Die Reise geht weiter

Die Reise geht weiter

Rede

Die Reise geht weiter

25. Februar 2013
Barbara Unmüßig
Sehr geehrter Herr Botschafter, Dr. Nunn,
eure Exzellenzen,
meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner der hbs,

es ist mir eine große Freude und Ehre, Sie zur Eröffnungsfeier unseres neuen Büros in Islamabad begrüßen zu dürfen, die mit dem 20. Jahrestag der Gründung unseres ersten Büros in Pakistan zusammenfällt.

Nach 20 Jahren in Lahore schlagen wir hier in der Hauptstadt ein neues Kapitel unserer Arbeit auf, und wir freuen uns, dass Sie alle dabei sind. Das Motto des heutigen Abends lautet, wie Sie auf dem Transparent hinter mir sehen können, "Die Reise geht weiter". Es ist ein sehr passendes Motto, denn es zeigt, dass die Heinrich-Böll-Stiftung – genau wie Pakistan – in Bewegung ist, ohne den Kontakt zu ihren Wurzeln zu verlieren.

Wie der chinesische Philosoph Laotse einst sagte: "Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zurück."

Unsere 20 Jahre in Lahore waren eine großartige Lernerfahrung für uns, und wir würden gern einige unserer Erfahrungen mit Ihnen teilen. Zugleich nutzen wir die Gelegenheit, um eine Veranstaltungsreihe anlässlich unseres 20jährigen Wirkens hier in Pakistan zu eröffnen, die sich durch das ganze kommende Jahr ziehen wird. Doch bevor ich das Wie und Warum genauer erläutere, möchte ich kurz zurückblicken und all unseren Partner/innen und Freund/innen danken, die so wunderbare Reisegefährten waren.

Das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore wurde 1993 als eines der ersten Auslandsbüros gegründet. Es war damals das einzige Büro in Asien und als solches zuständig für Projekte in Thailand, Kambodscha und sogar Indien.

Unser Büro in Lahore wurde zu einer Zeit gegründet, als weder E-Mail noch das Internet zum Arbeitsalltag gehörten. Die vielen Stunden, die unsere Mitarbeiter/innen in Deutschland – damals noch nicht in Berlin, sondern in Köln – damit verbrachten, vor dem Faxgerät zu sitzen und auf Verträge zu warten, die das Büro in Lahore schicken sollte, sind legendär.

Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen.

Wie die Partei Bündnis 90/Die Grünen, der wir nahestehen, sind wir eine junge politische Organisation, und 20 Jahre Präsenz hier in Pakistan sind eine lange Zeit. Wir haben in Berlin gerade unser 25jähriges Bestehen gefeiert, und unsere internationale Arbeit begann erst später.

Auch in der Geschichte einer relativ jungen Nation wie Pakistan sind 20 Jahre eine lange Zeit. Seit der Eröffnung unseres ersten Büros hier hat sich viel verändert. Mit unserer Arbeit in Pakistan zeigen wir unser Interesse an diesen Entwicklungen.

Erlauben Sie mir zunächst, einer Reihe von Menschen – Partner, Vertreter/innen unserer Stiftung sowie unserer Belegschaft – für die erfolgreiche Zusammenarbeit in den letzten 20 Jahren zu danken.

Mein Dank gilt vor allen anderen Roshan Dhunjibhoy, der ersten Vertreterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Pakistan, die 2011 verstorben ist. Roshan war eine pakistanisch-deutsche Journalistin und Filmemacherin und in den 1970ern und 80ern regelmäßiger Gast in politischen Talkshows in Deutschland.

1993 besann sie sich auf ihre pakistanischen Wurzeln und gründete mit der ihr eigenen Mischung aus Leidenschaft und Professionalismus das erste Asienbüro der Stiftung in Lahore. Sie legte das Fundament für die süd- und südostasiatischen Aktivitäten der jungen Heinrich-Böll-Stiftung und leitete das Büro bis 2001, als sie in den Ruhestand ging.

Roshan und die Heinrich-Böll-Stiftung verfolgten von Anfang an einen partnerschaftsorientierten Ansatz: die Entstehung starker NGOs wurde gefördert, mit dem Ziel, die Zivilgesellschaft zu stärken.

Ein zentrales Anliegen war die Unterstützung der Frauenbewegung – später mit dem Schwerpunkt politische Partizipation -, ein weiteres der Schutz und Erhalt der kulturellen und religiösen Vielfalt.

Roshan Dhunjibhoy hat auch das Thema "Frauen und Religion" in der Arbeit der Heinrich-Böll-Stiftung verankert. Heute gilt dies als Pionierarbeit, und das Thema nimmt in unserer Arbeit in Pakistan weiterhin einen wichtigen Platz ein.

Roshan war ein wunderbarer Mensch. Wir verdanken ihr viel, und sie hat einen festen Platz in der Geschichte der Heinrich-Böll-Stiftung und in unseren Herzen.

Es macht mich froh und stolz, dass die Heinrich-Böll-Stiftung in den vergangenen 20 Jahren langjährige Partnerschaften und Freundschaften aufbauen konnte. Zu den Organisationen, denen ich für 20 Jahre fruchtbare und spannende Zusammenarbeit danken möchte, gehört zuallererst Shirkat Gah.

 Shirkat Gah bedeutet "Ort der Teilhabe" - besser ließen sich die politischen Werte, die wir teilen, kaum in Worte fassen. Teilhabe ist das Wesen der Demokratie. Shirkat Gah ermächtigt Frauen, indem sie ihnen den Zugang zu Informationen, Ressourcen, Fähigkeiten und Leitungspositionen erleichtert.

Farida Shaheed, derzeit Geschäftsführerin des Shirkat Gah Women's Resource Centre und seit 2009 Sonderberichterstatterin der UNO im Bereich kultureller Rechte, ist seit vielen Jahren Beraterin und (eine enge) Freundin der Heinrich-Böll-Stiftung. Vielen Dank, Farida, für dein Vertrauen und die fruchtbare Zusammenarbeit!

Es ist mir eine Freude und Ehre, dass das Ajoka Theatre unseren 20-jährigen Jahrestag mit uns feiert. Auch das Ajoka Theatre gehört seit Beginn unserer Arbeit zu unseren Partnern und zeigt einen anderen Schwerpunkt unserer Aktivitäten auf: Kultur, Literatur, Film und Bildende Kunst. Kunst und Kultur können, ohne dass man sie instrumentalisiert, zur Quelle gesellschaftlicher Emanzipation und Ermächtigung werden. Unser Filmclub Böll Mandwa, der 2011 in Lahore gegründet wurde und hier in Islamabad weitergeführt werden wird, ist dafür ein gutes Beispiel. Indem über das Medium Film kontroverse Themen wie die Rechte von Transsexuellen aufgegriffen wurden, entstand ein Dialog und Austausch mit marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen.

Eine weitere langjährige Partnerschaft besteht mit der Jugendorganisation Bargad, die sich für eine Verbesserung der Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen in Pakistan einsetzt. Seit ihrer Gründung 1997 hat sich Bargad von einer von Studenten geleiteten Graswurzelorganisation zum Dachverband pakistanischer Jugendgruppen und zur politischen Beraterin der pakistanischen Regierung entwickelt. Kürzlich hat sie der Regierung von Punjab bei der Formulierung einer Jugendpolitik geholfen – der ersten in der Geschichte Pakistans. Wir führen derzeit mit Bargad mehrere Initiativen zur Förderung des kritischen Denkens an den Universitäten durch.

1997 konsolidierte das Büro in Pakistan seine Aktivitäten und fungierte nunmehr als Regionalbüro für Südasien, da ein neues Büro in Chiang Mai die Zuständigkeit für Projekte und Programme in Südostasien übernommen hatte. Mit zunächst Jost Pachaly und dann Angelika Köster-Loßack als Interimsleiter/in war dies eine Zeit des Übergangs.

2005 übernahm Gregor Enste – viele von Ihnen kennen ihn persönlich – die Leitung des Büros, die er bis 2010 behielt. Während seiner Amtszeit gelang es ihm, neue Partner zu gewinnen, ohne dabei die alten zu vernachlässigen.

In dieser Zeit verlagerte sich die Arbeit der Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore von der reinen Unterstützung von Partnerorganisationen hin zu eigenen Aktivitäten, was die Möglichkeit eröffnete, einen eigenen politischen Kurs zu definieren, selbst aktiv zu werden und innerhalb des politischen Spielfelds Islamabads Netzwerke zu knüpfen. Ein Resultat davon war, dass die Heinrich-Böll-Stiftung die Gründung des unabhängigen politischen Forschungsinstituts CRSS unterstützte, das immer noch unser Partner ist.


Delhi-Lahore-Talks

Ich möchte nun einige der - bisherigen und auch künftigen - Schwerpunkte unserer Arbeit nennen.
Wir haben von Anfang an den Dialog zwischen Pakistan und Indien unterstützt. Wie die vor dreißig Jahren gegründete Partei Die Grünen ist auch die Heinrich-Böll-Stiftung aus der Friedensbewegung hervorgegangen. Die gewaltfreie Konfliktbewältigung liegt uns sehr am Herzen.

Unser Büro unterstützt den Austausch pakistanischer und indischer Vertreter von Universitäten, Zivilgesellschaft und Regierungsorganisationen. Angefangen mit Vorlesungen über die Teilung, gefolgt von der Etablierung der sogenannten Delhi-Lahore-Talks, reicht das mittlerweile trilaterale Dialog- und Austauschprogramm bis hin zum Austausch von Studenten aus Pakistan, Indien und Afghanistan.

Unser Track-II-Dialog zwischen Indien und Pakistan zum Thema Klimawandel, den wir zusammen mit unserem Partner SDPI durchführen, ist eine weitere exemplarische Initiative. Nicht nur bringen wir in diesen Gesprächen Angehörige von Zivilgesellschaft und Regierung zusammen, sondern wir stärken durch die Einbeziehung beider Länder auch die regionale Zusammenarbeit in einer Frage, die keine Grenzen kennt, und tragen so zur friedlichen Konfliktlösung bei.

Es war Gregor, der die Zusammenarbeit mit dem Sustainable Development Policy Institute (SDPI) vertiefte. Besonders auf dem Gebiet des Klimawandels und der erneuerbaren Energien ist die Heinrich-Böll-Stiftung weltweit Vorreiter eines fortschrittlichen Diskurses, in den wir nicht nur unsere Partner in der Zivilgesellschaft einbeziehen wollen, sondern auch politische Entscheidungsträger/innen und die Regierung. Gerade Pakistan braucht die bestmögliche Beratung, um seine lähmende Energiekrise zu überwinden und zugleich die im Land bereits spürbaren Auswirkungen des Klimawandels anzugehen. Aufgrund unserer umfassenden Erfahrungen mit der Energiewende in Deutschland haben wir hier viel zu bieten. Ein derartiger sozialer und ökologischer Wandel kann nur erfolgen, wenn Regierung, Parlament, Wissenschaft, Think Tanks und die Zivilgesellschaft ihr Bestes geben und zusammenarbeiten.

Über die Jahre waren wir in ganz Pakistan aktiv, denn wir betrachten das Land als Ganzes und halten nichts von Separatismus.

Unter Gregors Leitung hat die Heinrich-Böll-Stiftung Kontakte zur University of Peshawar geknüpft. Doch schon vorher bestand eine Partnerschaft mit der Tribal Women Welfare Association (TWWA) in den Stammesgebieten des heutigen Khyber Pakhtunkhwa, einem politischen Krisenherd, der im Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit steht. Das ist einer der Gründe, warum wir dort trotz der äußerst angespannten Sicherheitslage weiterhin aktiv sind - wir unterstützen Journalist/innen.

Mit unserer Partnerorganisation in Karatschi, der Takhleeq Foundation, haben wir ein sehr erfolgreiches Projekt durchgeführt, in dessen Rahmen sich örtliche Geistliche im inneren Sindh und zum Teil auch in Belutschistan für sozialen Frieden einsetzten. Mit der Awaz Foundation wiederum haben wir im südlichen Punjab und in den von der Provinz verwalteten Stammesgebieten (Provincially Administered Tribal Areas, PATA) zu verschiedenen Themen wie Extremismus, Jugend und Frauen gearbeitet.

Seit Beginn der militärischen Intervention in Afghanistan im Jahr 2001 und der politischen Umbrüche in Pakistan 2007 spielt Pakistan in der deutschen Außenpolitik und der öffentlichen Wahrnehmung eine viel wichtigere Rolle als vor 20 Jahren. Die Verlegung des hbs-Büros von Lahore nach Islamabad spiegelt diese Entwicklungen wider.

Überhaupt hat Südasien aus verschiedenen – positiven wie negativen – Gründen international an Bedeutung gewonnen. Einer dieser Gründe ist die Tatsache, dass sowohl Indien als auch Pakistan Atommächte geworden sind. Südasien ist heute diejenige Region auf der Welt, in der eine nukleare Eskalation am wahrscheinlichsten ist.

Eine detaillierte Darstellung dieser beängstigenden Sachlage findet sich in dem sehr empfehlenswerten Buch Confronting the bomb. Pakistani and Indian scientists speak out von Dr. Pervez Hoodbhoy, das gerade mit unserer Unterstützung bei der Oxford University Press erschienen ist. Es wird nächste Woche auf dem Literaturfestival in Karatschi, im März in Washington und im April in unserem Hauptsitz in Berlin vorgestellt.

Übrigens haben Prof. Hoodbhoy und die brillante Geisteswissenschaftlerin Dr. Ayesha Siddiqa zusammen mit pakistanischen Intellektuellen, Journalist/innen und Aktivist/innen wie Abbas Rashid, Imtiaz Gul, Dr. Durre Ahmed und Farida Shaheed bei verschiedenen Gelegenheiten als Brückenbauer und "Botschafter" fungiert und einem deutschen Publikum die Veränderungen und Turbulenzen in Pakistan erläutert. Es ist Teil unserer Aufgabe, wo immer wir auf der Welt präsent sind, zur Hintergrundanalyse beizutragen und mittels eines profunden Dialogs zwischen dem jeweiligen Land und Deutschland Partnerschaften herzustellen.

Sie wissen alle, dass ein großes Kontingent deutscher Truppen in Afghanistan stationiert ist und dass dieses Land für uns - aus diversen Gründen - auch nach dem Abzug der NATO relevant sein wird.
Daher brauchen wir Pakistan als Partner für Frieden und Stabilität in der Region. Die Politik und die Zivilgesellschaft Deutschlands haben ein gesteigertes Interesse an Pakistan, und es ist unsere Aufgabe, sie so gut wie möglich zu informieren.

Gute Verbindungen zu den politischen Entscheidungsträgern in der Hauptstadt Pakistans und die Herstellung von Kontakten zwischen ihnen und ihren deutschen Kolleg/innen sowie Sachverständigen ist mittlerweile ein Muss für uns – auch wenn wir in den letzten 20 Jahren vornehmlich die Zivilgesellschaften miteinander in Kontakt gebracht haben. Sollten Bündnis 90/Die Grünen an der nächsten Bundesregierung wieder beteiligt sein, werden wir das noch ausbauen. Nach den Bundestagswahlen im Herbst dieses Jahres werden wir mehr wissen.

Ganz grundsätzlich lässt sich ohne Übertreibung sagen: Das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Pakistan hat sich in den letzten 20 Jahren im politischen Berlin, bei Bündnis 90/Die Grünen und überhaupt im deutschen Parlament einen ausgezeichneten Ruf erworben.

Für die deutschen Medien sind wir eine beständige und wichtige Informationsquelle. Sowohl Gregor Enste als auch jetzt Britta Petersen haben ausgezeichnete Verbindungen zu Presse, Rundfunk und Fernsehen aufgebaut und gepflegt.


Dank an die Belegschaft

Es ist höchste Zeit, nun auch unseren Mitarbeiter/innen in Pakistan für ihre engagierte und professionelle Arbeit zu danken – denen, die in Lahore für uns gearbeitet haben, wie auch denen, die mit uns nach Islamabad gegangen sind. Sie alle zeigen seit Jahren unermüdlichen Einsatz, waren und sind stets bereit, "noch einen draufzulegen", wie man so schön sagt, einschließlich gelegentlicher Nachtschichten oder Wochenendveranstaltungen.

Gesicht und Herz unserer Organisation in Pakistan war über die vergangenen 20 Jahre zweifelsohne Saima Jasam.
Saima stieß bereits 1993 zu uns und blieb uns auch in den schwierigsten Zeiten treu, so in der Interimszeit von 2001 bis 2003. Ihre genaue Kenntnis der pakistanischen Zivilgesellschaft und ihre vielfältigen Kontakte dort öffneten uns manche Tür und ermöglichten es uns, bei den relevanten Akteuren Vertrauen aufzubauen, nicht nur in Pakistan, sondern auch in Indien. Ihre Fachkenntnisse im Bereich der Gender-, Sicherheits- und Friedensforschung ergänzen und stärken unsere Kompetenzen und haben sie zu einer begehrten Interviewpartnerin für die deutschen Medien gemacht. Vielen Dank, Saima, für deine Treue und deinen Rat!

Ähnliches gilt für Mazher Zaheer, der seit 1997 bei uns ist. Seine Energie und Fähigkeiten als Manager sind bei all unseren Aktivitäten eine treibende Kraft. Als Finanzkoordinator hat er das Schiff des hbs-Büros in Pakistan durch die stürmischen Gewässer ständig sich wandelnder bürokratischer Anforderungen und wechselnder Vorgaben von Geberorganisationen gesteuert, und es gelingt ihm immer wieder, Geld aufzutreiben – auf den verschlungenen Pfaden zwischen Währungsgewinnen und der geheimen Wissenschaft der Buchhaltung.
Vielen, vielen Dank, Mazher, für dein stetiges Engagement.

An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal Roshan und Gregor sowie, last but not least, Britta danken, die 2010 die Leitung des Büros übernommen hat. Sie war die Hauptleidtragende unserer Entscheidung, trotz ihrer Schwangerschaft und ihrem Mutterschaftsurlaub 2012 das Büro nach Islamabad zu verlegen.

Auch für die restliche Belegschaft war der Umzug nicht einfach, denn alle haben Freunde und Verwandte in Lahore. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war. Britta arbeitet weiter an unserer neuen Strategie, die Ausdruck eines partiellen Strategiewechsels der Heinrich-Böll-Stiftung als internationaler Organisation ist.  

Als preisgekrönte Journalistin und ehemalige Korrespondentin, die seit über zehn Jahren in Südasien lebt, verfügt sie über eine fundierte, theoretische wie praktische Kenntnis Afghanistans, Indiens und Pakistans – was sie zu einer wichtigen Informationsquelle für die Politiker/innen wie auch für die Öffentlichkeit in Deutschland macht.

Als Vermittler zwischen Pakistan und Deutschland zu fungieren ist nur eine unserer Aufgaben. Wir haben uns im Laufe der Zeit auch als Think Tank für politische Reformen und als Katalysator für grüne Visionen und Projekte in Verbindung mit der Partei Bündnis 90/Die Grünen weiterentwickelt.

Wir sind stolz auf unsere Zusammenarbeit mit Pakistans dynamischer Zivilgesellschaft, und das soll auch so bleiben.

Aber wir haben ebenso gelernt, dass man, um eine demokratische Reformagenda effektiv umsetzen zu können und die Menschenrechte zu stärken, Interessengruppen aus allen Bereichen der Gesellschaft einbeziehen muss.

Daher haben wir begonnen, auch an der Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft und Politik zu arbeiten - ein fortlaufender Prozess der gewissenhaften Abschätzung, was unter den sich verändernden lokalen und globalen Bedingungen getan werden kann und muss, zu dem Britta Petersen sehr viel beigetragen hat. Nicht zuletzt dieser neue Ansatz hat uns auch nach Islamabad geführt.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist unsere Zusammenarbeit mit Shirkat Gah: Die Organisation war unser erster Partner in Pakistan und wurde von uns maßgeblich finanziell unterstützt. Heute unterhalten wir Partnerschaften mit Projekten, deren Finanzbedarf zwar deutlich kleiner ist – die wahrscheinlich jedoch mehr Menschen erreichen.
Die Gründerin und Leiterin von Shirkat Gah, Khawar Mumtaz, hat gerade den Vorsitz der "National Commission on the Status of Women" übernommen und ist heute hier bei uns in Islamabad.

Shirkat Gah wird auch unser Verbindungsbüro in Lahore beherbergen, was ich hier noch einmal besonders hervorheben möchte.

Wir werden unsere Arbeit in Lahore und mit unseren dortigen Partnern selbstverständlich fortführen.
    
Auch unsere Zusammenarbeit mit dem Women's Parliamentary Caucus, die 2010 begann, ist das Ergebnis unserer langjährigen Kooperation mit Frauenrechtsgruppen, die uns Glaubwürdigkeit bei den Politiker/innen verschafft hat. Eine dieser Gruppen ist die Aurat Foundation, die national wie international als eine der führenden Institutionen zur Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Stellung der Frauen in Pakistan gilt.

Wir praktizieren übrigens genau das Gegenteil des oft kritisierten Ansatzes internationaler Geberorganisationen, die gleichsam in ein Land einfallen, etliche Millionen Dollar investieren und ein Jahr später wieder verschwinden, nachdem ein Großteil des Geldes in irgendwelchen tiefen Taschen verschwunden ist.

Wir von der Heinrich-Böll-Stiftung setzen auf lange Partnerschaften und ernsthaftes Engagement in unseren Gastländern! Und das schließt Aktivist/innen, Akademiker/innen, Wissenschaft, Medien, Parlamentarier/innen und Bürokrat/innen gleichermaßen ein. Wir wollen auch jene erreichen, die unsere Ansichten möglicherweise nicht teilen - Wirtschaft, Militär und religiöse Führer.

Trotz der fortdauernden Probleme waren die letzten fünf Jahre für die demokratische Entwicklung in Pakistan ermutigend. Durch unsere Einbeziehung der demokratisch gewählten Regierung in unsere Arbeit unterstützen wir diesen Prozess.

Das gleiche gilt für unsere Unterstützung der Medien, ein neuer Bereich unserer Arbeit, den Britta Petersen aufgebaut hat. Pakistans sehr lebendige Medienlandschaft hat in der demokratischen Entwicklung der letzten Jahre eine wichtige Rolle gespielt.

Indem wir Frauen in den Medien sowie Journalist/innen in den Stammesgebieten von Khyber Pakhtunkhwa unterstützen, stärken wir zwei Gruppen im Journalismus, die in besonderem Maße des Schutzes und der Ermächtigung bedürfen. Die weibliche Perspektive fehlt in der weltweiten Medienberichterstattung oft, und Journalistinnen in Konfliktgegenden wie den Stammesgebieten von Khyber Pakhtunkhwa setzen täglich ihr Leben aufs Spiel. Zu ihrem Schutz muss viel unternommen werden.

Aber gibt es nicht schon genug internationale Organisationen in Islamabad? Nun, wir wissen nicht, was genug ist. Aber wir wissen, dass wir eine feste Verbindung mit Lahore haben, die wir nicht vernachlässigen werden. Und ebenso wissen wir, dass wir durch den Umzug nach Islamabad die Bandbreite unserer Arbeit erweitern werden. Das ist die Botschaft, die ich hier gern vermitteln möchte.

In Pakistan gibt es ein Sprichwort, das lautet: Lahore ist Lahore. So sehr das zutrifft, gilt doch für eine politische Organisation wie die unsere auch: die Hauptstadt ist die Hauptstadt. Und was letztlich zählt, ist, dass unsere Arbeit möglichst viele Menschen erreicht.

Daher hoffen wir, dass unser Umzug nach Islamabad nicht nur unsere eigene Arbeit, sondern auch unsere Partner im ganzen Land stärken wird.

Gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Wertschätzung auf beiden Seiten bilden die Grundlage für eine fruchtbare Partnerschaft und Zusammenarbeit – ich sage jetzt einfach einmal: auf die kommenden 20 Jahre!

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Aus dem Englischen von Kathrin Razum.
 
Portrait: Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie hat zahlreiche Zeitschriften- und Buchbeiträge zu Fragen der internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen, der internationalen Umweltpolitik und der Geschlechterpolitik veröffentlicht. 

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