Begegnungsreise nach Israel und Palästina 2009

Blick über Jerusalems Altstadt mit dem Felsendom im Zentrum, Stadtmauer, Bäumen sowie dicht bebauten Wohn- und Hochhausvierteln.

Politische Begegnungsreise nach Israel und Palästina im März 2009

Text: Uwe Günther, Sybille Volkholz

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Freundinnen und Freunde der Heinrich-Böll-Stiftung (Gremienmitglieder, Vertrauensdozentinnen sowie andere überwiegend in Politik, Verwaltung und Wissenschaft Tätige) fuhren nach Israel und Palästina, um die Stiftungsarbeit vor Ort kennen zu lernen und in Gesprächen, Diskussionen und Besichtigungen ein tieferes Verständnis der aktuellen politischen Entwicklungen zu erlangen. Die Reise fiel sieben Wochen nach dem Gaza-Krieg und drei Wochen nach den Knesset-Wahlen in die Zeit der israelischen Regierungsbildung und der Verhandlungen der Hamas und der Fatah über eine Einheitsregierung. Der Nahost-Konflikt und die weitere politische Entwicklung standen somit im Zentrum der Gespräche mit israelischen und palästinensischen PartnerInnen der Stiftung, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und JournalistInnen. In deren Verlauf vermittelten sich immer mehr Facetten des Konflikts und der verschiedenen Perspektiven darauf und die Bedingungen und Hindernisse für eine Zwei-Staaten-Lösung oder einen multinationalen Staat wurden deutlich.

Ankunft in Tel Aviv 

Wer das erste Mal nach Israel/Palästina fährt, ist in Wahrheit schon mehrfach dort gewesen: In der Kirche und der Schule sind uns biblische Geschichten erzählt worden. Bilder der Altstadt von Jerusalem, Bilder von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern, Bilder von Terroranschlägen, Badende im Toten Meer, die Zeitung lesen; ungezählte, erfolglose Friedensverhandlungen haben uns zu jeder Menge Bewertungen und Urteilen geführt, von denen wir aber nicht wissen, ob sie auf begründeten Annahmen oder bloßen Vorurteilen beruhen. Jeder Besuch nach Israel/Palästina wirft deswegen immer wieder die Frage auf: Was sehen wir eigentlich, wenn wir offenen Auges die Region besuchen?

Aus dem schneebedeckten Deutschland kommend empfängt uns in brütender Hitze Tel Aviv. Tel Aviv ist lärmend und die Stadtentwicklung chaotisch. Die Stadtsilhouette wird geprägt durch Hochhäuser und eine traumhafte Lage am Mittelmeer. Die Preise für die darin befindlichen Eigentumswohnungen sind exorbitant hoch und die Mietpreise übersteigen die Mieten in Deutschland um ein Vielfaches. Das Auseinanderdriften von Arm und Reich ist in der Stadt sichtbar. Von den Ursprüngen der 1909 gegründeten Stadt ist nur wenig erhalten. Nach Süden setzt sich Tel Aviv fort nach Jaffa, das zum Teil mittelalterlich geprägt ist und in der einst der osmanische Gouverneur residierte. In den beschaulichen Gassen sehen wir mehrfach Hochzeitspaare, die sich hier fotografieren und filmen lassen. Der mittelalterliche, gut renovierte Stadtkern bietet dafür eine romantische Kulisse, die kontrastiert mit der Realität Tel Avivs. 

Die Gespräche mit Intellektuellen im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung machen sehr deutlich, wie sehr die Wahrnehmung israelischer Positionen von der je unterschiedlichen Wahrnehmung deutscher Geschichte geprägt ist. Amos Goldberg zeigt an Hand mehrerer Beispiele, wie sich israelische Positionen quasi seitenverkehrt in Deutschland widerspiegeln. Die große Gewichtung der Verantwortung der Täter wie auch der Zeitzeugen ist in Deutschland ein Zeichen von Geschichtsbewusstsein und Empathie, in Israel kann es Ausdruck einer nationalistischen Opfermentalität und damit exakt das Gegenteil bedeuten. Der Soziologe Zuckermann provoziert und polarisiert mit seiner Bewertung der Aussage von der Bundeskanzlerin „Die Sicherheit Israels ist Teil unserer Staatsraison!“ als Satz ohne Inhalt. Er sieht im übrigen Israel in der Sackgasse zwischen der Zwei-Staaten-Lösung, die immer unrealistischer wird und der Ein-Staaten-Lösung, auf die die faktische Entwicklung hinausläuft, die aber aus einem Staat der Juden einen Staat mit Juden in der Minderheit werden lässt. Scharfsinnigkeit allein ist aber noch keine Politik. Der Publizist Marc Heller erinnert daran, dass Israel sich seit seiner Gründung im Jahre 1948 im Kriegszustand befindet. Dies erklärt, dass Sicherheit auf der politischen Agenda ganz oben steht, und relativiert Kritik, die die Einschränkung von Bürgerrechten beklagt.

In den Gesprächen mit Vertretern verschiedener NGOs fällt zum einen auf, dass sie sich teilweise sehr kleinteilig und fragmentiert mit einzelnen Aspekten von Politik beschäftigten, wie sehr sie damit auch mit ihrem Fokus auf die jeweilige Politik reagieren. Zum anderen kontrastiert ihr Optimismus mit den Zuständen, auf die sie einwirken wollen. Überhaupt gilt: Der Optimismus der Israelis überrascht. In den NGOs begegnen wir relativ vielen, verhältnismäßig neu zugewanderten Israelis aus westlichen Ländern (USA, Kanada, Deutschland).

Am Checkpoint von Jerusalem nach Ramallah werden Unruhen erwartet bzw. befürchtet. Die Unruhen stehen im Zusammenhang mit der Genehmigung von 1600 Wohneinheiten der Siedlerbewegung in Ostjerusalem und der Einweihung der Hurva-Synagoge in der Altstadt von Jerusalem. Es ist nicht möglich, die Informationen zu verifizieren. Obwohl wir sehr nahe am Ort des Geschehens sind, sind wir sehr weit von den wirklichen Informationen darüber entfernt. Wir können nicht einschätzen, ob die Situation gefährlich ist oder nicht. Offensichtlich gab es eine eindeutige Warnung des Auswärtigen Amtes. Die Reiseleitung entschließt sich, nicht nach Ramallah zu fahren. Wir fahren für eine Nacht nach Jericho. Jericho liegt in der Westbank und ist ein kleines Städtchen, das wir abends besuchen. Am zentralen Platz brodelt das Leben. Es gibt keine Unruhen, es gibt auch keine Feindlichkeit oder Ansätze dazu uns gegenüber. In einem Restaurant lassen wir uns auf einer Veranda im ersten Stock nieder und beobachten das bunte Geschehen. Der Versuch, eine Kleinigkeit zu essen, endet damit, dass der Tisch angefüllt ist mit vielen kleinen Tellern, auf denen kleine Köstlichkeiten angerichtet werden. Wir sind unsicher, ob der Kellner uns missverstanden hat oder missverstehen wollte. Gleichwohl genießen wir den Abend.

Fahrt nach Hebron

Fahrt nach Hebron, die Stadt Abrahams. Dort ist er der Legende nach begraben. Hebron gilt als Stadt, in der Konflikte eskalieren können. Es ist daher nicht ganz klar, ob wir überhaupt mit dem Bus dort hin können. Wir versuchen es trotzdem. Kurzfristig sinkt unsere Hoffnung: Vor uns wird eine Straße gesperrt, auf die wir fahren wollen. Wir sehen eine Person, die besondere Schutzkleidung an hat. Sie sucht offenbar nach Sprengstoff. Nach kurzer Zeit gibt es Entwarnung und wir kommen nach Hebron. Hebron war in der Vergangenheit Ort heftiger Auseinandersetzungen. Die israelische Regierung und die PA (Palestinian Authority) hatten sich 1997 verständigt, neutrale Beobachter nach Hebron zu entsenden, die TIPH (Temporary International Presence in the City of Hebron). Es handelt sich dabei um eine bilateral mandatierte Mission. Im Hauptquartier der TIPH treffen wir auf eine junge Norwegerin, die aus dem Irak stammt. Sie erläutert die Aufgabe der TIPH sehr strukturiert. Fragen zur Bewertung der Situation weist sie professionell ab. TIPH lebt davon, dass beide Seiten ihr ein Mindestmaß an Vertrauen entgegenbringen. Beim Rundgang durch die Stadt wird deutlich, dass unsere Begleiterin gute Kontakte zu Palästinensern hat. Sie wird überaus freundlich von diesen begrüßt.

Hebron ist gespenstisch. Am wenigsten gespenstisch ist noch, dass der Zugang zur Grabstätte von Abraham für Muslime und Juden getrennt ist. Gespenstisch allerdings ist, dass Teile der Altstadt für Palästinenser gesperrt sind. Einige Straßen sind unterteilt nach Straßenseiten für Palästinenser und solchen für jüdische Israelis. Es assoziiert Verhältnisse wie in Apartheidsystemen. Die Sperrung verfolgt den Zweck, den Siedlern Zugang zu den von ihnen besetzten Häusern zu gewährleisten und zu verhindern, dass die Palästinenser dies unterbinden. Wir sehen in der Altstadt Häuser der radikalen, ideologischen Siedler, die oberhalb der Wohnungen bzw. Läden der Palästinenser liegen. Die Siedler schmeißen Unrat auf die Gassen, weshalb diese durch ein Drahtgitter geschützt sind. Die Siedler werden wiederum durch israelisches Militär geschützt, markant im Stadtbild sind Wachtürme. Wir werden beständig von Kindern und Jugendlichen bedrängt, die uns Tand mit palästinensischen Aufdrucken verkaufen wollen. Sie sind uns gegenüber nicht zimperlich. Wir sehen beim Rundgang durch die Altstadt in etwa 100m Entfernung mehrere Jugendliche. Steine liegen auf der Straße. Ein brennender Reifen bewegt sich in unsere Richtung. Wir verlassen schnell diesen Ort. Am nächsten Tag sehen wir ein Bild von Hebron in der Herold Tribune. Auf diesem ist ein brennender Reifen abgebildet, über den ein Jugendlicher springt. Untertitelt ist das Bild mit dem Begriff »Riots«. Was haben wir gesehen? Waren es Unruhen, war es der dumme Streich von Jugendlichen?

Reise nach Jerusalem

Von Hebron fahren wir nach Jerusalem über Beit Jala und nicht – wie ursprünglich geplant – über Bethlehem. Ein Vertreter der Negotiation Support Unit, jung, klug, gut gekleidet, führt uns auf einer Rundfahrt zu den Siedlungen um Bethlehem. Den Abschluss der Tour bildet der Besuch bei einem älteren Bauern. Dieser erzählt, er sei 1967 aus Jaffa geflohen, könne nicht dort hin zurück und habe sich hier ein Haus gebaut. Er erklärt uns, dass sein Garten mit Olivenbäumen durch eine neue Straße geteilt worden sei und nunmehr die Mauer in unmittelbarer Nähe vor seinem Haus errichtet werde. Ihm sei Entschädigung angeboten worden, dies lehne er jedoch ab, da es ein Eingeständnis in Unrecht sei. Wir fragen uns, was wir gesehen haben. Ist der alte Mann Opfer? Ist er Opfer der Israelis oder Opfer der PLO? Sind wir Teil einer Inszenierung geworden? Israelische Polizisten kommen hinzu und machen klar, dass solche Besuche unerwünscht sind.

Im Verlauf einer Führung mit der israelischen NGO Ir Amin durch Ostjerusalem wird uns deutlich, dass Ostjerusalem und die Umgebung von Jerusalem von Siedlungen der Siedler allmählich eingeschlossen werden. Junge Familien bekommen hier die Gelegenheit, zu vorteilhaften Konditionen mit steuerlichen Vergünstigungen und unmittelbarer Anbindung an die Stadt zu bauen. Jede weitere Siedlung zementiert den Anspruch Israels auf Jerusalem als Hauptstadt, die nicht mehr gleichzeitig Hauptstadt eines palästinensischen Staates sein kann. Insofern verwundert die Debatte über die Zustimmung zum Bau von weiteren 1600 Wohneinheiten nicht. Dieser Bau ist ein weiterer Schritt, dessen Umkehr nicht realisierbar scheint. Bei einem der Verkehrssituation geschuldetem Halt des Busses bewerfen Kinder den Bus mit Steinen; nicht ganz kleinen, aber nicht so groß, dass Scheiben zu Bruch gehen.

Das von uns gebuchte Hotel liegt in der Altstadt von Jerusalem. Uns wird angeraten, die Altstadt zu meiden. Deswegen buchen wir um und nehmen ein Hotel in Ostjerusalem. An sich müsste man denken, dass es hier unsicherer sei als in der Altstadt, denn in Ostjerusalem wohnen überwiegend Palästinenser. Das ist jedoch offenbar nicht der Fall.

Am nächsten Tag besuchen wir in kleinen Gruppen die Altstadt. Auffällig ist eine deutliche Polizei- und Militärpräsenz, von irgendwelchen Auseinandersetzungen merken wir jedoch nichts. Dies gilt auch für die nächsten Tage. In den engen Gassen des arabischen Viertels liegt Laden an Laden: viel Kitsch, viele Billigprodukte, mutmaßlich hergestellt in China. Die Via Dolorosa ist nicht anders. Um zur Klagemauer zu gelangen, muss man Sicherheitssperren passieren. Auf dem großen Platz vor der Klagemauer herrscht buntes Treiben. Es wird gesungen und getanzt. Eine Gruppe türkischer Juden in türkisch aussehenden Gewändern tanzt begleitet von orientalischen Klängen. In unmittelbarer Nähe der Klagemauer erfolgt eine Trennung in Geschlechter, an der Klagemauer beten jüdische Männer und jüdische Frauen getrennt.

Im Gegensatz zum arabischen Viertel mit seinen bunten Läden wirkt das armenische Viertel so, als seien die Häuser Festungen. Sie sind nach innen ausgerichtet. Vor der Grabeskirche im christlichen Viertel sind viele Menschen versammelt. In der Kirche muss derjenige, der Christ ist oder der Achtung vor der christlichen Religion hat, erschüttert sein. Da die verschiedenen Konfessionen des Christentums (wie griechisch-orthodox, römisch-katholisch, koptisch, aramäisch, äthiopisch) die Grabeskirche gemeinsam bewirtschaften, gibt es seit Jahrhunderten Streit über die zu treffenden Maßnahmen. Deswegen wird der Schlüssel zur Kirche seit 800 Jahren bei einer muslimischen Familie verwahrt und deswegen schließt ein Muslim seit 800 Jahren die Kirche morgens auf und abends ab. Innerhalb der Grabeskirche hat jede der beteiligten Konfessionen des Christentums seinen Ort, den er nach seinen Vorstellungen ausschmückt. Was man sieht, ist nur beschönigend als Eklektizismus zu bezeichnen. Die eigentliche Grabstätte ist dadurch verunziert, dass erkennbar Sicherungsmaßnahmen platziert werden mussten. Jeder, der diese Kirche betritt, ahnt was Jesus tun würde, wenn er heute diese Kirche betreten könnte.

Aus der Altstadt gehen wir nach Westjerusalem in das Viertel der ultraorthodoxen Juden, nach Mea She’Arim. Die ultraorthodoxen Juden sind vom Wehrdienst befreit und müssen keine Steuern zahlen. Die Männer widmen sich dem Studium des Talmuds, ihre einzige Beschäftigung. Das Viertel ist heruntergekommen. Die Personen, die wir sehen, sind Männer in schwarzer Kleidung und mit schwarzen Hüten. Die Kleidung ist einer Kleidung nachgebildet, die der polnische Adel im 17. Jahrhundert trug. Warum das so ist, wissen wir nicht. Die zahlreichen Kinder sind ebenfalls schwarz gekleidet, ihre bleiche Hautfarbe kontrastiert mit der Kleidung. Wir sind fassungs- und sprachlos angesichts dessen, was wir sehen. Zu hoffen ist, dass sich die Mädchen nicht mehr in die Rolle ihrer Mütter zwängen lassen, die sowohl für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen haben als auch bis zu zehn Kinder bekommen und groß ziehen.

Besuch in Yad Vashem

Als erstes gehen wir zu dem „Ort der zerstörten Gemeinden“, mit dem an die Orte erinnert wird, aus denen Juden deportiert wurden. Die Gedenkstätte hat eine beeindruckende Monumentalität. Wir gehen durch eine Art Labyrinth. Zu beiden Seiten sind riesige Sandsteinquader übereinander geschichtet. Der Mensch erscheint ganz klein. In die Wände gehauen sind die Namen der Orte, aus denen Juden vertrieben wurden. Jeder von uns sucht den Ort, in dem er wohnt oder in dem er geboren ist. Wir finden uns alle wieder. Die eigentliche Gedenkstätte hat erkennbar ein Problem, das nicht zu lösen ist: Einerseits sollen möglichst viele Menschen die Gedenkstätte besuchen, andererseits sollen sie gedenken. Dieser Widerspruch ist kaum aufzulösen. Viele von uns haben sich in der Vergangenheit intensiv mit dem Holocaust beschäftigt. Wer darüber hinaus das jüdische Museum in Berlin kennt, wird in Yad Vashem nicht zu neuen oder anderen Ansichten kommen. Beeindruckend für uns sind zwei Orte, die etwas abseits des Besucherstroms liegen. Zum einen das Museum für Kunst, in dem Werke ausgestellt sind, die von verfolgten Künstlern – teilweise im Konzentrationslager – hergestellt wurden und in denen sich deren Lebensumstände widerspiegeln. Zum anderen die Gedenkstätte für die ermordeten Kinder. Durch diese Gedenkstätte hindurch führt ein Rundgang, der fast völlig im Dunkeln liegt. In einer Art Himmel erscheinen kerzenartige Lichter. Eine Stimme im Endlosband sagt die Namen und das Alter der ermordeten Kinder auf. Da diese Gedenkstätte weniger frequentiert ist, haben wir Zeit zum Gedenken. Auf unsere Frage, was er von dieser Gedenkstätte halte, sagt unser deutsch-amerikanischer und jüdischer Reisebegleiter, er halte das für Kitsch.

Der Auschwitz-Überlebende und Künstler Yehuda Bacon (80 Jahre alt) erzählt uns, was er in Konzentrationslagern erlebt hat. Er war immer neugierig, und zwar so neugierig, dass er sich im KZ über die Funktionsweise von Gaskammern erkundigt hat. Diese unvorstellbare Neugier, die ihn zum Zeugen im Eichmann-Prozess gemacht hat und in dem er nur über Tatsachen berichtet hat und sich Bewertungen enthalten hat, korrespondiert mit einem unvorstellbaren Maß an Lebenswillen und Menschenliebe. Hass scheint ihm ein Fremdwort zu sein.

Wir sind eingeladen zum Shabbatessen. Vorher gehen wir in die Synagoge. Männer und Frauen sitzen in der Synagoge getrennt, lediglich durch einen weißen, fast durchsichtigen Vorhang getrennt. Da wir nicht Hebräisch können, verstehen wir nicht, was gesungen und gesprochen wird. Charakteristisch ist auch, dass Kinder während der gesamten Zeit durch den Raum wuseln, ohne dass es jemanden stört. Es herrscht also weniger eine sakrale als eine fröhliche Stimmung. Der Besuch der Synagoge hat neben der religiösen Bedeutung einen erkennbar hohen Stellenwert für das soziale Zusammenleben und die Kommunikation in der Gemeinde. Das Shabbatessen beginnt mit einem Gebet, mit der Segnung des Brots und damit, dass das Brot gebrochen wird. Danach schließt sich ein Abendessen an, das geprägt ist durch die gemeinsamen Gespräche. Unsere Gastgeberin erzählt uns, dass sie aus Deutschland emigriert und konvertiert sei und dass dies in Deutschland zu Irritationen geführt habe. Aber auch in Israel sei sie etwas Besonderes.

Eine anwesende Evangelikalin aus Neuseeland – Untermieterin unserer Gastgeberin – erläutert uns, dass der Nahostkonflikt mit der Bibel leicht zu lösen ist. Danach seien die Juden berechtigt, Besitz vom heiligen Land zu nehmen. Unser Einwand, die Bibel sei keine geeignete Basis zur Lösung des Nahostkonfliktes, wird erwidert durch den Hinweis, wir müssten nur die Bibel genau lesen. Wir verzichten auf eine weitere Diskussion mit ihr zu diesem Thema.

Zwischenzeitlich hat sich die Konfliktlage in Jerusalem insoweit entspannt, dass der beabsichtigte Besuch der Altstadt mit Führung durchgeführt werden kann. Uns führt ein palästinensischer Archäologe. Er hat in Deutschland studiert und spricht gut deutsch. Er erläutert uns, dass der erste jüdische Tempel auf dem Tempelberg, der im jüdischen Narrativ große Bedeutung hat, aus seiner Sicht nicht nachgewiesen sei. Für ihn als Archäologen zählten nur Tatsachen. Solche Tatsachen sind seiner Ansicht nach bis heute nicht erwiesen. Er schließe nicht aus, dass man solche Tatsachen finden könne, was bislang jedoch noch nicht geschehen ist. Er erläutert uns auch, dass der Vorplatz vor der Klagemauer bis 1967 durch ein marokkanisches Viertel geprägt war. Dieses Viertel sei dann vom israelischen Staat beseitigt worden. Nur deswegen sei ein großer Platz vor der Klagemauer entstanden. Beim Gang durch die Altstadt weist er uns auf einen Laden hin, in dem die besten Nüsse aus Jerusalem verkauft werden und zufällig gehöre der Laden seinem Bruder. Wegen seiner charmanten Werbung haben wir alle Nüsse gekauft.

Bei einer Fahrt durch Ostjerusalem erleben wir den „Mauerbau“. Die zum Schutz der jüdischen Siedler errichteten Mauern sind 5 m hoch. Obwohl es historisch sicherlich nicht gerechtfertigt ist, die Mauer zwischen den Siedlungen der Juden und den der Palästinenser mit der Mauer zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland zu vergleichen, stellt jeder von uns assoziativ diesen Vergleich auf. Man kriegt es nicht aus dem Kopf. Die Bilder der Gegenwart und die gespeicherten Bilder der Vergangenheit suggerieren eine Gleichheit, die es nicht gibt.

Fahrt zum Toten Meer

Von Jerusalem, ca. 800 m über dem Meeresspiegel liegend und deswegen von den Temperaturen her eher kühl, fahren wir zum Toten Meer, ca. 400 m unter dem Meeresspiegel. Der Wasserpegel des Toten Meeres sinkt beständig, die Wasserfläche wird zunehmend kleiner. Der Jordan als Hauptzufluss des Toten Meeres führt nur noch einen Bruchteil seiner früheren Wassermenge. Die zunehmende Wasserentnahme und der sinkende Wasserpegel führen zu ökologischen Problemen. So bilden sich „schwarze Löcher“ (eine unter dem Toten Meer liegende Salzschicht wird nicht mehr durch das gesättigte Salzwasser geschützt). Die übrige Landschaft am Toten Meer ist geprägt durch Sedimente. Diese sind entstanden, weil der Pegel des Toten Meeres vor einigen 1000 Jahren um 180 m höher lag. Die Landschaft hat insgesamt einen wüstenähnlichen Charakter, durchsetzt von einigen Oasen, es ist heiß.

Entlang des Toten Meeres fahren wir nach Massada, das von König Herodes I. im 1. Jh. v. Chr. festungs- und schlossartig aufgebaut wurde. Es liegt auf einem Felsplateau. 70 nach Christus zerstörten die Römer den zweiten jüdischen Tempel. Versprengte jüdische Sekten verschanzten sich auf Massada und wurden von 10000 Römern drei Jahre lang belagert. Innerhalb der Burgmauern befanden sich 967 Männer, Frauen und Kinder. Mit Hilfe einer Rampe gelang es den Römern, die Festungsmauern zu durchbrechen. Am Morgen vor dem Sturm töteten die zelotischen Kämpfer ihre Frauen und Kinder (Selbstmord war ihnen aus religiösen Gründen verboten) und dann sich selbst. Sie zogen den Tod der Knechtschaft vor – so die Legende. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein und die Selbstausrottung könnte durchaus mit der Gewaltbereitschaft der Eingeschlossenen erklärt werden. Die „Lieber tot als Sklave“-Legende ist aber beliebter und eignet sich definitiv mehr zum Mythos. Auf dem Hochplateau Massada wurden in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel Soldaten vereidigt. Anknüpfend an eine Legende der Vergangenheit wird ein starkes, aber auch befremdliches Symbol für die Zukunft gesetzt. Die Legende ist offenbar geschichtsmächtig genug, um bleibende Wirkung zu erzielen.

Baden im Toten Meer: Der eigene Körper lässt sich nicht in gewohnter Weise bewegen. Brustschwimmen vermittelt einem überraschenderweise das Gefühl, sich in einer sehr unstabilen Lage zu befinden. Am einfachsten ist es auf dem Rücken zu liegen. Ein Tropfen in die Augen ist durchaus unangenehm.

In der Nähe des See Genezareth wird uns das Projekt „Good Neighbors Project“ vorgestellt. Es ist der Versuch, einen Nationalpark zu schaffen, der mit Tagesvisa von Jordanien und von Israel zu besuchen sein soll. Innerhalb der projektierten Fläche steht ein Wasserkraftwerk, das mangels Wasser nicht mehr in Betrieb ist. Von einem Hügel sehen wir auf eine grüne Tallandschaft. Innerhalb dieser Landschaft sind in Stein gehauen sieben Namen. Es handelt sich um sieben israelische Mädchen, die beim Spielen von einem verwirrten jordanischen Soldaten erschossen worden sind.

Ebenso wie das Tote Meer liegt der See Genezareth unterhalb des Meeresspiegels. Auch hier ist der Pegel des Sees in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen. An jener Stelle des Sees, an der Jesus getauft worden sein soll, wird der See Genezareth und der Jordan als heile Welt inszeniert, die nicht mehr vorhanden ist.

Tour auf dem Golan

Der Golan ist ein Hochplateau. Wir machen Halt an einer Stelle, die einstmals Geschützstellung der Jordanier war. Von der Höhe her kann man den gesamten See Genezareth überblicken. Auf dem Mount Bental erläutert uns ein Major die Aufgabe von UNDOF (United Nations Disengagement Observer Force). UNDOF verfügt lediglich über leicht gepanzerte Fahrzeuge und hat Beobachterstatus. Es ist stationiert in einer entmilitarisierten Zone. In der Ferne sieht man schneebedeckt den Mount Hermon. Den Golan charakterisiert eine üppige Vegetation. Er erinnert an das Allgäu. In der Nähe zur jordanischen Grenze weisen Warnschilder auf die Gefahr von Minen hin.

Nazareth hat einen hohen arabischen Bevölkerungsanteil. Yousef Jabareen, ein in Harvard studierter palästinensischer Jurist von Dirasat (The Arab Center of Law and Policy), informiert uns über Diskriminierungen der arabischen Bevölkerung durch Gesetz, durch Gesetzesvollzug und durch Sozialgestaltung. Seine Forderungen, die Diskriminierung zu beenden, sind nachvollziehbar, machen aber ratlos, weil sie keinen politischen Adressaten benennen können, der bereit ist, diese Forderungen umzusetzen. Es gibt einen derzeit nicht auflösbar erscheinenden Widerspruch: Wer einen „Staat der Juden“ politisch will, nimmt billigend Diskriminierung der Nicht-Juden in Kauf. Wer Gleichberechtigung aller Bürger und Bürgerinnen will, nimmt in Kauf, dass es keinen Staat der Juden gibt. Israel hat bislang keine Verfassung, eine solche müsste jedenfalls auch die Rechte der Nicht-Juden festlegen. Solange der Kriegszustand anhält, wird es allerdings keinen Prozess der Verfassungssetzung geben. Makbula Nasar (Working Group on Palestinan Women Status Issues) informiert über Probleme, die im Zusammenhang mit noch verbreiteter Polygamie bestehen. Sie erläutert ferner die Probleme, die daraus entstehen, dass das Familienrecht religionsgesetzlich determiniert wird.

Beim Gang durch Nazareth nehmen Kinder uns gegenüber aggressive Haltungen ein. Vor der Verkündungskirche steht ein großes antijüdisches und antichristliches Plakat. Die Verkündungskirche selbst bzw. das, was historisch erhalten ist, ist unendlich klein gegenüber dem, was neu entstanden ist. Wegen der kurz bevorstehenden Schließung der Kirche am späten Nachmittag können wir den Rummel nur erahnen, der tagsüber in der Kirche stattfindet. Vor der Fahrt zum Flughafen Ben Gurion besichtigen wir einen Kibbuz. Nur noch drei Prozent der Bevölkerung Israels leben in Kibbuzzim. Eine Idee hat ihr Ende gefunden.

Gedanken über das Erlebte

Während der gesamten Fahrt gibt es abends ununterbrochen Gespräche zwischen den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Begegnungsreise über das, was wir gesehen haben und wie wir es bewerten. Der gute israelische Wein trägt dazu bei, die Diskussion anzuregen. Während am Anfang der Reise bei vielen Teilnehmern und Teilnehmerinnen die Vorstellung vorherrscht, es müsse doch möglich sein, den Konflikt zu beenden, wächst am Ende Skepsis. Eine Zwei-Staaten-Lösung – die offizielle Verabredung und damit politisch korrekte Lösung – erscheint vielen von uns nach der Reise für die nahe Zukunft illusorisch. Israel müsste eine Vielzahl von Siedlungen aufgeben. Palästina müsste auf eine Rückkehr der Flüchtlinge verzichten. Sowohl die israelische Regierung als auch die PA sind zu schwach, Kompromisse gegenüber der eigenen Bevölkerung durchzusetzen. Abgesehen davon kann man eine Regelung nur herbeiführen, wenn die Kontrahenten ein Mindestmaß an Vertrauen in die Gegenseite setzen. Vertrauen kann man nicht regeln oder verordnen. Es entsteht mit der Zeit oder es entsteht nicht. Statt einer Lösung des Konflikts scheint es in naher Zukunft darauf anzukommen, bewaffnete Auseinandersetzungen klein zu halten und Pfade des Vertrauens zu schaffen. Die vielen NGOs, mit denen die Heinrich-Böll-Stiftung vor Ort zusammen arbeitet, leisten hier hilfreiche Arbeit. Die Lösung besteht im Verzicht auf eine kurzfristige Lösung. Wie die Lösung aussehen wird, lässt sich wohl kaum abschätzen. Jedenfalls stellt eine Zwei-Staaten-Lösung nicht nur wegen des fehlenden Vertrauens zwischen den Konfliktparteien und wegen der vielen Siedlungen in den besetzten Gebieten, sondern auch wegen der ökonomischen, militärischen und bildungsmäßigen Macht der Israelis ein Problem dar. In Israel spricht niemand mehr von einer „Lösung“, nur mehr von einer „Regelung“ des Konflikts; die Formel vom „Friedensprozess“ hat sich in den Jahren seit Oslo selbst ad absurdum geführt.

Keine Differenz gab es in der Einschätzung der Lage der palästinensischen Bevölkerung. Sowohl in Israel wie in der Westbank sind ihre Lebensbedingungen miserabel. Wer aber die Akteure sind, diese Situation zu verbessern, wieweit die PA und die Bevölkerung selbst einen Teil dazu beitragen könnten, wieweit sie als Opfer der Verhältnisse ausschließlich vom Agieren durch andere abhängig sind, wird unterschiedlich gesehen. Welchen Beitrag müssten die arabischen Staaten leisten, damit auch die Existenz Israels gesichert ist?

In den internen Diskussionen gab es Kritik an der rabiaten Machtpolitik der Israelis. Aber es gab auch Verständnis für diese Machtpolitik: Keine Macht der Welt wird auf die Durchsetzung eigener Interessen mit Hilfe seiner Macht verzichten, wenn er für den Verzicht der Machtpolitik keine Gegenleistung erhält. Wieweit ist Deutschland verpflichtet, sich als Land der Täter gegenüber den Opfern zurück zu halten oder hat es gerade die Verantwortung, eine solche Machtpolitik zu kritisieren? Die Auffassungen auch dazu waren in der Gruppe sehr different.

Am Ende der Reise waren wir klüger und ratloser zugleich: Jedes gute Argument der einen Seite zieht ein begründetes Gegenargument der anderen Seite nach sich, dem ein begründetes Gegengegenargument und ein begründetes Gegengegengegenargument folgt. Im Dickicht der Argumente wird das richtige Argument unsichtbar.

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