Zeit für Allmende?












16. Oktober 2009

Lara Mallien sprach mit Julio Lambing über das Manifest der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema Gemeingüter.



Das Engagement für Gemeingüter – für die natürlichen, sozialen und kulturellen Ressourcen, von denen wir alle leben – ist ein gemeinsamer Nenner vieler kulturkreativer Bewegungen weltweit. Es gilt, sich dessen bewusst zu werden und eine Bewegung für Gemeingüter zu stärken.

 Seit April 2008 hat im Rahmen des interdisziplinären Salons der grünen Heinrich-Böll-Stiftung eine Arbeitsgruppe zum Thema „Gene, Bytes und Emissionen: Zeit für Allmende“ regelmäßig getagt. Daraus entstand das nebenstehende bemerkenswerte Manifest. Lara Mallien sprach mit Julio Lambing, dem Geschäftsführer des europäischen Wirtschaftsverbands „European Business Council for Sustainable Energy“ (abgekürzt „e5“) und einer der Mitautoren des Manifests.

Lara Mallien: Herr Lambing, wie kam es dazu, dass Sie sich an dieser Veranstaltung der Böll-Stiftung zum Thema Gemeingüter beteiligt haben?

Julio Lambing: Die ersten Treffen des Salons habe ich leider verpasst. Ich bin erst im Herbst 2008 angesprochen worden, ob ich nicht bei der Runde mitmachen wolle, und mir erschien das Projekt als politisch sehr weitsichtig. Als Geschäftsführer von e5 vertrete ich jene Teile der europäischen Wirtschaft, die sich für eine starke Klimapolitik und für eine nachhaltige Nutzung und Produktion von Energie einsetzen. Ein ökologisch ausbalanciertes, lebensfreundliches Klima ist ein zentrales Gemeingut der Menschheit. Das war der Bezug zum Salon. Eine sichere Energieversorgung ist in entwickelten Ökonomien ebenfalls ein öffentliches Gut. Eine dritte Schnittstelle lag für die Böll-Stiftung wohl darin, dass e5 seit einiger Zeit darauf drängt, „Wissensallmen­den“ für den Klimaschutz zu nutzen: Es gibt diese innovativen Ansätze der Open-Source-Bewegung, die nicht mehr nur bei der Erstellung von kostenloser Software, sondern auch schon bei der Entwicklung von Hardware eingesetzt werden. Wir fragen uns: Wie kann man solche Ansätze für die beschleunigte Entwicklung von sanften Technologien und deren Verbreitung in Entwicklungs- und Schwellenländern einsetzen?

Wie ist Ihre persönliche Verbindung mit dem Thema „Gemeingüter“?

Das ist nicht leicht zu beantworten … Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht in einer Kleinfamilie, sondern in einem christlichen Kinderheim aufgewachsen bin. Da wird man durch das Zusammenleben in einer größeren Gruppe mit den Anliegen anderer konfrontiert. Neben politischen und ökologischen Themen haben mich schon als Dreizehnjähriger Philosophie und Sozialtheorie interessiert. Mein Klavierlehrer lieh mir „Haben oder Sein“ von Erich Fromm, ein Buch, das mich sehr geprägt hat: Wie werden Menschen glücklich, was brauchen sie, damit sie glücklich sind? Und was hat die Gesellschaft damit zu tun? Nach dem Abitur lernte ich dann eine alternative Gemeinschaft kennen, die sich als Modell für ein ökologisches und friedliches Leben verstand. Diese Verknüpfung ist bis heute mein Leitfaden in der Ausein­andersetzung mit dem Thema Gemeingut.

Der Begriff „Gemeingut“ klingt auf den ersten Blick etwas sperrig und abstrakt. Ich habe festgestellt, dass es Menschen nicht leicht fällt, sofort eine Reihe praktischer Beispiele zu assoziieren, wenn dieser Begriff fällt.

Ich bin auch nicht ganz glücklich mit dieser Terminologie, mein Vorschlag in der Runde war, den Begriff „Allmende“ stärker in den Vordergrund zu stellen, aber das war den meisten zu altertümlich. Man kann den englischen Begriff der „Commons“ und die Begriffe Allmende und Gemeingüter als Synonyme verwenden. Sie bezeichnen ein sehr weites Spektrum: Es gibt natürliche Gemeingüter, wie das Meer, Bodenschätze oder Saatgut, dann soziale Gemeingüter, wie öffentliche Krankenversorgung, und schließlich unser kulturelles Erbe in Form von Musik, Märchen, Tänzen, Architektur usw. Das Wort „Allmende“ hat für mein Gefühl eine größere Weite als „Gemeingut“, weil wir bei „Gütern“ oft an etwas Materielles denken.

Das Manifest spricht von einer gesellschaftlichen Bewegung für Gemeingüter. Kann man tatsächlich davon sprechen, dass es so eine Bewegung bereits gibt?

Von einer übergreifenden, internationalen Bewegung kann man noch nicht sprechen. Das Manifest war ein erster wichtiger Versuch, einem zarten, andeutungsweise vorhandenen Pflänzchen zu einem Wachstumsschub zu verhelfen. Denn es gibt ein bemerkenswertes Potenzial für die Entstehung einer starken Bewegung, auch wenn bis jetzt nur viele einzelne Initiativen zu unterschiedlichen Themen in unterschiedlichen Milieus und Ländern existieren – die noch dazu selten voneinander wissen oder gar auf die Idee kommen, es gäbe da einen gemeinsamen Nenner zwischen so entfernten Gebieten wie der Creative-Commons-Bewegung im Internet, dem Protest gegen die Patentierung von Saatgut, Klimaschutz und den Bemühungen indigener Völker um Recht an ihrem Land.
Der Begriff der Commons schafft da einen Brückenschlag. Der Bogen reicht von Open Source, Patentwesen, Urheberrecht, Bürgerrechten über Wasser- und Energieversorgung, der Aneignung von öffentlichem Raum, wie Parks und öffentlichen Plätzen, bis hin zur Wahrung von Traditionen. Hier können wir Pflege und Schutz von Allmenden als gemeinsame Herausforderung begreifen. Auf der einen Seite steht ein jahrhundertalter Trend von Einhegung von Allmenden. Etwa wenn Bauern, Feudalherren oder der Staat gemeinschaftliche Wälder, Fischgründe oder Weideland aufteilen, einzäunen und sich einverleiben. Etwa wenn im kulturellen Bereich sich ein Medienkonzern durch Zeichentrickfilme alte Märchen und Sagen aneignet, die Bilderwelt unserer Kinder damit prägt, aber dann Markenrechte und Lizenzgebühren für diese Darstellungen geltend macht. Oder wenn Wissen, das in öffentlich finanzierten Universitäten geschaffen wird, nicht mehr der Allgemeinheit zur Verfügung steht, sondern in wenig transparenten Verfahren verkauft wird. Auf der andern Seite stehen erstarkte Bewegungen, die sich gegen die ökologische Übernutzung wichtiger Allmenden, wie etwa die Atmosphäre oder das Meer, zur Wehr setzen. Oder Initiativen, die neue Allmenden schaffen, indem sie freie Musik oder Filme ins Internet stellen.

Gegenüber der Debatte über eine kulturkreative Bewegung hat die Gemeingüter-Diskussion z.B. den Vorteil, dass sie nicht explizit mit der Themenstellung der Spiritualität herumlaboriert. Trotzdem gibt es auch hier eine Art spirituelles Thema: den Bezug zu einem „großen Ganzen“. Es geht um etwas Übergeordnetes. Das jeweilige Allgemeingut kann die Erde insgesamt sein, es kann auch das Zwischenmenschliche sein, eine Geschichte oder die Umgebung, in der man gerade lebt, der Wald, die Wiese oder die Stadt. Auf jeden Fall immer etwas Größeres, das nur existieren kann, wenn ich mich darum kümmere und es pflege. Daraus folgt ein weiterer Bezugspunkt zum Spirituellen: Werte und persönliche Veränderung. Denn das Kümmern um eine Allmende bedarf einer Vielzahl von konkreten Handlungen und fordert eine Ethik, beispielsweise die „Tugend der Achtsamkeit“. Und das nicht aus selbstbezogenen Gründen – weil ich erleuchtet werden oder mich spirituell weiterentwickeln möchte. Sondern weil nicht nur ich, sondern auch meine Kinder und alle Menschen gut leben sollen.

„Tugend“, das klingt für viele sehr altmodisch …

Ja, aber ich glaube, dass es besser ist, im Zusammenhang mit Gemeingütern über Tugenden nachzudenken statt über Regeln, wie derzeit oft üblich. Im Zentrum des Selbstverständnisses der westlichen Kultur stand ein Regelkatalog, die zehn Gebote. Deshalb glauben wir im Westen bis heute, menschliches Handeln nur durch die Befolgung von Regeln beschreiben und steuern zu können. Aber alles zu verregeln – und als Konsequenz alles zu verrechtlichen – führt in eine Sackgasse. Sicherlich sind Regeln für die erste Einweisung in eine Praxis wichtig, aber schon bei so elementaren Dingen wir Kochen oder Musik wissen wir, wie begrenzt das ist. Ein richtiger Koch muss weit mehr beherrschen als nur Rezeptbücher zu befolgen, und ein Musiker mehr als Noten abspielen. Wenn Gemeingüter gedeihen sollen, dann ist Know-How vonnöten sowie diverse Fertigkeiten – und eben Tugenden.

Welche Tugenden braucht eine Gemeingüter-Kultur?

Dass diese Tugenden nicht genauer benannt werden, ist eine Schwäche des Manifests. Ich glaube, es geht vor allem um Achtsamkeit und die Anerkennung der wechselseitigen Abhängigkeit. Man ist abhängig von den ökologischen Gemeingütern, aber es gibt auch eine reale Abhängigkeit von Menschen untereinander. Ältere, Jüngere und Kranke sind elementar abhängig von gesunden Menschen, die ihnen helfen. Die Einsicht, dass man selbst in einen hilfsbedürftigen Zustand geraten kann, ist entscheidend, um sein Verhalten sozial auszurichten. Weitere Tugenden wären Teamgeist, Umsicht, Großzügigkeit oder Freundlichkeit, einfach das Bestreben, dass es anderen Menschen gut gehen soll. Auch Klugheit gehört dazu, nicht unbedingt Intellektualität, sondern lebenspraktische Klugheit. Mut, Opferbereitschaft, geistige Unabhängigkeit und autonome Urteilskraft sind ebenfalls zentrale Eigenschaften, die mir einfallen. Und ganz wichtig ist natürlich auch das Streben nach Vortrefflichkeit – dass man z. B. die denkbar schönsten kulturellen Gemeingüter schaffen möchte, die pfiffigste Softwarelösung oder den besten Wikipediaartikel.

Aber wie soll eine Kultur all das lernen?

Ich denke, der Schlüssel sind hier Gemeinschaften. Ich meine hier tatsächlich lokale Gruppen von Menschen, die ein wie auch immer gestaltetes, gemeinsames Leben führen, in dem sie vielfach aufeinander bezogen sind. Wenn man heute isoliert in einer Stadt lebt, geht man meist irgendwo zur Arbeit, trinkt irgendwo anders Bier, geht wieder woanders hin zum Fitness-Training. Die persönliche Umgebung ist zerrissen, die Rollenanforderungen an einen sind jeweils anders und unverbunden. Was liegt da näher als zu sagen: „Es ist beliebig, wie ich handle. Was zählt ist, dass ich jeweils vor Ort Erfolg habe mit dem, was ich tue.“ Eine Tugend ist aber eine charakterliche Einstellung, die in unterschiedlichen Situationen Handlungen eines ähnlichen Typs verlangt. Das geht nicht mit zerrissenen, anonymen Verhältnissen. „Tapfer“ oder „weise“ ist man immer nur als ganzer Mensch, nicht als Spieler einer gesellschaftlichen Rolle. Das lernt man nur in einer Gemeinschaft, die uns über unterschiedliche Rollen herausfordert und bildet.
Sicherlich muss ein Teil der Pflege von Gemeingütern über staatliche Institutionen geregelt sein, z.B. dass Staaten sich verpflichten, ihre Treibhausgasemissionen zu drosseln. Das gilt nicht nur für die globalen Gemeingüter, sondern auch für lokale Zusammenhänge: Wenn der Nachbarbauer Pestizide auf Ihr ökologisch zertifiziertes Feld streut, braucht es wohl Gesetze und Institutionen. Aber der entscheidende Punkt ist: Das reicht nicht aus, eine Kultur der Gemeingüter zu verankern, wir brauchen darüber hinaus ein pflegendes Verhalten, und das kann nur in überschaubaren sozialen Zusammenhängen eingeübt und kultiviert werden. Hätten die Jugendlichen, die vor wenigen Tagen auf dem Sollner Bahnhof bei München einen fremden, sie „nervenden“ Mann totgeschlagen haben, das gleiche im Kreis der Verwandtschaft getan?

Wie ist das Manifest in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden, gab es auch Kritik?

Wie mir berichtet wurde, ist das Papier im Umfeld der grünen Partei auch heftig angegriffen worden. Es gab unter anderem große Ängste, dass die Verknüpfung von Gemeinschaft und Gemeingütern ein Rückschritt in vormoderne Zeiten bedeuten würde: die Errungenschaften der Aufklärung, die Freiheit des Individuums würde angegriffen. Selbst der kambodschanische Steinzeit-Kollektivismus von Pol-Pot wurde als mahnendes Beispiel bemüht. Wenn bestimmte Milieus mit dem Wort „Gemeinschaft“ konfrontiert werden, dann tauchen dort sofort Bilder von einem stickigen und rigiden mittelalterlichen Dorf auf – oder die „Volksgemeinschaft“ der Nazis. Aber solche Verdächtigungen sind absurd, wenn man sich die Liste der Autoren anschaut, selbst wenn ich zugeben muss, dass der Begriff Gemeinschaft in dem Manifest etwas zu unspezifisch verwendet wird. Unter der Klammer „Nutzergemeinschaft“ wird da allzu viel in einen Topf geworfen, von der Familie bis zur Weltgemeinschaft, die aber außer einer metaphorischen Wortwendung eigentlich wenig gemeinsam haben.

Wie würden Sie hier den Unterschied beschreiben?
Ich glaube nicht, dass es Gemeinschaft auf Nationen- und „Volks“-Ebene geben kann, außer als gemeingefährliche Illusion. Auf der Ebene von Staaten kann man nie eine gemeinsame, aussagekräftige Vorstellung von einem guten Leben entwickeln und deshalb auch keine gemeinschaftliche Kultur. Ich denke, dass die Griechen mir ihrer antiken Polis uns einen guten Fingerzeig für die maximale Größe eines sozial überschaubaren Zusammenhangs gegeben haben, also etwa 50 000 Bürger und Bürgerinnen.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, mit einem solchen Aufruf die Menschen zu erreichen und politische Veränderung zu bewirken?

Ich weiß es nicht. Sicherlich ist es wertvoll, wenn solche Thesen in Umlauf kommen. Aber ein Manifest ist eigentlich eine abgenutzte Ausdrucksform. Früher war es der Aufruf, der von Hand zu Hand weitergereicht wurde, heute veröffentlicht jede Woche irgendjemand irgendwo ein Manifest. Das senkt die Aufnahmebereitschaft.
Ich glaube ja an die Kraft des Erzählens eines Mythos. Man spricht heute gerne vom modernen wissenschaftlichen Zeitalter im Gegensatz zur Vergangenheit, wo die Menschen noch im Bann des Mythos gelebt hätten. Aber das ist Unsinn. Wir haben heute nicht weniger Mythen, nur andere. Der Mythos vom Fortschritt ist tief in unsere Kultur und unsere Sprache eingegraben: Der eine ist „weiter“, „seiner Zeit voraus“, der andere ist „rückschrittlich“. Dieser Mythos, der mit der Aufklärung stark geworden ist, sagt: Die menschliche Kultur entwickelt sich wie ein einzelner Mensch vom Kind zum reifen Erwachsenen. Die menschliche Kultur wird immer freier, vernünftiger, gesünder, mächtiger usw. Ob man mit Menschen von den Grünen, der Linken oder der spirituellen Bewegung spricht: Immer geht es um diese Bewegung vom Niederen zum Höherentwickelten. Dazu passt dann auch das Klischee vom dunklen Mittelalter als Ort der religiösen Hysterie, der Intoleranz und der Unfreiheit, mit seinen engen Gemeinschaften. Dieser Mythos mag den Menschen eine Zeitlang viel Kraft in ihren Kämpfen für eine bessere Welt gegeben haben, aber ich halte ihn für genauso irreführtend wie sein Gegenstück, dass die Menschen früher noch „natürlich“, „ungezwungen“ und in Einheit mit der Natur lebten, und wir heute nur noch entfremdet dahinvegetieren. Aber Mythen sind mächtig, sie strukturieren unser Leben und Fühlen.
Wenn wir heute den Mythos der Allmende ­erzählen könnten, davon, wie bestehende Allmenden immer mehr ausgehöhlt wurden und jetzt eine Kraft entsteht, neue Allmenden aufzubauen und alte zurückerobern – darin könnte das Potenzial für einen starken gesellschaftlichen Impuls liegen.

Herr Lambing, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Lara Mallien, Mitarbeiterin der Zeitschrift "KursKontakte".

Das Interview erschien zuerst in der in Ausgabe 165  der Zeitschrift  "KursKontakte". Mit freundlicher Genehmigung von KursKontakte.

Weitere Informationen: http://www.commonsblog.de/.
Kontakt: Silke Helfrich, E-Mail: Silke.Helfrich@gmx.de.