Europa ist bei Cloud-Diensten, KI und digitaler Infrastruktur stark von US-Konzernen abhängig. Doch die engen Verbindungen von Big Tech und Politik in den USA verschärfen die Risiken dieser Abhängigkeit. Die EU muss ihren digitalen Kurs neu ausrichten.
Die US-amerikanische Demokratie steht unter Druck. Angriffe auf das Justizsystem, der Rückzug aus internationalen Organisationen und eine schleichende Oligarchisierung machen vor keinem Politikbereich halt – auch nicht vor der Digitalpolitik.
Die Verbindungen zwischen dem politischen Washington und den US-amerikanischen Big Tech-Firmen werden immer enger. Obwohl das Silicon Valley lange als demokratische Hochburg galt, spendeten Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Peter Thiel und Mark Zuckerberg große Summen für Trumps letzten Wahlkampf und für seine Amtseinführung 2025. Die Annäherungen von Tech-Giganten sind auch keine Einbahnstraße. Die zweite Trump-Administration setzt auf Deregulierungen von KI-Systemen und den Bau von Rechenzentren, massive Investitionen in staatliche Überwachungsfähigkeiten wie durch Palantir Gotham sowie eine weitgehende Immunität gegenüber kartellrechtlicher Kontrolle. Noch nie war die Verbindung zwischen Digitalpolitik und Demokratie so spürbar wie jetzt; Erstere wird zunehmend instrumentalisiert, um Letztere zu untergraben.
Warum geht uns in Europa das an? Weil Deutschland und Europa digital nicht auf eigenen Beinen stehen. Cloud-Dienste, Betriebssysteme, soziale Plattformen, KI-Modelle: Die Infrastruktur, auf deren Grundlage wir verwalten, kommunizieren und wirtschaften, ist extrem abhängig von US-amerikanischen Tech-Konzernen. Laut einer Umfrage des Schweizer Unternehmens Proton sind 83 Prozent aller Europäer*innen besorgt über diese Abhängigkeit, unter Deutschen sogar 90 Prozent.
Diese Angst kommt nicht aus dem Nichts. Die Nichteinhaltung von EU-Regulierungen, die Integration von Palantirs Überwachungssystemen in deutsche Sicherheitsbehörden und der Entzug von Microsoft-Diensten für den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs machen deutlich: Die Macht des Silicon Valley ist nicht nur eine Frage amerikanischer Innenpolitik, sondern auch europäischer Sicherheitspolitik.
Europäische digitale Souveränität – Ein zahnloser Tiger?
Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat diese Abhängigkeiten allem Anschein nach erkannt und begonnen, einen Kurs für mehr digitale und industrielle Souveränität vorzuschlagen: „Buy European“, eine bewusste Anlehnung an die amerikanische Doktrin „Buy American“, lautet ihr Motto. Im März 2026 stellte sie dazu den Industrial Accelerator Act (IAA) vor, der Europas wirtschaftliche Unabhängigkeit stärken soll. Unter anderem soll die Gesetzgebung Schlüsselindustrien schützen und Klimaziele, Beschäftigung und Wirtschaftswachstum sichern.
Nach monatelangen Verschiebungen und zähen Verhandlungen mit den Mitgliedstaaten blieb jedoch vom Versprechen eines „Made in Europe"-Labels – angekündigt in von der Leyens State of the Union-Rede – nicht viel übrig. Anstatt europäischen Produkten generell den Vorzug zu geben, sieht das Gesetz nun sektorspezifische Mindestquoten für europäische Komponenten vor. Im Fokus stehen der Bausektor, die Elektromobilität sowie einige klimafreundliche Technologien, allerdings nicht Halbleiter und künstliche Intelligenz, Kernbereiche der digitalen Abhängigkeit. Die EU-Kommission versucht nun allen Anschein nach einen Zwischenweg zu gehen zwischen „Buy European“ und Business as usual. Richtig glücklich war damit fast niemand: Diese Herangehensweise wurde unter den 27 EU-Mitgliedsstaaten kontrovers diskutiert, mit Frankreich als größter Unterstützer einer „Buy European“-Doktrin und anderen Mitgliedsstaaten, die sich kritischer äußerten. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der Europas Zerrissenheit sichtbar macht: zu abhängig, um den Status quo zu verteidigen, und zu zerstritten, um ihn wirklich zu überwinden.
Das Trilemma: Drei Wege, keine einfache Antwort
Dieses Beispiel verdeutlicht, wie schwierig es ist, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob und wie Europa digitale Souveränität erlangen will. Denn die EU befindet sich in einem Trilemma: eine Entscheidung zwischen drei Optionen, die alle Kosten mit sich bringen. Als erstes entsteht die Frage: Ist es sinnvoll, wünschenswert und überhaupt möglich, sich unabhängiger von US-amerikanischem Big Tech zu machen? Und wenn ja, soll die Antwort in europäischer Autonomie und Protektionismus liegen? Oder muss es um den Aufbau neuer globaler Partnerschaften gehen? Wie Europa dieses Trilemma ausbalanciert, wird die digitalpolitische Agenda der kommenden Jahre bestimmen.
Option 1: Den transatlantischen Kurs halten
Der Widerstand gegen das “Made in Europe”-Label kam nicht nur aus Washington, sondern auch aus Europa selbst. Zu den entschiedensten Gegner*innen einer harten Abkehr von US-amerikanischem Tech zählten Bundeskanzler Friedrich Merz und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die zudem zwei der größten Industrienationen der EU anführen.
Merz, Meloni und ihresgleichen sehen im mittelfristigen Festhalten an den USA nicht nur wirtschaftliche Vernunft, sondern auch sicherheitspolitische Notwendigkeit: Ein sich weiter vertiefender Riss in den transatlantischen Beziehungen könnte unter anderem die US-amerikanische Unterstützung für die Ukraine als auch die NATO insgesamt gefährden. Das wäre ein Risiko, das viele EU-Staaten als existenziell betrachten, vor allem die an der russischen Grenze. So warnt der litauische Wirtschaftsminister Edvinas Grikšas, dass US-amerikanische digitale Technologien und Cybersecurity-Fähigkeiten eine wichtige Rolle darin spielen, die Widerstandsfähigkeit seines Landes gegen Russland zu stärken. Der lettische Wirtschaftsminister Viktors Valainis ergänzt, dass die meisten europäischen Unternehmen sich einfach nicht auf demselben Niveau wie ihre US-amerikanischen Alternativen befinden. Damit benennt er ein weiteres Problem einer potenziellen Deinvestierung: US-amerikanisches Tech funktioniert einfach besser. Dank globaler Skalierbarkeit, einem kapitalkräftigen Aktienmarkt und Pioniervorteilen haben sich US-amerikanische Tech-Konzerne wie Microsoft und Meta als erste Wahl für Nutzer*innen weltweit etabliert. Europäische Konkurrenten holen zwar auf, können aber bisher zu häufig noch nicht dieselben Leistungen wie ihre US-amerikanischen Vorbilder erbringen. Dementsprechend bieten sie momentan nicht nur eine schlechtere Nutzererfahrung, sondern sind teilweise auch anfälliger für Sicherheitslücken.
Option 2: Eine echte europäische Souveränität
Die Abhängigkeit von den USA birgt reale Risiken, aber rechtfertigen sie einen radikalen Kurswechsel? Für Frankreich lautet die Antwort: oui. Als einziger EU-Mitgliedstaat verfolgt Paris konsequent das Ziel digitaler Souveränität durch eine Förderung eigener Tech-Champions, vom Cloud-Anbieter OVHcloud bis zu KI-Unternehmen wie Mistral. Sein Souveränitätsanspruch wird nicht nur national verstanden, sondern explizit europäisch. Im Ringen um den Industrial Accelerator Act kämpfte Frankreich daher bis zuletzt dafür, das „Made in Europe"-Label stark zu halten.
Die Logik dahinter erinnert an ein klassisches Problem in internationalen Beziehungen: das sogenannte Gefangenendilemma, eine Situation, in der die beste Strategie abhängig von den erwarteten Strategien der Mitspieler*innen ist. In diesem Fall nimmt das Gefangenendilemma folgende Gestalt an: Wenn Großmächte wie China und traditionelle Mittelmächte wie Kanada und die Türkei konsequent ihre heimischen Industrien schützen, warum sollte Europa allein auf Freihandel setzen? Traditionell galt die EU lange als Skeptiker gegenüber Protektionismus und als Verfechter fairer, offener Wettbewerbsregeln. Allerdings liegt der Kern des Gefangenendilemmas darin, dass Ideale mit Strategie vereinbar sein müssen. Wer als einziger Akteur auf Kooperation besteht, während alle anderen auf den eigenen Vorteil bedacht sind, wird weder gewinnen noch gehört werden. Deshalb muss Europa sich jetzt fragen, wie lange es diesen Kurs des offenen, regelbasierten Austauschs von Waren und Dienstleistungen beibehalten kann in einer Welt, die immer geschlossener entlang nationaler Grenzen wird.
Option 3: Internationale Zusammenarbeit jenseits des Atlantiks
Was aber, wenn es eine weitere Antwort auf die neue globale Instabilität gäbe, welche der Teufelsspirale des Protektionismus entkommen könnte? Deutschland und andere EU-Staaten haben solch einen dritten Weg ins Spiel gebracht: statt eines „Made in Europe", ein „Made with Europe". Das heißt also keine Abschottung, sondern engere Partnerschaften mit Ländern wie Kanada, Großbritannien und Norwegen. Dieser Ansatz hat ohne Frage Vorteile: Er vermeidet die Kosten europäischer Abschottung und stärkt dringend notwendige globale Partnerschaften. Und er muss sich keineswegs auf den globalen Norden beschränken. Daher geht ein Vorschlag bündnisgrüner Digitalpolitiker*innen weiter: ein Bündnis freier Digitalländer – eine „D-20":
Europa darf nicht allein kämpfen und muss Führung übernehmen für eine internationale Allianz für Freiheit, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit im Digitalen. [...] Ein Bündnis freier Digitalländer – eine „D-20" könnte Demokratie und Freiheit den amerikanischen und chinesischen Tech-Autokraten die Stirn bieten.
Eine D-20 würde die scheinbare Dichotomie zwischen US-amerikanischer Abhängigkeit und europäischer Unabhängigkeit aufbrechen. Sie böte Europa die Möglichkeit, amerikanischer Hegemonie entgegenzutreten, ohne dieselben protektionistischen Mittel einzusetzen. Doch damit entsteht ein klassisches Problem kollektiver Handlungsfähigkeit: Wer führt? Wer zahlt? Und wie verbindlich sind solche Allianzen, wenn der nächste geopolitische Schock kommt? Die Geschichte multilateraler Digitalabkommen stimmt hier nicht optimistisch. Noch im Frühjahr 2026 lief das WTO-E-Commerce-Moratorium von 1998 aus, nachdem die Verhandlungen auf der letzten Ministerkonferenz gescheitert waren. Eine D-20 wäre nur so stark wie die politische Bereitschaft ihrer Mitglieder, Kooperation zu wählen in einer Welt, die zunehmend nationalistischer wird. Genau diese Bereitschaft fehlt derzeit. Sie fehlt nicht nur in Washington, sondern auch in Berlin und Brüssel.
Ein Trilemma ohne einfache Auflösung
Der Versuch eines Zwischenwegs ist verständlich, denn alle drei Optionen sind mit Kosten verbunden. Obwohl der transatlantische Kurs Sicherheit gibt, macht er auch politisch und digital erpressbar. Europäische Souveränität verspricht Unabhängigkeit, übersteigt aber die aktuellen Kapazitäten des Kontinents. Globale Allianzen klingen attraktiv, bleiben aber ohne Führung und Institutionen fragil.
Was Europa in jedem Fall braucht, ist eine ehrlichere Debatte über die Kosten seiner bisherigen Bequemlichkeit. Die Abhängigkeit von US-amerikanischer Technologie war kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen. Neue Entscheidungen erfordern denselben langen Atem. Das Trilemma löst sich nicht über Nacht. Aber es zu benennen ist der erste Schritt.
Konkret bedeutet das: Europa muss gleichzeitig in eigene digitale Kapazitäten investieren, strategische Partnerschaften aufbauen und dabei realistisch dahingehend sein, was kurzfristig möglich ist und was nicht. Vollständige digitale Souveränität ist kein realistisches kurzfristiges Ziel. Aber weniger Abhängigkeit ist möglich, solange der politische Wille vorhanden ist. Was fehlt, ist nicht die Blaupause, sondern der europäische Konsens darüber, wohin die Reise gehen soll.