Den Konsumismus überlisten

1. März 2010
Von Reinhard Loske

Von Reinhard Loske

Trotz aller „ökologischen Industriepolitik“: Ohne einen Wandel des Lebensstils wird der Kampf gegen die Klimakatastrophe scheitern. Das bedeutet aber nicht notwendig, auf Genuss zu verzichten.

In Sachen Klimaschutz und Ökologie sind wir alle sehr vernünftig geworden, wahrscheinlich zu vernünftig. Nein, Alarmismus bringt nichts. Er verängstigt zu sehr. Noch schlimmer sind Appelle, zu verzichten. Sie schrecken nur ab. Zweifel an Wachstumsgrenzen haben wir längst abgeschüttelt. Wer will schon in den Verdacht geraten, es mangele ihm an Zuversicht? Lieber reden wir uns den Klimaschutz schön. Das Credo der „ökologischen Industriepolitik“ lautet: neue Arbeitsplätze schaffen, Innovationen befördern, Exportmärkte erschließen und obendrein Energieimporte ersetzen. Wie gern das doch gehört wird – nicht mehr nur von Umweltfreunden, neuerdings auch an Börsen und in Redaktionen.

Welcher Verlust droht uns?

Ist das alles wirklich so vernünftig, wie es klingen will? Brauchen wir nicht eine präzise Vorstellung davon, welcher gewaltige Verlust uns droht? Müssen wir nicht dazu bereit sein, uns zurückzuziehen, um wirklicher Vernunft den Weg zu bahnen? Lassen wir die nüchternen Zahlen sprechen: In vorindustrieller Zeit lag die atmosphärische Konzentration von Kohlendioxid bei 280 ppm, also Teilen pro Million. Heute liegt sie bei 383 ppm – und jährlich kommen 2,5 hinzu. Unter Klimaforschern gilt es als weitgehend gesichert, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei maximal 420 ppm stabilisiert werden muss. Nur so lassen sich unkontrollierbare Folgen für Mensch und Natur vermeiden.

Das bedeutet eine Minderung des globalen Ausstoßes an Klimagasen um mindestens 50 Prozent bis 2050. Das weltweite Emissionsmaximum muss dabei spätestens 2020 erreicht sein. Für die Industriestaaten in Europa, Nordamerika, Asien und Australien ist die Botschaft noch klarer. Bis 2050 müssen sie ihren CO2-Ausstoß um mindestens 80 Prozent senken – oder besser noch: CO2-frei wirtschaften.

Die Schwäche rein quantitativer Ziele

Ob diese bloßen Zahlen, und seien sie noch so erschreckend, die Menschheit zur Umkehr bewegen, ist eine offene Frage. Fjodor Dostojewski hat in seinen „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ die Schwäche rein quantitativer Ziele wunderbar beschrieben. „Was ist denn das für ein Vergnügen, wenn alles schon auf der Tabelle ausgerechnet ist?“, lässt er seinen Protagonisten sagen. Der nämlich zweifelt am Regiment der Wissenschaft und sieht eine furchtbar langweilige, dafür aber ungemein vernünftige Gesellschaft heraufziehen. Keine aufregende Perspektive.

Die empirische Wissenschaft kann uns helfen, den Klimawandel zu verstehen. Sie kann uns die Leitplanken nennen, innerhalb derer wir uns zu bewegen haben, um den Absturz zu vermeiden. Sie kann uns aber keine Hinweise dazu geben, wie der soziale Prozess zu gestalten ist, der uns vom Pfad der Selbstzerstörung abbringt und in sicheres Gelände führt. Hierfür brauchen wir gesellschaftliche Fantasie, politischen Handlungswillen und echte Veränderungsbereitschaft.

Empirische Wissenschaft und soziale Prozesse

Die offizielle Politik hat in dieser Hinsicht ihre Rolle noch nicht gefunden. Was in der aufgeregten Klimadiskussion bislang zur Sprache kam, war überwiegend Pritzelkram. Neue Kfz-Steuern, das Verbot von Glühbirnen, CO2-Ablassscheine für Dienstflüge, Richtwerte für Kohlekraftwerke oder Kaufempfehlungen für japanische Autos mögen sinnvoll sein. Vor allem aber sind sie eines: ganz und gar unzureichend, auch in der Summe.

Die Politik muss gewaltig aufpassen, dass sie die Klimadebatte nicht zerredet. Geschieht das, wird die Bevölkerung glauben, man könne an der Misere sowieso nichts ändern und konzentriere sich besser darauf, die eigenen Schäflein ins Trockene zu bringen, die letzte Party zu feiern. Was wir brauchen, sind große Würfe – Visionen, die verbindlich beschlossen und schrittweise umgesetzt werden: eine kohlenstofffreie Energiewirtschaft, klimafreundliche Verkehrsmittel, Gebäude und Infrastruktur, die jedem ein richtiges Leben im Richtigen ermöglichen.

Klimaschutz - eine Kulturaufgabe erster Ordnung

Alle Windräder, Holzpellet-Heizungen und Hybridautos werden uns nicht retten, wenn wir uns länger vor der Frage des Lebensstils drücken. Davor, dies anzugehen, gibt es eine natürliche, verständliche Scheu –  gerade bei Politikern, die den Vorwurf, Verzicht zu predigen, scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Jedoch, nichts führt an der Einsicht vorbei: Der Konsumismus, also das Anhäufen von Gütern als Ersatz für Sinn, ist der größte Feind des Klimaschutzes. Es ist eine Kulturaufgabe erster Ordnung, die Rückkehr zum menschlichen Maß zu befördern.

Ohne eine Vorstellung davon, wie nachhaltige Lebensstile, wie eine guten Gesellschaft aussehen können, läuft der Klimaschutz Gefahr, technokratisch zu werden. An der „alten“ Konsumkritik von Erich Fromm oder Rudolf Bahro wird man dabei nicht ohne weiteres ansetzen können. Der moderne Kapitalismus ist intelligent und raffiniert; seine Fantasie ist grenzenlos. So wie er Natursehnsucht in Outdoor-Kleidung und Geländewagen transformiert, so verwandelt er Konsumkritik in zerschlissene Hosen, coole T-Shirts und Bestseller. Den Konsumismus zu überlisten heißt, Maßhalten mit Lebensfreude zu verbinden, Verzicht mit Genuss, Weniger mit Mehr, Askese mit Selbstentdeckung – um so Mut zu machen und zur Nachahmung anzuregen. Bei der Pluralität unserer Gesellschaft wird das nicht zu einem Einheitslebensstil führen, sondern zu einer Vielfalt von Lebensstilen, die aber allesamt klimaverträglicher sein würden.

Die ökologische und soziale Frage zusammendenken

Eine wichtige Einschränkung gilt es allerdings zu machen: Wenn Verzicht für die Reichen hieße, ihren Off-Roader in der Fastenzeit sonntags in der Garage zu lassen, für die Armen jedoch die Kürzung von Hartz-IV von 345 auf 300 Euro pro Monat bedeutete, hätte das keine Aussicht auf breite gesellschaftliche Unterstützung. Die Chance, maßvollen Lebensstilen zum Durchbruch zu verhelfen, steigt mit der gesellschaftlichen Gerechtigkeit – national wie international. Ein Grundeinkommen für jede und jeden könnte die Tür öffnen hin zu einer Gesellschaft ohne übermäßigen Wachstumsdruck. Es ist an der Zeit, die ökologische und die soziale Frage endlich zusammenzudenken.

Reinhard Loske ist Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa in Bremen.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form bereits in der taz.

Das Webdossier versammelt zum Teil kontroverse Beiträge von Expertinnen und Experten, die an der Konferenz teilnahmen. Die in den Beiträgen vertretenen Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Sicht der Heinrich-Böll-Stiftung wider.

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Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.
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