Syrien und wir: Grußwort zur Verleihung des Friedensfilmpreises 2014

Syrien und wir: Grußwort zur Verleihung des Friedensfilmpreises 2014

Der Friedensfilmpreis ist ein politischer Preis. Es ist mir nicht möglich, ihn zu feiern, ohne an einen Krieg in unserer Nachbarschaft zu erinnern, der alle Friedensbewegten aufwühlen müsste. Ich rede von Syrien:

120.000 Tote.

Mehr als 2 Mio Flüchtlinge in den Nachbarländern.

Etwa 6  Mio Flüchtlinge im Land selbst.

Belagerte Städte, in denen Menschen verhungern.

Bombardierung der Zivilbevölkerung durch Assads Luftwaffe, Massaker, Folterungen, ungeheure Brutalisierung und Radikalisierung des Konflikts.

Versagen der internationalen Gemeinschaft, den Krieg einzudämmen und die humanitäre Katastrophe wirkungsvoll zu bekämpfen.

Ich rede nicht nur von der Closed-Shop-Politik der EU gegenüber den syrischen Flüchtlingen: Angesichts des Elends in den Flüchtlingslagern Jordaniens, im Libanon und im Nordirak ist es beschämend, wenn hierzulande darüber gestritten wird, ob wir 5000 oder 10000 Flüchtlinge bei uns aufnehmen sollen.

Ich rede auch vom politischen Versagen der EU und der USA, diejenigen Kräfte in Syrien zu unterstützen, die zu Beginn noch friedlich gegen das Gewaltregime Assads demonstriert haben und einen demokratischen Wandel ihres Landes wollten. Inzwischen sind diese Kräfte zwischen die Mühlsteine des Regimes und der sunnitischen Djihadisten geraten. Viele von ihnen sind in den Gefängnissen Assads begraben oder spurlos verschwunden, darunter auch Freunde und Partner, mit denen wir - die Heinrich-Böll-Stiftung - über unser Büro in Beirut zusammengearbeitet haben. Sie haben vergebens auf die Unterstützung des Westens gehofft.

Jede humanitäre Hilfe ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, solange die Eskalation der Gewalt in Syrien weitergeht – und sie wird weitergehen, solange Assad sich berechtigte Hoffnungen machen kann, mit russischen und iranischen Waffnen und den Spezialeinheiten der Hizbollah militärisch die Oberhand zu behalten. Und da es niemanden gibt, der bereit wäre, eine Flugverbotszone über Syrien durchzusetzen und sichere Rückzugsgebiete für die Zivilbevölkerung einzurichten, wird das Blutvergießen weiter gehen, bis Friedhofsruhe im Land herrscht.

Auch ein Übergreifen des Krieges auf die ganze Region ist eine reelle Gefahr – in Syrien wird ein Stellvertreterkrieg geführt, in dem es um die regionale Vorherrschaft geht. Der Libanon ist bereits ein Pulverfass, an dem die Lunte glimmt.

Ich habe keine Antwort auf diese Zwickmühle – ich halte es aber für unerträglich, dass wir die syrische Katastrophe weitgehend ausblenden, um nicht mit unbequemen Fragen und Entscheidungen konfrontiert zu werden.

Es ist wahr: Militärisch einzugreifen kann alles nur noch schlimmer machen. Wenn es schief geht, setzen militärische Interventionen noch mehr Gewalt frei, wie das im Irak der Fall war. Aber beiseite zu stehen, kann ebenfalls zur Eskalation der Gewalt beitragen. Wir entkommen diesem Dilemma nicht, indem wir uns von vorneherein auf die scheinbar sichere Seite der Nicht-Intervention schlagen.

Dass langfristig nur eine gerechtere Wirtschaftsordnung, fairer Handel und ein Eindämmen der ökologischen Krise, die sich gerade in Entwicklungsländern dramatisch auswirkt, friedliche Verhältnisse sichern können, ist unstrittig. Aber das befreit uns nicht von dem Verantwortungsdilemma angesichts aktueller Gewaltkonflikte.

Das wird auch der Film zeigen, der dieses Jahr mit dem Friedensfilmpreis ausgezeichnet wurde: „We Come as Friends“. Wir haben ihn vor Kurzem im Rahmen einer Sudan-Veranstaltung bereits in der Heinrich-Böll-Stiftung gezeigt. Dass er mehr Fragen aufwirft als Antworten zu geben, gehört vielleicht zum Besten,  was über einen politischen Film gesagt werden kann. Die Wirklichkeit hat immer mehr Farben als Schwarz und Weiß. Im Sudan wie anderswo haben wir es mit komplexen Konfliktursachen und einer Vielzahl von Akteuren zu tun: es geht um Land, Wasser und Bodenschätze, um tief sitzende ethnische und religiös aufgeladene Gegensätze. Wir kennen das aus der europäischen Geschichte. Wie wir uns auch immer zu solchen Konflikten verhalten, ob wir uns einmischen oder nicht: es bleibt ein Risiko, das Falsche zu tun.

Das ist kein Plädoyer, sich herauszuhalten, ganz im Gegenteil. Wir müssen uns engagieren im Bewusstsein, dass gute Absichten nicht immer zu guten Ergebnissen führen. Das mag auch für das militärische Eingreifen in Afghanistan gelten, das von meiner Vorrednerin gegeißelt wurde. Es ist sicher nichts wirklich gut in Afghanistan, aber es ist doch vieles besser als zu den Zeiten der Terrorherrschaft der Taliban, vom Rückgang der Kindersterblichkeit bis zur Beteiligung von Frauen am Bildungswesen und der Politik.

Ich danke der Berlinale für die Unterstützung des Friedensfilmpreises und dem „Babylon“ für die freundschaftliche Zusammenarbeit, gratuliere der Jury zu ihrer Entscheidung, dem Regisseur zu dieser Auszeichnung und wünsche dem Film die öffentliche Aufmerksamkeit, die er verdient.

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