Südafrika: Komische Geschäfte auf dem Weg nach Mangaung

Theaterplakat, ©Pieter-Dirk Uys

19. Dezember 2012
Nach 18 Jahren ANC-Regierung verfault, was einmal gut war

von Pieter-Dirk Uys

Einige von uns fragen sich, wie aus dem langen Weg zur Freiheit  die mit Schlaglöchern übersäte Straße nach Mangaung  werden konnte. Irgendwo auf der Strecke gab es einen Umweg über die Polokwane-Sackgasse . Was einmal eine Autobahn hätte sein sollte, ist inzwischen allenfalls noch eine Huckelpiste.

Der Präsident meines Landes, dessen vornehmste Aufgabe eigentlich der Schutz unserer Verfassung sein sollte, in der die Rede- und Meinungsfreiheit eines jeden Bürgers verankert ist, verklagt nun ausgerechnet einen Karikaturisten .

Als vor 18 Jahren die neue Demokratie für uns anbrach, kam das eher überraschend als erwartet, weil wir alle erst damals begriffen hatten, dass unsere Zeit abläuft und die Uhr tickt. Aber irgendwo zwischen der Drohung Mbekis, uns seine „Renaissance“  aufzuzwingen, und Malemas Ankündigung, für Zuma töten zu wollen, verlor unser Land die Führung. Seitdem regiert eine Partei, die sich in verbitterten oder gar tödlichen Zwistigkeiten um Macht und Reichtum verstrickt hat. Der Kapitän unseres Schiffs steht ganz eindeutig nicht auf der Brücke, während die Eisberge um uns immer näher rücken. Und weiter tickt die Uhr, die Zeit läuft.

Es war außerdem höchste Zeit, den Missmut mit in den magischen Mixer der Satire zu tun, auf dass daraus daraus ein leckerer Teig aus Wut und Spaß wird, mit Humor als Sahnehäubchen obendrauf. So ist ein Schauspiel frei nach William Shakespeares Klassiker The Merry Wives of Windsor – Die lustigen Weibern von Windsor – entstanden. Der Titel sagt bereits alles: Die lustigen Weiber von Zuma. Im Mittelpunkt standen nicht der gegenwärtige Präsident und seine First Ladies, es war vielmehr ein politisches Märchen über eine Stadt namens Zuma mit all den kommunalen Scharmützeln und der Korruption, die mit einer Wahl und dem Bemühen, ein besseres Leben für alle herbeizuführen, verbunden sind.

Die Inszenierung sollte bereits im April in Johannesburg aufgeführt werden. Dies scheiterte jedoch aufgrund einer Verwechslung bei der Theaterbuchung, was sich im Nachhinein als ein wirklicher Jammer erwies, weil sie ansonsten zeitgleich mit dem Tsunami zur „Speer-Saga“ gelaufen wäre. Nach diesem ungemein groben politischen Sturm veränderte sich die Einstellung bei bestimmten Teilen der Gesellschaft ziemlich rasch. Die finanziellen Zusagen für eine professionelle Inszenierung lösten sich in Luft auf. Ob ich nicht wenigstens den Titel der Show ändern könnte, wurde ich gefragt .

Plötzlich galt es als politisch unkorrekt, sich über den Präsidenten lustig zu machen. War das ein Déjà vu? Hatte ich das nicht schon einmal 1973 zu Beginn meiner Karriere erlebt? Wiederholte sich hier etwa gerade die Geschichte und machte aus einer Tragödie eine Farce?

Nein, die Absage einer Theaterproduktion wegen politischen Unbehagens ist keine Tragödie, und ein Präsident, dessen Führungsqualitäten zu wünschen lassen, keine Farce.

Solche Dinge können in einer Demokratie vorkommen. Sie kann schon allein deshalb nicht perfekt sein, weil so viele Menschen Menschen ihre Finger mit im Spiel haben. Alle Bürgerinnen und Bürger haben ihre Abdrücke auf diesem silbernen Kelch der Freiheit hinterlassen. All die Entgleisungen der letzten Monate, von Malema bis Nkandla , zwischendurch der Horror von Marikana, mit all dem muß in einer jungen Nation gerechnet werden.

Es kann immer mal etwas schief gehen – aber nur einmal. Danach wird es durch Wiederholung zu einer schlechten Gewohnheit. Korruption wird politisch hoffähig, das halbvolle Glas  zum Trinkspruch der Zeit. Die NP (Die Afrikaanse Nasionale Kongres) hat 46 Jahre gebraucht, um Südafrika zugrunde zu richten. Der ANC scheint es darauf anzulegen, das Gleiche in nur 20 Jahren zu erreichen!

Satire kann die Würde eines Politikers nicht beeinträchtigen, es sei denn, der Politiker hat seine Würde selbst aufgegeben.

Spott kann nur erfolgreich sein, wenn das Thema dazu geeignet ist, ins Lächerliche gezogen zu werden. Als ich 1975 arbeitslos wurde, weil die damalige „demokratisch gewählte (rein weiße)“ Regierung es durch Zensur und „Selbst-Regulierung“ unmöglich gemacht hat, meine Theaterstücke aufzuführen, verschanzte ich mich in den Schützengräben der Absurdität.

Es war an der Zeit zu sagen, wie es ist: durch Karikatur, Imitation, Drag-Persiflage und Empörung. Das ging viele Jahre lang gut, da ich mein Bein gegen die nationalistische Kultur meines eigenen Stammes der Buren hob.

2012 haben sich die Dinge für diesen Satiriker mittleren Alters in einer multikulturellen Demokratie drastisch verändert. Die feuerrote Grenze des Rassismus rückt nun, da politischer Streit über bestimmte Themen zunehmend rassisch aufgeladen wird, wieder näher. Nachdem ich mein ganzes Leben lang gegen diesen Virus angekämpft habe, werde ich mich jetzt bestimmt nicht als rassistisch beschimpfen lassen, nur weil ich öffentlich meine Wut und Enttäuschung gegen die aktuelle Politik richte. Beim Kampf gegen Apartheid gab es – neben dem recht offensichtlichen Ziel, das es zu zerstören galt – auch viele inspirierende Freiheitskämpfer. Es ging um Gut gegen Böse, und im Zweifelsfall war man froh, sich auf die Seite der Guten schlagen zu können.

Diese gute Seite rottet nun, 18 Jahre später, vor sich hin. Rassismus wird als Waffe gezielt gegen kritische Äußerungen eingesetzt. In Wahrheit ist es mein loses weißes Mundwerk, mit dem ich die Handlungen einer schwarzen Regierung kommentiere. Dies überschreitet die rote Linie. Anstatt einen Schritt zurück zu gehen, ziehe ich es vor, einen Schritt beiseite zu treten, im Idealfall einen nach links und nicht zwei nach rechts.

Auf dass die junge Generation von Komikern und Satirikern den Stier bei den Hörnern packe. Auf dass die Malema-Nachahmer klingen wie Malema und der Zuma-Klon kichert wie Mshowerlozi . Bei mir wird das nur ein schwacher Abklatsch dessen, was Leon Schuster  so viel besser kann und mit so viel mehr Hingabe macht.

Die letzten 40 Jahre in den Schützengräben verbracht zu haben, bedeutet auch, in meinem GagBag, meiner Witzekiste der Erfahrungen, vier Jahrzehnte politischer Höhen und Tiefen angesammelt zu haben.

Das gruselige Vertraute an dem Protection of State Information Act  und die schmuddeligen Skandale um Nkandlakosweti  rufen die Erinnerungen an den Ausnahmezustand und das Homeland-Fiasko wach. Deshalb wird meine neue Show auf der Straße nach Mangaung auch eine Inkarnation der alten Zustände sein, eine afrikanische Renaissance, wenn man so will. Ich kann für meinen Teil versuchen zu spiegeln, wo wir uns gerade befinden. Aber Sie müssen entscheiden, wohin die Reise gehen soll. Sie könnten mich auch als Ha-ha-History-Kanal betrachten.

Zum ersten Mal wird es in einem  Theater vorweg die Aufforderung geben, die Handys nicht auszuschalten. Schalten Sie sie auf stumm, ja, aber halten Sie sie bereit zum Googeln, wenn sich auf der Bühne diese unverständlichen Ereignisse zutragen. Wenn ein Verwoerd  mit seinem von Gott verliehenen Apartheids-Geschenk auftritt, ein Vorster  mit seiner 180-Tage-Haft ohne Anklage. Oder wenn es um einen Group Areas Act  geht, den von 27 Millionen Menschen nur 700.000 weiße Wähler unterstützen? Denkwürdige Fakten und komische Figuren aus nicht allzu langer Vergangenheit, die heute anscheinend kaum noch jemandem unter 30 etwas sagen und die diejenigen, die alt genug sind, um sich zu erinnern und Verantwortung zu übernehmen, scheinbar vergessen haben.

Wenn unsere Jugend nicht weiß, wo wir herkommen, wie können sie dann feiern, wo wir hingehen?

Wie sollten sie die Neuerfindung einer schlechten Politik erkennen, die sich immer in den Startlöchern der Demokratie bereithält, um ihren Platz in der Politik wieder einzunehmen? Geschichte wiederholt sich in Südafrika nicht. Sie reimt sich nur - von der Apartheid zur Tripartite .

Nichts außer Lieferwagen mit Lebensmitteln, Champagner und Whisky sollten die Straße nach Mangaung verstopfen.

„It’s our time to eat!“ könnte der neue Slogan der politischen Elite lauten, doch unterm Tisch sind womöglich Waffen der Rache verborgen, die Chaos in die Debatten der belanglosen Beschäftigungen des ANC speien werden. Die Angst vor dem, was in Mangaung alles schief gehen könnte, sollte nicht verharmlost werden, aber haben wir denn nicht schon so oft am Rand der Klippe gestanden, nur einen Schritt von der Implosion entfernt, und wenn wir nach unten gesehen haben, war die Klippe plötzlich verschwunden?

Es ist an der Zeit, dass der ANC auf das hört, was die Menschen zu sagen haben: die Frauen in den Squattersiedlungen. Die Männer in den Minen. Die Kinder auf den Straßen. Die Schülerinnen und Schüler ohne Bücher. Die Väter ohne Arbeit. Die Mütter ohne Ehemänner.

Bald stehen wieder Wahlen an. Mangaung wird entweder im Chaos enden oder die Massenumarmung eines gescheiterten Führers hervorrufen. So oder so läuft es wahrscheinlich darauf hinaus, dass wir bis 2014 keine Regierung haben werden, da der ANC damit beschäftigt sein wird, untereinander Kämpfe um Positionen und Geld auszutragen. Aluta continua, der Kampf muss weitergehen - nicht mit Gewalt, sondern mit Witz, mit Cartoons, mit Satire, mit gesunder Verachtung für die faule Sache und zugleich inspirierender Unterstützung des Guten.

Hoffentlich bleibt es bei einem Verhältnis von 49 Prozent Wut und 51 Prozent Unterhaltung. Kommt und lacht über eure Angst und raubt ihr ein wenig den Schrecken.


Dieser Beitrag erschien am 30. Oktober 2012 in der „Cape Times“

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Pieter-Dirk Uys

Er ist ein berühmter südafrikanischer Kabarettist, Autor und sozialer Aktivist. Während der Apartheid kritisierte Pieter-Dirk Uys mit Humor und Stand-Up Comedy die politischen Verhältnisse und stellte die Absurdität der südafrikanischen Rassenpolitik zur Schau. Er und seine Charaktere kämpfen zudem für bessere Bildung und die Aufklärung über HIV/AIDS. Sein Charakter Evita Bezuidenhout wird auch als "berühmteste weiße Frau Südafrikas" gehandelt.

Fussnoten

[1]  Das ist der Titel der Autobiographie von Nelson Mandela

[2] Mangaung ist der Name des Verwaltungsbezirks, in dem Bloemfontein liegt, wo der ANC vor 100 Jahren gegründet wurde. Dort findet vom 16. bis 20. Dezember 2012 der ANC-Parteitag statt. 

[3]  In Polokwane fand im Dezember 2007 der letzte Parteitag mit Wahlen der Führungsspitze statt.

[4] Zuma hat  im Dezember 2008 Schmerzensgeld von Südafrikas bekanntesten Cartoonisten Jonathan Shapiro („Zapiro“) gefordert. Ende Oktober 2012 erklärte er, dass er diesen Anspruch nicht weiter verfolgen wolle.  

[5] African Renaissance war ein zentrales Anliegen von Präsident Thabo Mbeki (1999-2008)

[6] Nach einer Lesung des Stücks am 7. Oktober 2012 im Wits-Theater erklärte Pieter-Dirk Uys, dass das Stück nicht produziert werde, da Sponsoren abgesprungen seien.

[7] In Nkandla in KwaZulu-Natal (Ost) liegt Jacob Zumas privates Anwesen. Im Herbst 2012 wurde bekannt, dass 238 Millionen Rand (21,4 Mio. Euro) für den Ausbau ausgegeben wurden, von denen Zuma selbst nur 5 Prozent getragen haben soll.

[8] Das Bild vom halbvollen/halbleeren Glas wird in Diskussionen über die Bilanz der ANC-Regierung und die Zukunft des Landes häufig benutzt.

[9] Msholozi ist Zumas Clan-Name. Die Verballhornung als Mshowerlozi spielt auf seine Bemerkung vor Gericht an, er habe sich durch Duschen vor der Ansteckung mit dem HIV-Virus geschützt. 

[10] Südafrikanischer Filmemacher, Satiriker, Autor und Sänger

[11]  Dieses Gesetzesvorhaben wurde von den Oppositionsparteien, den Medien und der Zivilgesellschaft scharf kritisiert , da es die Veröffentlichung von zu Staatsgeheimnissen erklärten Informationen  mit hohen Haftstrafen ahnden wollte.  Gegen die inzwischen in abgeschwächter Form verabschiedete Version wird es voraussichtlich eine Verfassungsklage geben. 

[12] Pieter-Dirk Uys alter ego auf der Bühne, Evita Bezuidenhout, präsentierte sich u.a. als frühere südafrikanische Botschafterin im Homeland Bapetikosweti. Daran knüpft er/sie an, wenn er heute über Zumas privates Anwesen twittert: Declare it a Zulustan called Nkandlakosweti, make me SA Ambassador and billions can be funnelled into the project as we once did so well!

[13] Hendrik Verwoerd gilt als ideologischer Begründer und Architekt der Apartheidpolitik und war von 1958 bis zu seiner Ermordung  1966 Premierminister von Südafrika.

[14] Balthazar J. Vorster war von 1966 bis 1978 Ministerpräsident und 1978/79 Staatspräsident Südafrikas.

[15]  Dieses Gesetz trat 1950 in Kraft und wies den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen bestimmte Wohnquartiere in den Städten zu.

[16]  Der ANC regiert in einer Dreiparteienallianz mit dem Gewerkschaftsdachverband COSATU und der Kommunistischen Partei SACP.

Dossier

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