Staatsbesuch aus Syrien: Wer auf Rückkehr drängt, verpasst eine Chance

Kommentar

Deutschland könnte vom Neuanfang in Syrien profitieren. Stattdessen wird hierzulande vor allem darüber gesprochen, wie schnell Syrer*innen wieder gehen sollen. Ausgerechnet der Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmad al-Sharaa, der eigentlich dem Wiederaufbau und der Stabilisierung Syriens dienen könnte, wird so genutzt, um Abschiebungen politisch voranzutreiben.

Zwei Männer* in Anzügen gehen nebeneinander und sprechen; einer gestikuliert mit den Händen vor einer Wand.
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Wer jetzt auf schnelle Rückkehr und Abschiebungen setzt, riskiert einen Vertrauensverlust für Deutschland und schwächt die ohnehin fragilen Strukturen in Syrien. Im Bild: Bundeskanzler Friedrich Merz und Syriens Übergangspräsident Ahmad al-Sharaa.

Diese Prioritätensetzung ist nicht neu. Bereits lange vor dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024 waren Abschiebungen nach Syrien ein Wunschprojekt, obwohl die Hälfte der syrischen Bevölkerung auf der Flucht war, Assads Gefängnisse von Menschenrechtsorganisationen als „Schlachthäuser“ bezeichnet wurden und namhafte Völkerrechtler*innen dem Regime das „Töten im industriellen Maßstab“ attestierten. 

Die Geschwindigkeit, mit der die Debatte nach Assads Sturz Fahrt aufnahm überrascht daher kaum. Während Millionen Syrer*innen diesen historischen Moment feierten – für Syrien so bedeutend wie für Deutschland der Mauerfall – forderten deutsche Politiker binnen Tagen konkrete Rückkehrpläne und einen Aufnahmestopp.  

Dabei spricht vieles gegen diese politische Fixierung – und wenig dafür.

Deutschland hat während des Krieges fast einer Million syrischer Staatsbürger*innen Schutz gewährt. Viele von ihnen sind heute Teil des Arbeitsmarktes: Rund 80.000 arbeiten in Engpassberufen wie Pflege, Gesundheit oder Handwerk. In Bereichen also, in denen Deutschland dringend Fachkräfte braucht. Selbst aus einer nüchternen Interessenperspektive ist es daher kurzsichtig, die Debatte über Syrer*innen auf Rückkehr zu verengen. Sie reduziert Menschen auf die Frage, wann sie wieder gehen sollen und blendet aus, welche Rolle sie längst in Arbeitsmarkt und Gesellschaft spielen. 

Überdies wirkt es bei näherer Betrachtung geradezu absurd, Rückkehr mit Drohungen voranzutreiben, während gleichzeitig klar ist: Viele wollen und würden zurückkehren, wären die Bedingungen in Syrien dafür gegeben. 

Für eine Rückkehr fehlt die Grundlage

Syrien als sicher genug für Rückkehr zu deklarieren, während sich internationale Diplomat*innen nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in Damaskus bewegen und große Teile des Landes komplett meiden, ist realitätsfern. Außenminister Johannes Wadephul brachte es bei seinem Syrien-Besuch im Oktober 2025 selbst auf den Punkt: Würdige Rückkehr ist angesichts der flächendeckenden Zerstörung derzeit nicht möglich, der Wiederaufbau in weiter Ferne. 

Würdige Rückkehr ist angesichts der flächendeckenden Zerstörung derzeit nicht möglich

Zugleich fehlen die Voraussetzungen, um eine freiwillige Rückkehr überhaupt vorzubereiten. Wer keinen gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland hat, kann nicht nach Syrien reisen, etwa um Eigentumsfragen zu klären, nach verschwundenen Angerhörigen zu suchen oder sich ein realistisches Bild der Lage zu machen. Insofern wären Reiseerleichterungen ein überfälliger erster Schritt. 

Auch sicherheitspolitisch bleibt die Lage in Syrien fragil. Sie hat sich verbessert, ein klarer Aufwärtstrend ist das jedoch nicht. Gewaltausbrüche und Massaker, ungelöste Konflikte im Süden und Spannungen zwischen Regierung und kurdischen Kräften zeigen, dass die Situation volatil und anfällig für Manipulationen von außen ist. Während die Übergangsregierung von Anfang an signalisiert hat, sich nicht in die Angelegenheiten der Nachbarstaaten einmischen zu wollen, ist Syrien selbst mit täglichen Herausforderungen seiner Souveränität konfrontiert: Die Türkei will ihren Einfluss im Norden nicht aufgeben. Israel weitet seine Besatzung auf dem Golan aus, unterstützt die drusischen Milizen von Sheikh Hijri gegen die Zentralregierung und bombardiert immer wieder auch staatliche Infrastruktur; in einem besonders eklatanten Fall sogar das Verteidigungsministerium im Zentrum von Damaskus. 

Wer ernsthaft Rückkehr fördern will, muss deshalb mehr tun, als Forderungen allein an Übergangspräsident al-Shaara zu richten. Entscheidend wäre, regionale Einflussnahme zu begrenzen und Syriens Souveränität zu stärken. Vor allem aber fehlt es an Unterstützung für den inneren Wiederaufbau: Während in anderen Post-Konflikt-Situationen rasch große Summen zur Verfügung gestellt wurden, um den Wandel abzusichern, gibt es für Syrien jenseits humanitärer Hilfe bislang wenig Unterstützung für zentrale Voraussetzungen von gesellschaftlichem Frieden: Die Aufarbeitung vergangener Verbrechen und transparente, rechtsstaatliche Verfahren für heutige Gewalt. Ohne diese Grundlagen bleibt Rückkehr ein leeres Versprechen.

Gerade Minderheiten würden man mit einer Rückkehroffensive einen Bärendienst erweisen.

Hinzu kommt eine verkürzte Perspektive. Der berechtigte Wunsch deutscher Politiker*innen nach Schutz für Minderheiten darf nicht dazu führen, die maßlose Gewalt, die zuvor in erster Linie Angehörige der sunnitischen Mehrheit getroffen hat, zu ignorieren. Millionen Menschen – überwiegend Sunnit*innen – wurden vertrieben, ganze Regionen vom Assad-Regime gezielt zerstört, um ihre Rückkehr unmöglich zu machen. Zwangsläufig würden die von hier Vertriebenen bei einer Rückkehr nach Syrien zum jetzigen Zeitpunkt an andere Orte Syriens gehen. Gerade Minderheiten würden man mit einer Rückkehroffensive einen Bärendienst erweisen, wenn man nicht berücksichtigte, inwieweit dies insbesondere ihre Lage weiter beeinträchtigen könnte. 

Das Vertrauen der syrischen Diaspora ist eine ungenutzte Chance

Deutschland genießt in der syrischen Gesellschaft bislang hohes Ansehen, auch aufgrund Angela Merkels „Wir schaffen das“- Haltung, der gelebten Willkommenskultur in der Zivilgesellschaft und der – zumindest offiziell – bis zum Schluss gehaltenen Linie, die Beziehungen mit Diktator Bashar al-Assad nicht zu normalisieren. Damit bildet Syrien die positive Ausnahme in einer Region, in der die deutsche Gaza-Politik zu einem massiven Ansehens- und Vertrauensverlust geführt hat. 

Dieses Vertrauen ist ein strategisches Kapital, das bislang kaum genutzt wird. Die Bundesregierung könnte es gezielt einsetzen, indem es die starke syrische Diaspora als Partnerin einbindet und den Wiederaufbau Syriens aktiv unterstützt. Entscheidend ist dabei, die richtigen Prioritäten zu setzen: 

  • Unterstützung bei der Aufarbeitung von Verbrechen,
  • Klärung der Schicksale der Verschwundenen und
  • Gelder für Demokratieaufbau und Pluralismus.

Das kann die Rahmenbedingungen für Stabilität schaffen und damit auch für eine von vielen ersehnte Rückkehr. 

Populistischer Druck hingegen bewirkt das Gegenteil: Er schwächt die ohnehin fragilen Strukturen in Syrien und führt zu einem kaum wieder gut zu machenden Vertrauensverlust für Deutschland. Wer jetzt auf schnelle Rückkehr und Abschiebungen setzt, riskiert beides und schlägt damit eine Tür zu, die gerade erst aufgegangen ist. 

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