Wie Windparks unsere Resilienz stärken

Vorstandskolumne

Gute Nachrichten: Windenergie ist mittlerweile die wichtigste Stromquelle in Deutschland. Das hätte noch vor 20 Jahren niemand für möglich gehalten. Da geht noch was.

Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Jan Philipp Albrecht auf grünem Hintergrund mit dem Schriftzug "Einmischen - die Vorstandskolumne"

Es ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte: Der beherzte Einstieg und Ausbau der Windenergie Made in Germany wird in allen Teilen der Welt seit vielen Jahren bewundert. Delegationen aus anderen Ländern Europas, aus US-Bundesstaaten, auch aus zahlreichen Schwellenländern haben sich ein Bild gemacht und sich von Deutschlands Weg inspirieren lassen. Doch statt mit Stolz auf diese Entwicklung zu schauen und beherzt weiter voranzugehen, wurde aus Angst vor dem eigenen Erfolg die Geschwindigkeit herausgenommen und weiter auf die vermeintlich günstige Energiequelle Gas und Öl aus Russland gesetzt. Diesen Moment hat etwa China genutzt, um das deutsche Modell zu kopieren und Marktführer bei der Wind-Technologie zu werden. Tausende von Jobs in der deutschen Windbranche gingen verloren. Heute wird deutlich, wie groß dieser Fehler war.

Mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Zeitenwende, auch bei der Abhängigkeit von russischer Energie, kam die Quittung für das Ausbremsen bei der Energiewende. Wäre Deutschland seinen Weg konsequenter und schneller weiter gegangen, wären Industrie und Verbraucher*innen in der Folge nicht so hart von den immer stärker ansteigenden Energiepreisen eingeholt werden, die vor allem durch einen völlig verzerrten Energiemarkt bei Energieimporten entstanden sind. Hinzu kommen hohe Abgabenlasten, die die Speicherung von Windstrom und seine Umwandlung in Wasserstoff oder synthetische, emissionsfreie Treibstoffe unwirtschaftlich gemacht haben. Doch es ist lange nicht zu spät, um dieser Situation endlich zu entsteigen. In wenigen Jahren kann für unsere Volkswirtschaft eine völlig veränderte Grundlage geschaffen werden.

Ich erinnere mich an das Jahr 2020, in dem ich als Teil der Landesregierung von Schleswig-Holstein nach langem Ringen die Ausweisung von 2 Prozent der Landesfläche als Vorranggebiete für die Windenergie erreichen konnte. Damit haben wir den Grundstein dafür gelegt, dass mein Nachfolger im Amt des Energiewendeministers, Tobias Goldschmidt, kürzlich die Erreichung des Ausbauziels von 10 Gigawatt installierter Windenergieleistung verkünden konnte. Die Erzeugungskapazität der Windkraft im nördlichsten Bundesland ersetzt damit allein die Hälfte der Leistung, die die gesamte Atomenergie in Deutschland zu ihren Hochzeiten hatte. Die Windenergie ist mittlerweile die wichtigste Stromquelle in Deutschland. Das hätte noch vor 20 Jahren niemand für möglich gehalten.

Deshalb wird nun die Mär von der teuren Energiewende betrieben, das Gegenteil ist allerdings der Fall: Die Windenergie ist laut Erhebungen von Frauenhofer Instituts ISE mit 5 bis 10 Cent pro Kilowattstunde nach der Freiflächenphotovoltaik die mit Abstand günstigste Form der Stromerzeugung. Selbst moderne Gaskraftwerke liegen bei fast dem Doppelten dieser Kosten. Ganz zu schweigen von der Atomkraft, deren Gestehungskosten stets ein Vielfaches derer der Windenergie betragen, wobei die zunehmenden Mindererträge durch klimabedingte Abschaltungen noch gar nicht berücksichtigt sind. Die Wahrheit ist: Die Windenergie ist unsere beste Absicherung gegen die versteckten Kostentreiber, die zunehmend sichtbar werden.

Während die Windenergie das Potenzial hat, Jobs und Wertschöpfung in Deutschland und Europa an vielen Orten zu schaffen und eine günstige Stromversorgung abzusichern, steckt in der Abhängigkeit von konventionellen Energieträgern eine immer größer werdende Gefahr für Sicherheit und Wohlstand. Der Krieg im Iran mit der Sperrung der Straße von Hormus führt uns erneut vor Augen, wie sehr wir den daraus resultierenden Lieferengpässen und Preisentwicklungen ausgesetzt sind. Der Verbrauch von Gas und Öl auf dem Weltmarkt führt zudem zwangsläufig auch zu Mehreinnahmen von Putins Russland, das noch immer große Mengen dieser Energieträger, auch einen Großteil des weltweiten Urans, exportiert und damit seinen Krieg gegen die Ukraine im fünften Jahr finanziert.

Am Ende des Hitzesommers wird auch die massive volkswirtschaftliche Belastung durch den rasant fortschreitenden Klimawandel sichtbar. Hunderte Millionen Euro Verluste schrieb die Wirtschaft allein im Juni und Juli. Ganz zu schweigen von den massiven Gesundheitskosten und den vielen Todesfällen, die sich gar nicht beziffern lassen, sondern vor allem harte menschliche Verluste sind. Klarer wird, wie hoch die nötigen Investitionen der Kommunen für Hitzeschutzmaßnahmen sein werden. Neben den Kosten für die Verteidigung, für die Erneuerung der Infrastruktur und für die Transformation der Industrie stellen sie die nächste große Belastung für die öffentlichen Haushalte dar. Es ist also mehr als klar: Die mittlerweile wichtigste Stromquelle Deutschlands – die Windkraft – ist die beste Absicherung gegen diese immer weiter steigenden Kostenfaktoren und gleichzeitig eine riesige Chance für Deutschland und Europa, seine industrielle und technologische Basis langfristig auf ein solides Fundament zu stellen.

Imme und Jan Philipp

Einmischen - die Vorstandskolumne

Einmischen! Als einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben. So hat es Heinrich Böll formuliert und diese Ermutigung inspiriert uns bis heute. Mit dieser Kolumne mischen wir uns als Vorstand der Stiftung in den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Diskurs ein. Jeden Monat schreiben hier im Wechsel: Jan Philipp Albrecht und Imme Scholz.

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