Feminismus braucht Pflege – wie alles Lebendige

Portrait

Die Arbeit mit Pflanzen ist für Awa Fall-Diop mehr als Rückzug – sie ist politische Praxis. Wie alles Lebendige in ihrem Garten, gedeiht auch der Feminismus nur durch Pflege, Zeit und Hingabe. Die Natur lehrt sie, dass echter Widerstand nur dort wächst, wo Fürsorge und Geduld den Boden bereiten.

Kurzbiografie Awa Fall-Diop

Awa Fall-Diop ist seit Jahrzehnten eine prägende Stimme feministischer Kämpfe in Senegal und weit darüber hinaus. Bekannt sind ihre gewerkschaftlichen Kämpfe, ihr Einsatz für institutionelle Reformen und ihre Rolle in panafrikanischen feministischen Strategien. Vielen von uns jüngeren Feministinnen ist sie ganz selbstverständlich als „Maman Awa“ oder „Tata Awa“ bekannt. Doch jenseits ihrer öffentlichen Präsenz gibt es eine leisere, weniger sichtbare Seite von Awa Fall Diop, die für ihr feministisches Engagement ebenso grundlegend ist – und die ich erst nach und nach kennenlernen durfte.

Der Garten als politischer Ort

Wirklich bewusst wurde mir diese andere Facette von ihr am Rande eines Nationalen Forums senegalesischer Feministinnen Ende vergangenen Jahres. Während vieler Diskussionen sprach Awa Fall Diop immer wieder über ihre Beziehung zu Pflanzen und die Gärtnerei – zur Überraschung mancher Anwesender. Diese wiederkehrenden Bilder machten mich neugierig. Ich suchte das Gespräch mit ihr, um zu verstehen, warum der Garten für sie zu einem zentralen Ort feministischer Reflexion geworden ist.

Für Awa Fall-Diop ist die Liebe zu Pflanzen weder ein Hobby noch eine vorübergehende Leidenschaft. Sie ist vielmehr Ausdruck einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Kampf selbst – mit Geduld, Fürsorge und Regeneration als unverzichtbare Bestandteile feministischen Handelns. In der sorgsamen Pflege des Lebendigen bindet sie sich an einen Boden, der im Stillen nährt, was später wachsen und gedeihen soll.

Mein aktivistisches Engagement besteht darin, die kollektiven Verletzungen unserer Gesellschaft, die durch das Patriarchat, den Kapitalismus, die Sklaverei, die Kolonialisierung und Neokolonialisierung verursacht wurden, zu heilen.

In ihrer Beziehung zu Pflanzen wird Awa Fall Diops Kritik an den bestehenden Macht- und Wirtschaftssystemen greifbar. „Mein aktivistisches Engagement besteht darin, die kollektiven Verletzungen unserer Gesellschaft, die durch das Patriarchat, den Kapitalismus, die Sklaverei, die Kolonialisierung und Neokolonialisierung verursacht wurden, zu heilen“, erklärt sie mir im Gespräch. Auch ohne sich ausdrücklich auf den Ökofeminismus zu berufen, versteht sie nachhaltige Pflanzenpflege und agrarökologische Methoden dabei als feministische Praktiken des Widerstands. Gärtnern bedeutet für sie nicht, sich von der Welt zurückzuziehen, sondern die Materie des Lebens selbst mit den Händen in der Erde zu bearbeiten – einer Erde, die von derselben Gewalt durchzogen ist wie Körper und Gesellschaften. 

Säen, gießen, Setzlinge ziehen, kompostieren, bedrohte Arten bewahren – in dieser alltäglichen Praxis verbindet Awa Fall-Diop Feminismus, ökologische Verantwortung und soziale Gerechtigkeit. Sie findet darin Antworten auf die soziopsychologischen Verletzungen feministischer Arbeit ebenso wie auf die ökologischen Verwüstungen der Gegenwart.

Als Feministinnen sind wir emotional, mental und körperlich so stark belastet, dass wir Unterstützung brauchen, um neue Kraft zu schöpfen und im Kampf wirksam zu bleiben.

Ihr Garten ist dabei für sie ein Zufluchtsort, ein fast geheimes Reich, das sie mit wenigen Vertrauten teilt. Doch dieser Rückzug ist weder ein Verschwinden aus dem Kampf, noch eine Entpolitisierung. Im Gegenteil, es ist für sie eine politische Entscheidung für Sorge und Pflege – ein Raum, in dem sich die Kraft erneuert, die nötig ist, um in Kämpfen zu bestehen. „Als Feministinnen sind wir emotional, mental und körperlich so stark belastet, dass wir Unterstützung brauchen, um neue Kraft zu schöpfen und im Kampf wirksam zu bleiben“, betont Awa Fall-Diop. Pflege und Fürsorge sei deshalb kein individueller Luxus, sondern für Feminist*innen eine echte Überlebensstrategie, genau wie bei Pflanzen.

Der Garten erscheint somit als ein Ort des stillen Widerstands, ein politischer Nährboden, auf dem sich der Kampf ausruht, ohne jemals zu erlöschen. Ein Ort, den sie mit ihren Worten so beschreibt: „Bei der Gartenarbeit, bin ich in einem Zustand der Ruhe und Entspannung, der es mir ermöglicht, über die Erfordernisse unseres Kampfes besser nachzudenken”. Ein Ort, an dem man sich nicht exponiert, sondern sich vorbereitet. An dem man lernt, Rhythmen zu respektieren, das Warten anzunehmen und mit seiner Umwelt zu arbeiten, statt sie beherrschen zu wollen.

Awa Fall-Diops Beziehung zu Pflanzen ist aber auch eng mit der Erfahrung von Verlust und Verletzlichkeit verbunden. Nach dem Tod ihres Ehemannes, der für sie weit mehr war als ein Lebensgefährte, sondern auch ein wichtiger politischer Mitstreiter, durchlebte sie eine Phase der „Vordepression“. Auf der Suche nach Unterstützung wandte sie sich der ayurvedischen Medizin zu und hielt sich in einem Zentrum in Kerala, Indien, auf, umgeben von einem Wald voller Heilpflanzen.

„Garab“: Wenn Pflanzen und Heilung dasselbe Wort sind

In diesem Wald erfolgt die Heilung über das Zuhören: eine Pflanze auszuwählen, die „spricht”, bedeutet zu lernen, auch dem zuzuhören, was in einem selbst beschädigt wurde, ohne den Willen zu leben aufzugeben. Ein Blatt oder eine Blüte wird gesammelt, zerkleinert, verarbeitet; so wie unsere Körper berührt, massiert, begleitet werden. Die Pflanzen werden so zu Vermittlerinnen eines Heilungsprozesses. Diese Erfahrung prägt nachhaltig ihre Beziehung zum Lebendigen: Seit ihrer Rückkehr aus Indien vertieft sie diese Praxis der Heilung durch Pflanzen, indem sie anbaut, pflanzt und wachsen lässt. 

Zugleich macht sie darauf aufmerksam, dass sich diese Verbindung von Pflanze und Heilung bereits in der Sprache widerspiegelt: Im Wolof bezeichnet dasselbe Wort „garab“ sowohl die Pflanze als auch das Heilmittel. Heilung ist damit nicht etwas Äußerliches, sondern dem Lebendigen selbst eingeschrieben. Pflanzen sind für Awa Fall-Diop daher weit mehr als Mittel zur Wundpflege. In ihrem Denken stehen sie für eine bestimmte Art, Politik zu verstehen und zu praktizieren: als etwas, das wächst, weitergegeben wird und auf Beziehungen beruht. Über Pflanzen vermittelt sie Kampf, Solidarität und Wissen nicht abstrakt, sondern als etwas, das geteilt und gemeinsam getragen wird. „Feminismus ist auch eine Bewegung des Teilens“, sagt sie – des Teilens von Wissen, von Praktiken und von dem, was man hat. In dieser Logik lässt sich die Pflege des Lebendigen weder anhäufen noch privatisieren. Sie zirkuliert, wird weitergegeben und verschenkt.

Samen, die reisen: Feminismus kennt keine Grenzen

Aus diesem Grund sah man Awa Fall-Diop anlässlich des feministischen Festivals Jootay Ji ihre Pflanzen verschenken. Eine Pflanze weiterzugeben ist für sie ein zutiefst politischer Akt. „Wenn die Teilnehmerinnen eine Pflanze mitnehmen und lernen, sich um sie zu kümmern, lernen sie zugleich, für sich selbst und für andere zu sorgen“, erklärt sie. Das Anpflanzen und Weitergeben werden so zu einer feministischen Pädagogik der Fürsorge – getragen von Achtsamkeit, Verantwortung und Kontinuität.

Dabei überschreiten ihre Pflanzen auch geografische Grenzen. Manche Pflanzen reisen mit ihr – selbst unter dem Risiko von Kontrollen, Verboten oder schmerzhaften Verlusten. Pflanzen reisen zu lassen heißt, sich der Einsperrung des Lebendigen zu widersetzen. Es bedeutet zu glauben, dass feministische Kämpfe – wie Samen – vom Wind getragen werden müssen: manchmal hart geprüft, manchmal verloren, aber stets fähig, andernorts neu zu keimen. Wie Samen können feministische Kämpfe Zeit und Räume durchqueren, sich bewegen, anderswo Wurzeln schlagen und sich je nach Kontext verwandeln.

Der Kaktus als Metapher feministischer Resilienz

Immer wieder benutzt sie in unserem Gespräch bestimmte Bilder von Pflanzenarten, um feministische Erfahrungen von Widerstand, Verletzlichkeit und Ausdauer anschaulich zu machen. Der Kaktus ist dabei für Awa Fall-Diop eine zentrale Metapher feministischer Resilienz. „Der Kaktus erträgt jede Form von Misshandlung, ohne zu sterben“, erklärt sie. „So wie Frauen, die alle Formen von Unterdrückung aushalten und dennoch weiterleben. Und wenn man ihm zu nahekommt, erinnert der Kaktus daran, dass er Stacheln hat.“

Wenn wir verstehen, dass der Moment, in dem wir kämpfen, nur eine Phase eines historischen Dramas ist, dann wissen wir, dass nicht alle Probleme in dieser Phase der Geschichte gelöst sein werden.

Der Jasmin hingegen lehrt uns Geduld, eine ganze Jahreszeit lang zu warten, ohne sicher zu sein, dass er blühen wird. So erzählt sie: „Ich dachte, mein Jasmin sei abgestorben. Und eines Tages, nach dem Regen, sah ich ein wenig Grün sprießen. Das hat mich gelehrt, dass das, was wir für machtlos halten, eine außergewöhnliche Kraft in sich bergen kann.“ Wenn er tot und verdorrt scheint, genügt manchmal schon ein wenig Regen, damit das Grün wieder zum Vorschein kommt. Der Vergleich erinnert uns daran, dass das Ausbleiben unmittelbarer Ergebnisse im feministischen Kampf nicht zur Entmutigung führen soll. Wie Awa Fall-Diop betont: „Wenn wir verstehen, dass der Moment, in dem wir kämpfen, nur eine Phase eines historischen Dramas ist, dann wissen wir, dass nicht alle Probleme in dieser Phase der Geschichte gelöst sein werden.“ Wie sie uns eindringlich in Erinnerung ruft: „Geduld ist eine Tugend des Feminismus, ohne die es keine Hoffnung gibt.“

Schließlich lädt das Bild der Blüte dazu ein, über die Reifung des Feminismus nachzudenken: jene Zeit, in der das lange vor uns Gesäte zu wachsen beginnt, aufblüht und schließlich Früchte trägt. „Ich habe nicht nur die Zeit der Blüte erlebt, sondern – wenn man so will – auch die Zeit der Früchte des Feminismus“, sagt Awa Fall-Diop. Damit meint sie weniger konkrete politische Errungenschaften wie das Maputo-Protokoll, das Paritätsgesetz im Senegal oder die Kriminalisierung von Vergewaltigung. Vielmehr verweist sie auf das Entstehen und Zusammenwirken unterschiedlicher Generationen von Feministinnen. „Dass wir heute hier sind, in unterschiedlichem Alter, ist die Frucht eines jahrzehntelangen Feminismus“, betont sie. Awa Fall Diop Lebensweg steht exemplarisch für beide Phasen: die Zeit des Blühens, in der Wege eröffnet, Impulse gesetzt und Anfänge gemacht werden, und die Zeit der Fruchtbildung, in der neue Generationen sichtbar werden und den Kampf weitertragen.

Eine Ethik des Kämpfens, die den Rhythmen des Lebendigen folgt

Awa Fall-Diop in ihrem Garten zu beobachten bedeutet, ihr feministisches Engagement neu zu verstehen: zu sehen, wie ein Kampf gepflegt, gegossen und geschützt wird – und wie er sich manchmal brachlegen lässt, um neue Kraft zu sammeln. Ihre Liebe zu Pflanzen zeugt von ihrer Beharrlichkeit und ihrer Fähigkeit, den Kampf als lebendigen Prozess zu betrachten. Genau darin liegt auch der Kern dessen, was mit dem Anne-Klein-Frauenpreis gewürdigt wird: nicht allein sichtbare politische Erfolge, sondern eine Ethik des Kämpfens, die den Rhythmen des Lebendigen folgt und dem langsamen, nachhaltigen Wachstum von Frauenbewegungen Rechnung trägt. Für jüngere Generationen von Feministinnen ist dies eine klare Erinnerung an das Wesentliche: Kämpfen heißt auch pflegen.


Dieser Text wurde zuerst auf Französisch veröffentlicht.

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