Petra Kelly - Eine Erinnerung. Festrede










Wer den Beginn nicht kennt, hat für Veränderungen keinen Maßstab.


4. Januar 2008

von Lukas Beckmann



Rede von Lukas Beckmann gehalten anlässlich der Veranstaltung: Grüne Metamorphosen: Zum 60. Geburtstag Petra Kellys
Wer den Beginn nicht kennt, hat für Veränderungen keinen Maßstab.
Berlin, 28.11.2007

    
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen, liebe Freunde,

Ich danke dem Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung für die Initiative zu dieser Veranstaltung mit dem Titel „Grüne Metamorphosen“. Auch freue ich mich besonders über das gestern der Öffentlichkeit vorgestellte Buch „Petra Kelly – Eine Erinnerung“. Ich danke insbesondere Bernd Rheinberg als Lektor und Robert Camp als Leiter des Petra-Kelly-Archivs für die besondere Anstrengung, die dieses Buch ermöglicht hat.

Ralf Fücks sagte eingangs, eine Erinnerung an Petra Kelly sei nicht ohne Risiko. Wenn das so ist oder so gesehen wird, sollten wir das Risiko mindern, besser noch ganz überwinden. Darin liegt der besondere Wert dieser Veranstaltung.

Worüber soll ich als politischer Wegbegleiter und Freund von Petra Kelly sprechen? Ich habe in der Gründungsphase der Grünen und in den ersten Jahren des Werdungsprozesses mit niemandem – außer vielleicht mit Milan Horacek – so viel und so eng zusammengearbeitet, diskutiert und gestritten wie mit ihr. Aber was soll ich mehr dazu sagen? Wer das Buch Petra Kelly – Eine Erinnerung liest und auch in der Vergangenheit Bücher von oder über Petra Kelly gelesen hat, weiß eigentlich fast alles. Und das, was die Öffentlichkeit nicht oder noch nicht weiß, wird sie von mir auch nicht erfahren. Ihre Person und ihre politisch-kulturelle Wirkung werden noch lange Gegenstand politikwissenschaftlicher Forschungsarbeiten sein. Und je mehr aktive Wegbegleiter und Begleiterinnen sich in den nächsten Jahrzehnten aus der aktiven Politik zurückziehen, desto stärker wird der Wunsch sein, sich Petra Kelly neu zu nähern.

Damit bin ich schon am Ende meines Beitrags. Erlauben sie mir noch eine Schlussbemerkung: Es ist für die Grünen von großer Bedeutung, ein aktives  Verhältnis zu der Gründungspersönlichkeit ihrer eigenen Geschichte zu erarbeiten. Und eine Sprache dafür zu finden. Deshalb ist auch diese Tagung anlässlich ihres 60. Geburtstages wichtig. Egal, welchen Jahrestag die Grünen in Zukunft feiern werden – der Blick fällt stets zurück auf den ökologischen Gründungsimpuls, der untrennbar mit Petra Kelly als der herausragenden Gründungspersönlichkeit verbunden bleiben wird.

Diese Tatsache muss niemandem Angst machen. Im Gegenteil. Sie schafft Offenheit für eine gemeinsam erinnernde grüne Identität. Gelingt es nicht, bleibt der Weg für eine Erinnerungskultur, die diesen Namen verdient, versperrt. Und das wäre ein Fehler. Wer den Beginn nicht kennt, hat für Veränderungen keinen Maßstab.

Die Grünen sollten Petra Kelly als Persönlichkeit in zweifacher Hinsicht anerkennen: als Gründungssymbol der Grünen und als streitbare Persönlichkeit. Das ermöglicht uns, sie in der ganzen Komplexität ihrer Persönlichkeit und ihrer Wirkungsgeschichte wahrzunehmen und sie nicht auf das zu reduzieren, was faszinierend, mitreißend, ansteckend und außergewöhnlich war, sondern auch das zu betrachten, was sie – und uns – zu Menschen macht unter anderen Menschen.

Journalistinnen und Journalisten fragen in diesen Tages gern und oft: Was bedeutet Petra Kelly für die Grünen heute? Diese Frage ist journalistisch naheliegend, weil es den Einstieg, Höhepunkt und Schlusspunkt eines Zeitungsartikels einfach macht. Man stellt Vergangenheit und Gegenwart als zwei Punkte dar, verbindet sie mit einem geraden Strich und stellt fest: Die Grünen haben sich sehr verändert, und Petra Kelly hat nicht mehr die Bedeutung, die sie in den 80er Jahren hatte. Was hätte Petra Kelly heute wohl zur grünen Unterstützung der Bundeswehr im Kosovo oder in Afghanistan gesagt? Und so weiter. Allerdings gibt es auch durchaus naheliegende Fragen, die nicht so prominent gestellt werden: Was würde Petra Kelly heute zu Tschetschenien sagen oder zum Aufstand der Mönche in Birma oder zu Putin in Russland oder zum Anschlag der al Qaida in New York und Washington D.C. – ihrer zweiten Heimat?

Verstorbene haben einen Standortnachteil. Sie können sich nicht mehr äußern. Und das heißt: Sie können sich nicht mehr verändern. Die Bilder in unseren Köpfen, die sie uns hinterlassen haben, bleiben unverrückbar – es sei denn, wir verändern unseren Blick und beziehen unsere eigene Lebenserfahrung mit ein: den eigenen, persönlichen Werdungs- und Veränderungsprozess.

Damit komme ich zum Titel der heutigen Veranstaltung: „Grüne Metamorphosen“. Ich bin positiv überrascht, dass der Veränderungsprozess der Grünen mit dieser Metapher beschrieben und dass Bezug genommen wird auf Johann Wolfgang von Goethe. Als Metamorphose bezeichnet Goethe jenen Gestaltwandel einer Pflanze, der sich vollzieht im ständigen Wechsel von Ausdehnen und Zusammenziehen. Es ist der Prozess des Lebens – verbunden mit der Erkenntnis, dass Blatt, Kelch und Krone einer Pflanze ihrem Wesen nach identische Organe sind, die sich aus einem gemeinsamen Grundgebilde heraus entwickeln und allesamt im Samenkorn angelegt sind. Das Bild der Metamorphose ermöglicht uns einen Zugang zu Veränderungen als Lebensprozess, die gewaltig sein können – ohne den Kern als Ursprungsimpuls ignorieren zu müssen oder gar zu können.

Was war das Besondere an Petra Kelly? Was veranlasst einen Strom von fünf bis sechs Tausend Menschen, sich im Oktober 1992 zum Würzburger Waldfriedhof aufzumachen, um an ihrer Beerdigung teilzunehmen? Viele von ihnen waren ihr vorher nie persönlich begegnet.

Petra Kelly war eine charismatische, willensstarke Persönlichkeit. Sie bedurfte keiner Legitimation von außen. Sie war als Person legitimiert. Sie war faszinierend, mitreißend, überzeugend – eine souveräne Frau mit Ausstrahlung in einer dabei ziemlich alt aussehenden Männerwelt. Sie wusste, wovon sie sprach, sie hatte von vielen Themen Sachkenntnisse bis ins Detail. Und es ist nicht übertrieben zu sagen: Die Grünen hätten ohne sie lange, vielleicht auch  zu lange gebraucht, um den Sprung in den Bundestag zu schaffen.

Das Verhältnis von Qualität und Legitimation ist heute in vielen Unternehmen und Organisationen Gegenstand eines Organisationsentwicklungsprozesses. Wie kann man eine Organisation so gestalten, dass das Besondere wirkt und das Gemeinsame sichtbar bleibt. Wie kommt Individuelles und Gemeinsames in einem kreativen Prozess zusammen? Wie fördern wir das, was gewollt wird. Welche Strukturen brauchen individuelle, menschliche Fähigkeiten, um für die Gemeinschaft wirken zu können? Was legitimiert den Einzelnen, was wird durch eine Gruppe von Menschen legitimiert?

Wir sind damit im Problemfeld der „Zuständigkeit“ angekommen. Zuständigkeit als Legitimation. Je wirkungsmächtiger bei den Grünen der Zusammenhang zwischen Qualität und institutioneller Legitimation wurde, desto stärker hat der institutionelle Einfluss von Petra Kelly abgenommen. Ihre Wirkungsstärke lag nicht in der Legitimation durch andere, sondern in der eigenen, sich selbst legitimierenden und nicht zu bremsenden Initiative.

Petra Kelly wirkte zu Beginn der Grünen als eine der ganz wenigen Realpolitiker/innen. Auch wenn ihre gesellschaftlichen Analyse radikal war. Diese Sicht mag einige von ihnen überraschen. Petra Kelly kam als Realistin von der Europäischen Gemeinschaft. Niemand im grünen Umfeld hatte auf europäischer und internationaler Ebene soviel Erfahrung mit Bürokratie und institutionellem Widerstand gegen Veränderungen als sie. Sie arbeitete fast 10 Jahre im Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Gemeinschaft. Wenn man ihre Reden, Texte und politischen Forderungen aus dieser Zeit liest und weiß, dass sie von Japan bis Irland unterwegs war gegen Atom, für die Rechte von Frauen und gegen die Verletzung von Menschrechten, dann wird deutlich, dass sie wusste, an einem ziemlich großen Rad drehen zu müssen, wenn grundlegende Veränderungen Erfolg haben sollen. Die Institutionen der EG-Bürokratie waren für sie Teil, nicht nur Vehikel dieser notwendigen Veränderungen. Sie hatte eine Vorstellung von der politischen und zeitlichen Dimension, die ein Aufbrechen dieser Machtapparate bedeuten würde.

Die Appelle von Petra Kelly aus der ersten Hälfte der 70er Jahre lauteten: „Ihr baut Europa, aber wo sind die Europäer?“ und „Wie können wir die Menschen in Europa für Europa gewinnen?“. Aber auch ganz konkrete Forderungen – vor mehr als 30 Jahren –, „Wie erreichen wir eine Angleichung der Hochschulabschlüsse in Europa?“, zeigen, dass sie sehr realistisch war und doch ihrer Zeit in vielen Dingen weit voraus. Sie hatte ein Verständnis von Wirklichkeit, das Heinrich Böll formuliert hat in dem Satz, den sich auch die Stiftung als Motto zu eigen gemacht hat: Das Wirkliche liegt immer ein bisschen weiter als das Aktuelle.

In einigen Politikfeldern hat Petra Kelly Maßstäbe gesetzt, die bis heute eine Wirkungsgeschichte haben – in der grünen Partei und über sie hinaus:

    * die Erhaltung eines ökologischen Gleichgewichts als die Herausforderung;
    * die Integration Europas durch eine Integration ihrer Bürgerinnen und Bürger;
    * die psychosoziale Betreuung krebskranker Kinder;
    * die Solidarität von unten, zwischen Menschen, unabhängig vom Verhältnis ihrer Regierungen zueinander;
    * Gewaltfreiheit als Mittel und Ziel;
    * die alltägliche Bedeutung von Menschenrechten in der Politik;
    * die politische Aktion als Mittel der Bewusstseinsbildung;
    * die freie Initiative als Anstoß und Selbstbefähigung.

Vor allen anderen Dingen jedoch hat Petra Kelly den Grünen ein europäisches und internationales Bewusstsein und Selbstverständnis gegeben und weitergegeben: dass wir für andere eine Verantwortung tragen im internationalen Maßstab. Man kann ihren Einfluss in dieser Hinsicht kaum überbewerten.

Ich will nicht so weit gehen zu sagen, dass die Frage, wie Petra Kelly heute internationale Verantwortung wahrnehmen würde, unzulässig ist. Natürlich ist sie politisch zulässig. Aber ist sie auch intellektuell zulässig? Bringt sie uns weiter?

Die Grünen müssen ihre politische Verantwortung national und international wahrnehmen ohne Rückvergewisserung und ohne Rückgriff auf Zeiten, die andere waren. Selbstvergewisserung ist ein stetiger, nie endender Prozess. Wie wir Verantwortung wahrnehmen, welche Mittel wir einsetzen, ist eine Frage an uns, an die heute handelnden Menschen.
 
Unabhängig davon, welche Entscheidungen wir heute – in unserer Zeit – frei und verantwortlich treffen: Es wird dies am Kern der Grünen und an der Bedeutung von Petra Kelly als der nationalen und internationalen Symbolfigur der Grünen nichts ändern.