiziell verankerte. Das Konzept fußt auf einer partizipativen Kulturkartierung, die zwischen 2000 und 2010 in der Region Marajó (Pará) entstand. Die Gespräche mit den dortigen Gemeinschaften machten deutlich, dass der Begriff „Gastronomie” die Realität vor Ort nicht abbilden kann. Er greift zu kurz, um das komplexe Gefüge aus Wissen, Technologie, Metaphysik und Spiritualität zu beschreiben, welches das Ernährungssystem indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften konstituiert.“
Jenseits von Gastronomie: Ernährungskultur als Wissen, Widerstand und Recht
Der Versuch, Gastronomie mit Kultur gleichzusetzen, greift zu kurz. Während der Begriff etymologisch eine wissenschaftliche Lehre beschreibt, mangelt es vielen modernen Ernährungspraktiken an kultureller Tiefe: Fast Food, gentechnisch veränderte Lebensmittel und hochverarbeitete, synthetische Produkte besitzen keinen kulturellen Kern. Ihnen fehlt die identitätsbezogene Dimension, die eine echte Ernährungskultur kennzeichnet.
Die Agrar- und Lebensmittelkonzerne erzeugten historisch eine Illusion, um Gastronomie mit Kultur gleichzusetzen. Dabei verantworten gerade diese Systeme die Enteignung des kulturellen sowie genetischen Erbes und festigen symbolische Herrschaftsstrukturen. Wo sich diese Imperien über lokale Traditionen hinwegsetzten, formierte sich Widerstand: Intellektuellen entwickelten das Konzept der Ernährungskultur, um es klar von der Gastronomie abzugrenzen. Sie verknüpften Ernährungskultur untrennbar mit der Sicherung von Rechten und stützten sich dabei auf internationale Abkommen, zu deren Einhaltung sich auch Brasilien verpflichtet hat.
Im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, Schauplatz des Völkermords an den Guarani Kaiowá, überlappen sich insgesamt 630 landwirtschaftlich genutzte Flächen verbotener Weise mit indigenen Gebieten. Es folgen die Bundesstaaten Mato Grosso (247 Überlappungen) und Maranhão (189 Überlappungen). Betrachtet man nicht die Anzahl, sondern die betroffene Fläche, sieht die Statistik wie folgt aus: Mato Grosso (371.500 Hektar), Maranhão (244.900 Hektar) und Mato Grosso do Sul (238.900 Hektar).
Vom Amazonas zur globalen Politik: Ernährungskultur, Biodiversität und Klimagerechtigkeit
Von Amazonien aus erobert das Modell der sogenannten „Food Culture Points“ die Welt - Orte, die nach völlig anderen Prinzipien wirtschaften als herkömmliche Restaurants. In Brasilien behaupten sich einige der Food Culture Points bereits seit über 15 Jahren, wie das renommierte Iacitatá Amazônia Viva in Belém.
Das Konzept der Ernährungskultur leistet dabei handfeste Beträge zur Ernährungssouveränität und Nahrungsmittelsicherheit: Es erwirkte die Entkriminalisierung handwerklich hergestellter Produkte aus der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und erweiterte den staatlichen Grundnahrungsmittelkorb um regionale Erzeugnisse wie Maniok. Mit der Gründung der Ständigen Kommission für Ernährungskultur festigte sich zudem die politische Mitsprache im Nationalen Rat für Ernährungs- und Nahrungsmittelsicherheit (CONSEA). Auch international setzt das Konzept der Ernährungskultur Maßstäbe: Es floss in die Aichi-Biodiversitätsziele, die bei der Biodiversitäts-COP10 für den Zeitraum 2010 - 2020 beschlossen wurden. Die Ernährungskultur wird somit als Maßnahme für den Erhalt der biologischen Vielfalt sowie im Kampf gegen den Klimawandel angesehen. Inzwischen begreift auch die FAO - die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen - Ernährungskultur als zentrale Säule im Kampf gegen den Hunger. Jüngst befruchtete der Ansatz sogar die globalen Debatten zum geistigen Eigentum und traditionellen Wissen der Weltorganisation für geistiges Eigentum der UN.
Parallel zur Nationalen Konferenz für Ernährungssicherheit fand 2023 die Freie Konferenz zur Ernährungskultur statt, auf der die Teilnehmenden das Konzept der Ernährungskultur neu definierten. Ernährungskultur wird nun als ein Gefüge aus Wissen und Tun, Sprechen und Kultivieren, Schaffen und Zubereiten sowie Pflegen, Heilen und Verzaubern verstanden. Diese Definition umfasst Abstammung, Spiritualität und die Verbundenheit zum Territorium. Damit begreift sich Ernährungskultur als ein Feld kultureller Ausdrucksformen, das weit über den Teller hinausreicht: Ernährungskultur wird hier als eine Praxis definiert, die sozioökonomische und sozial-ökologische Fragen, die Herstellung von Lebensmitteln, Gesundheit und Menschenrechte mit dem Kampf um Klimagerechtigkeit und Landfragen verzahnt. Gleichzeitig bezieht das Konzept klar Stellung gegen Misogynie, patriarchale Strukturen, strukturellen Rassismus sowie gegen die Kriminalisierung handwerklicher und religiöser Ernährungspraktiken.
Folglich ist die Ernährungskultur untrennbar mit der Ernährungssicherheit, der Selbstbestimmung der Völker und dem Streben nach dem „Guten Leben“ verwoben. Zwar hat das brasilianische Kulturministerium die politische Tragweite des Themas - insbesondere für indigene Völker und traditionelle Gemeinschaften in Amazonien - anerkannt, doch die praktischen Fortschritte bleiben bislang hinter den Erwartungen zurück.
Der Vulnerabilitätsindex erfasst, wie gut sich die Bevölkerung an den Klimawandel anpassen kann und wie sie auf dessen Auswirkungen reagiert. Er untersucht auch, wie stark die Nahrungsmittelproduktion und die Qualität der Nahrungsmittel von klimatischen Veränderungen betroffen sind.
Der Beitrag erschien zuerst in der portugiesischsprachigen Ausgabe des Amazonas Atlas.
Hier gelangen Sie zur englischsprachigen Ausgabe des Atlas.