„Nur mit multikulturellen Werten wird Indien stark und stabil sein“


Ashgar Ali Engineer

Interview mit Ashgar Ali Engineer

18. Mai 2009

Der indische Gelehrte Ashgar Ali Engineer gilt als einer der bedeutendsten muslimischen Reformdenker seiner Zeit. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2004 den alternativen Friedensnobelpreis, den Right Livelihood Award. Mit seiner pragmatischen Koran-Exegese setzt sich Engineer dafür ein, orthodoxe Strukturen aufzubrechen und Religion neu zu denken. Im Interview sprach der Religionswissenschaftler über die zurückliegenden Wahlen in Indien, die Chancen einer „Modernisierung“ der Scharia und den Konflikt mit der Islamischen Republik Pakistan.

Frage: Bei den Wahlen in Indien hat sich die Kongresspartei als stärkste Kraft behaupten können. Die hindu-nationalistischen Parteien sind abgestraft worden. Die neue „alte“ Regierung steht aber vor einem Berg ungelöster Probleme: Die Wirtschaft lahmt, die Industrieproduktion ist so stark geschrumpft wie seit 16 Jahren nicht mehr, blutige Terroranschläge fordern die Staatsmacht heraus. Wie beurteilen Sie die Chance der neuen Regierung, diesen Herausforderungen entgegenzutreten? Und welche Hoffnungen setzen Sie in den Dialog der Religionen?

Ashgar Ali Engineer: Wissen Sie, Indien ist ein wirklich großes Land mit sehr komplexen Problemen. Seine Entwicklung ist sehr ungleichmäßig - so geht der Fortschritt immer noch mit sehr viel Armut einher. Da, wo Entwicklung stattfindet, erreicht sie aber nicht die breite Bevölkerung. Nach Angaben der Regierung leben rund 75 Prozent der indischen Bevölkerung von 10 Rupien (umgerechnet 15 Cent) am Tag. Man muss sich diesen Herausforderungen stellen, etwa wie man eine gerechte Verteilung von Ressourcen demokratisch organisieren kann. Regierungen aber werden von der Großindustrie unter Druck gesetzt, mit dem Ziel, Unternehmenssteuern zu senken. Gleichzeitig steigt die Steuerlast der breiten Bevölkerung im Namen der Entwicklung. Auch die Verteilung von Arbeitsplätzen und die Verminderung von Armut, wenn nicht sogar ihre Abschaffung, sind wahre Herausforderungen.

„Ein lebendiger Glaube ist nicht möglich ohne freien Willen“, sagten sie bei der Verleihung des alternativen Friedensnobelpreises. Sie plädieren dafür, sich von orthodoxen Strukturen, durch die andere ausgeschlossen werden, zu lösen, da anders kein Frieden geschaffen werden könne. Welche Zukunft sehen Sie für Indien als multiethnischen Staat, der immer wieder von blutigen Terroranschlägen erschüttert wurde? Und wie lässt sich innerhalb dieser bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt dauerhaft Frieden erhalten?

Einen multiethnischen und multikulturellen Staat erachte ich als Mittel, als Werkzeug der Demokratie. Meine These ist, dass eine multireligiöse, multilinguale und multikulturelle Gesellschaft eher demokratisch ist. Aber einige Gruppierungen, extremistische Kräfte, sehen Multikulturalität als Schwäche an. Sie versuchen die Menschen davon zu überzeugen, dass Worte nur eine Religion, eine Sprache und eine Kultur haben. Indien wird nur mit einer multireligiösen Gesellschaft, mit multiethnischen und multikulturellen Werten stark und stabil sein. Das ist meine Überzeugung, und darauf arbeiten wir konstant hin. Bereits seit Anbeginn der indischen Geschichte hatten wir eine multireligiöse und multikulturelle Gesellschaft - und trotzdem ist Indien ein vereinter Staat geblieben. Die multiethnische Struktur Indiens ist also als Bedingung für den Frieden zu sehen.

Kleinteilige Rivalitäten zwischen unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen wurden schon von der britischen Kolonialmacht gefördert: Teile und herrsche. Nach der Unabhängigkeit haben wir es nicht geschafft, diese Rivalitäten zu überwinden. Auch die Entscheidungsträger von heute machen Politik, indem sie Indiens Bevölkerung spalten. Inderinnen und Inder lehnen solch eine sektiererische Politik jedoch mit wenigen Ausnahmen immer wieder ab. Indische Wähler haben immer versucht, säkulare Parteien in die Regierung zu wählen, das heißt die Parteien, die sich für Frieden und Verständigung jenseits von Gruppeninteressen einsetzen.

Als Träger des Alternativen Friedensnobelpreises haben Sie in Indien ausreichend Einfluss und auch die Freiheit um zu publizieren und Ihre Meinung öffentlich zu äußern. So setzen Sie sich seit langem für eine Reform der Scharia ein. Inwieweit ist die Abschaffung oder auch Modernisierung einer so alten Tradition überhaupt möglich?

Das Problem innerhalb der muslimischen Bevölkerung ist, dass viele von ihnen sehr arm und ungebildet sind. Ich arbeite unter diesen Bedingungen, und meine Erfahrungen sind zwiespältig - es ist eine große Herausforderung, aber wir haben auch Erfolge erzielt. Bei der Änderung der Scharia geht es mir besonders um die Rechte von Frauen. Natürlich wird es sehr schwierig werden unter den derzeitigen Bedingungen, die Scharia zu ändern. Aber wir haben bei muslimischen Frauen ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass das Gesetz der Scharia überdacht werden sollte.

Der Koran sagt, dass wir Frauen gleiche Rechte geben müssen. Seit 1400 Jahren gibt er Frauen und Männern die gleichen Rechte, aber muslimische Männer haben dieses Gesetz missachtet. Vieles im Koran muss im jeweiligen Zusammenhang verstanden werden. Was bis jetzt anwendbar war, kann in einer neuen Situation eventuell nicht mehr gelten. Dies bringt Menschen, im Speziellen gebildete Bürger, zum Nachdenken. Die Aufgabe besteht darin, all diese Ungleichheiten zu überwinden. Wenn es ein ebenmäßiger Weg wäre, wo läge dann die Herausforderung?

Überbevölkerung, Armut, ökologische Probleme, der Konflikt mit Pakistan: Die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt die Friedensbewegung in der Region mit Büros in Lahore und Neu-Delhi. Als Direktor des Centre of Society and Secularism (CSSS) sind Sie der Stiftung eng verbunden und setzen sich insbesondere für Säkularismus, kulturellen und sozialen Frieden ein. Wie optimistisch sind Sie, was den Konflikt mit der Islamischen Republik Pakistan anbelangt?

Die Rivalitäten zwischen unterschiedlichen Gruppen in Indien müssen überwunden werden. Wenn die Feindschaft gegen Pakistan wächst, fühlt sich die muslimische Minderheit in Indien sehr unsicher. Wäre das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan besser, gäbe es für die muslimische Minderheit auch mehr Sicherheit. Wir müssen gute Beziehungen zu unseren Nachbarn aufbauen, denn Konflikte, Gewalt und Krieg machen die Probleme nur schlimmer. Sowohl die Menschen in Indien als auch die in Pakistan wollen Frieden und keinen Krieg. Aber es gibt einige Schwachköpfe in beiden Ländern, die gerne weiter kämpfen möchten.

Wir haben immer versucht, zu einem besseren Verhältnis zwischen Indien und Pakistan beizutragen. Letzte Woche hatten wir beispielsweise eine Konferenz in Nepal mit Gästen aus Pakistan. Dort hatten wir sehr gute Diskussionen zur Rolle von Religion und Politik bei der Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen. Es gab sehr aufgeschlossene pakistanische Teilnehmer - eine wirklich erfreuliche Erfahrung.

Unser Zentrum will Frieden fördern. Religion darf uns nicht sprachlos machen, Religion muss bessere Menschen aus uns machen. Wir feinden uns nicht wegen unserer Religionen an, sondern aufgrund unserer Interessen, unserer Rechte und unserer politischen Macht. Wir fördern unsere Identität durch unsere Interessen. Wenn man den Menschen erklärt, dass die Ursache ihrer Konflikte nicht in der Religion, sondern in ihren Interessen liegt, wird sich etwas ändern.

Eigentlich sind Sie ja im Rahmen des Evangelischen Kirchentages nach Deutschland gereist. Diese Bewegung evangelischer Laien will Christen zusammenführen und ihre Rolle in der Gesellschaft stärken. Was erwarten Sie sich als muslimischer Intellektueller von dieser Großveranstaltung?

Es ist immer hilfreich, andere Menschen zu treffen und mit ihnen zu diskutieren. Wenn wir isoliert leben, haben wir zwangsläufig falsche Vorstellungen von den Anderen. In einer Demokratie ist es sehr wichtig, Andere als Andere zu akzeptieren. Sektiererische Gruppen versuchen, die Anderen in Richtung ihrer eigenen Regeln zu verändern, was zu Reibungen und Konflikten führt. In einer idealen Demokratie akzeptiert jeder den Anderen so, wie er ist. Wenn der Andere sich ändern will - gut. Aber ich kann ihm nicht vorschreiben, dass er sich so ändern soll, wie ich das gerne hätte. Dadurch entstehen Spannungen, und wenn wir uns nicht treffen und miteinander reden, wachsen Vorurteile. Deswegen ist es sehr wichtig, dass solche internationalen Treffen öfter stattfinden.

Meistens denken wir, dass Konflikte durch Unterschiede zwischen Religionen entstehen. Es ist aber kein Konflikt zwischen Religionen - es sind Kulturen, die aufeinander prallen, unterschiedliche Vorstellungen. Das gibt uns die Möglichkeit, Gegensätze abzubauen und unsere Interessen im Interesse des Friedens zu überdenken. Deswegen trete ich immer für Dialog und Verständigung ein. Der Andere ist kein Feind, aber wenn wir nicht miteinander reden, werden wir ihn als Feind wahrnehmen.

Der Film „Slumdog Millionaire“ hat dieses Jahr acht Oscars gewonnen und war auch in Deutschland sehr erfolgreich. Im Film gewinnt der im Slum aufgewachsene Junge Jamal in der TV-Sendung „Who wants to be a millionaire?“ 20 Millionen Rupien. Mit Hilfe von Rückblenden wird das Leben des Straßenjungen erzählt. Wie beurteilen Sie den Film und seine Wirkung außerhalb von Indien?

Für uns war der Film keine große Offenbarung - wir leben mit dieser Situation. Jeden Tag treffen wir solche Kinder auf der Straße. Also war es nichts Neues. Aber für diejenigen, die Indien und seine Armut nicht kennen, hatte der Film große Aussagekraft. Deswegen war er ja auch so erfolgreich und hat so viele Oscars gewonnen. In letzter Zeit haben mich viele westliche Journalisten nach diesem Film gefragt. Und ich sagte immer: Es gibt nichts wirklich Spannendes in dem Film für mich, weil ich inmitten dieser Menschen lebe. Das ist Teil unseres Alltags - wir sehen Tag für Tag Schlimmeres. Ich finde es aber gut, dass ein Film über die Realität in Indien ein so breites Publikum in aller Welt erreicht. Zwar leben diese Kinder immer noch unter schrecklichen Bedingungen auf der Straße. Aber immerhin konnte der Film auf ihre Lebensbedingungen aufmerksam machen.

Die Fragen stellte Sina-Nadine Tegeler.

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