Auf den Spuren Heinrich Bölls und mitten in den politischen Debatten Irlands: Die Begegnungsreise 2024 führte die Freundinnen und Freunde der Heinrich-Böll-Stiftung von Dublin bis Achill Island. Der Reisebericht zeigt, wie Gespräche, Literatur und persönliche Begegnungen neue Perspektiven auf Europa eröffnen.
Literarische Begegnungsreise der Freundinnen und Freunde
vom 26. Mai bis 1. Juni 2024 nach Irland
Reiseleitung Ulrike Cichon, Koordinatorin des Freundeskreises der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin und René Böll, Künstler, Köln
Download Reisebericht (PDF) I Programm (PDF)
In schöner Tradition geben wir hier die Reiseeindrücke einzelner Mitreisender wieder. Vielen Dank an alle, die mitgemacht haben. Die Vielfalt an gendergerechter Schreibweise ist beibehalten worden.
Tag 1: Ankommen in Dublin
Von Heiko Busse
Der erste Tag in Irland beginnt mit dem Ankommen und Sammeln. Früh aufgestanden und nach kurzem Flug ist man schon in Dublin. Gefühlt dauert die Landung nur Sekunden. Das Flugzeug kämpft sich durch tiefhängende Wolken und ist bereits unten, als es wieder auf-taucht.
Die Fahrt in die City macht klar, es ist wie in jeder Großstadt, viel Verkehr und noch mehr Stau. Je näher wir der Stadt kommen, fällt eine Besonderheit sofort auf: Die Anzahl der Busse ist so hoch wie die der PKWs. Erstaunlich dennoch die Verkehrsdichte.
Das erste Treffen und die Vorstellung der Teilnehmer*innen macht sofort eines deutlich, hier sind langjährige „grüne“ Bekannte unterwegs. Von Gründer*innen der Partei und Mitgliedern der Heinrich-Böll-Stiftung und des Freundeskreises über René Böll als Familienmitglied. Viele sind schon vertraut mit Irland und einige schwärmen von Achill Island. Auch in welcher Beziehung wir zu Heinrich Böll und der Stiftung stehen wird erwähnt, was wie bei René Böll zur Erheiterung beiträgt: „Ich bin nicht nur Sohn meines Vaters, sondern habe auch ein eige-nes Leben als Künstler“.
Der erste Besucher Tommy Simpson ist Mitbegründer der Grünen Partei Irlands. Wir erfahren erstaunliche Entwicklungen über die Brexit-Nachwirkungen. Die LKWs kommen inzwischen über direkte Fähren aus Spanien nach Irland. Man spart sich die Wartezeiten am Eurotunnel und der Grenze zu Irland. Wir lernen, dass die typische Haltung der Einwohner*innen gegenüber Veränderungen eher zurückhaltend ist. Ganz besonders zum Thema Vereinigung mit Nordirland wäre man schon dafür, aber es darf kein Geld kosten. Zu den Zahlen, die wir aus erster Hand erhalten, gehört die sehr hohe Einwanderungsquote von der englischen Insel. Dort steigt die Angst vor Abschiebung und man kommt ohne Grenzkontrollen nach Europa. Die konkreten Zahlen der Einwanderung sind nicht so hoch wie in Deutschland, aber im Vergleich zur eigenen Bevölkerungsdichte zeigt sich ein höheres Engagement als bei uns. Es kommen sehr viele aus Polen und neuerdings auch aus der Ukraine. Zum Abschluss ist es für mich irritierend, dass von den Wähler*innen hier wie auch in Deutschland die hohe aktive Umsetzung von Ideen und Programmen kaum honoriert wird.
Der Tag endet in einem hervorragenden Restaurant. Nein, kein Irish Stew, da unser weiterer Gast, der ehemalige Bürgermeister von Dublin und frühere Umweltminister John Gormley, wählen durfte und schönes italienisches Essen liebt. Die Konversation läuft in Deutsch, da er in Freiburg studierte.
Zum Schluss ist der wichtigste Tagespunkt der Besuch mit unseren Gästen im Pub mit Livemusik und einem Pint der unglaublichen Auswahl von ungefähr 30 Biermarken vom Fass.
Tag 2: Das literarische Dublin, das deutsch-irische Verhältnis
Von Sabine Krzonkalla
Strahlender Sonnenschein. Wir laufen die O’Connell Street entlang, vorbei am hunderteinhunderteinundzwanzig-undzwanzig Meter hohen Monument of Light, im Volksmund The Spire genannt, queren die Liffey, passieren das Trinity College, Ausbildungsstätte für 18.000 Studenten, und nähern uns dem Merrion Square, einem Platz, umgeben von Häusern aus georgianischer Zeit. Ein Gebäude gleicht dem anderen. Einzig eine grüne Eingangstür, nebst kleinem Schild, verweist hier auf das Goethe-Institut: Das erste Ziel des heutigen Tages.
Das Gebäude, im Besitz der Bundesrepublik Deutschland, steht unter Denkmalschutz. Der umfangreich restaurierte Altbau von 1787 mit Verwaltung und Bibliothek bildet heute eine funktionale Einheit mit dem modernen fünfstöckigen Anbau der Sprachenschule. Wobei zwei der Stockwerke unter der Erde liegen. Versehen mit Innenhöfen und Tageslichtkästen lassen sie keinen Eindruck von Untergrund aufkommen, wie wir bei einer Hausführung selbst erfahren können.
Unter der mit Blattgold und Farbe verzierten Stuckdecke der Bibliothek treffen wir auf Ulrike Gassner und Oya Demirici, die uns Näheres über ihre Arbeit erzählen.
Das Goethe-Institut ist ein gemeinnütziger Verein, dessen Verhältnis zum Staat durch einen in den siebziger Jahren geschlossenen Rahmenvertrag mit dem Auswärtigen Amt geregelt ist. Es arbeitet unabhängig, ohne politische Einflussnahme, und ist der weltweit führende Anbieter von Deutschkursen und -fortbildungen für Schüler*innen, Student*innen und Fachkräfte. Anspruch des Goethe-Instituts ist es des Weiteren, die kulturelle Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Gastland zu fördern, Partnerschaften auszubauen, zu pflegen und ein vielseitiges Deutschlandbild zu vermitteln.
Zwei Drittel seiner Fördergelder erhält das Institut vom Auswärtigen Amt, ein Drittel wird über Sprachkurse erwirtschaftet.
Corona, die derzeitige Haushaltslage sowie politische Krisen setzen andere Prioritäten im Auswärtigen Amt. Darunter leidet auch das Goethe-Institut. Rd. 24 Millionen Euro fehlen im Jahr. Weltweit werden zehn Einrichtungen schließen müssen. Die einzelnen Institute stehen nun verstärkt vor der Aufgabe, Drittmittel einzuwerben. Dublin versucht dies u. a. durch die Vermietung von Räumen an englischsprachige Kurse.
Das Institut in Dublin wurde 1961 ins Leben gerufen. Es ist nach London und Nordirland das drittgrößte in Nordwest-Europa. Ein klassisches Sprachenhaus, bei dem inzwischen die Hälfte digitale Kursteilnehmer sind. Kostenlose Konversationskurse, Apps, Podcasts, Community-Angebote und Planspiele bieten zusätzliche Unterstützung beim Erlernen der Sprache.
Der Austritt Großbritanniens aus der EU ließ das Interesse an der deutschen Sprache (in Konkurrenz mit Französisch und Spanisch) vor allem bei der jüngeren Generation anwachsen. Berufschancen, günstigere Lebenshaltungskosten und der bessere Zugang zum Wohnungsmarkt gereichen Deutschland hier zum Vorteil. Gleichzeitig verzeichnet „das Goethe“ geradezu einen Run von deutscher Seite auf Ausschreibungen von Praktikantenstellen in Verwaltung, Sprache, Kultur und Information. Derzeit sind sieben Praktikantinnen beschäftigt.
Kultur – Information
Das Institut in Dublin will neue Impulse im Kulturaustausch setzen. Einen Schwerpunkt bildet der Film, genauer die Unterstützung des neuen deutschen Films. Hier wie in der Bildenden Kunst gilt es, deutsche mit irischen Partnern zu vernetzen. So sei auf die derzeitige Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe „The Glenkeen Variations“ der Crespo Foundation verwiesen – einer gemeinnützigen Stiftung, die sich an Kinder, Künstler und sozial benach-teiligte Menschen richtet. Die Foundation bringt ehemalige Teilnehmer ihres Artists-in-Resi-dence-Programms mit ihren Arbeiten zurück nach Irland und ins Gespräch mit Partner·innen aus Forschung und Gesellschaft.
Der Cross-Country-Conversation-Podcast „Hiberno Goethe“ stellt sich zusammen mit Gästen die Frage, was Menschen in einem kulturübergreifenden Leben inspiriert, bereichert und verbindet.
Mehr als 30.000 Titel stehen in der Bibliothek Interessierten jedweden Alters kostenlos zur Verfügung. Vor Ort oder per Online-Leihe.
Herzensangelegenheit von Oya ist Achill Island. Konkreter gesagt: die Vernetzung und Unterstützung des Residenceprogramms der Heinrich Böll Association vor Ort. Diese lädt Kulturschaffende aller Disziplinen zu zweiwöchigen Aufenthalten ins Heinrich Böll Cottage ein. Auch das jährlich stattfindende Heinrich-Böll-Gedenkwochenende stößt auf breites Interesse bei deutschen Autor*innen und bei der lokalen Contemporary Szene. Dublin ist UNESCO City of Literature; die Förderung von Achill Island findet daher Verständnis und muss nicht groß erklärt werden.
Wie sieht ein zeitgenössisches Deutschlandbild aus? Keine leichte Aufgabe, das zu beantworten. Zu unterschiedlich sind die Bilder. Einerseits sind da die Stereotypen, zum anderen macht sich der starke Einfluss von Social Media bemerkbar. Dort entstehen so manche falsche „Einblicke“. Gerade jetzt, da sich Irland stark pro Palästina positioniert, gibt es viele Künstler·innen, die weder mit dem Goethe-Institut zusammenarbeiten wollen, noch sich an Veranstaltungen in Deutschland beteiligen möchten. So lautet der Auftrag des Instituts: Im Gespräch bleiben!
Noch profitieren sie vom Einfluss Heinrich Bölls und dessen Liebe zu Irland.
Bevor wir zum nächsten Programmpunkt des heutigen Tages aufbrechen, liest unser Mitreisender Hartmut aus einem Brief Heinrich Bölls, den dieser aus Dublin an seine Familie schrieb:
(…) komme schnell dorthin, wo ich hin will, denn dauernd flitzen die hohen grünen Busse herum (…) es sind meist sehr schöne georgian Häuser, die aber vollkommen verdreckt und halb verfallen sind, mit Fenstern, die wirklich wie mit schwarzem Dreck verkleistert erscheinen (…)
Unsere literarische Stadtführung beginnt im St. Stephen’s Green. Vormals ein sumpfiges Gebiet mit Lepra-Krankenhaus am Rande Dublins, später ein nur für private Mieter zugänglicher Park. Die Allgemeinheit erhielt erst Ende des 19. Jh. Zutritt, nachdem Sir Arthur Guinness eine komplette Neugestaltung des Areals finanziert hatte. Heute finden sich zwischen all dem Grün zahlreiche Spuren der irischen Geschichte. Stadtführer Liam verweist auf die Skulpturen für James Joyce, der Dublin mit seinem Ulysses ein Denkmal gesetzt hat, oder den von Henry Moore verewigten William Butler Yeats, Nobelpreisträger und Irlands bekanntester Dichter. Ein aus bunten Natursteinen gearbeiteter Oscar Wilde fläzt sich in Lebensgröße auf einem 35 Tonnen schweren Quarzstein am Rande des Merrion Square Parks, gleich gegenüber dem Haus, in dem er aufwuchs und das heute ein ihm gewidmetes Museum beherbergt.
Nicht nur die Pubs und Wohnhäuser der Literaten zeigt uns Liam; er unterlegt seine Führung auch immer wieder mit Gedichten, Limericks und Begebenheiten. Wie etwa dieser von George Bernard Shaw, der anlässlich der Pygmalion-Premiere an Winston Churchill kabelte: „Have reserved two tickets for my first night. Come and bring a friend, if you have one,” – Dessen Antwort: „Cannot possibly attend first night; will attend second, if there is one.“
Bram Stoker hält unser Guide für einen Kopisten, der die Erzählung Carmilla, eine lesbische Vampirin in der Steiermark, bei Joseph Sheridan Le Fanu geklaut, aufpoliert und als den Roman Dracula veröffentlicht hat.
Den Abschluss des Rundgangs bildet ein Besuch bei Sweny‘s, der viktorianischen Apotheke, in der Leopold Bloom am 16. Juli 1904 ein Stück Lemon Soap für seine Frau Molly ersteht. 1847 gegründet und bis 2009 durchgehend in Betrieb, wird der winzige Laden heute von Joyce-Fan P. J. betrieben. Die Einrichtung mit ihren Regalen, Schubladen und Tiegeln ist noch original. Dazwischen und auf dem Verkaufstresen stapeln sich heute unzählige Ulysses-Ausgaben unterschiedlichster Jahrgänge und Sprachen. Es ist Usus, hier eine Passage aus dem Buch zu lesen. Uns reicht P. J. dazu die deutsche Ausgabe. Zum Dank gibt es von ihm einen Song auf Gaelisch mit Gitarrenbegleitung.
Verteilt auf mehrere Taxen fahren wir durch die Stadt zum Treffen mit dem deutschen Botschafter. Es ist OB- und Europawahlkampf. Überall hängen Wahlplakate. Relativ hoch an Masten oder Pfosten. Großflächen sind keine zu sehen, aber auch keine Beschmierungen oder sonstige Beschädigungen von Plakaten.
Die Residenz ist ein älteres, mit deutschen Designklassikern bestücktes Anwesen, mit Glasanbau, großzügiger Rasenfläche und umgebendem Park. Hier empfängt uns Cord Meier-Klodt und stellt Irland als Land mit sehr hohem Pro-Kopf-Einkommen vor, dessen Thema Nr. 1 der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist. Junge Leute sind gezwungen, weiterhin im Elternhaus wohnen zu bleiben. Die Knappheit reicht so weit, dass Stipendiaten aufgrund fehlender Unterkünfte ihre Stipendien nicht antreten können.
Künftig könnte das Thema auch zu Problemen beim Umgang mit Flüchtlingen führen, da mit der Ruanda-Politik Großbritanniens vermehrt Flüchtlinge von England über die offene Grenze zu Nordirland ins Land drängen und in Zelten auf den Straßen Dublins Zuflucht suchen.
Aus Sicht des Botschafters wollten die Iren den Brexit nicht, sehen darin jetzt jedoch eine Gelegenheit, sich aus dem Einflussbereich Großbritanniens zu lösen und mit ihren Stärken in Europa wahrgenommen zu werden. Bereits 2022 hat Deutschland das Vereinigte Königreich als zweitwichtigsten Exportmarkt für Irland abgelöst (hinter den USA). Ein weiterer Vorteil: Die Iren sind nun das einzige englischsprachige Land in der EU (abgesehen von Malta).
Irland teilt die Sorge zu Trump. Andere Fragen, wie etwa zu Osteuropa, sind für die Iren noch ziemlich weit weg. Gleichwohl würden sie bei Bedarf im Fall der Ukraine vermitteln. Schon jetzt hat Irland Flüchtlinge in der Größenordnung von Deutschland aufgenommen. Die Integration erfolgt gut und schnell und mit sofortiger rechtlicher Absicherung in den nichtprekären Arbeitsmarkt.
Die allgemeine Hilfsbereitschaft Irlands führen alle Gesprächspartner auf die in der irischen Geschichte begründeten Erfahrung von Hungersnot und erzwungener Emigration zurück. Ähnliches gilt für Palästina – ein sehr emotionales Thema im Land, das von Sinn Féin, der größten Oppositionspartei, jetzt im Wahlkampf noch zusätzlich gepuscht wurde, so z. B. als Mitglieder mit Palästinensertüchern auf dem Parteitag erschienen. Auch hier gilt es dem Underdog zu helfen. Die Positionierung Irlands zur Anerkennung Palästinas kam daher für die EU nicht überraschend, zumal es in diplomatischen Kreisen bereits angedeutet worden war.
Der Ausgang des Referendums zur Ehe und Stellung der Frau hat alle kalt erwischt. Was laut Meier-Klodt für das Volk gesprochen hat: Die Regierung legte beim Referendum Halbherzigkeit und fehlende Entschlossenheit an den Tag. In Ermangelung einer griffigen Formulierung konnten die geplanten Verfassungsänderungen trotz Befürwortung aller großen politischen Parteien der Bevölkerung nicht verkauft werden. Sinn und Zweck des Gesetzes wurden nicht verstanden. Oder wie der schon öfter erwähnte Fintan O’Toole von der Irish Times schrieb: „We don’t know ourselves.“
Mit Wein und Kanapees endet der offizielle Teil. Danach tauschten wir uns mit Cord Meier-Klodt in lockerer Atmosphäre über die Erkennbarkeit von Putins Absichten aus. Dem Thema Ost-West gelte sein großes Interesse, verrät uns der Botschafter. Hier würde er gerne nach seiner Dienstzeit Ende Juni noch seine Erfahrungen einbringen.
Tag 3: Limerick
Von Gabriele Wilde
Pünktlich um 8:30 Uhr holte uns Chris in Dublin mit dem Bus von unserem Hotel Leonardo in der Parnell Street ab, und wir machten uns auf den Weg nach Limerick, der Stadt, dem das 7. Kapitel des Irischen Tagebuchs gewidmet ist.
Verabredet waren wir zunächst mit Emeritus Prof. Joachim Fischer, der uns gegen 11 Uhr am Eingang der wunderschön gelegenen University of Limerick in Empfang nahm und herzlich begrüßte.
Nach einem kleinen Rundgang durch die „zur Universität aufgewerteten Fachhochschule“ wie Joachim Fischer erläuterte, ging es in einen großzügigen, hellen Hörsaal, wo wir in den Genuss einer sehr informativen Präsentation über die Entstehung und Entwicklung des Centre for Irish-German Studies (CIGS) kamen, eine universitäre Forschungseinrichtung, die er 1997 gemeinsam mit Prof.‘in Gisela Holfter gründete.
Von beiden – Gisela Holfter war per Zoom zugeschaltet – erfuhren wir in der nächsten Stunde viel Interessantes über das Zentrum und seinen Beitrag für die deutsch-irischen Beziehungen, die mit dem Engagement von Heinrich Böll entscheidend etabliert wurden. Zweck des CIGS war und ist es bis heute, diese „direkten Beziehungen“ zwischen Irland und den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Osterreich und der Schweiz auszubauen und zu vertiefen. Dies gelingt dem Zentrum vor allem über eine Vernetzung mit Gesellschaften und Zentren, die einen irischen Bezug haben, wie etwa die deutsch-irische Gesellschaft in Köln.
Die Vergabe eines Jean-Monnet-Chairs für European Culture Studies, der mit der Professur von Joachim Fischer verbunden war, erwies sich vor allem für die Einbettung des Zentrums in den europäischen Kontext von großem Vorteil. So erfuhren wir von dem Aktionsplan, der 2018 beschlossen wurde, und seit dem Brexit zu einem „wider and deeper footprint“ in den deutsch-irischen Beziehungen führte. Die engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten, die 2021 schließlich mit einem weiteren „Joint Plan of Action“ fortgeführt und gefestigt wurde, erwies sich vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht als ausgesprochen erfolgreich, indem – hier verwiesen die Beiden nicht ohne Stolz auf eine Aussage des irischen Außenministers Michaél Martin – Deutschland zum wichtigsten europäischen Handelspartner von Irland wurde.
Doch welchen Beitrag leistet das Zentrum für die direkten deutsch-irischen Beziehungen konkret? Was sind die Ziele? Diese Fragen interessierten uns natürlich am meisten und wir waren beeindruckt von den Ausführungen der beiden, insbesondere zur Breite der interdis-ziplinären Forschungen, die das Zentrum mit dem Schwerpunkt auf Kultur, Literatur und Geschichte zu den verschiedenen Aspekten und vielfältigen Kontakten zwischen Irland und Deutschland durchführt: dazu gehören Seminare, Gastvorträge und Konferenzen, die das CIGS in seinem Selbstverständnis als Diskussionsforum veranstaltet, die Sammlung irischer Materialien und Dokumente über Österreich, Deutschland und die Schweiz sowie deutschsprachiges Material über Irland als Ressourcenbasis für Forscher*innen, die Dokumentation und Bereitstellung von Wissen über deutschsprachige Länder, ihre Gesellschaften und Kultu-ren sowie über die deutsch-irischen Beziehungen.
Und vor dem Hintergrund, dass das Zentrum lediglich über eine projektbezogene Finanzierung verfügt, wie Gisela Holfter auf Nachfrage bestätigte, ist es umso erstaunlicher, dass es dem Zentrum gelungen ist, einen eigenen Masterstudiengang in Irish-German-Studies aufzubauen und neben dem Angebot von Seminaren und Semestern an Universitäten in anderen Ländern, auch die Limericker Literaturgespräche, Konzerte, Ausstellungen und Gedichtprojekte vor Ort zu organisieren.
Mit viel Beifall und Bewunderung für dieses Engagement endete die Präsentation gegen 12.30 Uhr und wir machten uns auf den Weg in das Untergeschoss der Universität, wo wir uns die beeindruckende Büchersammlung des CIGS etwa von Jonathan Swift, Oscar Wilde und James Joyce anschauen konnten.
Nach einem Gruppenfoto brachen wir über die Living-Bridge, die längste Fußgängerbrücke Irlands, die die Standorte der University of Limerick in den Grafschaften Limerick und Clare verbindet, zum Mittagessen in der Mensa auf, bevor wir uns auf den Spuren von Heinrich Böll zu einem schönen Spaziergang durch Limerick aufmachten.
Limerick wird auch als Stadt des gebrochenen Vertrags bezeichnet, weil dort einst die Freiheit der Religionsausübung vom englischen Parlament widerrufen wurde. In seinem Irischen Tagebuch beschreibt sie Heinrich Böll, als eine „schöne und düstere Shannoninsel“. Und düster und schön war sie auch an diesem Tag.
Die Brücken sind bis heute grau, wie auch der Shannon, der sich unter ihnen „grau wälzt“. Während unseres Spaziergangs durch die Stadt allerdings werden die „düsteren Straßen“ von Sonnenstrahlen erhellt, die sich durch die Wolkendecke im irischen Frühsommer ihren Weg bahnen und auf die „kleine düstere Stadt“ mit ihrer majestätischen Kathedrale und imposanten Burg ein freundliches Licht werfen.
Limerick mit seinen ca. 100.000 Einwohner*innen sei der „jüngste Phoenix des irischen Westens“ verrät uns der Reiseführer und auf unserem Weg entlang dem schönen Shannon-Ufers ahnen wir, was gemeint sein könnte.
Die ehemalige Wikingersiedlung aus dem 9. Jahrhundert, die einst als „Elend des Westens“ galt, hat ohne Zweifel „sein Schmuddelimage“ erfolgreich abgestreift. Ob damit allerdings die „schmerzlich weißen Milchflaschen“, die Heinrich Böll noch in den Straßen stehen sah oder die Kinder gemeint sind, die wie Gespenster an „unbeleuchteten Fleischerläden an den Rinderhälften schaukelten“, gilt zu bezweifeln. Denn die „Einsamkeit, Trauer, Verlassenheit zwischen Moos“, die Heinrich Böll bei seinem Gang durch die Stadt spürte und beschrieb, hatte seinerzeit mit Blick auf die große Hungersnot völlig andere Ursachen als das heute beworbene „urbane Flair in Folge der Sanierung des Stadtzentrums.“
Mit vielen neuen Eindrücken im Gepäck trafen wir schließlich gegen 18 Uhr alle am vereinbarten Treffpunkt ein. Dort erwartete uns Chris und fuhr uns mit dem Bus zum Treacys Oakwood Hotel Shannon, wo wir Quartier bezogen und bei einem gemeinsamen Abendessen den Tag auf der „schöne(n) und düstere(n) Shannoninsel“ ausklingen ließen.
Tag 4: Von Limerick nach Galway
Von Renate Schrodi
Den 4.Tag unserer literarischen Reise durch Irland belebt der Germanist Hermann Rasche mit seinen universellen Informationen zur Kultur und zum gesellschaftspolitischen Diskurs in Irland.
Dr. Hermann Rasche war bis zu seiner Pensionierung Dozent am German Department der University of Galway. Er hat mit H. Raykowski den "Literarischen Führer Irland" verfasst und sich mit der Geschichte der deutschsprachigen Immigration nach Irland von den Pfälzern bis heute beschäftigt. Hermann the German – wie wir Rasche ab sofort nennen dürfen – kam durch Heinrich Böll inspiriert nach Irland und blieb. Böll begegnet uns an diesem Tag nicht mehr. Es gibt keine geschriebenen Worte von ihm zu Galway oder den Cliffs of Moher. Da-rum etwas über das Wetter aus dem Kapitel 9 des Irischen Tagebuchs:
Betrachtungen über den irischen Regen
"Der Regen ist hier absolut, großartig und erschreckend. Diesen Regen schlechtes Wetter zu nennen ist so unangemessen, wie es unangemessen ist, den brennenden Sonnenschein schönes Wetter zu nennen. Man kann diesen Regen schlechtes Wetter nennen, aber er ist es nicht. Er ist einfach Wetter, und Wetter ist Unwetter. Nachdrücklich erinnert er daran, daß sein Element Wasser ist, fallendes Wasser. Und Wasser ist hart.“
Saint Bridgid´s Well
Zunächst führt uns Hermann Rasche zu einer Quelle, die der "Holy Bridgid" gewidmet. ist. Sie wird in Irland als zweitwichtigste Heilige nach Saint Patrick verehrt. Die Höhle über der Saint Bridgid´s Well wird zweimal im Jahr von Pilgern aufgesucht und mit Devotionalien und Wünschen aller Art überfüllt.
Cliffs of Moher
Später sind wir erstaunt, dass wir auf den Cliffs of Moher nicht allein sind. Diesen besonderen Ort besuchen Tausende pro Tag. Da alle Besucher erfüllt scheinen von der Großartigkeit der Landschaft, vom Licht, von der Weite des Atlantik stört man sich nicht gegenseitig. Wir verlassen die Cliffs geistig erfrischt.
Burren
Auf dem Weg nach Galway durchqueren wir im County Clare den Burren entlang der Bay of Galway. Der Burren ist eine faszinierende, karge Karstlandschaft und ein archäologisch reiches Gebiet mit einer Vielzahl von freigelegten Ausgrabungsstätten, Klosterruinen, Höhlen. Was für uns Busreisende an dieser grauen Steinwüste nicht erkennbar wird, ist, dass es sich beim Burren um eine seit 5.000 Jahren bewirtschaftete Landschaft handelt. Gerade wegen der Landwirtschaft ist der Burren ein Biodiversitäts-Hotspot mit unterschiedlichsten Pflanzen aus dem mediterranen und arktischen Bereich. Dieses wichtige Ökogebiet der Insel wird von der irischen Regierung durch ein zukunftsweisendes Agrar-Umwelt-Programm gefördert. Die Bewahrung des kulturellen Erbes zusammen mit einer nachhaltigen Landwirtschaft ist das Ziel des Burren-Farmerprogramm. Es bietet finanzielle Unterstützung für Bauern, die sich neben ihren Nutztieren um Biodiversität, Archäologie und sauberes Wasser kümmern. Um die 100 Farmer leben in diesem Schutzgebiet. Inzwischen suchen im County Clare wie im benachbarten County Galway viele junge umweltbewusste Familien das ländliche Wohnen und Arbeiten als Alternative zum städtischen Leben. Man findet eine gute Infrastruktur und ein Ökozentrum in jedem Ort. In diesem Umfeld wird Irish Gaelic intensiv gepflegt; wir befinden uns in einem Gaeltacht-Gebiet. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts war Irisch die vorherrschende Sprache in Irland. Jetzt sprechen es aktiv noch 10 – 15% der Iren, obwohl Irisch Hauptamtssprache neben Englisch ist. Alle offiziellen Dokumente erscheinen zweisprachig, wie auch Verkehrszeichen, öffentliche Ausschilderungen und Speisekarten. In der Schule wird Irisch als erste Fremdsprache gelehrt und zunehmend auch im Fachunterricht direkt vermittelt. Trotzdem bleibt Irish Gaelic im Alltag eine Randerscheinung neben der englischen Sprache.
Tourismus
Seit 2011 existiert das Burren Ecotourism Network, mit dem sich die Region einem verantwortungsvollen Tourismus und der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Der letzte irische Seamus Heaney hat im Burren oft Urlaub gemacht und ihm in seinen Gedichten ein literarisches Denkmal gesetzt.
Von dem Fischerdorf Doolin kann man zur kleinsten Aran-Insel – Inisheer – übersetzen. Die größte, Inishmore, wurde durch den Film "Banshees of Inisherin" von Martin Mc Donagh vielen bekannt. Die vorgelagerten Inseln gehören geologisch auch zum Burren-Karstgebiet. Doolin und die Aran-Inseln sind wichtige Zentren der traditionellen irischen Volksmusik.
Galway & University of Galway
Bei seiner kurzen Einführung in der Universität von Galway informiert uns Hermann Rasche über die Bedeutung Galways für die irischen Literaten und ihre Musen, über die Stadtentwicklung und fehlende Wohnungen sowie nicht zuletzt über die Kulturhauptstadt Galway 2020, die wegen der Corona-Pandemie nicht zelebriert werden konnte. Es fehlt bis heute an Transparenz bei der Verwendung der Gelder für dieses nicht stattgefundene Kulturereignis. Die Stadt ist auch ohne diesen Status mit ihren nur ca. 84.000 Einwohnern eine prosperierende, quirlige Hafenstadt an der Westküste Irlands mit hoher Lebensqualität und ein kultureller Anziehungsort für die unterschiedlichsten Festivals – vom renommierten Galway Film Fleadh bis zum Galway International Arts Festival, dem Galway Early Music Festival und nicht zuletzt dem Oysterfestival.
Auch hier hören wir wieder: Seit dem Brexit wächst die Bedeutung Irlands innerhalb der EU. Es etablieren sich wieder mehr Firmen der IT- und Hightech-Branche im englischsprachigen Irland mit seinen gut ausgebildeten Einwohnern. Davon profitiert auch die Wirtschaft in Galway. Von der globalen Finanzkrise 2008 und ihren Folgen, wie dem Platzen der Immobilienblase, erholt sich Irland insgesamt aber nur schwer; auch hier bestimmen Inflation und hohe Preise, fehlende bezahlbare Wohnungen und Probleme bei der Migration das politisch-gesellschaftliche Leben. Die massive Wohnraumkrise gefährdet den sozialen Zusammenhalt und das Verhältnis der Iren zu der zunehmenden Galwaywahl von Geflüchteten. Es fehlen 250.000 Wohnungen; 2023 wurden nur 12.000 Sozialwohnungen errichtet.
Schwerpunkte setzt die University of Galway mit 19.000 Studenten bei Informationstechnologie und dem Irish Centre for Human Rights. Die Universität wurde 1849 als Queen‘s College Galway eröffnet. Der Universitätscampus erstreckt sich mit modernen Institutsbauten und Studentenappartements weitläufig am Westufer des Flusses Corrib, der durch Galway in die Bay fließt. Der Campus wurde zum „most biodiverse campus in Ireland" gekürt. Gewundert hat uns etwas, dass der Salat in der Kantine nur in Wegwerfplastikboxen gewogen werden konnte; kann man leicht ändern. Das Hauptgebäude – The Quadrangle – entstand während der Großen Hungersnot und ist die Nachbildung eines Gebäudes der Oxford-Universität. Nach dem Brexit wächst die Zahl der Studierenden aus aller Welt, die sich an der Universität und dem Galway-Mayo Institute of Technology einschreiben wollen, was aber auch hier durch fehlenden Wohnraum und teure Mieten stark eingeschränkt wird.
Dann ein besonderer Moment: H. Rasche trägt uns seine deutsche Übersetzung eines Gedichtes des irischen Literaturnobelpreisträgers Seamus Heaney vor. Er hatte von Heaney die Erlaubnis zur einmaligen Veröffentlichung nur für eine Anthologie irischer Literatur zur Frankfurter Buchmesse 1996 erhalten.
Der Weg von der Universität in das Zentrum der Stadt führt uns vorbei an dem monströs wirkenden Kirchenbau der Galway Cathedral. Ein Bau, zwischen 1958 und 1965 entstanden, der sich historisierender Stilmittel der Baugeschichte bedient. Im Kircheninnenraum entfaltet sich dann aber eine feierliche Atmosphäre. Er ist ausgestattet mit vielen schönen Materialien und hat eine wunderbare Akustik. Nachdem der katholische Glaube Mitte des 18. Jhdt.s durch das englische Könighaus legitimiert wurde, dauerte es 120 Jahre, bis durch Sammeln von Geldern und Sparen diese Kathedrale realisiert werden konnte.
Wer so viel verlorene Zeit zurückholen möchte, konnte und wollte möglicherweise noch nicht modern bauen.
Charlie Byrne´s Bookshop
Und dann fragen wir noch im legendären "Charlie Byrne´s Bookshop" nach Bölls "Irish Journal" und bekommen eine leicht zerfledderte Paperbackausgabe aus den 60ern. Große Freude verbreitet sich im Laden, als René Böll erkannt wird.
Barna, Restaurant "O´Gradies on the Pier"
Abends Austern mit Blick auf die Galway Bay im kleinen Fischerdorf Barna. In so einem großartigen Restaurant werden wir lange nicht mehr sitzen.
Tag 5: Nach Achill Island
Von Elke Richter-Popp und Jürgen Förster
Die Fahrt durch Connemara zeigt eine ungewöhnlich karge Landschaft ohne Bäume mit Steinen in jeder Größenordnung. Wir passieren mit dem Killary Fjord den einzigen Fjord Irlands auf der (angeblich) längsten Küstenstraße der Welt (ausgeschildert an jedem Kreisverkehr mit www für Wild Atlantic Way – ja, von Marketing verstehen sie was).
Am Doolough Pass informiert uns eine eindrucksvolle Lesung einer Buchbesprechung Heinrich Bölls über die Hungersnot 1845 – 1849 über die bis heute nachwirkenden Folgen, als etwa 1 Million Menschen verhungerten und etwa 2 Millionen emigrierten. Noch heute ist die bevölkerungsreichste irische Stadt New York. Mit welch brutaler Gewalt die Ankommenden in New York konfrontiert wurden, zeigt Martin Scorseses Film Gangs of New York.
Wir umfahren den Croagh Patrick, Irlands heiligen Berg, und erreichen über einen Lunch-Stop in Westport Achill Island, wo wir an der Küste entlang bereits atemberaubende Eindrücke sammeln. Wir passieren das Haus der Frau mit den „schönsten Füßen der Welt“ und fahren den Weg des Arztes aus dem Irischen Tagebuch nach – allerdings bei Tageslicht und ruhigem Wetter. Wir erfahren von René, dass sein vorsichtiger Vater bei Autofahrten über die steilen Inselwege die Kinder immer ausstiegen und hinter dem Auto herlaufen ließ. Das bleibt uns zum Glück erspart.
Unter großen Mühen fährt uns unser hervorragender Busfahrer dann noch auf Minaun Heights herauf, von dem wir einen tollen Ausblick auf Achill Island haben. Meine Güte, ist es hier windig!
Abends im Bervie, dem Guesthaus, in dem schon die Familie Böll Unterkunft gefunden hat, werden wir mit Whiskey und Tee begrüßt – eine Familientradition, verrät uns René. Die Iren schreiben Whiskey für ihren dreifach gebrannten Lebenssaft, der zweifach gebrannte Schot-
tische ist Whisky. Die temperamentvolle Schilderung Angela Maye-Bunburys von Achill Oral Histories, einer gemeinnützigen Initiative, die sich der systematischen Aufzeichnung und Archivierung von mündlichen Erzählungen des Lebens auf der Insel widmet, über ihre Interviews mit irischen Frauen hat dann so mache Müdigkeit wieder vertrieben.
Tag 6: Achill Island
Von Michael Grabitz
Nach einer Übernachtung im Bervie Guest House, welches ich als die behaglichste Unterkunft der gesamten Reise erlebte (auch aus dem Stella Maris, wo die andere Hälfte unserer Reisegruppe wohnte, wurde Eindrückliches berichtet), trafen wir uns pünktlich 9:30 auf dem Hof.
Bei einer am Mittag geplanten Bootsfahrt nahmen einige von uns schon mal vorsorglich diverse „Mittel“ gegen Seekrankheit ein. Aber erst einmal spazierten wir die ca. 300 m zum Keel House. Dieses hatte Heinrich Böll mit Frau und ihren drei Söhnen auf Empfehlung von irischen Freunden gemietet, und zwar bei ihren ersten Aufenthalten auf Achill Island 1955 – 1958 von den Eltern der heutigen Besitzerin des „Bervie“, Elisabeth Barrett („das siebte Kind der Mrs. D“).
Am Eingangstor lasen wir zwei Briefe Heinrich Bölls von damals vor, an Vater und Schwester gerichtet, in denen er die ersten angenehmen Eindrücke der Reise und der Ankunft auf Achill schildert, aber auch einige Herausforderungen, wie z.B. die Reparatur der arbeitsnotwendigen Schreibmaschine oder die schwierige Geldbeschaffung von der Bank.
Chris fuhr uns anschließend mit dem Bus zur Keem Bay. Dabei ging es in Dooagh vorbei an der projektierten, aber grundlegend zu renovierenden Camille Souter Artist Residency. Hier sollen – ähnlich wie im Böll Cottage – in Zukunft Künstler zeitweise wohnen und arbeiten können.
Die erste Unterkunſt der Familie Böll in Keel Den in den Medien inzwischen bekannten Strand von Dooagh mit in der Vergangenheit durch heftige Stürme fast vollständig weggespültem, 17 Jahre später wieder angelandetem Sand, ließen wir links liegen. Auf der rechten Seite huschte die westlichste Bar Festlandeuropas an uns vorbei.
Der Keem Beach, der westlichste Strand der Insel, auch einer der Drehorte des Films „The Banshees of Inisheren“, erwartete uns fast leer, sehr romantisch, und lud einige von uns zu einigen Schritten in den heute seichten Wellen des Nordatlantik ein.
Hier hatte es Mitte des vorigen Jahrhunderts noch ganz anders ausgesehen: Blut, Knochen und andere Überbleibsel von ausgeweideten Großhaien lagen am Strand zurückgelassen, wobei damals der Haifang hauptsächlich der Leber wegen geschah, aus der beträchtliche Mengen Schmieröl gewonnen werden konnten.
Nach dem Fußbad ging es im Bus zur anderen Seite der Insel nach Dugort, wo wir nach einem kurzen Fußweg die Dugort Pier erreichten. Dort bestiegen wir zwei gecharterte Boote und ab ging die Fahrt entlang der höhlenreichen Klippen am nördlichen Hang des Slievemore Mountain. In gebührender Entfernung konnten wir an einem Steinstrand einige Nordatlantikrobben beobachten, bevor dann nach einer Stunde die Rückfahrt startete.
Wieder an Land, nicht weit entfernt, gelangten wir zum hinter halbhohen Hecken gelegenen „Böll Cottage“. Familie Böll hatte es 1958 erworben und das Haus diente ihr fortan in den Ferien als Residenz, Heinrich auch als Ort der Ruhe, wo er meistens ungestört arbeiten konnte.
Heute vergibt die Achill Heinrich Böll Association Stipendien an Künstler*innen, die hier für zwei Wochen wohnen, arbeiten, sich der Kreativität hingeben können. Das Haus ist frisch renoviert, drinnen hängen jede Menge Bilder und Aquarelle, der große Tisch stammt noch aus dem Haus in der Eiffel. Heinrich Bölls Original-Schreibtisch ist leider ein Opfer der Holzwürmer geworden und nicht erhalten – draußen Ausblicke auf Heide, Moorlandschaft, die farbig gezeichneten Schafe und den Atlantik – eine inspirierende Atmosphäre.
Nach der Rückfahrt gestatteten wir uns in Keel eine kleine Pause, bevor wir dann in Keel Hall mit vier Vertreter*innen der Achill Heinrich Böll Association zusammenkamen. Nach einer kurzen Einführung in ihre Arbeit schauten wir zusammen den Dokumentarfilm „Irland und seine Kinder“ (1961). Hier schildert H. Böll als Drehbuchautor poesievoll aus der – scheint mir – etwas beschönigenden Sicht eines „fast Eingewanderten“ das Heranwachsen und Leben der Kinder Irlands in der Armut der frühen sechziger Jahre. „Gut haben es die Kinder von Irland. Zumindest solange sie noch Kinder sind. Sie alle stammen von Königen ab. Sie sind frei wie Könige …“
Zumindest schien Armut damals kein Stigma zu sein, welches sie von irgendeiner sozialen Gruppe oder Tätigkeit ausschloss. Jedoch wusste auch Heinrich Böll schon in seinem Irischen Tagebuch (1957, s. Kap. 14: Das neunte Kind der Mrs. D), dass von zehn heranwachsenden Kindern einer Familie nur zwei oder drei ihr Auskommen in Irland haben würden.
Besonders nachdenklich und traurig war für uns der letzte Ort unseres Tagesablaufes. Cillini heißen die Kinderfriedhöfe, wo bis in jüngste Zeit noch ungetauft gestorbene Kinder beerdigt wurden, Grabfelder abseits der geweihten Friedhöfe in ungeweihtem Boden, oft nur mit Feldsteinen markiert, oft schon von Vegetation überwuchert und dem Blick entzogen. Obwohl mit einem kollektiven Tabu belegt, finden sich Cillini oft auch an landschaftlich besonderen Orten, wie auf Höhen von Klippen oder einstmals „heiligen“ Stellen wie Orten mit Kirchenruinen oder vorchristlichen Monumenten wie Steinkreisen und Steinreihen. Wir besuchten ein Grabfeld am Strand von Dookinella, wo uns Chris feierlich auf Irisch einige Zeilen aus einem Gedicht von René Böll vortrug, eine Annäherung, ein Versuch, die Erinnerung an die ungetauft gestorbenen Kinder zurück ins kollektive Bewusstsein zu holen.
Tag 7: Abschluss und Abreise
Von Romy Morana
Untergebracht in zwei unterschiedlichen Guesthouses haben wir zunächst unser Gepäck im Bus verstaut. Nach einem ca. 30-minütigen Spaziergang auf asphaltierter Straße durch eine weite und eher karge Landschaft vorbei an blühenden Rhododendren, gelben Lilien, Schafen und Kühen haben wir das „Deserted Village“ besichtigt. Das ist eine an den Hängen des Slievemore befindliche Sammlung von Ruinen eines verlassenen Dorfes. Die Hänge des Slievemore sind seit 6000 Jahren besiedelt. Die vorhandenen Ruinen sind die Reste der 137 Häuser eines Dorfes, das nach der großen Hungersnot von 1845 bis 1849 sukzessive von den Bewohnern verlassen wurde. Entweder, weil sie ausgewandert sind, oder weil sie in ein anderes Dorf gezogen sind.
In diesem heute romantisch anmutenden Ambiente haben wir eine gekürzte Fassung des 5. Kapitels aus dem Irischen Tagebuch „Skelett einer menschlichen Siedlung“ gehört. Die anschließende Auswertungsrunde enthielt ausgesprochen positives, teils enthusiastisches Feedback, verbunden mit einem großen Dank von Stiftung, Freundeskreis und allen Teilnehmenden insbesondere an René Böll, der durch die persönlichen Erzählungen und Einblicke ein ganz besonderes Erlebnis ermöglicht hat.
Anschließend ging die Fahrt im Bus weiter nach Dublin. Damit endete diese schöne Reise.