Albaniens außergewöhnliche biologische Vielfalt ist ein gemeinsames europäisches Gut. Europa muss ihren Wert erkennen, sie als Teil unserer gemeinsamen Zukunft begreifen und entschlossen handeln, um sie zu schützen.
Im Herzen Tiranas haben 38 außergewöhnliche und bedrohte Arten monumentale Gestalt angenommen. Das neue Glasmosaik der Kampagne Albania Is Biodiversity auf dem Skanderbeg-Platz macht sichtbar, was Europa noch nicht ausreichend erkannt hat: Albanien ist eine der großen ökologischen Schatzkammern des Kontinents.
Die biologische Vielfalt erhält die natürlichen Systeme, von denen alles Leben abhängt. Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen sorgen dafür, dass Ökosysteme funktionieren, sichern unsere Nahrungsgrundlagen und versorgen uns mit sauberer Luft und sauberem Wasser. Biodiversität ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage unserer Existenz.
Doch Europas Natur befindet sich in einer tiefen Krise. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur weisen 81 Prozent der im Rahmen des EU-Naturschutzrechts untersuchten Lebensräume einen unzureichenden oder schlechten Erhaltungszustand auf. Feuchtgebiete, Dünen und Küstenökosysteme stehen unter besonderem Druck. Intensive Landnutzung, Urbanisierung, Infrastrukturentwicklung, Umweltverschmutzung und Klimawandel zerschneiden Ökosysteme und beschleunigen den Verlust von Arten und Lebensräumen.
In weiten Teilen Europas haben sich diese Schäden über Generationen hinweg angehäuft. Natürliche Lebensräume sind kleiner, stärker voneinander isoliert und weniger widerstandsfähig geworden. Doch dies ist nicht die ganze europäische Geschichte. Auf dem Balkan existieren noch immer Landschaften von einer Größe, Kontinuität und Vielfalt, die andernorts selten geworden sind. Deshalb brauchen wir ein neues Narrativ für die Region. Der Balkan ist nicht lediglich Europas Peripherie. Er bewahrt etwas, das Europa zunehmend fehlt und für seine Zukunft dringend benötigt.
Genau deshalb ist Albanien so wichtig.
Albanien umfasst lediglich 28.748 Quadratkilometer und damit weniger als 0,3 Prozent der Fläche Europas. Dennoch beherbergt das Land eine außergewöhnliche Konzentration pflanzlichen und tierischen Lebens. Mehr als 350 Vogelarten wurden hier nachgewiesen. Albanien bietet Lebensräume für symbolträchtige und bedrohte Arten vom Balkanluchs und Schmutzgeier über den Krauskopfpelikan bis hin zur Mittelmeer-Mönchsrobbe. Albanien ist ein ökologisches Kraftzentrum Europas.
Diesen Reichtum verdankt das Land der bemerkenswerten Vielfalt seiner Landschaften und Klimazonen. Mediterrane und mitteleuropäische Einflüsse überschneiden sich. Vom Adriatischen und Ionischen Meer steigen die Berge steil empor. Frei fließende Flüsse, alte Wälder, alpine Wiesen, Seen, Feuchtgebiete und Lagunen bilden ein zusammenhängendes Mosaik des Lebens.
Albanien liegt zudem an der Adriatischen Zugroute, einer bedeutenden Route für Zugvögel zwischen Nordeuropa, Sibirien und Afrika. Auf ihren langen Reisen sind die Vögel auf die Feuchtgebiete und Lagunen des Landes angewiesen, um zu rasten und Nahrung aufzunehmen. Diese Orte sind Teil eines ökologischen Netzwerks, das weit über nationale Grenzen hinausreicht.
Doch Albaniens Naturreichtum ist keineswegs dauerhaft gesichert. Spekulative Immobilieninvestitionen, eine ökologisch unzureichend gesteuerte Tourismusentwicklung, die immer intensivere Nutzung natürlicher Räume und der Klimawandel setzen Küsten, Flüsse, Feuchtgebiete und Gebirgslandschaften zunehmend unter Druck. Albanien hat noch die Chance, das zu bewahren, was in weiten Teilen Europas nur durch aufwendige und kostspielige Renaturierung wiederhergestellt werden kann.
Gemeinsam mit PPNEA, der ältesten Naturschutzorganisation Albaniens und der Partnerorganisation von BirdLife International im Land, haben wir 2023 Albania Is Biodiversity ins Leben gerufen. Die Kampagne steht für eine neue Sichtweise auf Albanien und den Balkan.
Für die Kampagne führte der Künstler Kleidi Eski Albaniens außergewöhnliche und bedrohte Arten in einer Neuinterpretation des ikonischen Mosaiks an der Fassade des Nationalen Historischen Museums auf dem zentralen Skanderbeg-Platz in Tirana zusammen. Das Bild erschien erstmals 2023 als temporäre Intervention gegenüber dem historischen Mosaik. Nun wurde es in ein monumentales Glasmosaik übertragen und wird in einem temporären Pavillon der Öffentlichkeit präsentiert.
Hunderttausende einzelne Mosaiksteine fügen sich zu einem Gesamtbild der wechselseitigen Verbundenheit zusammen. Wie ein Ökosystem bezieht auch das Kunstwerk seine Kraft aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Elemente. Es lädt uns dazu ein, Albanien und den Balkan mit neuen Augen zu sehen.
Europäische Integration kann nicht einfach bedeuten, dass sich Beitrittskandidaten an Europa anpassen. Europa muss auch erkennen, was diese Länder zu unserer gemeinsamen Zukunft beitragen. Albanien bringt frei fließende Flüsse, alte Wälder, Küstenfeuchtgebiete, lokales Wissen und eine außergewöhnliche biologische Vielfalt ein. Diese Werte gehören ins Zentrum der europäischen Integration.
Die Glaubwürdigkeit seiner ökologischen und demokratischen Versprechen wird Europa nicht nur in seinen heutigen Mitgliedstaaten beweisen, sondern auch daran, wie es die natürlichen Gemeingüter seiner künftigen Mitglieder anerkennt und schützt.
Der Beitrittsprozess bietet konkrete Möglichkeiten, dieses Prinzip in Politik zu übersetzen. Europäische Umweltstandards sollten während des gesamten Prozesses gelten. Die kumulativen Auswirkungen von Infrastruktur- und Tourismusinvestitionen auf Ökosysteme müssen sorgfältig geprüft werden. Unabhängige lokale Naturschutzorganisationen benötigen verlässliche Unterstützung, und intakte Lebensräume müssen geschützt werden, bevor ihr Verlust kostspielige Wiederherstellungsmaßnahmen erforderlich macht.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf englisch auf der Seite unseres Büro Tirana: al.boell.org