Kein Abkommen – und trotzdem ein Meilenstein? Die Konferenz zum Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen in Santa Marta zeigt: Die Energiewende ist längst kein reines Umweltthema mehr, sondern harte Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Wird der Ausstieg jetzt von denen geplant, die am meisten zu verlieren haben?
Auf den ersten Blick wirkt das Ergebnis bescheiden: Die erste Internationale Konferenz für den Übergang weg von fossilen Brennstoffen, die im April 2026 im kolumbianischen Santa Marta stattfand, endete ohne Abkommen, verbindliche Finanzzusagen oder neue Beitritte zum Vertrag über die Nichtverbreitung fossiler Brennstoffe. Geopolitisch markiert die Konferenz dennoch einen Meilenstein: Erstmals stritten 57 Staaten nicht mehr über das Ob der Energiewende, sondern verständigten sich darauf, wie sie den Ausstieg gemeinsam gestalten können.
Nach der Blockade der Straße von Hormus infolge des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran erhielt die Debatte über die Energiewende eine neue politische Dynamik. Denn der Weltölmarkt erlebt laut Internationaler Energieagentur derzeit die schwerste Versorgungskrise seiner Geschichte. Weil die Exporte durch die Meerenge drastisch einbrachen, droht ein finanzieller Schock. Die Organisation 350.org prognostiziert - basierend auf Daten des Internationalen Währungsfonds und von Goldman Sachs –, dass allein 2026 Zusatzkosten zwischen 600 Milliarden und einer Billion Dollar auf Haushalte und Unternehmen zukommen.
Der Ausstieg aus Öl und Gas ist unabhängig von Umweltschäden mittlerweile allein harte Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Die niederländische Ministerin Stientje van Veldhoven erklärte im Plenum in Santa Marta, die Energiewende stärke vor allem „unsere Unabhängigkeit und Energiesicherheit“. Noch deutlicher formulierte es Spaniens Umweltministerin Sara Aagesen Muñoz: „Wir erleben einen fossilen Krieg, in dem Brennstoffe als Waffe dienen. Sonne und Wind hingegen wird niemand in der Straße von Hormus blockieren können.“
Diese neue Perspektive verändert auch die Interessenlage: Nicht mehr nur kleine Inselstaaten oder Klimaaktivist*innen treiben das Thema voran. Zunehmend beschäftigt es Finanzministerien die mit schwankenden Rohstoffpreisen kalkulieren müssen, und Verteidigungsministerien, die Energieabhängigkeit als geopolitisches Risiko bewerten.
Die Koalition der Willigen
In Santa Marta bildete sich eine neue Allianz für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen - darunter auch Förderländer wie Kolumbien, Brasilien, Mexiko, Ghana und Nigeria. Wie belastbar dieses Bündnis ist und ob es künftig geschlossen auf internationaler Bühne auftritt, bleibt abzuwarten. Schwer wiegt die Abwesenheit der Schwergewichte USA, China, Indien, Russland und Saudi-Arabien, die nicht nach Santa Marta kamen.
Dennoch bot die Konferenz in Santa Marta etwas, das die UN-Klimakonferenzen der vergangenen Jahre kaum noch lieferten: einen neuen Tonfall. Wo die großen Weltklimakonferenzen (COPs) zunehmend an Blockaden und geopolitischen Konflikten scheiterten, wurde in Santa Marta nach echten Lösungen gesucht. Die Staaten diskutierten, wie sie sich beim wirtschaftlichen Umbau gegenseitig unterstützen können. Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen politischen Lagern beschrieben die Atmosphäre als überraschend konstruktiv.
Santa Marta bezog die Wissenschaft mit ein. Ein wichtiger Meilenstein ist die Gründung des Wissenschaftlichen Gremiums für die globale Energiewende (Science Panel for the Global Energy Transition - SPGET), mitinitiiert von Spitzenforschenden wie Johan Rockström und Carlos Nobre. Das Gremium soll schneller arbeiten als der oft träge Weltklimarat (IPCC), konkrete Lösungen für einzelne Länder liefern und unabhängig von staatlicher Einflussnahme bleiben. Dass die nächste Konferenz Anfang 2027 im bedrohten Inselstaat Tuvalu stattfindet, unterstreicht den Anspruch auf Kontinuität und Institutionalisierung.
Unerwartete Übereinstimmung
Überraschend einig zeigten sich mehr als 800 NGOs, indigene Vertreter*innen, Gewerkschaften und Wissenschaftler*innen: Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte ähneln sich ihre Positionspapiere im analytischen Kern. Selten teilen diese Gruppen dieselbe Diagnose.
Das eigentliche Problem liege nicht am fehlenden politischen Willen, sondern an der globalen Finanz- und Handelsarchitektur, so die NGOs. Länder des Globalen Südens könnten fossile Rohstoffe nicht einfach im Boden lassen – schließlich sind ihre Exporteinnahmen die Grundlage für den Schuldendienst. Die Forderung: Schulden erlassen im Gegenzug für Klimaschutz, fossile Investitionen stoppen und klimaschädliche Übergewinne extra besteuern, um den Wandel zu finanzieren.
Indigene Vertreter*innen warnten davor, dass eine „grüne Transformation“ den alten Raubbau an der Natur nur fortschreibe. Wind-, Solar- und Wasserkraftprojekte reproduzierten oft dieselben Muster von Vertreibung und Zwang wie fossile Großprojekte. Sie fordern sogenannte „Lebenszonen“: ökologisch sensible Gebiete, in denen jede Form von Extraktivismus verboten ist – einschließlich des Abbaus strategischer Mineralien für die Energiewende.
Die Gewerkschaften pochen darauf, nicht als unvermeidliche Verlierer des Wandels dazustehen. Sie verlangen verbindliche Mitspracherechte bei der Planung der Energiewende sowie Umschulungsmaßnahmen und Jobgarantien für die Beschäftigten in der noch laufenden Kohle- oder Gasförderung.
Das wissenschaftliche Gremium SPGET lenkt den Blick auf einen wirtschaftlichen Zusammenhang: Die Energiewende könne die sogenannte „Fossilflation“ bremsen – also Inflationsschübe, die durch die unberechenbaren Öl- und Gasmärkte entstehen. Erneuerbare Energien sind damit nicht mehr nur Klimapolitik, sondern Stabilitätsfaktor für die Wirtschaft als Ganzes.
Kritische Momente und offene Punkte
Doch kaum war der Gipfel vorbei, gab es bereits Kritik am neuen Gremium. In einem offenen Brief kritisierten Berater*innen kurz, dass im neuen Gremium erneut der globale Norden den Ton angibt – Frauen und indigene Stimmen blieben fast außen vor.
Harjeet Singh von der Fossil Fuel Treaty-Initiative brachte das strukturelle Dilemma auf den Punkt: „Wer schreibt das Drehbuch der Transformation?“ Die Rollenverteilung in Santa Marta wirkte vertraut: Während der globale Süden den politischen Impuls, Mut und die Bühne stellte, übernahmen Institutionen des Nordens - wie die OECD oder das Internationale Institut für nachhaltige Entwicklung - die Regie bei der technischen Wissensproduktion.
Auch bei der Debatte zum Vertrag über die Nichtverbreitung fossiler Brennstoffe traten in Santa Marta tiefe Gräben offen zutage: Nicht alle anwesenden Staaten sind bereit, neue fossile Projekte verbindlich zu verbieten. Vom Klimawandel bedrohte Inselstaaten unterstützen den Vertrag vehement; viele Förderländer fürchten hingegen Souveränitätsverluste und drohende Einnahmeausfälle für ihre Staatskassen.
Kolumbiens Rolle in Santa Marta
Für Kolumbien war Santa Marta ein diplomatischer Erfolg – trotz schwieriger wirtschaftlicher Lage. Das Land leitete die Konferenz, während es gleichzeitig mit einem hohen Haushaltsdefizit, sinkender Ölproduktion und teuren Gasimporten kämpft. Die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Einnahmen macht deutlich, wie schwer der eigene Ausstieg in der Praxis ist. Die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Einnahmen macht deutlich, wie schwer der eigene Ausstieg in der Praxis ist. Die produzierenden Länder des Globalen Südens können den Ausstieg aus den Fossilen nicht allein stemmen. Sie brauchen Geld von außen, Schuldenerlasse und ein internationales Finanzsystem, das die Energiewende endlich nicht mehr als Luxusprojekt behandelt.
Kolumbien wies zudem auf einen „blinden Fleck“ der globalen Klimapolitik hin: Die nationalen Klimabeiträge (NDCs) messen Emissionen nur innerhalb der eigenen, nationalen Grenzen - die Emissionen exportierter fossiler Brennstoffe bleiben außen vor. Kolumbien schlägt daher Fahrpläne für den Ausstieg vor, die sowohl Angebot als auch Nachfrage einbeziehen. Für fossilstarke Länder wie Brasilien oder Kanada bleibt das politisch heikel.
Eben diese Fahrpläne sind das wichtigste konkrete Ergebnis von Santa Marta. Drei Arbeitsgruppen wurden eingerichtet: zu 1) nationalen und regionalen Fahrplänen für den Ausstieg, zur 2) Reform der globalen Finanzarchitektur sowie zur 3) Dekarbonisierung des Welthandels. Ihre Ergebnisse sollen bereits in die kommenden UN-Klimaverhandlungen (COP31) einfließen.
Lateinamerikanische Länder werden der COP31-Präsidentschaft (Türkei und Australien) einen regionalen Fahrplan vorlegen, der Energiewende und Waldschutz miteinander verbindet. Erstmals versucht eine rohstoffexportierende Region – Lateinamerika - , ihren eigenen geordneten Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle zu planen. Mit realistischer Differenzierung: Jedes Land steigt je nach Rohstoffstruktur und Finanzkraft unterschiedlich schnell aus. Vorausgesetzt, internationale Gelder fließen als echte Zuschüsse, nicht als neue Kredite, die die Schuldenlast erhöhen.
Möglicher Gegenwind
Innenpolitisch steht Kolumbiens Klimakurs allerdings unter Druck. Die Präsidentschaftswahlen im Juni werfen ihren Schatten voraus und könnten die erarbeitete internationale Glaubwürdigkeit zunichtemachen: Fast alle aussichtsreichen Kandidat*innen lehnen den von der Regierung Petro eingeschlagenen Kurs - keine neuen Lizenzen für Öl, Gas und Kohle – ab. Selbst im Regierungslager ist nur noch von einer „schrittweisen“ Energiewende die Rede. Rechte und Konservative fordern das genaue Gegenteil: massiven Ausbau der Förderung von Fossilen, inklusive des umstrittenen Frackings.
Parallel zum innenpolitischen Gegenwind droht Ungemach von außen: der türkische COP31-Präsident Murat Kurum erklärte prompt nach Santa Marta, es sei „unrealistisch“, Staaten zum Verzicht auf fossile Brennstoffe zu verpflichten. Das Signal aus der Türkei ist unmissverständlich: Wer auf schärfere Beschlüsse in Antalya hofft, wird enttäuscht werden.
Ausblick
Bedeutungslos ist die Initiative aus Santa Marta deshalb nicht. Der eigentliche Hebel liegt weiter in der Zukunft: bei der zweiten globalen Bestandsaufnahme der UN-Klimarahmenkonvention 2028 (Global Stocktake). Die in Kolumbien geschmiedeten Allianzen, Fahrpläne und Kontrollinstrumente könnten dann zum Maßstab werden, an dem sich die weltweite Klimapolitik von da an messen lassen muss. Santa Marta war kein Endpunkt, sondern der Startschuss. Bis zur COP33 bleiben zwei Jahre Zeit, um zu beweisen, dass eine Allianz der Willigen das das globale Energiesystem tatsächlich verändern kann.
Insgesamt hinterlässt der Gipfel einige Fragen: Wer finanziert die Energiewende im Globalen Süden, ohne die Länder tiefer in die Schuldenfalle zu treiben? Wie lässt sich verhindern, dass ein Regierungswechsel in Kolumbien das mühsam aufgebaute Fundament wieder einreißt? Und gelingt es, die großen Förderländer des Globalen Südens zu aktiven Gestaltern ihres eigenen Ausstiegs zum machen? Denn genau diese Staaten stehen vor der größten Herausforderung: Ein ungeordneter Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter kann sie ruinieren – ein geordneter Ausstieg hingegen könnte sie zu Gewinnern machen.
Dieser Beitrag von Climate Tracker Lateinamerika erschien zuerst auf Spanisch auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung Bogotá, Kolumbien.