Kommunale Wasserversorger in Kolumbien halten die Wasserinfrastruktur am Laufen. Ihr hoher Energieverbrauch bleibt in Diskussionen über die Energiewende jedoch oft außen vor.
Die Energiewende wird häufig als technologische Herausforderung dargestellt: Fossile Brennstoffe sollen durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Sie übersieht diejenigen, die alltäglich lebenswichtige Infrastrukturen aufrechterhalten. In Kolumbien werden ca. 40 Prozent der ländlichen Bevölkerung durch kommunale Wassersysteme versorgt. Gleichzeitig kämpfen die Gemeinden mit steigenden Energiekosten und knapper werdenden Wasserreserven. Durch ihre unmittelbare, tägliche und verantwortliche Bewirtschaftung ihrer öffentlichen Wasserspeicher fungieren die Gemeinden als strategische Akteure der Energiewende. Durch die kommunale Verwaltung von Wasser und Energie werden die lokale Souveränität gestärkt, Betriebskosten gesenkt sowie gerechte und nachhaltige Modelle der Wasserwirtschaft vor Ort ermöglicht.
Eine Energiewende, die den lokalen Gemeinden Gehör schenkt
Die Klimakrise hat die Energiewende ins Zentrum nationaler und internationaler Debatten gerückt. Wenn wir die globale Erwärmung begrenzen und Treibhausgase reduzieren wollen, führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen fossile Brennstoffe hinter uns lassen und auf erneuerbare Energien setzen. Dennoch drehen sich viele Diskussionen nach wie vor nur um Technologien, Energiemärkte und groß angelegte Infrastrukturprojekte. Die folgenden Fragen geraten dabei oft aus dem Blick: Wer ist eigentlich an diesem Wandel beteiligt? Welche Gemeinden tragen die Lasten? Und welche lokalen Kräfte können zur Umsetzung beitragen?
Kolumbien strebt danach, sein Energieangebot und seine Energienachfrage umzugestalten. Zwar ist man sich zunehmend einig, dass die Wirtschaft dekarbonisiert werden muss, doch bleibt eine grundlegende Spannung bestehen: Viele Entscheidungen werden weiterhin technokratisch und zentralisiert getroffen. Dadurch werden lokales Wissen und gemeinschaftliche Ansätze, die lebenswichtige Gemeingüter verwalten, nicht berücksichtigt. Die Erfahrung zeigt, dass Gemeindeverbände die lokalen Kapazitäten haben, um essenzielle Infrastrukturen zu verwalten, Wasserökosysteme zu schützen und die Umwelt kollektiv zu pflegen. Durch ihr soziales, organisatorisches und ökologisches Wissen und Engagement gewährleisten sie das Leben in den Gemeinden.
Eine gerechte Energiewende erfordert mehr als technologische Innovation. Wir müssen Machtverhältnisse, Governance-Modelle und historische Ungleichheiten hinterfragen, die den Zugang zu Wasser und Energie prägen. Eine gemeinschaftliche Wasserbewirtschaftung ermöglicht einen integrativen Ansatz. Denn Energiewende bedeutet auch, unsere Formen des Regieren und Konsumierens zu ändern, demokratische Teilhabe zu fördern und Zuständigkeiten zu verteilen.
Rechtliche Verankerung der gemeinschaftlichen Wasserverwaltung
In Kolumbien sind diese gemeinschaftlichen Strukturen jüngst rechtlich anerkannt worden und stärken nun ihre politische Bedeutung. Das Dekret 0960 von 2025 verankert Prinzipien, nach denen die Gemeinschaft mitbestimmt, differenziert behandelt und gemeinschaftliche Wasser- und Sanitärversorgungssysteme gefördert werden. Damit werden die Besonderheiten dieser Organisationen und ihre lokalen Bedingungen anerkannt. Ergänzend dazu sieht der Gesetzentwurf 149 von 2024 (Senat) – 572 von 2025 (Repräsentantenhaus) einen spezifischen Rechtsrahmen vor, um Wasser gemeinschaftlich zu bewirtschaften. Dieser grenzt sie von klassischen Unternehmensmodellen ab. Kommunale Wasserverwalter verwirklichen das Menschenrecht auf Wasser, insbesondere im ländlichen Raum, schrittweise.
Das Nationale Netzwerk der kommunalen Wasserversorgungssysteme Kolumbiens (Red Nacional de Acueductos Comunitarios de Colombia) hat durch seine politisch-rechtliche Arbeit maßgeblich zu diesen Fortschritten beigetragen. Das Netzwerk koordiniert mehr als zehn regionale Prozesse in Departements wie Antioquia, Valle del Cauca, Cauca, Nariño, Santander, Arauca, Meta, Casanare, Guaviare, Boyacá und der Karibikregion. Indem es mobilisiert, Gesetze auf den Weg bringt und den institutionellen Dialog sucht, macht das Netzwerk kommunale Wasserverwalter als Organisationen sichtbar. Diese betreiben die Wasserinfrastruktur, schützen Mikroeinzugsgebiete und organisieren die Umweltüberwachung.
Kommunale Wasserversorgungssysteme verwalten aktuell bereits essenzielle Infrastruktur. Sie fördern, speichern und verteilen Wasser und übernehmen vielerorts auch dessen Aufbereitung. All das verbraucht erheblich viel Energie, bleibt allerdings in Debatten über die Energiewende häufig unsichtbar.
Energie zählt zu den größten Betriebskosten dieser Systeme. Viele ländliche Gebiete sind auf prekäre Stromanschlüsse und Dieselgeneratoren angewiesen - oder haben keinerlei Notstromversorgung. Geeignete Technologien könnten helfen, die Betriebskosten zu senken, die Versorgung krisenfester machen und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Doch der Zugang zu den Steuer- und Zollvergünstigungen des Gesetzes 2099 von 2021 setzt technische, rechtliche und finanzielle Bedingungen voraus, die den meisten kommunalen Wasserversorgungssystemen fehlen.
Artikel 274 des Gesetzes 2294 von 2023 zielt darauf ab, die Betriebskosten von Wasser- und Abwasserbetrieben durch differenzierte Stromtarife zu senken. Doch diese Maßnahme allein reicht nicht aus. Das Ministerium für Bergbau und Energie muss die Bestimmung konkret ausgestalten und spezifische Anreize schaffen. Nur so können die bedürftigsten kommunalen Wasserverwalter auf erneuerbare Energien umsteigen und eine lokal verankerte, gerechte Energiewende fördern.
Der jüngste Bericht des UN-Sonderberichterstatters für das Menschenrecht auf Trinkwasser und Sanitärversorgung, Pedro Arrojo-Agudo , verdeutlicht, dass die Verwirklichung des Menschenrechts auf Wasser eine umfassende Wasser- und Sanitärinfrastruktur voraussetzt. Fehlende Infrastruktur und unzureichende Energieversorgung wirken sich daher unmittelbar auf das Menschenrecht auf Wasser aus. Beide Ressourcen hängen untrennbar zusammen, weshalb integrale Ansätze notwendig sind. Pedro Arrojo hat wiederholt betont, dass eine gerechte Energiewende nur gelingt, wenn wir die Nachfrage steuern und die ökologischen Grenzen aquatischer Ökosysteme berücksichtigen.
Die Grenzen technokratischer Ansätze der Energiewende
Im Rahmen zivilgesellschaftlicher Dialoge während der internationalen Konferenz „Jenseits fossiler Brennstoffe“ im kolumbianischen Santa Marta im April 2026 wurden strukturelle Hindernisse benannt: Energiesysteme bleiben weiterhin zentralisiert, ohne lokale Gemeinschaften zu beteiligen. Anreize für dezentrale Modelle fehlen. Zwischen nationaler Planung und lokalen Realitäten klafft eine Lücke. Eine gerechte Energiewende erfordert regional differenzierte Ansätze und eine verstärkte demokratische Teilhabe.
Wer die Energiewende rein technokratisch betrachtet, läuft Gefahr, historische Ungleichheiten zu reproduzieren. Fossile Brennstoffe zu ersetzen, garantiert allein weder soziale Gerechtigkeit noch ökologische Nachhaltigkeit. Vielmehr kann die Energiewende neue Formen des Extraktivismus hervorbringen – etwa durch die Ausweitung des Bergbaus, Großprojekte für erneuerbare Energien oder Entscheidungen ohne wirksame Beteiligung lokaler Gemeinschaften. Dadurch entstehen neue Konflikte und sogenannte „zonas de sacrificio“ (Opferzonen).
Die Ausweitung großer Solar- und Windenergieprojekte in ländlichen Regionen schürt in mehreren Teilen Kolumbiens bereits Spannungen mit bäuerlichen, indigenen und afrokolumbianischen Gemeinschaften. Solche Megaprojekte im Bereich erneuerbarer Energien benötigen oft erhebliche Wassermengen. Zusätzlich entstehen sie oft in Gebieten, die wichtig für die Grundwasserversorgung sind und betreffen Quellen, die seit Jahrzehnten gemeinschaftlich geschützt werden.
Wasser und Energie zusammendenken: Voraussetzungen für einen gerechte Energiewende
Die Verknüpfung kommunaler Wasserversorgungssysteme mit basisorientierten Energiegemeinschaften und anderen kollektiven Organisationsformen stärkt die Wasser- und Energiesouveränität. Die lokalen Gemeinden entscheiden dann selbst über Verwaltung, Erzeugung und Versorgung von Wasser und Energie. Ein solcher Ansatz kann dazu beitragen, strukturelle Abhängigkeiten und Kosten zu reduzieren.
Die Energiewende ist nur dann gerecht, wenn sie anerkennt, dass Wasser und Energie Teil derselben Debatte über Menschenrechte, Nachhaltigkeit und dezentraler Demokratie sind.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Spanisch auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung Bogotá, Kolumbien. Redigiert und gekürzt durch das Lateinamerika-Referat.