Wessen „Indo-Pazifik“? Warum die Zivilgesellschaft immer wichtiger wird

Analyse

Während politische Entscheidungsträger den Indo-Pazifik als Spielfeld globaler Machtpolitik entwerfen, sind es die Zivilgesellschaften der Region, die sich mit der Verteidigung von Demokratie, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Von Manila bis Jakarta, von Bangkok bis Kuala Lumpur sind zivilgesellschaftliche Organisationen zwischen schwindenden Freiheiten, unbeständiger Finanzierung und zunehmender geopolitischer Rivalität gefangen.

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Der Indo-Pazifik ist nicht nur eine von Mächten gezeichnete strategische Landkarte, sondern eine gelebte Region, die von ihren Menschen geprägt wird und in der die Stimmen der Zivilgesellschaft wichtiger sind denn je.

Aus Gesprächen mit regionalen zivilgesellschaftliche Organisationen (civil society organizations, CSOs) und Expert*innen aus ganz Südostasien zeichnet sich ein klares Muster ab. Denn von Manila bis Jakarta, von Bangkok bis Kuala Lumpur geraten CSOs zunehmend unter Druck: ihre Freiheitsräume schrumpfen, ihre Finanzierung ist unsicherer denn je, und die geopolitische Rivalität zwischen den USA und China macht auch CSOs zu schaffen. Und doch bleibt ihre Arbeit zur Verankerung von Menschenrechten und regionaler Stabilität unverzichtbar.

Das Indo-Pazifik-Paradox

Der Indo-Pazifik ist zum prägenden geopolitischen Rahmen unserer Zeit geworden. Die Vereinigten Staaten propagieren einen „freien und offenen Indo-Pazifik“, um Chinas wachsenden Einfluss auszugleichen. China verfolgt mit der Belt and Road Initiative (BRI) eine Agenda der staatlich gelenkten Entwicklung. Auch Europa versucht mitzumischen: Die Indo-Pazifik-Strategie der Europäischen Union von 2021 sowie die politischen Leitlinien Deutschlands betonen Multilateralismus, Diversifizierung und eine regelbasierte Ordnung.

Wir lehnen Demokratie oder Rechte nicht ab, aber wir lehnen es ab, als Werkzeuge im strategischen Spiel anderer missbraucht zu werden.

Für die Zivilgesellschaft in Südostasien ist diese Sprache jedoch oft fremd und problematisch. Viele CSOs empfinden den „Indo-Pazifik“ als externes Etikett – eines, das sie zu Stellvertretern in einem Machtkampf machen könnte, den sie sich nicht ausgesucht haben. In Ländern, in denen ausländische Finanzierung politisch sensibel ist, kann die offene Übernahme von Indo-Pazifik-Narrativen schnell den Vorwurf westlicher Parteinahme oder einer anti-chinesischen Agenda nach sich ziehen. „Wir lehnen Demokratie oder Rechte nicht ab“, sagte eine Aktivistin aus den Philippinen, „aber wir lehnen es ab, als Werkzeuge im strategischen Spiel anderer missbraucht zu werden.“

Dieses Paradox prägt die zivilgesellschaftliche Realität der Region. Die geopolitische Aufmerksamkeit bringt Ressourcen und Sichtbarkeit, politisiert aber zugleich die Akteure. Wie kann die Zivilgesellschaft von der erneuten Fokussierung auf die Region profitieren, ohne instrumentalisiert zu werden?

Schrumpfender Raum, wachsende Risiken

In ganz Südostasien verengt sich der zivilgesellschaftliche Raum. Regierungen greifen zunehmend auf nationale Sicherheitsgesetze, Anti-Terror-Maßnahmen und digitale Überwachung zurück, um Dissens zu kriminalisieren. Auf den Philippinen sehen sich Aktivist*innen dem sogenannten Red-Tagging ausgesetzt – öffentlichen Anschuldigungen kommunistischer Sympathien, die häufig zu Einschüchterung oder Gewalt führen. In Thailand werden Protestführende unter Majestätsbeleidigungs- und Aufstandsgesetzen verfolgt. In Malaysia bleibt die Versammlungsfreiheit weiterhin stark eingeschränkt. Und in Indonesien, einst als demokratisches Erfolgsmodell gefeiert, deutet die wachsende Intoleranz gegenüber Kritik auf einen beunruhigenden Rückschritt hin.

Diese Entwicklungen sind nicht neu, doch sie haben sich verstärkt. Befragte aus allen Ländern verwiesen auf einen Trend der „Versicherheitlichung“, bei dem Themen wie Migration, Geschlechtergerechtigkeit oder Umweltschutz zu Sicherheitsbedrohungen umgedeutet werden. „Wenn alles zur Sicherheitsfrage wird“, bemerkte eine malaysische Aktivistin, „bleibt kein Raum mehr für Zivilgesellschaft.“ Das Ergebnis ist ein Umfeld, in dem Menschenrechtsaktivist*innen unter ständigem Verdacht stehen, während die Kosten für bürgerschaftliches Engagement von Jahr zu Jahr steigen.

Die Finanzierungsfalle

Parallel zur politischen Einengung kollabiert der finanzielle Spielraum der Zivilgesellschaft. Der Rückzug der USA unter der Trump-2.0-Administration hat die Region hart getroffen. Zahlreiche CSOs, die auf USAID oder US-nahe Stiftungen angewiesen waren, sahen sich mit abrupten Mittelkürzungen konfrontiert – mit Entlassungen und Projektabbrüchen als unmittelbare Folge. Europäische und nordische Geber, darunter Deutschland, haben wichtige Puffer bereitgestellt, doch ihre Ressourcen sind begrenzt und werden zunehmend durch globale Krisen wie den Krieg in der Ukraine oder den Konflikt in Gaza beansprucht.

Das Geld fließt – aber nicht zu uns, sondern über uns hinweg.

Selbst vergleichsweise kleine europäische Förderungen, so betonten Gesprächspartner*innen, können enorme Wirkung entfalten. Eine Befragte aus den Philippinen, die mit Partnern in Laos arbeitet, berichtete, dass gerade solche Beiträge fragile lokale Organisationen am Leben hielten. Dennoch bleibt europäische Förderung insgesamt unberechenbar und administrativ anspruchsvoll – häufig zugänglich vor allem für größere, urbane NGOs. Alternative Geldgeber bieten kaum Abhilfe. Japans Entwicklungszusammenarbeit priorisiert Infrastruktur und technische Kooperation, selten (Menschen-)Rechte. Chinas regionale Finanzierung unterstützt staatlich gelenkte Projekte mit schwachen sozialen Schutzmechanismen und nahezu ohne Einbindung unabhängiger CSOs. Wie es ein indonesischer Aktivist formulierte: „Das Geld fließt – aber nicht zu uns, sondern über uns hinweg.“

Die Folgen sind vor Ort sichtbar. Lokale Gemeinschaften, die sich gegen schädliche Infrastrukturprojekte wehren – ob ausländisch finanziert oder national –, sind oft auf chronisch unterfinanzierte lokale NGOs angewiesen. Diese Gruppen sind nicht entwicklungsfeindlich; sie fordern lediglich, dass Wachstum Rechte, Arbeitsstandards und ökologische Grenzen respektiert. In diesem Sinne ist Zivilgesellschaft kein Hemmschuh, sondern ein stabilisierender Faktor für verantwortungsvolle und inklusive Entwicklung.

Zivilgesellschaft als stabilisierende Kraft

So bleibt die Zivilgesellschaft eine der wenigen stabilisierenden Kräfte in einer Region, die von demokratischem Rückschritt und geopolitischer Spannung geprägt ist. CSOs vermitteln zwischen Staat und Gesellschaft, verhindern die Eskalation lokaler Konflikte und legen Korruption oder Umweltzerstörung offen, bevor sie außer Kontrolle geraten. Damit sichern sie jene Stabilität, die Indo-Pazifik-Strategien rhetorisch anstreben. 

Zivilgesellschaften sichern jene Stabilität, die Indo-Pazifik-Strategien rhetorisch anstreben.

Indonesien etwa, oft als demokratische „Mittelmacht“ beschrieben, verdankt seinen NGOs zentrale Beiträge in den Bereichen Wahlbeobachtung, Korruptionsbekämpfung und Arbeitsrechte – Leistungen, die sowohl die innenpolitische Legitimität als auch die regionale Glaubwürdigkeit stärken. Auf den Philippinen ermöglichen Netzwerke, die Aktivist*innen mit Wissenschaftler*innen verbinden, evidenzbasierte Advocacy gegen Repressionen. In Thailand experimentieren jüngere Aktivist*innen mit hybriden Modellen aus Sozialunternehmen, Bildungsarbeit und Kunstaktivismus, um handlungsfähig zu bleiben. In Malaysia agiert die Zivilgesellschaft vorsichtig, aber beharrlich und konzentriert sich innerhalb enger rechtlicher Grenzen auf Transparenz, Korruptionsbekämpfung und soziale Gerechtigkeit.

Diese Beispiele zeugen nicht von Schwäche, sondern von Resilienz. CSOs passen sich an, diversifizieren ihre Finanzierung und justieren ihre Narrative – oft unter erheblichem Risiko. Sie verkörpern das, was eine Gesprächspartnerin als „kleine Akte der Stabilität“ bezeichnete, die zusammengenommen das demokratische Gefüge der Region zusammenhalten.

Europas Rolle neu denken

Für die EU und Deutschland ist die Lehre klar: Zivilgesellschaft muss als zentrale Säule des Engagements verstanden werden, nicht als Randnotiz.

Europäische Strategien setzen weiterhin auf Konnektivität, Handel und sicherheitspolitische Kooperation, während Menschenrechte und Demokratie häufig nachgeordnet bleiben. Zivilgesellschaft wird allzu oft erst im Nachhinein berücksichtigt. Das muss sich ändern. Die Stärkung zivilgesellschaftlicher Akteure ist kein moralischer Luxus, sondern ein praktischer Beitrag zu regionaler Stabilität, Konfliktprävention und nachhaltiger Entwicklung.

Notwendig ist ein Wechsel von kurzfristigen Projekten zu langfristigen Partnerschaften. CSOs können nicht planen, wenn Förderzyklen nur zwölf Monate umfassen; sie benötigen mehrjährige, flexible Unterstützung, um Expertise zu halten und strategisch zu arbeiten. Solche Modelle würden insbesondere kleineren Organisationen helfen, politische Schocks zu überstehen und Abhängigkeiten von volatilen Geldgebern zu vermeiden. Zugleich sollten Zugangs- und Compliance-Anforderungen vereinfacht werden, damit europäische Förderung auch kleinere lokale Organisationen erreicht und nicht auf große, professionalisierte NGOs in Hauptstädten konzentriert bleibt.

Der Schutz von Menschenrechtsverteidiger*innen muss ebenfalls zu einem Kernbestandteil europäischen Engagements werden. In ganz Südostasien sehen sich Aktivist*innen Einschüchterung, digitaler Überwachung und konkreten Bedrohungen ausgesetzt. Schnellreaktionsmechanismen, Rechtsbeistand, Umzugsunterstützung und psychosoziale Betreuung sollten ausgebaut und lokal verankert werden. Bestehende europäische Schutzinstrumente lassen sich über regionale Partnerschaften mit vertrauenswürdigen CSO-Netzwerken an die Realitäten Südostasiens anpassen.

Ebenso wichtig ist die Stabilisierung regionaler Plattformen für Menschenrechte und Demokratie. Diese Netzwerke ermöglichen grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Wissensaustausch und ermöglichen die Anbindung von Akteuren aus restriktiven Kontexten an den globalen Menschenrechtsdiskurs. Gezielte institutionelle Unterstützung durch die EU und Deutschland würde verhindern, dass diese Strukturen durch Gebermüdigkeit oder externe Krisen ausgehöhlt werden.

Schließlich muss Europa Menschen- und Arbeitsrechte systematisch in alle Bereiche seines Engagements integrieren – von Handelsabkommen bis zu Lieferkettenpartnerschaften. Wirtschaftliche Kooperation ohne Rechte droht Ungleichheit und soziale Spannungen zu verfestigen. Die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure würde nicht nur die Rechenschaftspflicht stärken, sondern auch Europas spezifischen Beitrag zur regionalen Governance sichtbar machen: einen Ansatz, der Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht Macht.

Jenseits der Geopolitik

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Die Zivilgesellschaft bittet weder um Mitleid noch um Bevormundung, sondern um Partnerschaft. Die interviewten Aktivist*innen, Pädagog*innen und Gemeindeführer*innen lehnen internationale Zusammenarbeit nicht ab; sie fordern lediglich Respekt für ihre Handlungsmacht. Wie ein indonesischer Gesprächspartner sagte: „Wir brauchen keine Geldgeber, die für uns sprechen – wir brauchen solche, die zuhören.“

Wenn Europa seinen Ansatz in der regionalen Geopolitik von der Logik der Großmachtrivalität abheben will, kann es dies tun, indem es jene unterstützt, die Demokratie am Leben halten, wenn Institutionen versagen, und jene finanziert, die Umwelt verteidigen, wenn Regierungen wegsehen. Das ist kein Soft-Power-Luxus, sondern eine strategische Notwendigkeit.

Geopolitik ist letztlich mehr als eine Karte von Seewegen oder Lieferketten. Sie ist eine gelebte Realität, geprägt von Gemeinschaften, die täglich für Würde, Rechte und Überleben kämpfen. Zivilgesellschaft ist das verbindende Gewebe, das diese Möglichkeit aufrechterhält. Sie zu stärken heißt, die Region zu stärken. Sie zu vernachlässigen bedeutet, zuzusehen, wie die Region zu einem Schauplatz staatlicher Rivalität ohne Bürger wird.

Für Europa und Deutschland ist dies der Moment der Entscheidung: Welche regionale Ordnung wollen sie mitgestalten – eine, die von Rivalität bestimmt ist, oder eine, die auf Resilienz beruht?


Disclaimer: Diese Veröffentlichung wurde mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung erstellt. Die darin enthaltenen Ansichten und Analysen sind die des/der Autor*in und geben nicht unbedingt die Meinung der Stiftung wieder. Der/die Autor*in haftet für etwaige Haftungsansprüche aufgrund von Urheberrechtsverletzungen bei verwendeten Grafiken, Fotos, Bildern, Audio- und Textmaterialien. 

Khoo Ying Hooi, PhD, ist Associate Professor an der Universiti Malaya. Dieser Beitrag basiert auf dem Forschungsprojekt „Geopolitics in the Indo-Pacific and the Role of Southeast Asian CSOs“, unterstützt von der Heinrich-Böll-Stiftung (hbs).

Das vollständige E-Paper in englischer Sprache können Sie hier herunterladen oder in ein Gespräch zu dem Paper mit der Autorin reinhören.


Dieser Artikel erschien zuerst beim Büro Südostasien der Heinrich-Böll-Stiftung. Der Text wurde automatisch mit DeepL aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. 

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