Berlin 2026: Wahl des Abgeordnetenhauses und der Bezirksverordnetenversammlungen

Wahlanalyse

Die Wahl ist Ausdruck einer Disruption, die Ränder erstarken, die Mitte erodiert. Überraschend deutlich wird die Linke stärkste Kraft. Ihr Wahlziel verpassen die Grünen, verlieren wichtige Bezirke, spielen aber eine zentrale Rolle in der Regierungsbildung.

Karte von Berlin, daneben Wahlurne „2026“; Hand wirft Stimmzettel ein, rotes Kreuz sichtbar.

Die Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den zwölf Bezirksverordnetenversammlungen sind Ausdruck einer Disruption und spiegeln den Wunsch nach Veränderung wider: Bei einer klar gestiegenen Wahlbeteiligung und dem erstmaligen Wahlrecht für 16- und 17-Jährige wurden die politischen Ränder klar gestärkt, die Mitte geschwächt. Wie zuletzt in Sachsen-Anhalt sind dabei insbesondere die jüngeren und mittleren Wählergruppen für die politischen Ränder ansprechbar, die Mitte ist durch eine Überalterung ihrer Kernwählerschaft zunehmend gefährdet.

Auf Landesebene wird die Linke mit 25,7 Prozent (+13,4 Prozentpunkte) mit Abstand stärkste Kraft, die AfD mit 16,3 Prozent (+7,2 Prozent) dritte Kraft im Land. Die bislang regierende CDU (18,8 Prozent / -9,5 Prozent) und ihr Koalitionspartner SPD (12,1 Prozent / -6,3 Prozent) verlieren massiv. Die bislang oppositionellen Grünen verlieren klar (14,3 Prozent / -4,1Prozent), in wichtigen innerstädtischen Bezirken verlieren sie zudem die kommunale Hegemonie an die Linke. Der Wahlkampf war von Krisen und Skandalen sowie einem schwachen Personalangebot geprägt; thematisch dominierte die Wohnungspolitik, vor allem die Frage der Enteignung, aber auch Themen wie Migration, innere Sicherheit und der Nahostkonflikt wurden teils instrumentalisiert und/oder bewegten die Wähler:innen. Im Wahlergebnis zeigen sich klare räumliche Unterschiede zwischen innen und außen sowie den westlichen und östlichen Randbezirken. Die Regierungsbildung erfordert Kompromisse; inwieweit die künftige Regierung die gesamte Stadt abbildet, wird sich zeigen.

Landtagswahl in bundespolitischem Stimmungsumfeld

Die Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den zwölf Bezirksverordnetenversammlungen waren klar in die bundespolitische Stimmung eingebettet. Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung und ein Bundeskanzler im Umfragetief sind für die CDU-SPD-Landesregierung keine Unterstützung. Die bundesweite Grundstimmung einer Wirtschaftsnation im Niedergang passt zu einer problemzentrierten Wahrnehmung der Stadt, selbst wenn zwischenzeitlich Verbesserungen erreicht wurden. Die Debatte um Treibstoffpreise ergänzt die Berliner Mietendebatte, beides Symbole steigender Lebenshaltungskosten und damit Ausgangspunkt eines klaren Veränderungswunsches in Teilen der Wählerschaft. Die starke Polarisierung, wie sie zuletzt in Sachsen-Anhalt sichtbar wurde, findet ihr Gegenstück in einem hochgradig segmentierten Parteien- und Wählermarkt. Und doch ist die Berlin-Wahl klar landespolitisch geprägt, weder die Strukturen des Parteienwettbewerbs noch der Wahlkampf entsprechen im Grundmuster den anderen aktuellen Landtagswahlen, zu spezifisch ist die Ausgangslage im Stadtstaat Berlin.

Skandale und Krisen im Wahlkampf

Bemerkenswert ist die Vielzahl an Skandalen und Krisenlagen, die die Monate vor der Wahl begleiteten, u.a.: akute infrastrukturelle Krisen, insbesondere ein mehrtägiger Stromausfall, was letztlich zum Rückzug des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner von der CDU-Spitzenkandidatur und der kurzfristigen Kandidatur von Finanz- und Interims-Kultursenator Stefan Evers für das Spitzenamt führte und der CDU einen Neustart im Wahlkampf ermöglichte; CSD-Anschlag, aber auch Gewaltkriminalität und Schießereien sowie über 500 wahlkampfbezogene Straftaten, was insgesamt die Debatte um die innere Sicherheit antreibt; offener Antisemitismus in relevanten Parteigliederungen der Linken, verbunden mit einer strategischen Instrumentalisierung des Nahostkonflikts zur Mobilisierung bestimmter Wählermilieus, was zu einer Polarisierung der Stadtgesellschaft führt und den Konflikt aktiv in die Stadt trägt; Hausdurchsuchung beim SPD-Spitzenkandidaten kurz vor der Wahl, aber – in anderer Sache – auch bei einem Mitarbeiter der AfD-Spitzenkandidatin. Durch diese Vielzahl an Vorfällen und die jeweils spezifischen Kontexte bleibt der Effekt der einzelnen Krisen aber eher gering, letztlich ist nicht valide erkennbar, in welchem Umfang welche Partei hier übermäßig profitiert oder verliert. Am relevantesten dürften jedoch der kurzfristige Wechsel des CDU-Spitzenkandidaten und das pro-palästinensische Mobilisierungspotenzial der Linken gewesen sein.

Wenig Strahlkraft, keine dominierende Kandidatur, klare Segmentierung: Personalangebot in allen Parteien unterdurchschnittlich

Auffällig ist in diesem Wahlkampf die vergleichsweise stabile Segmentierung des Berliner Parteienwettbewerbs: Seit Jahresbeginn verlor die CDU in den Umfragen so weit an Zustimmung, dass Grüne und Linke durch eigene Zuwächse in einen wechselhaften, aber keineswegs überdynamischen Wettbewerb um die Führung eintreten konnten, während die SPD in diesem Rennen nie ernsthaft an die drei Mitbewerber herankam und die AfD zwar in den Umfragen in etwa gleichauf lag, jedoch ohne Regierungsperspektive eine Sonderrolle einnahm.

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang das Personalangebot: Nach dem kurzfristigen Rückzug des weithin bekannten (zugleich mehrheitlich negativ bewerteten) Amtsinhabers Kai Wegner von der CDU-Spitzenkandidatur ist bis zuletzt keine:r der Spitzenkandidat:innen den Berliner:innen mehrheitlich bekannt. Dazu kommt, dass die Spitzenkandidat:innen kaum über die eigene Partei hinaus Überzeugungskraft entwickeln. Über alle Parteien hinweg ist das Personalangebot damit selbst für eine Landtagswahl unterdurchschnittlich, was Bekanntheit und Überzeugungskraft anbelangt. Die Folge dieses Personaltableaus: Von den Kandidat:innen sind die Berliner:innen nicht überzeugt. Weder Elif Eralp (Linke) noch Stefan Evers (CDU) oder Werner Graf (Grüne) werden im Vorfeld der Wahl als potentiell „gute:r Bürgermeister:in“ bewertet (Eralp: 23, Evers: 22, Graf: 11 Prozent), deutlich mehr widersprechen (je 33 bzw. 30 Prozent; Infratest dimap). Dies ändert sich bis zum Wahltag nicht: So war etwa nur für 15 Prozent der Linken-Wählenden die Spitzenkandidatin der Hauptgrund für die Wahlentscheidung.

In dieser Lage ist das Rennen um die Regierungsführung lange offen. Strategisch plausibel und kommunikativ naheliegend gelingt es dann aber Linke und CDU, die Wahl zu einem vermeintlichen Rennen um die Rathausspitze zu verdichten, da sie für verschiedene Koalitionsmodelle im Sinne einer Richtungsentscheidung stehen und zudem in einem zentralen Konfliktthema (Vergesellschaftung/Enteignung) dezidierte Gegenpositionen vertreten. Grünen und SPD gelingt es in dieser bis zu diesem Zeitpunkt selbst verschuldeten strategischen Lage nicht, die notwendige Zugkraft zu entwickeln. Weder SPD noch Grüne verfügen über einen in dieser Situation notwendigerweise herausragenden, überparteilich attraktiven Spitzenkandidaten, der als Person die durchaus herausfordernde Sandwich-Position der beiden Parteien kompensieren (oder sogar strategisch beantworten) könnte: Beide Parteien werden für beide Koalitionsvarianten gebraucht – die Frage, wer also die künftige Landesregierung führt, entscheidet sich vermeintlich zwischen CDU und Linken, und damit kann im Wahlkampf kommunikativ auf die Frage Eralp vs. Evers verdichtet werden. Den Grünen gelingt es in dieser Lage nicht, eine klare Antwort auf die Frage zu entwickeln, was den Unterschied einer grün geführten Regierung ausmachen würde; zudem wird in der Kampagne und mit dem Ansatz, mit einem „Spitzenduo für Berlin“ in die Wahl zu gehen, nur bedingt ein Führungswille erkennbar.

Diese Problemlage ist im Ergebnis weit in die Parteiwählerschaft hinein erkennbar: Nur Eralp und Evers werden von der eigenen Anhängerschaft als potenziell überzeugende:r Regierende:r Bürgermeister:in gesehen (mit je 60 Prozent), der grüne Spitzenkandidat wird auch in der eigenen Parteianhängerschaft weit weniger klar gestützt. Nur 39 Prozent trauen ihm vor der Wahl zu, ein „guter Regierender Bürgermeister“ zu sein (und zugleich halten 34 Prozent der Grünen-Anhänger:innen Eralp bzw. 19 Prozent Evers für potenziell „gut“ geeignet). Diese geringe Unterstützung ist dabei nicht nur der Person geschuldet, sondern zugleich Ausdruck einer grünenspezifischen Konfliktlinie („Links der Mitte“ vs. „Mitte-Links“).

Ganz anders das Bild bei der bevorzugten Regierungsführung: Anhänger:innen der Linken, der Grünen und der CDU wünschen sich einhellig die Regierungsführung durch die „eigene“ Partei (90-97 Prozent Zustimmung; Infratest dimap). Zusammengeführt ist das Bild klar: Alle drei Parteien werden von der jeweiligen Wählerschaft als regierungsführende Partei faktisch einhellig präferiert, die parteieigenen Kandidat:innen hingegen überzeugten nur bedingt bis kaum, eine erweiterte Wählerschaft faktisch gar nicht. Noch Anfang September gibt über die Hälfte der Befragten an, keine:n der Spitzenkandidat:innen bei einer Direktwahl zu wählen, selbst Eralp und Evers kommen hier nur auf 13 Prozent „Direktwahl-Potential“ (Infratest dimap). Dies ändert sich nur unwesentlich bis zur Wahl, von einer mehrheitlichen Überzeugung für die eine oder den anderen in der breiteren Wählerschaft sind beide weit entfernt.

Themen segmentieren die Wählerschaft: Wohnungsmarkt vs. Innere Sicherheit vs. Flucht & Migration

Das Personalangebot spielt also keine direkt prägende Rolle in diesem Wahlkampf, wenngleich insbesondere der kurzfristige Wechsel des CDU-Spitzenkandidaten der CDU nicht nur einen Neustart in der Kampagne ermöglichte und so einen weiteren Absturz mutmaßlich verhindert hat, sondern auch dazu führte, dass die SPD-Strategie, mit einem externen realpolitischen Kandidaten gegen den unbeliebten Amtsinhaber anzutreten, nicht aufging (neben weiteren, parteieigenen Gründen). Entscheidender waren die Themen, die die skizzierte Segmentierung ebenfalls mitprägen.

In einer Stadt, in der rund 85 Prozent der Haushalte von Mietern und nur rund 15 Prozent von den Eigentümern selbst bewohnt werden, die seit Jahren von einem massiven Zuzug geprägt ist und noch weiterwachsen dürfte, ist der angespannte Wohnungsmarkt von zentraler Bedeutung – für die Menschen, aber auch im Wahlkampf. Die Problemlage ist dabei wenige Jahre nach dem Volksentscheid (2021 stimmten die Berliner:innen mehrheitlich dafür, große Immobilienunternehmen zu enteignen; die aktuellen Nachwahlbefragungen zeigen ein anderes Stimmungsbild) komplex und politisch aufgeladen: Vergleichsweise günstige Bestandsmieten erschweren den Bestandserhalt, hohe Neumieten erschweren den Wohnungswechsel und Zuzug, Wohnungsknappheit und fehlende Bauaktivitäten lassen keine Marktentspannung erwarten, und ein großer Anteil einstmals öffentlicher Wohnungsbestände wurde, zuletzt und besonders massiv vor gut 20 Jahren durch die damalige rot-rote Koalition, privatisiert.

Das Thema prägt den Wahlkampf, ist für rund ein Drittel der Berliner:innen das wichtigste Problem der Stadt, und es eignet sich ideal zur kommunikativen Polarisierung. Während die Linke klar und die Grünen gemäß einem früheren Parteibeschluss im Grundsatz durch Enteignungen Wohnungsbestände in die öffentliche Hand zurückführen möchten, stehen SPD und v. a. CDU klar gegen diese kostenträchtige Linie und setzen verstärkt auf Neubau. Dazu kommen populistische Töne in den Kampagnen, in der etwa die Linke in der Wohnungspolitik nicht nur kommunikativ vereinfacht, sondern sich etwa im zentralen Werbespot gegen das „Establishment“ und „die Vermieter“ stellt, die das vermeintliche Mitte-Rechts-Parteiennetzwerk mit Spenden versorgen, sodass man Parteien generell nicht mehr trauen könne. Auch CDU-Spitzenkandidat Evers spitzt im Wahlkampf erkennbar zu, sieht in der Linken die strategische Hauptgegnerin. Die hart geführte Debatte um die Wohnungspolitik (ergänzt um Facetten wie das Tempelhofer Feld und die Frage einer Bundesgesetzgebung gegen Enteignung) setzt den Ton und erlaubt es vor allem Linken und CDU, Aufmerksamkeit zu erlangen. Allerdings zeigen Umfragen am Wahltag bereits ein damit verbundenes Problem: Während die Wahlgewinnerin Linke hier eine klare Position bezieht, ist die Mehrheit der Berliner:innen hier mittlerweile klar ablehnend (51 zu 37 gegen Enteignung), nur Wähler:innen der Linken stehen klar hinter der Forderung nach Enteignungen. Insofern wird sich zeigen, wie dieses im Wahlkampf letztlich auch als Symbol einer Affordability–Debatte (Bezahlbarkeitsdebatte) gesetzte, populistisch wie emotional gut in der Wahlkampfkommunikation nutzbare Thema nach der Wahl regierungstechnisch weiterbearbeitet wird. Gerade diese Nutzung ist ein Kernbaustein des Linken-Wahlerfolges, die durch den jüngsten massiven Mitgliederzuwachs als vergleichsweise junge, vor allem aber aktivistisch geprägte Partei das Thema (wie auch den Nahost-Konflikt) für sich zu nutzen wusste. Darüber hinaus gelingt es der Linken, durch diese pointierte Themensetzung – und durch ihre Rolle als Oppositionspartei, deren wohnungspolitische Privatisierungsunterstützung der 2000er-Jahre mit der heutigen Partei sachlich wie personell keinen Bezug mehr hat –, ihre Kompetenzzuschreibungen bei den Wähler:innen massiv auszuweiten: Rund 37 Prozent der Berliner:innen trauen der Linken zu, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen.

Aber nicht ganz Berlin, nicht alle Berliner:innen sind gleichermaßen von dem Thema bewegt. Einerseits sind klare Parteimuster zu erkennen, andererseits klare räumliche Differenzierungen zwischen urbanem Zentrum und Peripherie, wobei der Innenstadtbereich die Wahrnehmung der Stadt ebenso prägt wie verzerrt. Dabei spiegeln sich die unterschiedlichen Lebenslagen, die unterschiedlichen Milieus und Interessen zwischen Innen- und Außenbereich klar in den entsprechenden Parteipräferenzen, was sich auch in der Mietenfrage zeigt. Während im Wahlkampf für Anhänger:innen von Linke, SPD und Grünen das Thema klar zu über 40 Prozent dominiert, hat es bei Anhänger:innen der CDU weit weniger, für Anhänger:innen der AfD kaum Gewicht. Bei Anhänger:innen der CDU spielen auch die Themen innere Sicherheit/Kriminalität sowie Flucht/Migration/Integration eine erkennbar wichtige Rolle, wohingegen die AfD vor allem mit dem Themenfeld Flucht/Migration/Integration ihre Anhänger:innen erreichen kann. Damit gibt es zwar ein das Gesamtbild prägendes, aber keineswegs ein alle Wähler:innen gleichermaßen beschäftigendes Thema dieser Wahl, zumal auch weitere Themen (Umwelt, Verkehr, Bildung, soziale Ungerechtigkeit) in einzelnen Parteianhängerschaften eine gewisse Rolle spielen.

Grüne nur vierte Kraft: Eigene Erwartungen nicht erfüllt

In Berlin ging es für die Grünen nicht nur um die Möglichkeit, mit Werner Graf neben Cem Özdemir einen zweiten Landesregierungschef zu stellen. Insbesondere in innerstädtischen Bezirken ging es im urbanen Wettstreit ums Grundsätzliche, um die Hegemonie links der Mitte, aber auch landesweit um die Hegemonie im demokratischen Lager insgesamt: Die grüne Führung vor CDU, Linken und SPD war in Berlin in den vorsommerlichen Umfragen greifbar, ein Wahlerfolg – auf deutlich niedrigerem Niveau – wie zuletzt in Baden-Württemberg (gegen die CDU) oder München (gegen die SPD) strukturell und parteienwettbewerblich plausibel.

Die Ausgangslage in Berlin dafür schien günstig: Die Rolle der Grünen als Oppositionspartei im Bund und Land eröffnete Spielräume, zumal CDU und SPD durch die unbeliebte Regierungstätigkeit im Land Berlin und im Bund im Nachteil waren, gerade die Berliner SPD – nach bald vier Jahrzehnten ununterbrochener Regierungsbeteiligung – ist geschwächt. Doch nicht nur zur Mitte, auch nach links war das Feld offen: Die Linke ist zuletzt stark gewachsen, was zu innerparteilichen Friktionen und Debatten führte. Sei es, dass Teile der Partei – auch mit Blick auf die schwierige Haushaltslage des Landes Berlin – in Frage stellten, überhaupt in Regierungsverantwortung zu gehen. Oder sei es, dass Teile der Partei klar antisemitisch agieren und kommunizieren, was von den Anhänger:innen aller anderen Parteien sehr klar als Problem gesehen wird, zumal erfahrene, weithin anerkannte ehemalige Senatoren und weitere Landespolitiker die Linke im Zuge der Antisemitismus-Konflikte verlassen haben. Somit war also in beide Richtungen Potenzial zur Abgrenzung und Herausstellung einer eigenständigen Linie erkennbar.

Und auch die eigene Lage der Grünen im Bund und den anderen Ländern erschien günstig: Die Wahlerfolge in Baden-Württemberg, München, aber auch Sachsen-Anhalt boten Erfolgsgeschichten in schwierigen Zeiten, und auch bundespolitisch konsolidierten sich die Grünen zuletzt auf solidem Niveau und waren zudem kommunikativ geschlossen, wie bereits im baden-württembergischen Wahlkampf, um die Landtagswahlerfolge nicht zu gefährden.

Die Chance auf den Wahlsieg wurde aufgrund parteieigener Entscheidungen und innerparteilicher Friktionen nicht genutzt: Die Kampagne blieb indifferent zwischen Mitregieren und Regierungsführung, zwischen Personalisierung und Doppelspitze und einem Spitzenkandidaten, dem es letztlich nicht gelang, ausreichend an Bekanntheit hinzuzugewinnen. Auch eine klare Richtungsentscheidung zugunsten einer grün geführten Mitte-Links- oder Links-der-Mitte-Koalition in Verbindung mit der – plausiblen – Idee, in einer solchen Koalition als Führungskraft zu einen, statt zu spalten, war nicht erkennbar. Die Folge: Es gelang den Grünen nicht, in der strategisch schwierigen, zugleich aber vielversprechenden Lage zwischen Linke und CDU durchzudringen. Die Partei erzielt ihr schlechtestes Wahlergebnis in Berlin seit zwanzig Jahren, zuletzt lag sie 2006 nach dem Regierungsaus im Bund mit 13,1 Prozent unter dem nun erreichten Ergebnis, das zudem unter dem aktuellen bundespolitischen Trend liegt.

Langfristig herausfordernd kann dabei werden, dass die Grünen in Berlin zugleich auch auf Bezirksebene, gerade in den innerstädtischen Bezirken, an Zuspruch verloren haben. Die einst in diesen Bezirken teils hegemoniale Großstadtpartei hat diese Rolle klar an die Linke verloren, einstige Hochburgen wie Friedrichshain-Kreuzberg (aber auch weitere Bezirke) gingen verloren. Damit verlieren die Grünen einen wichtigen kommunalen Gestaltungshebel im eng verschränkten zweigliedrigen Berliner Stadtstaat, mehr noch: Es wird auch im Rahmen einer landespolitischen Regierungsbeteiligung eine Herausforderung sein, auf Bezirks- und Landesebene gestaltungspolitische Akzente zu setzen. Denn nicht nur im Land, auch auf Bezirksebene sind die Grünen nunmehr klar geschwächt: Die Linke ist die stärkste Kraft, hat nach dem vorläufigen Endergebnis sechs der zwölf Bezirke gewonnen (CDU: vier Bezirke; Grüne: ein Bezirk, Tempelhof-Schöneberg; AfD: ein Bezirk, Marzahn-Hellersdorf). Auch diese Niederlage ist in ihren Konsequenzen erst in einiger Zeit im Detail abzusehen, da u. a. in den Bezirken nun Verhandlungen über koalitionsähnliche Zählgemeinschaften folgen und damit auch über Gestaltungsallianzen verhandelt wird.

Für die Grünen im föderalen Gefüge ist die Wahl jedoch nicht unbedingt gänzlich unerfolgreich, schließlich werden die Grünen in Berlin und auch Mecklenburg-Vorpommern bei der nun anstehenden Regierungsbildung eine zentrale Rolle spielen. Damit dürfte es den Grünen gelingen – sollten sie in beiden Ländern nun in die Regierung einziehen – ihr bundespolitisches Gewicht im Bundesrat durch die beiden Wahlen zu stärken und so als bundespolitische Opposition zumindest vorerst über die Länderkammer eine gewisse Mitgestaltungsmacht zu erzielen.

Regierungsperspektiven

Das Wahlergebnis lässt, wie im Vorfeld zu erwarten war, zwei Koalitionen zu: Eine Linkskoalition von Linke, Grünen und SPD oder eine Mitte-Links-Koalition von CDU, SPD und Grünen. Die AfD ist für keine andere Partei koalitionsfähig. Dass es damit überhaupt zwei Optionen, die zudem noch für durchaus unterschiedliche politische Leitideen stehen, gibt, ist ein bemerkenswerter demokratischer Erfolg in diesen Zeiten. Wahrscheinlicher erscheint dabei eine Koalition von Linke, Grünen und SPD: Der klare Wahlgewinn der Linken, die grundsätzlich eher linke Ausrichtung der Berliner Grünen (die bereits im Wahlkampf die CDU in die Opposition schicken wollten) und eine geschwächte SPD, die zudem wichtige realpolitische Personen zuletzt verloren oder abgestraft hat: All dies lässt eine Linkskoalition wahrscheinlicher werden. Und doch: Die Koalitionsverhandlungen dürften schwierig werden, denn für beide Varianten – Linke, Grüne, SPD oder CDU, Grüne, SPD – bestehen inhaltliche Konflikte, die es zu verhandeln gilt. Schlüsselfragen sind mit Blick auf die beiden Koalitionsoptionen die Themen, anhand derer sich Grüne und SPD für oder gegen die eine oder andere Koalitionsoption entscheiden dürften. Die SPD steht etwa in der Wohnungspolitik weit stärker in der Mitte, lehnt Enteignungen überwiegend ab, hat aber gerade in sozialpolitischen Fragen klare Differenzen zur CDU (bspw. kostenloses Schulessen, Schülerticket). Die Grünen hingegen liegen in der Verkehrspolitik, einem für die grünen Wähler:innen vergleichsweise wichtigen Themenfeld (in dem die Grünen zudem die höchste Kompetenzzuschreibung aller Parteien verzeichnen), klar im Dissens mit der CDU, und stehen in Berlin überwiegend der Linken näher, zugleich dürfte gerade die Antisemitismus-Frage hier eine wichtige Rolle spielen, aber auch die in der Wählerschaft nunmehr überwiegend kritische Haltung zur Enteignungsfrage.

Damit ist die Frage der Koalitionsbildung nun eine klar inhaltliche Entscheidung zwischen zwei Optionen, sie ist in der Tat eine Richtungsentscheidung für das Land, die dann aber auch im Regierungsalltag gelingen muss. Die Koalitionsentscheidung wird aber auch darüber entscheiden, ob die künftige Landesregierung und ihre Wähler:innenbasis stark innerstädtisch geprägt sein wird oder das gesamte Stadtgebiet abbildet, und wie es gelingt, die segmentierte, teils sogar polarisierte Stadtgesellschaft wieder zusammenzuführen. Auch dies eine für die Zukunft der Stadt wichtige, wenngleich bislang nur am Rande beachtete Dimension der Koalitionsbildung.

Zum Warenkorb hinzugefügt: