Die Deutschen wollen keine wirtschaftliche Abschottung, aber deutlich weniger Abhängigkeit von China und den USA. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt: 85 Prozent wollen wirtschaftliche Beziehungen stärker auf mehrere Partnerländer verteilen.
Deutschland hat wie kaum ein anderes Land jahrzehntelang von offenen Märkten profitiert. Seit Längerem dominieren aber Störungen im System der Globalisierung die Wirtschaftspolitik. In den letzten Jahrzehnten wurden resiliente Lieferketten, strategische Industriepolitik und vor allem die Souveränität in neuen Schlüsselindustrien vernachlässigt. Das wird immer deutlicher.
Auf der Suche nach einer neuen Balance geht vor allem die EU neue wirtschafts-, handels- und industriepolitische Wege. Aber was bedeutet es den Menschen im Land, Deutschland als Teil der europäischen Wirtschaft wieder ökonomisch unabhängiger zu machen? Welche Prioritäten setzten wir für verschiedene Politikfelder?
Diese Fragen werden aktuell immer drängender, wurden aber bisher wenig demoskopisch abgebildet – die Heinrich-Böll-Stiftung hat sie nun zum Anlass für eine Umfrage genommen.
Die Befragung hat das Institut Civey für die Heinrich-Böll-Stiftung vom 16.06.2026 bis 19.06.2026 durchgeführt. Dafür wurden online 5.000 Bundesbürger:innen ab 18 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind unter Berücksichtigung des statistischen Fehlers von 2,7 Prozentpunkten repräsentativ für die deutsche Bevölkerung.
Vernetzung gilt als Stärke, ein Drittel sieht Risiken
Eine deutliche Mehrheit der Menschen sieht eine Stärke in der wirtschaftlichen Vernetzung Deutschlands, ein Drittel sieht darin eher ein Risiko.
Die Unterschiede in verschiedenen Bevölkerungsteilen sind gering bis moderat: Männer stehen der Vernetzung etwas positiver gegenüber als Frauen, Menschen mit niedrigerer Bildung sehen eher das Risiko, Befragte im Osten sind skeptischer als im Westen. In der Frage nach Vor- und Nachteilen der Globalisierung steckt somit durchaus viel Bewegung.
Zukunftstechnologien bei Ausgaben priorisieren
Wenn es um öffentliche Investitionen geht, priorisiert etwas mehr als die Hälfte den Aufbau von Zukunftstechnologien, 4 von 10 hingegen die Sicherung von Arbeitsplätzen. Hierbei gibt es große regionale Unterschiede: In den ostdeutschen Bundesländern priorisiert eine knappe Mehrheit bestehende Arbeitsplätze (44 % zu 43 %), während die westdeutsche Bevölkerung mit 54 % zu 39 % klar öffentliche Investitionen für Zukunftstechnologien favorisiert.
Mehr Souveränität bei Energie besonders wichtig
Energie und Arzneimittel werden am häufigsten als Bereiche genannt, in denen Europa unabhängiger werden sollte. 50 % der Menschen ist es besonders wichtig, dass Europa bei Energie unabhängiger wird. Auf den Plätzen 3 und 4 folgen Verteidigungstechnologie und Halbleiter/Chips. Künstliche Intelligenz und Landwirtschaft wurden am seltensten ausgewählt.
Große Mehrheit für Diversifizierung weg von USA und China
Eine deutliche Mehrheit stimmt der Aussage zu, die wirtschaftlichen Beziehungen stärker auf mehr Partnerländer zu verteilen; Ablehnung herrscht nur in einer kleinen Randgruppe.
Der Wunsch nach mehr wirtschaftlichen Partnern und einer stärkeren Unabhängigkeit von den USA und China zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Mit 98 bzw. 95 % gibt es die größte Zustimmung zur Diversifizierung bei Wähler:innen von Bündnis90/Die Grünen und der SPD. Wähler:innen der AfD stimmen der Aussage zu 73 % zu.
Kosten für Unabhängigkeit: Geteiltes Bild
Während zwar fast jede:r Zweite zustimmt, dass höhere Kosten für wirtschaftliche Unabhängigkeit in Kauf genommen werden sollen, lehnt dies etwa ein Drittel ab. 20 % sind bei der Frage unentschieden. Die Kostenfrage beurteilen viele Menschen kongruent mit ihrer eigenen Lebenssituation: Bei Menschen zwischen 40 und 64 ist die Ablehnung zu höheren Kosten mit 42 bzw. 39 % am stärksten. Leitende Angestellte hingegen sind zu 58 % der Meinung, dass die Politik höhere Kosten für Unabhängigkeit in Kauf nehmen sollte.
Fazit
Es gibt ein klares Bewusstsein darüber, wie sehr Deutschland von wirtschaftlicher Vernetzung profitiert. Gleichzeitig machen sich die Menschen aber Sorgen um einseitige Abhängigkeiten, insbesondere von den USA und China. Der politische Grundauftrag lautet deshalb: Die wirtschaftliche Unabhängigkeit an zentralen Stellen erhöhen über ein stärkeres Europa.
Obwohl die EU diesen Kurs bereits verfolgt, steigen die Importabhängigkeiten weiterhin, statt zu sinken. Diese Entwicklung erklärt sich vor allem durch die damit verbundenen Kostensteigerungen. Zwar stimmen 85 Prozent der Bevölkerung einer stärkeren Diversifizierung zu, doch lediglich etwa 47 Prozent sind kurzfristig bereit, dafür höhere Preise zu akzeptieren. In diesem Zusammenhang müssen die deutsche und die europäische Industrie- und Wirtschaftspolitik Antworten liefern: Wie kann eine höhere Resilienz und Effizienz der Lieferketten ökonomisch attraktiver werden? Und wie gelingt es, verbleibende Mehrkosten von ökonomischer Unabhängigkeit gesellschaftlich fair zu verteilen?
In Brüssel hat eine strategische Debatte zu diesen Themen begonnen, doch die deutsche Position bleibt unklar.
Wer Souveränität anstrebt, benötigt jetzt eine klare Strategie, um diese tatsächlich zu erreichen.
Die Ergebnisse der Umfrage und das Thema wirtschaftliche Souveränität sind Thema beim Grünen Wirtschaftstag der Heinrich-Böll-Stiftung am 2. Juli.