Blumen gegen Verwahrlosung

Blumen gegen Verwahrlosung

Franz Meurer vor der Kirche St. Theodor – Urheber/in: Nadine Mena Michollek. All rights reserved.

Franz Meurer ist wohl der beliebteste Pfarrer in Köln. In seinem Gemeindegebiet kämpft er gegen Armut. Mit einer Straßenbahnfahrt durch Köln will er auf die Spaltung zwischen Arm und Reich aufmerksam machen.

Ein Mann mit drahtiger Statur, grauen, kurzen Haaren und Brille steht in einer Menschentraube von Kamerateams, Fotografen und Journalisten auf dem Neumarkt. Ein Platz in Köln umgeben von Einkaufspassagen, voll von hektischen Fußgängern. Der Mann trägt eine blaue Windjacke. Der Reisverschluss ist nicht ganz hochgezogen, so dass der Kragen seines Priesterhemds durchschaut. Er wirkt wie ein gutmütiger Großvater. Um seine Augen und Mundwinkel hat er kleine Falten.

Der Mann mit der drahtigen Statur ist Pfarrer Franz Meurer, in den Medien oft als „Ghetto-Pfarrer“ bezeichnet, als „Pfarrer der Armen“. Er entspricht nicht dem Klischee der katholischen Kirche und hat schon oft für Schlagzeilen gesorgt. Seine Gemeinde hat einen Kondom- und Spritzenautomat angeschafft und eine Sonntagskollekte für den Moscheebau in Köln-Ehrenfeld gespendet. Meurer versucht die soziale Situation der armen Menschen zu verbessern. Das zeigt er besonders in seinem Gemeindegebiet Höhenberg und Vingst, dem „Problemviertel“.

Ein Mann der Tat

An diesem Nachmittag hat der Kölsche Pfarrer einen Bauchladen um sich gehangen, der voll mit Süßigkeiten ist, „Kamelle“. Schnellen Schritts bewegt er sich durch die Menge, begrüßt Menschen, schüttelt Hände und verteilt Bonbons, vor allem an die Kinder. Dass ein Kondomautomat nicht ganz zum Leitbild des Papstes passt, scheint Pfarrer Meurer egal zu sein. „Würde der Papst in unserem Veedel leben, wäre der auch für Kondome. Vor einiger Zeit hatten wir ein Mädchen, das mit dreizehn Jahren schwanger war.“ 

Franz Meurer ist ein Mann der Tat. Weniger reden und wünschen, die Probleme beim Namen nennen und loslegen. „Ich bin dafür, praktisch etwas zu verändern, sein Ding zu machen, viele Menschen zu beteiligen und dabei alles, was geht ökumenisch zu halten“, sagt der Pfarrer mit kölschem Dialekt. In der Kirche Sankt Theodor hat er eine Kleiderkammer, eine Lebensmittelausgabe und im Gemeindekeller können Interessierte umsonst einen Gabelstaplerführerschein machen.

Pfarrer Meurer steht an diesem Samstag zusammen mit dem Kabarettisten Jürgen Becker, dem Journalisten und Historiker Martin Stankowski und dem Pfarrer von Köln-West Wolfgang Fey auf dem Neumarkt vor der Straßenbahnlinie Eins. Eine Horde von Fotografen hockt vor ihnen, die Blitzlichter flackern, klack klack klack. Meurer steht da, als ob es ihn nicht wirklich interessiert. Er reagiert zwar auf die Zurufe der Journalisten: „Werft mal Kamelle!“, „Einmal nur Becker, Stankowski und Meurer“, aber ohne Eitelkeit, ohne Posen.

Mit der Linie Eins soll es von den Stadtteilen der „Reichen und Schönen“, wie der kölsche Pfarrer sie nennt, ins arme Köln gehen, zu den „einfachen Leuten“. Der ganze Tross rüber zur „Schäl Sick“, der falschen Rheinseite, so bezeichnen die Kölner die Viertel rechts vom Fluss. Hier ist auch Meurers Gemeindegebiet. 

Meurer versucht die Journalisten und Teilnehmenden in die Bahn zu scheuchen. Es soll endlich losgehen. Während er den Kindern noch ein paar Süßigkeiten in die Hand drückt, sagt er: „Wenn die Ungleichheit zu groß ist, ist der Zusammenhalt, die Solidarität in der Gesellschaft dahin.“ Die Aktion soll die sozialen Ungleichheiten zwischen dem wohlhabenden und schwächer gestellten Teilen der Stadt verdeutlichen und zu Fragen nach Gründen bewegen.

"Flüchtlinge sind eine Chance!"

Die Bahn fährt los, hin zu den gut betuchten Wohnorten in den Kölner Westen. Meurer steht zwischen Stankoswki und Becker. Sie halten Reden und erzählen Anekdoten über die Lebensbedingungen in den unterschiedlichen Vierteln. Als Meurer dran ist, sagt er: „Wenn ein Kind im Kölner Westen nach der Grund- auf die Realschule muss, ist das eine Enttäuschung für die Eltern, in Vingst und Höhenberg wäre das gut.“ Draußen ziehen Boutiquen und Cafés vorbei, die Gehwege sind gepflegt. Je weiter es nach draußen geht, desto bürgerlich wird die Umgebung.

Pfarrer Meurer stützt sich mit einer Hand an seiner Hüfte ab, lehnt mit seiner Schulter gegen das Straßenbahnfenster und schaut durch seine großen Brillengläser hinaus. Hier ist es nicht wie in seinem Einzugsgebiet Höhenberg und Vingst. Flüchtlingsheime gibt es in Köln-Lindenthal keine, im Kölner Osten hingegen zahlreiche. Als Meurer das Mikrophon in der Hand hält, sagt er und gluckst: „Wäre doch schön für euch, wenn ihr auch Flüchtlingsunterkünfte in Lindenthal hättet, dann könntet ihr euch auch um etwas kümmern“, und dann ernst: „Flüchtlinge sind eine Chance!“

Es geht über den Rhein, hin zur „Schäl Sick“, zu den Stadtteilen Kalk, Höhenberg und Vingst. Ins arme Köln. Die Neubauten sind so grau, dass sie fast eins werden mit dem diesigen, nebligen Himmel. Hier bestimmen nicht kleine Cafés und Boutiquen das Stadtbild, sondern die Leuchtreklamen der Discounter. Hier war früher die Industrie Zuhause und mit ihr stolze Arbeiter. Doch die Zeiten sind schon lange vorbei. Heute sind viele arbeitslos und arm. In Kalk, Höhenberg und Vingst bekommen deutlich mehr Menschen staatliche Leistungen, als im Kölner Westen.

Armut und Reichtum sind ungleich verteilt. Die Lebensbedingungen und Lebenswelten driften immer weiter auseinander. Dabei geht es nicht nur darum, dass die einen weniger Geld haben. Armut bringt noch gravierendere Probleme mit sich: schlechtere Gesundheit, geringere Lebenserwartungen, deutlich eingeschränkte Bildungschancen.

Geschenke an Weihnachten

Pfarrer Meurer läuft durch die Bahn. „Welches Kind hat noch kein Pixi-Buch?“ Er beugt sich hinunter zu einem kleinen, Jungen und drückt ihm eins in die Hand. „Nicht verraten, hier hast du noch ein Heftchen.“ Seine Aufmerksamkeit bekommen die Kinder, weniger die Journalisten. Meurer hat wieder das Mikro in der einen Hand, mit der anderen gestikuliert er wild und sagt: „Armut bedeutet für die Betroffenen Exklusion, das Gefühl ausgeschlossen zu sein und nicht dazuzugehören. Bei Veränderungen sind die sozial Schwächeren meistens am stärksten geschädigt. So sollte es nicht sein.“ Das versucht er zu ändern. Zur Weihnachtszeit beschenkt er die Eltern, damit sie ihre Kinder beschenken können, Schultornister für Erstklässler, Fahrräder werden an bedürftige Kinder verteilt und Projekte wie „LERNEN zu lernen“ oder die öffentliche Bücherei im Querriegel von St. Theodor, soll helfen um Kinder und Jugendliche an Bildung heranzuführen.

Endstation in Köln-Vingst. Meurer muss an der Haltestelle stehen bleiben und den Journalisten noch Fragen beantworten. Mittlerweile sind die anderen schon zu seiner Kirche St. Theodor gegangen. Auf dem Weg zurück geht Pfarrer Meurer zügig. Es ist Kondition nötig, um mit ihm Schritt zu halten. Es scheint als wäre es ihm am liebsten, das die Leute schon handeln, bevor er seinen Gedanken ausgesprochen hat. 

Mitten zwischen den grauen Fassaden, zeigen sich immer wieder bunte Oasen. Meurer deutet auf bepflanzte Blumenkübel, die von Ehrenamtlichen gepflegt werden. „Die Blumen stehen hier nicht nur, weil sie schön aussehen, sondern halten auch davon ab, dass Autos illegal am Gehweg parken können und Drogengeschäfte machen“, sagt Meurer. Blumen gegen die Verwahrlosung. Er kommt an einem Blumenbeet vorbei, so groß wie eine Tischtennisplatte, mit kleinen Vogelhäuschen. Das sei vom Kiosk Monchichi, sagt er. In dem Moment kommt der Kioskbesitzer, ein stämmiger Mann, aus der Tür. „Hi, Chef, alles klar?“, fragt der Ladeninhaber. „Ich hab Sie gerade wieder gelobt für ihr Blumenbeet“, entgegnet Meurer mit einem Lächeln. 

Angekommen in der Kirche verteilt Meurer Teilchen und belegte Schnittchen. Er sitzt keine Minute still. Immer wieder betont er, dass all das nur durch die vielen Helfer möglich sei. „Ich muss ja gar nicht so viel machen. Die Leute machen alle mit.“ Es ist spät geworden, die meisten Gäste haben die Kirche inzwischen verlassen. „So jetzt muss ich noch eben meine Predigt durchgucken“, sagt Meurer und geht davon.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, ist Meurers Messe voll besetzt, mal wieder. Der Pfarrer predigt von Nachbarschaft und Zusammenhalt im Viertel, unbedeutend welcher Herkunft oder Religion die Menschen seien. Meurers Reden sind keine hochgestochenen Abhandlungen. Der katholische Pfarrer spricht in einfachen Worten, bezieht sich auf politische Umstände, praktische Ideen zum Helfen und greift aktuelle Themen auf. 

Mit energiegeladener Stimme und bebendem Körper kommt er auf die Demonstration von Hooligans und Rechtsextremisten in Köln zu sprechen. Er ruft zu Solidarität, „neighborhood“ und „togetherness“ auf, immer mit kölschem Akzent. „Besonders in unserem Veedel leben wir eng an eng mit unseren muslimischen Nachbarn zusammen.“ Es gehe darum, zusammenzuhalten, gute Nachbarschaft sei das Wichtigste. Meurer sagt das nicht nur, er setzt es auch in die Tat um. Als in der Nähe seiner Kirche die rechtspopulistische Partei „Pro Köln“ Wahlplakate aufhing, riss Franz Meurer diese kurzerhand herunter. Ein Gericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 600 Euro. Doch der Pfarrer bereut die Aktion nicht: „Das Vergessen dir die türkischen Mitbürger nicht, das merken sie sich.“ 

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