In Zeiten, in denen das Völkerrecht angegriffen wird, die Demokratie zunehmend unter Druck gerät und geopolitische Macht universelle Prinzipien zu verdrängen droht, vermittelt die Auszeichnung einer südafrikanischen Menschenrechtsverteidigerin etwas Fundamentales: einen Grund, die Hoffnung nicht aufzugeben.
Als ich die Nachricht las, dass Navi Pillay mit dem Friedensnobelpreis 2026 ausgezeichnet worden war, empfand ich etwas, das angesichts des heutigen politischen Klimas immer schwerer aufrechtzuerhalten ist: neue Hoffnung. Und damit verbunden die unerschütterliche Entschlossenheit, weiter für eine Welt einzutreten, in der jeder Mensch denselben Wert besitzt.
Doch ausgerechnet an dem Tag, an dem ein ganzes Leben im Einsatz für die Verteidigung des Völkerrechts und der universellen Menschenrechte geehrt wurde, geriet eine der Institutionen, die diese Grundsätze schützen sollen, unter Beschuss. Am selben Tag kündigten die Vereinigten Staaten offiziell weitreichende Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof an, an dem Pillay als Richterin tätig war. Anders als frühere Maßnahmen, die einzelne Richter*innen und Ankläger*innen betrafen, richten sich diese gegen die Institution selbst. Obwohl sie seit langem vorbereitet wurden, hätte der zeitliche Zusammenhang zwischen ihrer Ankündigung und Pillays Auszeichnung kaum auffälliger sein können.
Dass Pillay Südafrikanerin ist, macht diesen Moment noch bewegender. Die Entscheidung Südafrikas, auf Grundlage der Völkermordkonvention ein Verfahren gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof einzuleiten, ist selbst zur Quelle diplomatischer Spannungen und politischen Drucks geworden.
Diese Gleichzeitigkeit spricht Bände. Während eine Südafrikanerin für ihr Leben im Dienst der internationalen Gerechtigkeit geehrt wird, sieht sich ein internationales Gericht mit Sanktionen konfrontiert und das eigene Land ist diplomatischem Druck ausgesetzt, weil es sich auf das Völkerrecht beruft. Zusammengenommen legen diese Entwicklungen einen grundlegenden Widerspruch in der heutigen internationalen Ordnung offen: die Kluft zwischen den universellen Prinzipien des Völkerrechts und den geopolitischen Interessen, die darüber mitbestimmen, wie, wann und gegen wen diese Prinzipien zur Anwendung kommen.
Auch Pillays persönlicher Lebensweg bewegt zutiefst. Sie wuchs unter der Apartheid auf, in einem Land, in dem das Gesetz selbst ein Instrument rassistischer Unterdrückung war, und wurde später zu einer der weltweit führenden Verteidigerinnen des Völkerrechts und der universellen Menschenrechte.
Diese Auszeichnung erinnert mich an das Versprechen, das der demokratische Kampf Südafrikas verkörperte: den Glauben, dass man Ungerechtigkeit entgegenwirken und tief verwurzelte Unterdrückungssysteme verändern kann. Freiheit bringt Verantwortung mit sich, die weit über nationale Grenzen hinausreicht.
Sie erinnert mich auch daran, dass es im Kampf für die Demokratie nie allein darum ging, wer regiert. Vielmehr ging und geht es darum, in was für einer Gesellschaft jeder Mensch unserer Überzeugung nach leben können sollte.
Deshalb empfinde ich diesen Friedensnobelpreis als Ermutigung, weiterzumachen. Nicht aus Nostalgie für eine hoffnungsvollere Vergangenheit, sondern aus der Überzeugung, dass die Ideale, die unsere Kämpfe für Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden geleitet haben, nach wie vor ebenso relevant und notwendig sind wie eh und je. Die Enttäuschungen der Gegenwart dürfen unseren Blick auf das Mögliche nicht verengen und unsere Entschlossenheit, es anzustreben, nicht schwächen.
Ein südafrikanisches Vermächtnis, das der Welt gehört
Der Friedensnobelpreis hat schon immer politische Bedeutung, selbst wenn er Leistungen würdigt, die über parteipolitische Interessen hinausgehen. Trotz der Kontroversen, die ihn umgeben, besitzt er weiterhin die außergewöhnliche Fähigkeit, weltweit Aufmerksamkeit auf Menschen und Prinzipien zu lenken, deren Bedeutung über die Kalküle von Regierungen hinausgeht. Er bleibt eine Auszeichnung, nach der einige der mächtigsten politischen Führungspersönlichkeiten der Welt streben. Südafrika hat eine bemerkenswerte Geschichte mit dem Friedensnobelpreis. Albert Luthuli, Desmond Tutu, Nelson Mandela und F. W. de Klerk wurden unter unterschiedlichen Umständen für ihre Beiträge zur Überwindung der Apartheid und zur friedlichen politischen Transformation geehrt.
Navi Pillay fügt dieser Geschichte ein weiteres Kapitel hinzu. Ihr bemerkenswerter Weg führte vom Widerstand gegen eine unterdrückerische nationale politische Ordnung zur Verteidigung einer universellen internationalen Rechtsordnung.
Von der Verteidigung von Anti-Apartheid-Aktivist*innen über ihre Tätigkeit beim Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (IStGHR) und beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) bis hin zu ihrem Amt als UN-Hochkommissarin für Menschenrechte: Pillay hat ihre berufliche Laufbahn der Förderung von Gerechtigkeit gewidmet, die über Grenzen von Nationalität, politischer Macht und Privilegien hinausgeht.
Ihre Arbeit am IStGHR trug zur Entwicklung wegweisender Rechtsprechung bei, die anerkennt, dass sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung, einen Völkermord darstellen kann. Damit wurde Gewalt, von der Frauen unverhältnismäßig häufig betroffen sind, stärker in den internationalen Kampf für Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht einbezogen.
Pillays Einsatz für Gerechtigkeit verweist auf die tiefere Bedeutung des südafrikanischen Befreiungskampfs. Dieser war mehr als nur eine Zurückweisung der Apartheid. In seiner visionären Form bekräftigte er die Universalität der Menschenwürde und die Überzeugung, dass kein politisches System bestimmen darf, wessen Menschlichkeit zählt und wessen nicht. Diese Überzeugung inspirierte internationale Solidarität und zeigte, wie ein Freiheitskampf in einem Land weltweit Widerhall finden kann.
Navi Pillay verkörpert dieses internationalistische Erbe. Ihre Auszeichnung ist ein Moment des nationalen Stolzes. Sie erinnert uns jedoch auch daran, dass einige der wichtigsten Beiträge Südafrikas zur Welt von Menschen geleistet wurden, die verstanden haben, dass Freiheit und Gerechtigkeit nicht an nationalen Grenzen enden dürfen.
Wenn die Verteidigung des Völkerrechts politische Kosten hat
Pillays Laufbahn verleiht der Frage, was die Verteidigung des Völkerrechts kostet, besondere Dringlichkeit.
Als ehemalige Vorsitzende der UN-Untersuchungskommission zu den besetzten palästinensischen Gebieten steht sie im Zentrum der Debatten über Rechenschaftspflicht und die ungleiche Anwendung des Völkerrechts.
Für ein Land, dessen Befreiungskampf von internationaler Solidarität und der Ablehnung institutionalisierter Ungerechtigkeit getragen wurde, ist ein Engagement für Rechenschaftspflicht untrennbar mit seinem demokratischen Erbe verbunden. Dieses Vermächtnis zu ehren, verlangt von Südafrika, universelle Rechte konsequent zu verteidigen – auch dann, wenn Verstöße von politischen Partnern, Verbündeten oder Regierungen begangen werden, zu denen wichtige strategische Beziehungen bestehen. Seine Glaubwürdigkeit hängt nicht nur von den Grundsätzen ab, auf die es sich beruft, sondern auch von seiner Bereitschaft, diese selbst dann zu verteidigen, wenn dies politische Kosten verursacht.
Vor diesem Hintergrund bekräftigt der Friedensnobelpreis etwas Grundlegendes: Das Recht muss Macht begrenzen, Rechenschaftspflicht muss universell gelten, und der Schutz der Menschenwürde darf weder von der Nationalität der Opfer noch von der Identität der Täter*innen noch von den geopolitischen Interessen ihrer Verbündeten abhängen.
Der Nobelpreis in einer Welt, in der zunehmend das Recht des Stärkeren gilt
Mit der Ehrung von Navi Pillay hat das Nobelkomitee einen wichtigen Impuls für die Debatte über die Zukunft der globalen Ordnungspolitik gesetzt – in einer Zeit, in der sich die internationale Ordnung tiefgreifend wandelt.
Während Großmächte immer häufiger auf Alleingänge, Zwangsdiplomatie und geopolitisches Taktieren setzen, sehen sich multilaterale Institutionen zunehmend in ihrer Legitimität und Autorität infrage gestellt. Das Völkerrecht droht dabei, den Interessen der Mächtigen untergeordnet zu werden, anstatt als universeller Rahmen zu dienen, der deren Macht begrenzt.
Doch die Glaubwürdigkeit des internationalen Systems wurde schon lange durch seine eigenen Widersprüche untergraben. Für weite Teile des sogenannten Globalen Südens existierten die Versprechen universeller Rechte und souveräner Gleichheit neben kolonialen Altlasten, ungleichen Wirtschaftsstrukturen, selektiver Rechenschaftspflicht und der Konzentration von Entscheidungsmacht in den Händen weniger Staaten.
Die internationale Ordnung einfach so zu bewahren, wie sie besteht, wird diese Widersprüche nicht lösen. Wir müssen sie verteidigen und zugleich verändern, damit ihre universellen Prinzipien auch in der Praxis tatsächlich für alle gelten.
Das erfordert, historische Ungleichheiten anzugehen, doppelte Standards infrage zu stellen, Rechenschaftspflicht zu stärken und sicherzustellen, dass Länder und Gesellschaften, die bislang von globalen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen waren, die Regeln für unsere gemeinsame Zukunft wirksam mitgestalten können.
Pillays Laufbahn ist ein überzeugender Beweis dafür, dass internationale Institutionen – so unvollkommen sie auch sein mögen – dazu dienen können, Macht herauszufordern, Rechte zu verteidigen und Gerechtigkeit zu ermöglichen. Ihr Friedensnobelpreis und dessen weltweite Resonanz bekräftigen eindringlich, dass eine gerechtere, inklusivere und tatsächlich universelle internationale Ordnung möglich ist – und dass sie dringend notwendig ist.
Ein Grund zur Hoffnung und die Verantwortung zu handeln
In einer Zeit, in der Kriege, der Abbau demokratischer Strukturen und der Aufstieg ausgrenzender sowie autoritärer Politik es zunehmend erschweren, optimistisch in die Zukunft der Welt zu blicken, kann man leicht desillusioniert werden. Man fragt sich, ob die Werte, die Generationen von Menschen zu Kämpfen für Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden inspiriert haben, noch die Kraft haben, unsere Zukunft zu prägen.
Doch es gibt Momente, in denen die Verteidigung dieser Grundsätze nicht nur anerkannt, sondern gefeiert wird.
Pillays Lebenswerk erinnert eindringlich daran, dass selbst tief verwurzelte Systeme der Unterdrückung herausgefordert und verändert werden können und dass die politischen Realitäten von heute weder unvermeidlich noch unumkehrbar sind.
Nur weil sie angegriffen werden, sind die Werte, an die wir glauben, nicht überholt. Im Gegenteil: Die aktuelle politische Lage macht es dringlicher denn je, sie zu verteidigen.
Für mich ist diese Auszeichnung deshalb ein Aufruf zum Handeln: der Ernüchterung und Resignation entgegenzutreten, Ungerechtigkeit konsequent zu bekämpfen und die Solidarität und das gemeinsame Handeln zu stärken, die nötig sind, um die Ideale zu verteidigen, denen wir uns verpflichtet fühlen.
Sie erinnert uns daran, dass Hoffnung keine passive Erwartung einer besseren Zukunft ist, sondern die Überzeugung, dass Veränderung möglich bleibt, verbunden mit dem Entschluss, sie Wirklichkeit werden zu lassen.
Dieser Artikel erschien erstmals hier: za.boell.org