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Südafrika: Die Kairos-Erklärung 2012

Quelle: Kairos Southern Africa

20. März 2012
Renate Wilke-Launer
1985 erregten südafrikanische Theologen mit einer Erklärung (Kairos-Dokument) Aufsehen, dass die Kirchen aufforderte, sich von der „Staatstheologie“ zu lösen und sich mit einer prophetischen Theologie an die Seite der Unterdrückten und gegen das Regime zu stellen. Das hat damals heftige Reaktionen ausgelöst und mit dazu beigetragen, das Apartheidregime zu delegitimieren. Im Geiste dieser Tradition haben südafrikanische Theologinnen und Theologen zum 100-jährigen Bestehen einen offenen Brief an den ANC geschrieben.

Das 1985 von einer Gruppe südafrikanischer Theologen (überwiegend aus Soweto) erarbeitete Kairos-Dokument sprach der Apartheid-Regierung jede Legitimität ab und forderte Christen und Kirchen auf, diese Politik nicht nur zu verurteilen, sondern sich ihr zu widersetzen.  Sie setzten der Staatstheologie der Regierung und eines Teils der Kirchen eine prophetische Theologie entgegen. Gott sei auf der Seite der Unterdrückten und mit Apartheid & Ausnahmezustand nun der kritische Moment (griechisch: Kairos),  gekommen, über das „Ambulanz“-Verständnis des Dienstes hinauszugehen und sich aktiv am Kampf gegen das System zu beteiligen.

Das anfangs von 150 Personen unterzeichnete theologische Dokument wurde sowohl innerhalb als auch außerhalb Südafrikas heftig diskutiert und war Vorbild für viele weitere Kairos-Prozesse und –Dokumente in anderen Ländern.

Nach dem überwältigenden Wahlsieg des ANC (1994) stimmten viele Kirchenvertreter in die allgemeine Euphorie ein. Mit Kritik an der Regierung haben sie sich lange zurückgehalten und dann auf einzelne Aspekte beschränkt.

Ende Januar hat nun eine Gruppe von Theologen, die das Kairos-Erbe weitertragen will, theologische und ethische Reflektionen zum 100-jährigen Bestehen des ANC veröffentlicht. Nach Gratulation, Dank und einer ausführlichen Würdigung des gemeinsamen Weges wird kritisch angemerkt, dass es im ANC Tendenzen gebe, die ein eher staatstheologisches Verständnis der Rolle der Kirchen haben.

„Es gibt einen beunruhigenden Trend innerhalb des ANC solche Kirchenführer zu ko-optieren und zu fördern, die ganz eindeutig keine befreiende Perspektive haben (die aber karitativ oder in Entwicklungsprojekten involviert sind oder geneigt sind, dem ANC unkritisch ihren Segen zu erteilen).    
Ihren eigenen Weg nach 1994 beschreiben die Autoren so:  „Unsere Positionsbestimmungen  fielen unterschiedlich aus: Obwohl viele von uns mit einer Haltung der „kritischen Solidarität“ auf die neuen Verhältnisse reagiert haben, haben wir uns nun eingestanden, dass unsere grundlegende Solidarität den Ärmsten der Armen und den in der Gesellschaft Marginalisierten gelten muss.

In derselben Weise wie ‚Gegenüber der Macht die Wahrheit aussprechen’ zum Schlagwort in unseren Reihen wurde, machen wir uns nun  klar, dass es sehr viel eher unsere Aufgabe ist, ‚den Menschen die Wahrheit sagen’ und uns in ihren Basisorganisationen zu engagieren. Denn wer die Macht hat reagiert nur selten positiv darauf, wenn ihm die Wahrheit unter die Nase gerieben wird. Wir hatten gehofft, dass die Sprache der ‚Macht’  zu einer Sprache des ‚Dienstes’ verändert werden würde, aber in dieser Hoffnung sind wir enttäuscht worden.  Das ist bisher noch nicht in nennenswertem Maß passiert.“

Auf die gegenwärtige Situation und Politik bezogen, listen die Verfasser neun Probleme auf, die ihnen Sorgen bereiten, von der Bildungsmisere über den Wunsch nach einem opulenten Lebensstil und die Korruption bis hin zum Machtkampf innerhalb des ANC.  

Annähernd 1000 Personen haben das Dokument mit dem Titel "Theological and Ethical Reflections on the 2012 Centenary Celebrations of the African National Congress" bisher unterzeichnet, eine Million sollen es einmal werden, so die Initiatoren von Kairos Southern Africa. Nach der offiziellen Übergabe an den ANC kam es am 8. Februar 2012 in der St George’s Cathedral in Kapstadt zu einem ersten Gespräch zwischen den Autoren und einer ANC-Delegation, der auch Gwede Mantashe, der Generalsekretär der Partei, angehörte. 

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Dossier

100 Jahre ANC

Der Afrikanische Nationalkongress ANC wurde am 8. Januar 100 Jahre alt. Die Bewegung, die sich bis heute nicht als Partei versteht, besiegte das weiße Minderheitsregime, das Südafrika 350 Jahre lang beherrschte - und hält seit 1994 die politische Macht inne. In unserem Dossier finden Sie Hintergrundtexte, Bildmaterial und zeitgeschichtliche Dokumente und mehr...